; Zeit für Abschiede

Zeit für Abschiede

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Immanuel Kant

Vier Menschen sitzen zufrieden zusammen beim Abendmahl auf einem alten Hof, mitten im Spreewald. Obwohl sie sich mächtig angestrengt haben, sind die Schüsseln immer noch gut gefüllt. Dafür ist ihnen der Gesprächsstoff scheinbar ausgegangen. In dem großen, frisch renovierten Raum ist Ruhe eingetreten. Zweifellos ist das ausgiebige, ausgedehnte Essen und die nachfolgend notwendige Erholung ebenfalls eine Ursache für die Stille. Matz hat die neuen Gardinen zur Seite gezogen und die Fenster geöffnet. Selbst die kühle, feuchte Abendluft des zweiten Weihnachtsfeiertages bringt das Gespräch nicht wieder zurück in die vorhergehende Dichte. Es wurde bereits alles gesagt, was die Anwesenden zu dem als Gesprächsmittelpunkt auserkorenen Thema beitragen können. Über ihre Erlebnisse mit der Tambourette haben sie sich alles erzählt, alle bekannten Fakten und aufgeschnappten Mythen ausgetauscht. Von ihnen hat ausschließlich Attila das mystische Mädchen gesehen und jeder weiß, dass noch niemand das Glück hatte, dem einzigartigen, einsamen und verirrten Kind ein zweites Mal zu begegnen. Der timesurfer hat mehr erfahren, als er sich erhoffte. Eine neue Spur tat sich auf und gleich morgen wird er sie verfolgen. Für heute hat er nun wirklich genug erlebt und mit so gut wie nichts davon hatte er gerechnet. Jetzt möchte er den Hausherren nur noch um eine Unterkunft für die Nacht bitten, sich ausruhen und am nächsten Tag auf die Suche nach Hilde Tand begeben. Sein Tag, gefüllt mit Erlebnissen in unterschiedlichen Epochen, war lang genug - wesentlich länger als der Tag seiner Tischgenossen.

Matz freut sich, dass der Abend bis jetzt gut verlaufen ist und er Anja nicht enttäuscht hat. An dem großen, runden Esstisch sitze sie ihm gegenüber, lächelt ihn an und löffelt verträumt die Nachspeise. Der Ablauf der Ereignisse folgt zwar in keiner Weise dem Plan, den er für die Abendgestaltung bereits am Morgen in Gedanken erarbeitet hat, trotzdem sind seine Gäste zufrieden, satt und nun sehr ruhig. Nach den vielen Erzählungen ist das Schweigen, das sich im Raum ausbreitet, nicht unangenehm. Die Stille währt jedoch nicht lang. Grell wird sie von einem schrillen Heulen mehrerer Sirenen unterbrochen. Die Alarmmelder im Haus werden von der großen, alten Sirene übertönt, die auf dem Dach des Hauses thront. Ihr heulender, auf- und abschwellende Ton hallt abermals über die Wiesen, ganz wie zur Ankunft Attilas im Oktober.

"Drohnenalarm! Endlich einmal wieder Action!", freut sich Attila.

Anja lässt erschrocken ihren Löffel auf den Boden fallen und sieht Matz aus weit geöffneten Augen an. Sie traut sich nicht, sich zu bücken und den Löffel aufzuheben. Das Heulen der Sirenen ist im Haus beängstigend laut und sie kann sich nicht entsinnen, jemals ein so schreckliches Signal gehört zu haben. Selbst ihre Feuerwehr ist freundlicher in der Ankündigung von Gefahrensituationen. Matz ist über den freudigen Unterton in Attilas Ausruf erstaunt und schlägt sich die flache Hand vor seine Stirn.

"Bekommst du denn nie genug davon, Attila?", versucht er rufend, die Sirenen zu übertönen.

"Nein, warum? Langeweile langweilt mich nun einmal..."

