; Endloser, quälender Morgen

Endloser, quälender Morgen

Einen Hohlraum erkennt man als Höhle, da in ihm nie renoviert wurde.
Deshalb kann die Zahl der Farbschichten auf den Wänden auch nicht
der Bestimmung des Alters dienen.

Jaroslaw Tarossek - Vorwort zu 'Mathematik für Höhlenforscher'

In der Küche wartet Matz seit mehreren Stunden auf Attilas Erscheinen. Auch er ist am Morgen die Orte des abendlichen Desasters abgegangen und hat versucht, den Umfang der notwendigen Rekonstruktionsarbeiten abzuschätzen. Anschließend hat er Ärger und Aufregung mit einem guten Tee ausgeglichen. Attila hatte seinen Spaß, der währte zwar nur kurz, war aber durchaus vorhanden gewesen. Nun muss er Verantwortung für seine Taten übernehmen. Das wird ihn ganz sicher und endgültig in die Realität des Lebens zurückholen. Von dem Politiker in ihm wird nichts übrig bleiben. So wartet Matz geduldig auf Attilas Ankunft in der Küche, denn einen anderen, benutzbaren, allgemeinen Aufenthaltsraum hat das Haus im Augenblick nicht. Ganz sicher wird er hier irgendwann erscheinen.

Die Klinke der Tür wird lautstark und ruckartig nach unten gedrückt. Für fünfzehn nachfolgende, lange Sekunden geschieht nichts. Endlich schiebt sich das Türblatt langsam in den Raum, nicht mehr als zehn Zentimeter misst der schmale Spalt zwischen ihm und der Zarge. Durch ihn fließt das Licht der Küche in das Dunkel des Flures ab. Die Küche wird schlagartig trüber. Trotzdem lässt nicht erkennen, was oder wer sich hinter dem schmalen Schlitz befindet. Ein glänzendes, weit aufgerissenes Auge wird sichtbar. Seine dunkle Pupille reflektiert das Licht der Deckenlampe in einem kleinen, hellen Punkt. Matz kann ein Lachen nicht unterdrücken. So vorsichtig hat er Attila nicht einmal erlebt, als er ihn, verfolgt von fliegender Technik, aus dem Spreekanal zog. Da ist nicht mehr viel von dem Spitzenpolitiker übrig, der im letzten Sommer noch maßlos von sich selbst überzeugt war. Matz schaukelt mit dem Küchenstuhl hin und her, lacht dabei laut und schlägt mehrmals mit der Faust auf den Tisch. Attila ist so überrascht, dass er alle Vorsicht vergisst und in den Raum tritt. Entgeistert sieht er den sitzenden, lachenden Matz an. Nach den quälenden Alpträumen der vergangenen Nacht hatte er alles erwartet, nur nicht diese Reaktion. Das hemmt ihn in seinem Vorwärtsdrang. Er bleibt mitten im Raum stehen, noch unentschlossener als kurz zuvor auf der anderen Seite der Tür. Was jetzt, war das alles nur ein Traum? Hat er sich ganz ohne Grund solche schrecklichen Gedanken gemacht? Ein schneller Blick aus dem Fenster und auf den verkohlten Baumstumpf, der traurig an der Straße steht, gibt ihm die deprimierende Gewissheit, dass alles nicht Teil eines Traumes ist. Der schwarze Obelisk aus Holzkohle wird von dem jungen Tag auf eine verschlagene, hinterhältige Art auch noch extra trüb beleuchtet. Attilas Mund steht offen, seine Schultern sind nach vorn gefallen, er lässt die Arme hängen und starrt gebeugt aus dem Fenster.

"Attila, was blickst du so entgeistert? Stimmt etwas nicht? Brennt es?", fragt Matz belustigt und provozierend.

Der Stuhl knarrt gequält unter dem intensiven Schaukeln. Von dem Gewicht, dass nur noch zwei Holzbeine stützen, biegen sich die Dielen leicht durch. Sie antworten quietschend auf das Knarren des Stuhls. All das verwundert Attila nur noch mehr. Ein Hausverweis hört sich anders an. Er geht zum nächsten Stuhl, setzt sich aufrecht an den Tisch, reibt und massiert aufgeregt den Zeigefinger seiner rechten Hand und blickt seinen Gegenüber an.

