; Attilas Festtags-Apokalypse I

Attilas Festtags-Apokalypse I

Keine Feier ohne Meier,
kein Festraum ohne Baum,
keine Krone ohne Drohne.

Redensart

Die Sonne ist untergegangen. Dort wo sie gerade hinter den weiten Wiesen verschwand, ist das Wolkenband am Horizont noch schwach erleuchtet. Im letzten Licht des vergehenden Tages glimmt der Nebel über den Kanälen. Nirgendwo wird er durch Menschen in Kähnen zerteilt. Die Wasser der Spreekanäle liegen so ruhig, wie in den alten, mythischen Zeiten, als es hier mehr Wildschweine als Menschen gab. Es ist die Stunde der schweren, dunklen und wilden Tiere. Sie wühlen sich durch die sumpfigen Wiesen und den Bruch, unermüdlich ziehen sie lange Furchen in die schwarze, feuchte Erde. An diesem Abend stört sie kein Mensch bei ihren Verrichtungen. Selbst Jäger sind nicht zu erwarten. Auch die Wildschweine haben diesen Feiertag in ihrem Kalender vermerkt und begehen ihn auf ihre ganz eigene Weise.

Im Wohnhaus des Matz-'elemec'-Hofes hat die Feier vor einer Minute begonnen. Donnernd schlagen Flammen unter dem Christbaum hervor. Besinnlich ist das nicht, aber technische revolutionär - ganz nach Attilas Vorstellung. Einer der Brenner stottert knatternd. Die Flammenlanze, die aus ihm hervorbricht, verfärbt sich gelblich und wird kürzer. Mit einem leisen 'Pffffzzzzzz' verlischt sie zischend.

"Mist! Was soll denn das nun schon wieder bedeuten!"

Attila ist erbost. Kann Technik nicht einmal problemlos funktionieren? Hastig nimmt er eine kleine Gasflasche, die eigentlich für Camping-Kocher bestimmt ist, von der unteren Ablage des Servierwagens. Mit großen Schritten geht er auf den fauchenden und donnernden Baum zu, umrundet diesen und beginnt auf dessen Rückseite an der Plattform mit dem verloschenen Brenner die Gasflasche zu tauschen.

"Das verdirbt mir noch den Film! Ich wollte nichts schneiden müssen", brummt er hinter der Kiefer.

Matz nutzt die Gelegenheit der Gefährdungsunterbrechung, steht aus seinem Sessel auf und zieht ihn etwas weiter vom Baum hinweg. Zwei zusätzliche Meter Abstand können nicht schaden. Den neuen Standort hat er mit Bedacht gewählt, gleich neben einem alten Feuerlöscher. Dieser steht schon so lange in der Ecke des großen Raumes, dass er sich beim besten Willen nicht an den ursprünglichen Grund für dessen Anwesenheit erinnern kann. Ganz egal, warum der Pulverlöscher hier ist, Matz freut sich jetzt darüber. Mit einem leichten Schütteln des roten Metallbehälters überzeugt er sich davon, dass das Gerät befüllt ist. Er fühlt sich nun sicherer, lehnt sich beruhigt mit dem Rücken gegen die Wand, stützt die linke Hand auf den großen Sessel vor sich und umklammert den Transportbügel des Feuerlöschers fest mit der rechten Hand.

Attila steht inzwischen wieder vor seinem Steuer- und Regiepult. Von dort aus versucht er das Geschehen an dem und um den Weihnachtsbaum zu dirigieren. Während er sich abmüht, hofft Matz nur auf ein schnelles Ende. Das bekommt er jedoch nicht. Von der mittleren Konsole des Rollwagens startet eine kleine Drohne. Laut in den höchsten und sehr nervigen Tönen summend, erhebt sie sich langsam von der Ablage, schwebt neben dem Wagen empor und zieht dabei eine Last hinter sich her. Matz hat diese Kombination bisher nicht sehen können, da das obere Bord den Blick auf die unteren Ablagen in großen Teilen verdeckt. An der Drohne ist mit dünnen Schnüren eine leuchtende und blinkende Kugel befestigt. Sie trägt die Last zum Baum hinüber, summt intensiver und steigt zu dessen Spitze empor. Attila lässt die Transportdrohne am Christbaum arbeiten. Das Flugobjekt schwebt über der großen Kiefer, knapp unter der Decke des Raumes. Offensichtlich soll sie die Kugel als eine Art Krone auf der Spitze befestigen. Bündel blanker Drähte verlassen die Kugel an deren unterer Hemisphäre. Sie hängen wie Dreadlocks aus ihr heraus. Die ersten dieser Fortsätze berühren die oberen Äste des Baumes und die Drohne setzt die Kugel auf der Spitze ab. Natürlich fällt sie sofort zur Seite und verfängt sich mit ihren Drahtfortsätzen im oberen Kranz kleiner Äste. Zu Matz's Erstaunen beginnen sich plötzlich die Drähte zu krümmen, die aus der Kugel ragen. Sie verformen sich schnell zu Spiralen und Haken.