Der Rest der Antwort geht in dem Stöhnen eines mit Druckluft betriebenen Martinshorns unter, das sich aus dem Keller des Hauses meldet. Noch vor einem Monat hätte Attila bei dem Wort 'Drohne' versucht sich zu verstecken. Wie auch immer es Matz am Ende gelungen ist, Attila scheint erfolgreich und dauerhaft von seiner Drohnenphobie erlöst zu sein. Zusätzlich ist er vom Radar seiner Verfolger verschwunden - bisher. Wurde er jetzt doch aufgespürt? Oder wird der timesurfer eventuell bis in das Jahr 2013 in den Spreewald verfolgt? Dieser Alarm ist zum ersten Mal im Oktober ausgelöst worden, als Attila in den Spreewald kam. Seit der Installation des Systems ist das nie zuvor geschehen. Ganze fünf Jahre herrschte Ruhe und Matz fühlte sich sicher. Jetzt schreckt das Alarmsignal die Bewohner der Nachbarhöfe innerhalb weniger Tage bereits zum zweiten Mal. Ist nun auch dieser abgelegene Teil des Spreewaldes nicht mehr frei von wilder Spähtechnik? Hat hier auch die Verseuchung mit technischem Spionagemüll begonnen?

Automatisch entrollt sich eine Leinwand direkt neben der Eingangstür des Raumes. Aus einer breiten Rolle, die unter der Decke hängt, fließt mit einer geisterhaften, stetigen Bewegung das helle Tuch hervor. Das Summen des kleinen Motors ist nicht zu vernehmen, da es die lauten Sirenen übertönen. Ein in der gegenüberliegenden Wand versteckter Beamer wird aktiv. Anfangs wirft er nur ein blasses Bild auf die ebene, weiße Fläche der Leinwand. Das Licht des Projektors wird schnell heller und es erscheinen Anzeigen, ähnlich denen eines Radars. Neben diesen flimmern Entfernungsangaben und in einem weiteren Anzeigebereich, direkt darunter, ist die hektische Suche eines Klassifizierungssystems zu erkennen. Es werden Bilder von technischen Absonderlichkeiten gezeigt, die jedoch gleich wieder verschwinden und durch noch seltsamere Darstellungen ersetzt werden. Das automatische Abwehrsystem des Hauses ist angelaufen, versucht den Grad der Gefährdung einzuschätzen und den nahenden Eindringling zu identifizieren.

"Huh! So nah' schon?", kommentiert Matz erschrocken die Entfernungsangaben.

