; Attila wütet

Attila wütet

Die blanke Axt beendet jegliches Missverständnis.

Ritter Horath zu Verlichnhausen

Bevor Attila seine Überlegungen beenden und der Journalistin eine törichte Frage stellen kann, wird es im Inneren des Drohnenfängers laut. Sein Platz auf der Motorhaube des Kleinwagens gestattet im einen direkten Blick in den Fond des Transporters. Die hinteren Türen zum Laderaum hatte er offen gelassen. Farbige Lichtblitze durchfluten den abgedunkelten Raum im Fond des alten Wagens. Wellen roter Lichtpunkte wandern auf Leuchtdioden von einem der Geräte zum nächsten. Attila hat den Eindruck, dass jetzt wesentlich mehr dieser Elektronikkästen aktiv sind, als zum Zeitpunkt seiner Ankunft. Haben diese Messsysteme sich von allein aktiviert, oder hat der Wagen eine eigene Intelligenz, die je nach Bedarf und Bedrohungslage Geräte ein- und ausschaltet? Wenn dem so ist, dann ist die Lage jetzt bedrohlich. Immer häufiger ist ein ungewöhnlicher Warnton zu hören, der Attilas gesamte Aufmerksamkeit auf sich zieht. Das fauchende Heulen rollt durch den Innenraum. Eine ganze Batterie verdeckt angebrachter Lautsprecher müht sich erfolgreich, die Anwesenden von der Gefahr der Situation zu überzeugen. Birgit ist an den Drohnenfänger herangetreten und betrachtet erstaunt dessen Innenausbau. Ihr journalistisches Interesse ist geweckt.

"Was ist das? Jetzt bin ich wirklich überrascht!"

Attila springt hinzu, nimmt eine von Matz 'elemec's Visitenkarten aus einer Ablage auf den Regalen und reicht diese Birgit.

"Wenn's einmal zu brenzlig mit mystischer Technik wird: der 'elemec' hilft! Der ist so etwas wie ein Technik-Geister-Jäger..."

Mehr sagt er nicht, denn seine gesamte Aufmerksamkeit wird von den vielen flackernden Anzeigen und bunten Lichtern gefangen. Seine Blicke irren nervös über die Geräte auf den Regalböden. Er kann das alles nicht deuten. Nur eines wird ihm bewusst: die Lage ist mehr als ernst. Auf dem Display des 'Drohnenradars' sind alle Tentakel zu einem einzigen, dicken Stamm zusammengewachsen. Das ist ein deutlicher Wegweiser, der jetzt auch gar nicht mehr zuckt. Er zeigt in den Ort hinein und pulsiert in einem schrecklichen roten Licht. Attila kann sich bei dem Heulen des Warntones nicht konzentrieren, findet jedoch auch keinen Schalter, um das akustische Inferno zu beenden. So steigt er ratlos und hektisch immer wieder in unterschiedliche Richtungen blickend, in den Laderaum des Transporters. Wiederholt hebt er seinen rechten Arm und streckt ihn in Richtung eines der Geräte aus. Jedes Mal lässt er ihn anschließend resigniert fallen, ohne auch nur einen der Knöpfe berührt zu haben. Er weiß, es ist ernst und gleichzeitig weiß er sich nicht zu helfen. Der Blick, mit dem er sich hilfesuchend an Birgit wendet, drückt Panik aus. Die Lider zucken, seine Augenbrauen vollführen einen wilden Tanz und mit den Armen gestikuliert er ziellos. Gerade noch kann er arge Kollisionen mit den Gerätschaften in seiner Nähe vermeiden.

Auch die Journalistin ist ratlos. Die Situation kommt ihr jedoch eher surrealistisch vor. Schnell hat sie verstanden, dass die alarmierenden Töne nicht von einer normalen Alarmanlage erzeugt werden. Ein altes, buntes Fahrzeug ist mit unbekannter, fantastischer Technik vollgestopft. Diese läuft Amok, weil sie offensichtlich und selbständig eine erhebliche Gefahr erkannt hat. Der Fahrer des Wagens ist ein ehemaliger Spitzenpolitiker, der beinahe Bundeskanzler geworden wäre und sich laut letzten Meldungen seit Monat auf der Flucht befindet. Er ist von der Gesamtsituation vollständig überfordert und steht kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Zu allem Überfluss ist aus Richtung der Kaserne ein lauter werdendes Summen zu hören.