"Du, Matz, darf ich das renovieren?", ist ein vorsichtiger, leiser Versuch, die Kommunikation aufzunehmen und irgendwie wieder Ordnung in die Angelegenheit zu bringen.

"Ja, ich bitte darum!"

Dass die prompte Antwort auch noch laut und freudig ausgesprochen wird, verunsichert Attila weiter. Er hat sich die ganze Nacht hindurch vor diesem Morgen gefürchtet. Das soll es jetzt schon gewesen sein? Ein nicht zu vernachlässigender Teil des Hauses ist zerstört und der Eigentümer freut sich? In einer Ecke seines Bewusstseins regt sich der letzte Rest des Politikers: Dahinter muss eine Strategie verborgen liegen! Aus einer anderen Ecke meldet sich sofort der rationale Kern seines Hirns: Matz verfolgt keine Strategien mit Menschen. Maschinen, Dienste, Organisationen sind Teil seiner Betrachtungen zur Strategie. Den Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung gegenüber ist er offen und unvoreingenommen. Er betrachtet sie grundsätzlich als harmlos und nett - und so tritt auch er ihnen auch gegenüber. Die Erfahrungswerte mehrerer Monate können nicht falsch sein. So lange kann sich niemand verstellen.

"Schön?", fragt Attila leise, vorsichtig und forschend.

"Und weißt Du, was das wirklich Gute und Schöne ist?"

"Gut ... nein?", haucht Attila.

"Es ist alles Notwendige im Haus. Du kannst sofort beginnen...", nach einer kurzen Pause setzt Matz hinzu: "... nach dem Frühstück natürlich."

Attila darf also aufräumen und renovieren. Praktisch hat er auch genau das erwartet. Emotional war er jedoch auf eine gewaltige Standpauke gefasst. Statt dessen weist ihm Matz nur den Weg zu Reinigungsmitteln, Farben und sonstigen Malereimaterialien. Was würde eine endlose, moralische Ermahnung oder ein Wutausbruch bewirken? Nichts! Der Brand ist bereits Geschichte und gelöscht. Ungeschehen lässt sich dieser nicht mehr machen. Eine halbe Stunde im Wahn und Übermut führt zu zwei Tagen Rekonstruktion. Eine kurze Ursache hat lange und nachhaltige Folgen. Wieder klappert Attila im Haus umher. Im Gegensatz zu den Vortagen trägt er dieses Mal Wassereimer und Besen. Die technischen Artefakte rührt er im Augenblick nicht an.

****

Schutt und Unrat sind entfernt. Attila ist auf dem Weg, um Matz die Ausführung des ersten Teiles der Arbeiten zu berichten. Obwohl dieser ihm nicht böse ist, versucht er mit positiven Nachrichten, die Grundstimmung im Haus im freudigen Bereich zu halten. Ein schrilles Klingeln stoppt ihn abrupt, mitten auf dem Flur. Der Schreck wirf ihn fast zu Boden, lässt ihn stolpern. So unerwartet trifft ihn das unbekannte Geräusch, dass er den letzten Wischeimer fallen lässt, den er in der rechten Hand hält. Zum Glück hat er das große Behältnis aus Zink vor wenigen Minuten entleert. Scheppernd hüpft es über die blanken Backsteine des Fußbodens, trudelt an der Wand aus und bleibt dort liegen. Was ist das? Er hat in dem sonst sehr ruhigen Haus noch nie einen solchen Alarm vernommen. Sind eventuell gefährliche Drohnen eingebrochen? Ist ein gefangenes Artefakt ausgebrochen? Aufgeregt hastet er zum Wohnzimmer, in dem Matz bereits den Fußboden mit einer durchsichtigen Folie abdeckt. Die geschliffene Dielung soll schließlich keine weiße Wandfarbe abbekommen. Attila erreicht die Tür, atemlos von dem kurzen Sprint und reißt sie mit einem gewaltigen Ruck auf. Er muss den 'elemec' so schnell wie möglich vor der nahenden Gefahr warnen. Der aus der Türbewegung entstehende Luftzug wirbelt mehrere Folienbahnen auf und durch die geöffnete Tür dringt das nervige, rasselnde Klingeln in das Wohnzimmer. Attila springt den Tönen hinterher. Die durchsichtigen Folienende überlagern sich in der Luft und verdecken den hässlichen Brandfleck an der Wand, am anderen Ende des Raumes. Attila springt direkt in die Folie hinein.