Seine Erwartung wird nicht erfüllt. Das System ist so konstruiert, dass es sich nähernde, elektronische Gefährdungen bereits in einer Entfernung von zwei Kilometern erkennt. Innerhalb von wenigen Sekunden kann der Eindringling diese Strecke nur mit einem Raketen- oder Jet-Antrieb überwinden. Matz glaubt nicht an einen Raketenbeschuss mit elektronisch hyperaktiven Gefechtsköpfen. Deren Einsatz ergibt hier wenig Sinn. Was nähert sich dem Hof? Das Bild eines handtellergroßen, schwarzen Schmetterlings erscheint im Anzeigebereich des Klassifizierungssystems und wird nicht wieder gegen andere ausgetauscht. Deutlich ist der metallische Korpus zu erkennen, dem zwei tief schwarze Flügel entspringen. Es ist ein Ornithopter, ein mechanisches Fluggerät, das sich mithilfe von Flügelschlägen durch die Luft bewegt - ganz so wie seine lebenden Verwandten. Das Bild ist rot hinterlegt und 'unbekannt' ist deutlich lesbar quer darüber geschrieben. Der Entfernungszähler wird hektisch und zählt die Zahlen immer schneller herunter. Als er zehn Meter unterschreitet, verstummen abrupt die Sirenen und anderen Tongeber. Wie kann ein so fragiles, leichtes und langsames Flugobjekt so spät erkannt werden? Es gibt nur eine logische Erklärung: Der Ornithopter ist bereits in direkter Nähe zum Hof aktiviert und gestartet worden. Das ist gar nicht gut, muss sich der Besitzer des Gerätes doch in unmittelbarer Nähe befinden, vielleicht sogar schon im Haus! Bevor Matz seine Vermutung aussprechen kann, erscheinen zwei kleine Drohnen in Camouflage-Lackierung. Sie platzieren sich rechts und links neben dem geöffneten Fenster und erwarten den Eindringling. Dieser flattert nur Sekunden später in den Raum. Nahezu lautlos schlagen die schwarzen Flügel der Spähtechnik. Zu einer wärmeren Jahreszeit würde jeder das Gerät für ein Lebewesen halten und nicht weiter beachten. Mimikry, unsere Erfahrung und eingespielte Denkmuster ergeben eine nahezu perfekte Tarnung, auf die zu jeder Zeit Verlass ist. Der flügelschlagende Ornithopter versucht sich im Raum zu orientieren. Sofort drängen ihn die beiden Drohnen ab, schieben ihn vor eine Wand und beschießen den technischen Schmetterling gezielt mit großen Tropfen eines Klebstoffes. Er wird gegen die Wand geleimt. Aus der großen Deckenlampe, die direkt über dem Esstisch hängt, tasten schmale, rote Lichtfinger nach dem noch leicht zappelnden Gefangenen. Dort, wo sie auf die schwarzen Flügel und den Leim treffen, steigt zuerst Dampf und dann Rauch auf. Dünne, schwarze, senkrechte Fäden entstehen in der Luft über dem Eindringling. Einige Zentimeter höher beginnen sie sich zu kräuseln und bilden lustige Locken. Noch weiter oben zerteilen sich diese in winzige, schwarze Punkte, die langsam durch die Luft segeln. Wenige Augenblicke später rieseln vereinzelte, schwarze Rußflocken auf den Tisch. Die energiereichen Laserstrahlen 'rösten' die unbekannte Technik regelrecht. Das Schauspiel dauert insgesamt nicht länger als zwei Minuten und zurück bleibt nur ein hässlicher, brauner Brandfleck auf der Tapete, etwas Asche auf dem Fußboden und ein unangenehmer Geruch in der Luft.

"Igitt, schon wieder renovieren!", Attila meldet sich zuerst und fügt hinzu: "So einen Luftkampf hätte ich mir vor zwei Wochen gewünscht! Warum hast du mir das nicht schon vorher gezeigt?"

"Toll, nicht?", lobt Matz das Verteidigungssystem seines Hauses.

Stolz blickt er Anja an. Diese reibungslose und vollautomatische Abwehr eines - wie auch immer gearteten - Eindringlings, ist definitiv der Höhepunkt des heutigen Abends. 'Insgesamt ein viel besseres, multimediales Ereignis, als die zusammengestellte Musikauswahl', denkt er und freut sich, dass Anja seine Meinung zu teilen scheint. Nach ihren musikalischen Vorlieben kann er am späten Abend immer noch fragen.

"Oh ja!"

Anja ist mehr als begeistert. Im Sommer wäre sie entsetzt gewesen, wie ein unschuldiges Lebewesen von Matz behandelt wird. Im Winter sind Schmetterlinge im Spreewald mehr als ungewöhnlich, einfach nur unnatürlich. An Übernatürliches, Geister und anderen mystischen Unfug glaubt sie nicht. Somit ist für sie klar, dass der Eindringling von Menschen geschaffen wurde. Da er sich nicht ankündigt und um Einlass bittet, hat er etwas zu verbergen. Die Vorführung trifft ganz ihren Geschmack: wildgewordene Technik, Action und natürlich Feuer - es ist einfach alles enthalten, was sie sich in Verbindung mit einem abendlichen Event auf diesem Hof wünschen kann. Anja ist sich nicht ganz sicher, ob Matz das für sie organisiert hat oder ob die Geschehnisse eine Folge von chaotischen Zufällen sind. Am Ende spielt das keine Rolle: Für sie ist dies ein gelungener Abend.