Attila kann das Summen in den kurzen Pausen ebenfalls hören, in denen das heulende Alarmsignal verstummt. Das monotone Geräusch kommt ihm beängstigend bekannt vor. Es dringt durch die Gehörgänge auf kürzestem Weg in sein Bewusstsein, bohrt sich regelrecht in sein Hirn. Dieses ist bereits durch die hyperaktive Technik des Drohnenfängers von Reizen überflutet. Attilas Augen sind aufgerissen, trotzdem füllen die geweiteten Pupillen sie komplett aus. Sie drücken nur eine Tatsache aus: overload! Er springt aus dem Wagen und erblickt sofort die herannahende Drohne. Eine erste Panikreaktion drängt ihn zur Flucht. Als er die rückwärtigen Türen des Transporters zuschlagen möchte, fällt sein Blick auf das Beil. Die blanke Klinge reflektiert einige der wild blinkenden Lichter der Spezialtechnik.

Dann geschieht etwas völlig Unerwartetes. Die Blitzer lösen eine plötzlich und heftige Reaktion in Attila aus. Eine gewaltige Wut kommt in ihm auf: Er möchte sich die Verfolgung durch wahnsinnig gewordene Technik nicht weiter gefallen lassen. Er möchte sich widersetzen - jetzt und hier! Abrupt schaltet sein Hirn in den Angriffsmodus. Attilas Augen verengen sich zu Schlitzen. Er reißt das Beil vom Boden, greift mit der rechten Hand durch die Schlaufe aus rotem Band am Ende des Heftes und lässt das Werkzeug wie eine Streitaxt über seinem Kopf kreisen. Mit weiten und kräftigen Sprüngen läuft er auf die sich nähernde Drohne zu. Die Strahlen der spätherbstlichen, tief stehenden Mittagssonne werden von der blanken Klinge reflektiert. Über Attilas Kopf bildet sich ein leuchtender, goldener Ring. Birgit vermeint, Funken sprühen zu sehen.

"Wow - welch ein Schauspiel!", muss sie unwillkürlich ausrufen.

Ihre Worte gehen in dem Lärm unter, der die ganze Szene durchsetzt. In diesen mischt zusätzlich noch ein wilder Kampfschrei, mit dem sich Attila auf die fliegende Technik stürzt. Die Drohne beendet augenblicklich ihre Vorwärtsbewegung und verharrt in der Luft. Sie blitzt Attila mehrfach hell an. Birgit kommt es fast so vor, als ob das Fluggerät schießt. Bevor sie sich auf den Boden werfen kann, bemerkt sie, dass der axtschwingende Angreifer unversehrt ist. Auch Attila interpretiert die lautlosen Blitze als Schüsse. Sie löschen jeglichen Kampfesmut in ihm aus. Entsetzt über die Reaktion des Gerätes, die offensichtlich seinem Angriff gilt, lässt er das Beil sinken. Er läuft zum Transporter zurück, reißt die Fahrertür auf und wirft das Beil in den Fußraum der Beifahrerseite. Nur einen Augenblick später lässt er sich auf den Sitz fallen. Ohne ein Wort zu verlieren, oder sich von Birgit zu verabschieden, startet er den Motor und fährt in den Ort davon. Die Gefahr der Grenzüberschreitung hat er vollkommen vergessen.

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Eine Drohne, groß wie der Deckel einer Mülltonne und matt-schwarz wie das Innere eines Kamins, fliegt langsam auf das Ortseingangsschild von Storkow (Mark) zu. Die Journalistin steht immer noch neben diesem. Vorsichtig und langsam zieht sie sich bis zu ihrem Auto zurück und beobachtet das Treiben des Fluggerätes.