"Nitinol! Hast du mir gezeigt!", Attila freut sich sichtlich über das Staunen seines Gastgebers.

Matz vergisst für einen Augenblick den Mund zu schließen. Mit dieser Idee hat er nicht gerechnet. Die Nitinoldrähte werden elektrisch erwärmt, erinnern sich an ihre ursprüngliche Form, krallen sich in das obere Astwerk des Baumes und verankern die leuchtende Kugel. Diese sitzt jetzt fest in der Kiefer. Zugegeben, es ist nicht die zentrale und höchste Position, aber trotzdem ein Erfolg. Dagegen lässt sich die Drohne nicht so leicht auf die Spitze treiben. Von den Haltefäden, die sie mit der Kugel verbinden, lösen sich die ersten. Dabei kommt das Flugobjekt aus dem Gleichgewicht, schießt plötzlich in die Höhe, schlägt gegen die Decke des Raumes und fällt in die Tiefe. Dicke, graue Spiralkabel, die um den Baum gewunden sind, bremsen ihren Fall. Die kleinen Propeller verhaken sich und wickeln einige Zentimeter des Bandes auf. Dann erstirbt jede Bewegung in dem Gerät und es bleibt reglos im Baum hängen. Wie dicke Fangarme eines Oktopoden halten die Spiralkabel es fest umschlungen.

"Hmmm?", ist der Kommentar Attilas zum Ausgang der ersten Attraktion seiner Technikshow.

Unter dem Baum schlagen immer noch Flammen hervor. Blubbernd, brummend und ab und zu knallend, schießen Feuerlanzen in den Raum. Flackernd färbt ihr Licht den Fußboden abwechselnd bläulich und gelblich ein. Spürbar brennen die nicht sichtbaren Infrarotstrahlen auf der Haut. Beide Anwesende bekommen rote Wangen und die Luft des Raumes ist durch die Brenner inzwischen auf über 26 Grad erwärmt.

"Du, Attila, meinst du nicht, dass das jetzt genug ist? Mir ist schon ganz heiß und der Sauerstoff zum Atmen wird knapp...", Matz hofft, Attilas Bestrebungen in eine ungefährlichere Richtung lenken zu können.

"Warte ab, jetzt kommt der Höhepunkt!", freut sich Attila.

Vor ihm liegt die Fernsteuerung. Er klickt an ihr drei kleine Schalthebel von unten nach oben. Zuerst wechseln nur Leuchtdioden auf dem Steuergerät ihre Farbe von Rot auf ein beruhigendes Grün. Kurz danach sieht Matz die Feuerlanzen einige Zentimeter weiter in den Raum schießen und das Knattern der Brenner verändert sich zu einem lauten Brummen. Das ist beunruhigend. Ungehemmt strömt das Gas in die Brenner, vermischt sich mit dem restlichen Sauerstoff der Luft des Raumes und verbrennt als helle Flamme. Die Spitzen lecken ab und zu an der Wand hinter dem Baum. Diese ist glücklicherweise nicht tapeziert. Geweißter Putz ist unmöglich entflammbar. Matz richtet sich aus der ehemals entspannten Haltung mit einem Ruck auf. Er steht starr und aufrecht vor der Wand, die ihm den weiteren Rückzug verwehrt. Seine Schultern drückt er instinktiv gegen die Mauer. Die angenehme Kühle spürt er zwar, bringt sie jedoch nicht mit der Wand in Zusammenhang. Er hat nur noch Augen und Aufmerksamkeit für das flammende Festtagskunstwerk.