"Hilfe! Einbruch! Ausbruch! ... irgend ein Bruch ... Al-", weiter kommt er nicht, da er auf einem Stück des Plastiks ausrutscht, das noch nicht in der Luft ist.

Auf dem Rücken liegend, rutscht er bis zur Mitte des Raumes. Dabei versammelt er eine große Menge des ausgelegten Kunststoffes um sich. Dieser bremst seine Bewegung endlich ab. Zum Stillstand gekommen, beginnt Attila augenblicklich zu zappeln. Er rollt hin und her, schlägt um sich und versucht sich zu befreien. Muss er doch die wichtige Warnung weitergeben, da hat er keine Zeit für dieses Plastikzeugs. Das soll gefälligst mit der Hauskatze spielen. Seine Bemühungen verkehren sich in ihr Gegenteil und nach wenigen Sekunden ist er wie eine Mumie in die Folie eingeschlagen. Sie hat ihn so eng bandagiert, dass er sich nicht mehr bewegen kann. Zuerst möchte Matz lachen, dann sieht er, dass auch Attilas Kopf komplett in die Plastikbahnen geschnürt ist. Keine freie Stelle ist zu sehen - er hat sich vollständig mumifiziert. Es fehlt nur noch, dass sich alles auf seinem Rücken verknotet. Matz muss ihn unbedingt befreien, damit er nicht erstickt. Unterdessen klingelt es ununterbrochen, nervig, schrill und rasselnd aus verschiedenen Räumen des Hauses. Matz beachtet das nicht. Schnell und konzentriert legt er Attilas Kopf mit einem Cuttermesser frei. Endlich befreit, meldet dieser sich noch vor dem ersten Atemzug mit seiner Warnung.

"chhhhr, rrr, Alrrrm - larm."

"Mein Gott Attila, was bist du heute nervös. Das ist doch nur die Hausklingel", versucht Matz den Verwickelten zu beruhigen.

Dank der Unterstützung des Messers hat dieser seinen Oberkörper schon wieder befreit und sitzt in einem Knäul aus Folienresten. Erstaunt hält er in seiner Befreiung inne.

"Habe ich in den Monaten, in den ich hier bin, noch nie gehört!"

"Da war ja auch nie ein Besucher..."

Mit einem Ruck streift Attila die restliche Folie von den Beinen und springt zu dem Fenster des Raumes, das gestern Abend noch Gardinen hatte. Vorsichtig drückt er sich an die Wand daneben und versucht durch das Glas zu sehen, ohne dabei von außen gesehen werden zu können. Er hat eine schlimme Vorahnung: Die Behörde kommt ihn wegen dem abgebrannten Baum holen! Sein Verdacht scheint sich zu bestätigen. An der Eingangstür kann er eine Person in blauer Uniform erkennen.

"Oh Gott, sie holen mich!"

Bereits während des Ausrufes läuft er durch den Raum zurück zu der noch geöffneten Tür. Zu seinem Glück liegen keine Folienbahnen mehr auf dem Fußboden. Wenige Sekunden später ist bereits das Klappen und Klicken der Küchentür zu hören. Matz hat keine Ahnung, was Attila bewegt, in die Küche zu flüchten. Von dort ertönt nur noch kurz ein leises, gedämpftes Poltern, dann tritt Ruhe ein, die nur noch durch das fortwährende Klingeln gestört wird. 'Hat mein Gast jetzt eine Küchen-Fixierung?', überlegt Matz, während er langsam zur Eingangstür geht.