Attila stört das Renovieren nicht. Eine einzige Wand ist schnell hergerichtet, er hat nach den letzten beiden Tagen ausreichend Erfahrung mit dem Auftragen von Wandfarbe und weiß, wo die notwendigen Arbeitsmittel und Geräte zu finden sind. Die gesamte Aktion, die Matz's verborgene Technik vorführte, hat ihn natürlich ebenfalls begeistert. Warum konnte er das nicht für die nachgestellte Luftschlacht des roten Barons verwenden? Warum hat nicht auch sein revolutionär, technischer Weihnachtsbaum so problemlos funktionieren können? Der Baum des nächsten Jahres wird mindestens einen Innovationspreis erringen, da ist er sich sicher. Schließlich hat er ein ganzes Jahr Zeit für die Vorbereitung eines gigantischen Projektes. Er ist so begeistert, dass er sofort damit beginnen könnte. Die Brandrodung der Fichte an der Straße hat er längst verdrängt.

Der Zeitreisende starrt seit mehreren Minuten entsetzt auf den Brandfleck. Er sitzt aufrecht und reglos auf seinem Stuhl. Zuerst bemerkt niemand, dass ihn das Geschehene nicht erfreut. Da er sich nicht dazu äußert, sehen die anderen Anwesenden einer nach dem anderen zu ihm.

"Du, sage 'mal, stimmt etwas nicht?", fragt Matz ihn vorsichtig.

Seine Frage lässt er besorgt-tastend klingen. Den Gesichtsausdruck des timesurfers deutet er als ein schlechtes, alarmierendes Zeichen bezüglich der Herkunft und Fähigkeiten des verbrannten Ornithopters. Wird gleich ein großer Schwarm dieser Spionagegeräte einschweben? Einer solchen Angriffswelle könnte das Abwehrsystem des Hauses nicht standhalten. Und wozu sind diese Absonderlichkeiten überhaupt fähig? Leider ist das einzige Exemplar verbrannt und ihm fehlt nun das Material für eine forensische Analyse der Flatterdrohne. Das ist keine gute Ausgangssituation für eine Abwehr weiterer Angreifer dieser Spezies. Was Matz nicht ahnt: Er irrt sich. Der Zeitreisende ist aus einem ganz anderen Grund entsetzt.

"Das war mein Link!"

"Was für ein 'Link'?"

"Na, meine Verbindung zum Zeitrelais."

Drei Anwesende sehen sich rat- und verständnislos an. Der vierte Teilnehmer des Festessens blickt traurig in Richtung des Fleckes auf der Wand. Er fängt eine der Rußflocken und ist nahe daran, diese liebevoll zu streicheln. Bevor er damit beginnt, fragt ihn Matz nach dem Relais.

"Upps, ist das sehr schlecht?"

"Jain - es ist nur 'einfach' schlecht. Der Ornithopter kam, um mir eine Nachricht aus einer anderen Zeit zu übermitteln. Er ist leider nicht mehr dazu gekommen, das Datenpaket an das Kommunikationszentrum meines Anzuges zu übertragen."

"Kannst du jetzt nicht mehr durch die Zeit springen?", fragt Anja besorgt.

"Nein, dafür ist mein Anzug zuständig. Der hätte sich übrigens über die Laser-Beleuchtung gefreut und alle Energie aufgenommen."

"Du hast doch noch mehr von diesen Flatter-Dingern, oder?", Attila fragt, obwohl er die Antwort ahnt.

"Natürlich - nur nicht in dieser Kombination aus Zeit und Ort."

"Was hat es mit diesem Zeitrelais auf sich und wie können wir für dich eine Verbindung herstellen? Ich habe hier so gut wie alle möglichen und unmöglichen Elektronikteile, die du dir nur wünschen kannst."

"Ja, aber nur aus eurer Zeit. In dem Fluggerät waren einige Teile, die erst in etwa fünfzig Jahren erfunden werden. Genau die benötige ich, um durch die Zeit zu kommunizieren. Die Zeit..."