Von diesem Augenblick an entwickelt sich die Show zu einer schnellen Abfolge technologischer Katastrophen. Im unteren Teil des Baumes, wenige Zentimeter über den feuerspeienden Plattformen, beginnt ein lautes Summen und schnell rotierende Propeller werden sichtbar. Ein ganzer Schwarm von Minidrohnen startet gleichzeitig. Die kleinen Fluggeräte transportieren Wunderkerzen, die sich beim Start in den Feuerlanzen entzünden. Attila blickt triumphierend auf sein Kunstwerk. Um den gesamten Baum herum schweben Drohnen. Sie füllen den Raum mit einem infernalisch kreischenden Summen. Gleich leuchtenden Kometen zieht jede einen Schweif aus Funken auf ihrer Bahn hinter sich her. Eigentlich sollten diese kleinen, elektronischen Insekten ihn an seine Flucht erinnern. Doch jetzt ist er nicht mehr das gejagte Objekt, heute ist er der Dirigent der Technik. Er ist ihr Meister! Attila empfindet einen Gefühlsmix, der sich aus Bestätigung, Triumph und großer Zufriedenheit zusammensetzt. Leider währt dies nur kurz - viel zu kurz, wird Attila wenige Minuten später feststellen.

An einer großen Drohne hängt ein metallener Teller. Tief brummend und sichtbar schwerfällig bemüht sich das Gerät, die Last zu tragen und in die Höhe zu heben. Das flache Blech ist mit dünnen Drahtseilen an seinem Transporteur befestigt. Viele kleine Dellen in dem Teller zeugen davon, dass sich dessen Hersteller abgemüht haben muss, dem dünnen Stahl seine Form zu geben. In stundenlanger Handarbeit sind die notwendigen Wölbungen in das Metall getrieben worden. Jetzt liegt in ihnen eine Handvoll Räucherkerzen. Die kleinen, grünen und braunen Kegel brennen und rauchen noch nicht. Ihre Entzündung ist schwieriger, als Attila sich das vorgestellt und es geplant hat. Das große Fluggerät schwebt über einer Plattform, deren Brenner einen Start in die Stratosphäre vorzubereiten scheint. Ein breiter Flammenstrahl erhitzt den gesamten Teller. Dieser beginnt bereits an der Stelle zu glühen, die von den Flammenspitzen des unermüdlichen Brenners getroffen wird - die Räucherkerzen lässt das lange kalt. Nur langsam wird das trockene, poröse Material der kleinen Kegel erhitzt. Erst nach einem kräftigen "Na, nun endlich!" von Attila entzünden sich die ersten Räucherkerzen. Die große Drohne beginnt ihren Aufstieg und fliegt in weiten Bögen durch den Raum, um den duftenden Rauch zu verteilen. Auf ihrem Rückweg, wieder in der Nähe des Cyberpunk-Festbaumes, trifft sie auf einen der kleinen Wunderkerzen-Kometen-Flieger. Dieser bleibt in den dünnen Stahlseilen hängen, die den rauchenden und glühenden Teller halten. Das kreischende, hohe Summen der kleinen Propeller wird zu einem Quietschen und mischt sich in das kräftige Brummen des großen Fluggerätes. Innerhalb von Sekundenbruchteilen verhakt sich die Technik ineinander, das Drohnen-Tandem verliert die Balance und fällt auf die festtägliche Kiefer. Der Baum beginnt sofort zu brennen. Dort, wo der glühende Metallteller auf das Grün der Äste trifft, entzünden sich die ätherischen Öle der Nadeln durch die heiße Berührung blitzartig. In weniger als zehn Sekunden brennt der gesamte Baum knisternd, rauchend und hell.

"Och nein! Nicht schon wieder!", ist Attilas einzige Reaktion.

Ihn erinnert das Feuer sofort an den Beginn seiner Flucht in Storkow. Bevor Matz ihn aufhalten kann, läuft Attila auf die brennenden Reste des Kiefer-Technik-Konglomerates zu, das bereits in der Ecke des Raumes in sich zusammenfällt. Vor einigen Augenblicken noch großer Technikdirigent, jetzt die Personifizierung des puren Entsetzens: Attila steht mit weit aufgerissenen Augen und hängenden Armen vor den Resten seiner Installation. In den Qualm, das Knistern des Brandes und die Hitze des Feuers mischen sich vereinzelte Explosionen. Einige Lithium-Ionen-Akkumulatoren der Flugtechnik, die nicht schnell genug dem Feuerinferno entfliehen konnte, explodieren in der Hitze.

