; Attila hüpft

Attila hüpft

Höher als über deinen Kopf
kannst du nicht springen.

Sprichwort aus Transnistrien

Nach einer deutlichen, aber sehr kurzen Pause von fünf Sekunden setzt das Poltern wieder ein. Zu Matz's großem Erstaunen ertönt das Rumpeln jetzt rechts von ihm, in der unteren Etage. Attila ist, wie auch immer, in kürzester Zeit vom Dachboden zum Arbeitszimmer gesprungen. Zwischen den beiden Orten liegen zwei Etagen, sechs Räume und nur fünf Sekunden. Wenn er es nicht besser wüsste, würde Matz sich jetzt mit einem Besen bewaffnen und nach dem Einbrecher suchen. Langsam entfernen sich die Rollgeräusche wieder. Mit dem Anschneiden des Dresdner Stollens wird er wohl noch einige Zeit warten müssen. Matz muss an seinen letzten Mystik-Kunden denken, von dem er das edle Gebäck bekam. Ob der Befreiung von technischem Ungeziefer war sein letzter Kunde so dankbar, dass er ihm den Stollen schenkte. Sogar die Rechnung hat er noch vor den Feiertagen beglichen. Der Fall war gar nicht bedeutend, schwerwiegend oder gefährlich. Für die Betroffenen war die Lage jedoch nahezu unerträglich. Ein Haus hatte den Tinnitus bekommen: Natürlich kann das nicht wirklich vorkommen, da Häuser über keine Ohren verfügen. Trotzdem pfiff und jaulte es in allen Räumen. Die Töne kamen aus undefinierten Richtungen und waren in unregelmäßigen Abständen zu vernehmen. Sie schienen zufällig im Nichts, mitten im Raum, zu entstehen. Dazu kam, dass nicht jeder Bewohner oder Gast sie hörte und wer sie wahrnahm, der konnte beim besten Willen nicht die Quelle lokalisieren. Es war, als ob Geister das Haus übernommen hatten und sich von einem Raum zum anderen mit dem für sie typischen Heulen unterhielten. Die Bewohner kamen gar nicht mehr in den Schlaf. Das Mysterium wurde zum Martyrium und das Haus zum Folterkabinett. Nach einigen Tagen stellten sich bei jedem der wenig ausgeruhten Insassen quälende Tagträume ein. In diesen mischten sich seltsame Töne und Stimmen mit Geistererscheinungen und Erinnerungsfetzen. Der Eigentümer kam zu dem naheliegenden Schluss: Das Haus ist befallen. Diverse Geisterjäger hatten sich bereits bemüht, den Spuk zu entfernen. Am Ende leerten sie nicht das Haus, sondern sie lehrten den Hausbesitzer das Fürchten und dessen Kontostand reduzierte sich zusehends. Der gequälte Mensch war nach zwei Monaten so verzweifelt, dass er nur noch verschwinden wollte: Das Haus verkaufen und die Gegend so schnell wie möglich verlassen. Durch Zufall bekam er eine von Matz's seltenen 'elemec'-Anzeigen in die Hände.

So nahmen die Ereignisse ihren Lauf. Es ist müßig, hier von Vorbestimmung zu sprechen: für Atheisten gibt es so etwas natürlich nicht. Die sinnreiche Verkettung von Ursachen und Wirkungen führt in jedem Falle zum gleichen Ergebnis. Die Bewohner nutzten inzwischen jede sich ihnen bietende Gelegenheit, um nicht im Inneren des zu einer Folterkammer mutierten Hauses verweilen zu müssen. Der Besitzer der Immobilie fand, als er sich auf einem seiner langen Fluchtspaziergänge auf einer Parkbank ausruhte, eine alte Zeitung. Nach fünf Tagen waren die Nachrichten und damit die Lektüre einer Tageszeitung allgemein wert- und nutzlos. Wenn man jedoch die Zeit totschlagen muss, ist das anders. So nutzte der Eigentümer des unbewohnbaren Spukhauses die Gelegenheit, blätterte in der nassen und dreckigen Zeitung, die nach Fisch roch und bekam Matz's Anzeige zu Gesicht. Folgerichtig griff er nach dem letzten Strohhalm, der sich ihm bot und Matz bekam einen Anruf.

Menschen ärgern sich gern gegenseitig - zumindest besagt das eine langjährige und immer wieder bestätigte Erfahrung von Matz. Er hat mehrfach beobachtet, dass sie damit einen Großteil ihrer Lebenszeit verbringen. In der Vorweihnachtszeit gehen die meisten unserer Mitbürger jedoch anderen Beschäftigungen nach. Das führt regelmäßig zu einem Mangel an Aufträgen in der Branche der technischen Kammerjägerei - saisonbedingte Auftragsflaute - ganz normal und trotzdem in jedem Jahr neu irritierend. Matz ist über den Auftrag also mehr als glücklich: Während der überwiegende Teil der Bevölkerung auf den Weihnachtsmärkten Engel jagt, darf er in diesem Jahr technisches Ungeziefer zur Strecke bringen.

W26C2P3
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© 28.01.2016
http://texorello.org/W26C2P3
24. Dezember 2013 15:36 Uhr
Ort: Matz-elemec-Hof
Personen: Matz 'elemec'
24. Dezember 2013 15:45 Uhr
Ort: Matz-elemec-Hof
Personen: Matz 'elemec'
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