'Upps, Technik kann also wirklich traumatisierend wirken', denkt sie, während sie sicherheitshalber das Auto zwischen sich und die unheimliche Technik bringt.

Das schwarze, schwebende Ungetüm fliegt langsam in einem engen Kreis um das Ortsschild herum. An der Vorderseite des Schildes wird der Kreis zur Ellipse. Das Gerät nähert sich dem Schriftzug 'Storkow' bis auf wenige Zentimeter. Es sieht so aus, als ob es wie ein Tier über die Oberfläche schnüffelt. Anschließend wendet das Flugobjekt abrupt, beschleunigt schnell und folgt dem Lauf der Straße in Richtung der Kaserne. Die Drohne fliegt so tief, dass ihr zwei Autos ausweichen müssen. Beide Fahrzeuge fahren aufeinander zu und haben das Fluggerät zwischen sich. Der Freiraum für Flugmanöver wird schnell kleiner. Ohne sich in ihrer Bewegung beirren zu lassen, folgt die Drohne ihrem Weg. Sie ignoriert die herannahenden Autos. Einzig und allein ein intensives, mehrfaches Blitzen in Richtung der Fahrzeuge zeigt an, dass sie diese bemerkt hat. Beide Fahrer erschrecken nahezu gleichzeitig und weichen aus, soweit es die Straße zulässt. Dann verschwindet das Flugobjekt in der Stadt. Es ist nicht zu erkennen, ob es zur Kaserne fliegt oder eine andere Operationsbasis ansteuert. Birgit hat ein solches Gerät noch nie zuvor gesehen und ihr ist nicht bekannt, dass das Heer so etwas besitzt.

'Interessante Choreographie ... aus der Geschichte muss sich doch etwas machen lassen!', ist ein Gedanke, der sich im Kopf der Journalistin entwickelt.

Bereits beim Einsteigen in den Wagen geht sie die Agenda für einen Artikel zum Thema 'Technologietrauma' durch.

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Attila hat inzwischen wieder zu sich selbst gefunden und folgt der Fernverkehrsstraße 246 bis zu einer Kreuzung, an der ein Wegweiser die Richtung zur Autobahn anzeigt. Nur schnell weg hier! Auf der Autobahn geht das am zügigsten. So biegt er nach Norden ab. Einige Sekunden später kommt am rechten Straßenrand die Burg Storkow in Sicht. Hier kennt Attila sich aus. Er möchte jedoch gar nichts sehen, das ihn an den Tag seiner Flucht erinnern könnte. So fährt er mit geschlossenen Augen über die Kreuzung vor der Burg. Aus irgend einem Grund reizt die Kreuzung viele Menschen, sie mit geschlossenen Augen zu überqueren. Attila ist da wirklich nicht der erste und einzige Fahrer, der diesem Bedürfnis nachkommt. Einige Minuten und Kreuzungen später kommt das Ortsausgangsschild in Sicht.

'Uhfffffff!', Attila atmet heftig aus und sinkt erschöpft, aber auch beruhigt auf dem Fahrersitz zusammen.

Nach der Flucht vom Ortsschild am anderen Ende Storkows ist nichts mehr geschehen. Der Ort liegt hinter ihm. Er fährt an den Straßenrand, hält an und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Ist das Angstschweiß? Es wird ihm klar, dass er sich immer noch nicht von den Geschehnissen im Oktober erholt hat.

'Hört das denn nie auf? Verfolgt mich die wildgewordene Technik immer noch?'

Attila ist deprimiert. Die ersten, positiven Folgen der Erholung, die er in den letzten Tagen gespürt hat, sind innerhalb weniger Minuten komplett beseitigt worden. Hoffentlich verläuft die restliche Fahrt bis zum Christbaumwald ruhiger. An den weiteren Verlauf des Weges verschwendet er vorerst keinen Gedanken.

W26C1P5
Autor

© 20.12.2015
http://texorello.org/W26C1P5
25. November 2013 12:16 Uhr
Ort: Storkow Ortseingang Süd
Personen: Attila, Journalistin
25. November 2013 12:38 Uhr
Ort: Storkow Ortseingang Nord
Personen: Attila
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