"Und dein Anzug hat so etwas nicht eingebaut?", fällt ihm Attila ins Wort.

"Es gibt Technik, die sich nicht miteinander verträgt."

"Och, das kenne ich gut. Solch ein Problem hatte ich vor zwei Tagen auch."

"Ahja? ... Egal: Die Ornithopter können mit Relais-Stationen Verbindung aufnehmen, die ich in einigen, sicheren Zeit-Raum-Knotenpunkten versteckt habe. Gleichzeitig sind sie eine Art Messfühler und Bindeglied zu lokalen Kommunikationsnetzen."

"Du sammelst Informationen aus Netzwerken in unterschiedlichen Zeiten?"

Matz wird unruhig. Mit diesen Kenntnissen könnten viele der Probleme, um die er sich täglich kümmern muss, einfach und schnell verhindert werden. Natürlich bereitet ihm seine Arbeit Freude und er ist stolz auf die Hilfe, die er täglich gibt. Die Belästigung anderer, unschuldiger Menschen dauert ihn. Die Welt ließe sich ruhiger und gefahrloser einrichten. Bevor er diese Idee aussprechen kann, fällt ihm wieder ein, warum er viele seiner Entwicklungen und Erkenntnisse verheimlicht: Macht korrumpiert, immer! Alle Machtjunkies dieser Welt wären scharf darauf, wenn sie von deren Existenz wüssten und sie würden damit in keinem Falle Fortschritt, Frieden und Wohlstand für den Rest der Menschheit befördern. Ihnen geht es ausschließlich um noch mehr Macht zur Mehrung des eigenen Besitzstandes. Der Zeitreisende bemerkt die Veränderungen im Gesichtsausdruck des Fragenden. Diesen abrupten Wechsel von Euphorie zu Depression kennt er nur zu gut. Auch ihn haben seine Entdeckungen begeistert. Zum Glück für die Menschen aller Zeiten hat er diese nie veröffentlicht und investiert nach wie vor viel Arbeit in die Mystifizierung seiner Existenz. Er gilt inzwischen als 'unwahrscheinlich existent'. Das hat viel Arbeit bereitet. Um so dringlicher muss er mit der reisenden Bekleidungsfachhändlerin sprechen, die Attila von ihm berichtet hat. Es muss unbedingt die Quelle erfahren, aus der Hilde Tand ihr Wissen über ihn bezieht.

"Wisst ihr, anfänglich ist mir die ganze Geschichte einfach so passiert. Eigentlich wollte ich nur ein technologisch revolutionäres...", er sieht Attila lächelnd an und fährt fort: "... Kostüm für einen Maskenball basteln. Absurd nicht? Nachdem ich realisiert habe, was ich auslösen kann, bin ich quer durch die Zeiten gereist, um dieses 'Phänomen Zeit' zu verstehen. Inzwischen kenne ich die Physik dahinter ganz gut und es ist mir gelungen, über die Grenzen der Zeiten hinweg zu kommunizieren. Dafür habe ich die Zeitrelais und die Ornithopter gebaut. Die schwarzen Schmetterlinge sind nett nicht? O.k., Matz's Abwehrsystem war stärker, aber die kleinen Drohnen sollen natürlich und unauffällig wirken und nicht gleich als Technik erkannt werden. Das funktioniert so gut wie immer - in allen Zeiten. So können sie problemlos Nachrichten und Messwerte sammeln und über die Relais an mich weiterleiten. Und: Physisch gefährlich sind sie nicht."

"Warum hast du nicht auch hier einen solchen Technikkasten versteckt? Wir leben doch sicher", möchte Anja wissen.

Vielleicht hat er das nur vergessen und der Schaden ist gar nicht so gravierend. Auch dem Zeitreisenden können Fehler unterlaufen.