Die Protuberanzen brennenden Gases, die von den Explosionskräften aus dem Feuer geschleudert werden, erinnern Attila zusätzlich an den Brand in der Storkower Wohnung und treiben ihn in die diagonal entgegengesetzte Ecke des Raumes. Matz sinkt zwischen Sessellehne und Wand in sich zusammen und umklammert hilfesuchend den Griff des großen, alten Feuerlöschers. Er benötigt einige Sekunden, bis die Erkenntnis ihn erreicht, dass dieser die Situation zu retten vermag. So springt er auf, zieht den schweren, roten Metallbehälter hinter sich her und kurz darauf erstickt das Feuer unter einer Schicht hellen Pulvers.

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Gleich zu Beginn des Brandes kommt die große Drohne frei, an der das brennende und glühende Anhängsel befestigt ist. Sie kann sich von der Kiefer lösen, die als Feuerball einen letzten Auftritt in Attilas Weihnachtsshow hat. Laut und tief brummend flieht die Drohne durch ein offenes Fenster. Dabei berührt der Teller mit den qualmenden Räucherkerzen kurz die Gardine und setzt sie ebenfalls in Brand. Ein Ereignis, das das Fluggerät auf seiner Flucht in die abendlich dunklen Weiten des Spreewaldes nicht aufhält. Da die Gardine keine weiteren brennbaren Einrichtungsgegenstände in ihrer Nähe findet, frisst das Feuer sie schnell auf, bevor es ruhig erlischt.

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Attila ist entsetzt und gleichzeitig auch enttäuscht. Alles ist zerstört. Das Ergebnis seiner Arbeit der letzten Wochen ist nur noch Asche, Rauch und verkohlter Draht, verborgen unter einer Schicht weißen Pulvers. Jede einzelne Teilkatastrophe hat ihn verstört. Ganz im Gegenteil dazu entspannt sich Matz nach jedem Technikversager mehr und mehr, da es die gesamte Angelegenheit verkürzte. In der Ecke des Raumes sitzt er nun wieder in seinem Sessel, hat den entleerten Feuerlöscher neben sich auf die Dielen gestellt und lacht hustend. Es ist ein befreiendes Lachen, das Attila nur noch stärker deprimiert.

"Hu - hu - du wolltest dieses Land einmal regie - hi - hi - ren? Ernsth - h - haft? So große 'Problemlöscher' gibt es ja gar nicht, wie da notwendig h - he - gewesen wären!"

Attila hat ihm sicherheitshalber nie etwas von dem 'großen Coup' erzählt, den er geplant hatte. Nach diesem hätte kein Löscher geholfen, das war ja auch gar nicht vorgesehen gewesen. Die Regierung wäre einfach 'abgebrannt' - restlos. Auf einer diplomatischen Auslandsreise hätten sie das Regierungsflugzeug zu einer kleinen Inselrepublik in der Karibik umgeleitet. Zuhause wäre erst nach einer Neuwahl die Angelegenheit vollständig bekannt geworden und die Steuergelder wären nicht mehr greifbar gewesen. Zum großen Glück für das Land, ist ihm dies erspart geblieben. Attila ist inzwischen auch froh, dass es nicht zur Ausführung des Planes gekommen ist. Im Erfolgsfall wäre seine Bewegungsfreiheit heute und für alle Zeit auf wenige - zugegeben angenehm warme - Quadratkilometer dieses Planeten eingeengt. Von diesen Plänen muss Matz jetzt erst einmal nichts wissen, ist ja so und so 'Schnee von gestern' - ähnlich grau wie das Löschpulver über den Resten des Festbaumes.

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Die Fenster stehen auch Minuten später noch offen, um den Brandgeruch zu vertreiben. Alle Rauchschwaden haben das Zimmer verlassen und Attila und Matz üben sich im Unterdrücken des Hustenreizes. Von außen kommt nicht nur kühle Luft in den Raum. Ein immer deutlicher zu hörendes, tonales Auf und Ab eines Martinhorns dringt ebenfalls zu den beiden feiernden Bewohnern des Hofes. Als auf der Wand, die dem Fenster gegenüberliegt, die blauen Lichtreflexe von Rundumleuchten sichtbar werden und trotz des verstummten Warnsignals nicht verschwinden, werden beide unruhig.

"Du, Matz, lass uns 'mal nachsehen, was da los ist."

W26C2P6
Autor

© 28.02.2016
http://texorello.org/W26C2P6
24. Dezember 2013 16:00 Uhr
Ort: Matz-elemec-Hof
Personen: Attila, Matz 'elemec'
24. Dezember 2013 16:32 Uhr
Ort: Matz-elemec-Hof
Personen: Attila, Matz 'elemec'
Inhaltsverzeichnis