"Du glaubst doch nicht wirklich, dass eure Zeit sicher ist, oder? Matz kann dir bestimmt eine Menge vom Gegenteil berichten. Stell' dir nur einmal vor, was Politiker, Warlords oder die sooo geheimen Dienste mit dieser Technologie anstellen würden? Selbst in ihren Verstecken habe ich die Zeitrelais gesichert. Außerdem sind die Relais nicht kastenförmig."

Der Zeitreisende trägt diese Antwort lächelnd vor.

"Keine Kästen?"

"Nein, sie sehen eher wie Spinnennetze aus."

"Aber warum erzählst du uns das alles? Hast du nicht Angst, dass wir die Informationen verkaufen - oder so etwas?"

"Ich traue euch einfach. Außerdem habt ihr auch etwas zu verbergen, wenn ich nur an die Ausstellung im Flur denke ... und glauben würde euch so und so niemand."

"Stimmt", pflichtet ihm Anja nach kurzem Überlegen bei.

"Tja und nun ist irgendetwas in einer anderen Zeit geschehen, das meine Anwesenheit erfordert. Dank Matz's Verteidigungssystem muss ich leider zum nächsten Zeitrelais springen. Entschuldigt also, ich muss sofort gehen, so gern ich mich auch mit euch weiter unterhalten hätte."

Der Zeitreisende sieht die Blicke der anderen Anwesenden und ergänzt tröstend: "Wenn ich mich hier so umsehe, werden wir uns garantiert wiedersehen."

"Egal wann und wie du hier erscheinst, du bist immer willkommen!", lädt Matz ihn ein.

"Mach's gut und viel Erfolg bei deinen Bemühungen für die arme Tambourette. Grüße sie von mir", verabschiedet Attila den Zeitreisenden.

Dieser verlässt den Raum und löst sich vor dem Haus in Licht auf.

In den folgenden Minuten langweilt sich niemand, da Attila sehr plastisch von den absurden Wahlveranstaltungen der 'Wahren Partei des Deutschen Volkes' berichtet. Anja und Matz haben nicht erwartet, dass er ein so guter Unterhalter ist. Bisher war er nur durch jede Menge Unfug in Erscheinung getreten, dessen Ursache nach seiner Offenbarung für beide verständlich ist. Auch dafür wird sich eine Lösung finden. Natürlich möchten sie Attila helfen, zurück in den legalen Teil der menschlichen Gemeinschaft zu finden.

****

"Du Matz - weißt du?", Anja legt eine Pause ein und blickt Matz mit einem betonten Augenaufschlag an.

Beide stehen auf der Schwelle zur schweren, eichenen Eingangstür des Hauses. Anja ist im Begriff sich zu verabschieden und nach Hause zu gehen.

"Bestimmt, nur nicht so genau und im Augenblick gerade nicht", versucht Matz zu antworten.

"Zu dir komme ich jetzt täglich. Hier geschehen so viele spannende Geschichten."

"Ja, leider ...", jetzt legt Matz eine Verlegenheitspause ein: "... äh, ich meine das mit den 'Geschichten'. Bevor Attila meinen Weg kreuzte, hatte ich zumindest hier Ruhe."

"Ich finde das so viel besser und möchte keine Geschichte mehr verpassen ...", sagt Anja, küsst ihn, dreht sich um und geht in Richtung des Torbogens davon: "... ich komme morgen Abend wieder vorbei. Wenn dir das zu lange dauert: Du hast ja meine Telefonnummer."

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Als Anja wenig später den Torbogen erreicht, der den Übergang vom Hof zu der äußeren Welt bildet, klingelt ihr Telefon.

W26C3P7
Autor

© 04.05.2016
http://texorello.org/W26C3P7
26. Dezember 2013 22:03 Uhr
Ort: Matz-elemec-Hof
Personen: Matz 'elemec', Anja, Attila, timesurfer
26. Dezember 2013 23:47 Uhr
Ort: Matz-elemec-Hof
Personen: Matz 'elemec', Anja
Inhaltsverzeichnis