; Attila bereitet vor

Attila bereitet vor

Sorgt euch also nicht um morgen;
denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen.
Jeder Tag hat genug eigene Plage.

Die Bibel - Matthäus 6,34

Attila ist bereits am zeitigen Sonntagmorgen im Haus und den zu Werkstätten umgebauten Stallungen unterwegs. Geschäftig läuft er durch die Zimmer, trägt verschiedene Gegenstände hin und her und sammelt diese in der Küche. Auf dem Tisch liegen bereits viele technische Gerätschaften, die zu sehr unterschiedlichen Zwecken Verwendung finden können. Sie sind zu einem kleinen Hügel aufgetürmt. Ein Gewirr an Kabeln hält ihn zusammen und ab und zu ragen einige Enden mit Steckern heraus. Das warme, gelbliche Licht der Deckenleuchte hüllt die Ansammlung sanft ein. Einige Teile reflektieren es leicht und erzeugen den Anschein eines warmen Glimmens unter den oberen Schichten. Es bringt Attila in eine festliche Stimmung. Im Spreewald ist es noch dunkel. Da es hier, mitten in der Bruchlandschaft, kaum Straßen gibt, sind auch Laternen selten. Somit dringt um diese Zeit noch kein Licht von außen durch die Fenster in das Haus. Ein naher Beobachter hätte sehen können, wie verschiedene Fenster aufleuchten und kurz darauf wieder verblassen. Attilas Beschäftigung hat leichte Ähnlichkeit mit der Bewegung eines Kometen. Er zieht einen leuchtenden Schweif durch die Räume des Hauses. Der Spreekanal hinter dem Hof ist an diesem Morgen noch unbelebt und die nächste Straße befindet sich in einer Entfernung von gut zweihundert Metern. Von ihr aus sind die Gebäude des Anwesens hinter Büschen und Bäumen verborgen. Somit kann niemand an der kunstvollen Blinkenlights-Aufführung teilhaben.

Vierzig Minuten nach Beginn der geräuschvollen Räumaktion wird es Matz zu viel. Das wandernde Gepolter hat ihn längst geweckt. Einen Einbrecher würde es nicht lang im Haus halten, die vielen technischen Artefakte würden ihn verschrecken. Er weiß, dass dies nur Attilas Werk sein kann. Dieser war in den vergangenen Tagen bereits mehr als unruhig. Das Baum-Projekt beschäftigt ihn immer noch. Vor zwei Wochen hatten sie eine lange Diskussion darüber, wie der Weihnachtsbaum zu dekorieren sei. Matz wollte ihn ganz klassisch mit Glaskugeln, Strohsternen und einer elektrischen Lichterkette behängen. Attila protestierte sofort. Ihm sei das viel zu bürgerlich, bieder. Er wollte eine 'technologisch-revolutionäre' Weihnacht ausrichten und feiern. Nur diese könne dem Haus und seiner Einrichtung gerecht werden. Dazu müsste der Baum entsprechend hergerichtet werden - mit viel Technik. Matz Protest wollte Attila nicht gelten lassen. Nach der Rückkehr von seiner Baum-Mission, war er immer selbstsicherer geworden. Er schien innerlich gefestigter und in Diskussionen konnte er sich bereits wieder durchsetzen. Matz hoffte, dass er für immer die Finger von der Politik lassen würde. Vielleicht könnte er ihm zukünftig wirklich bei seinen Aufträgen helfen. Jetzt, da ihn auch noch die Finanzbehörde entdeckt hatte, wuchs der Berg an unerledigten Arbeiten ständig. So hatte er sich das mit seiner Selbständigkeit als Technikjäger nicht vorgestellt. Das Einkommen würde sicher zwei Beschäftigte ernähren. Vielleicht bietet sich über die Feiertage eine Gelegenheit, mit seinem Gast darüber zu sprechen.

Matz tastet sich über den finsteren Flur zur Treppe. Wer zu faul ist, zum Lichtschalter zu greifen, der muss im Dunkeln stolpern. Heute ist der vierte Adventssonntag, da darf er faul sein und sich ausruhen. Schließlich ist er in den ersten drei Dezemberwochen ununterbrochen zu Einsätzen gerufen worden. So gut wie jeden Tag war er mehr als zehn Stunden unterwegs. Eine beschauliche Vorweihnachtszeit verläuft anders. Matz ahnt, dass der aktuelle Aufruhr im Haus wegen der Dekoration des Baumes stattfindet. Irgend etwas scheint Attila vorzubereiten und das wieder einmal in der Küche. Falls er ihn als Helfer gewinnen kann, dann muss er eine eigene Wohnung im Ort bekommen. Matz möchte zumindest nach Feierabend auch die Ruhe der Landschaft und des Hofes genießen können - allein. Tastend erreicht er die Küchentür und greift mit der rechten Hand nach deren Klinke. Obwohl er die Tür langsam öffnet, nimmt ihm das helle Licht, das aus dem Raum in den Flur flutet, zuerst die Sicht. Schützend schlägt er die linke Hand vor das Gesicht und bedeckt seine Augen. Als er diese langsam freigibt, stockt ihm der Atem. Im ersten Moment kann er gar nichts sagen. Auf dem Küchentisch ist ein großer Berg aus Kabeln, Platinen, Gerätschaften aufgehäuft. Attila sitzt davor, hält einen Block in den Händen und ist mit einer Skizze beschäftigt. Zusätzlich sind zwei Stühle mit technischen Artefakten behängt. Wirre Kabelzöpfe hängen an ihren Lehnen hinunter. Mit einem davon spielt die Hauskatze. Trotz wildem Zerren gelingt es ihr nicht, ein einzelnes Kabel aus dem Bündel zu befreien. 'Nun, da gibt es zumindest einen Mitbewohner, den das Durcheinander freut', denkt Matz. Dann hat er den ersten Schock überwunden und findet die Worte für eine Frage.

"Attila, was möchtest du denn mit dem ganzen Krempel anstellen?"

"Ahh, hallo Matz. Guten Morgen!", freut sich der Angesprochene.

"Ich dachte, wir waren uns nach der wilden Technikbackaktion einig, dass die Küche nur für die Essenszubereitung und -einnahme Verwendung finden soll!"

"Wie ... ach so, du meinst die Baumdekoration hier. Sei nicht besorgt, die kann ich doch nicht in der Wohnstube zwischenlagern und zusammensetzen. In einigen Stunden ist das Geschichte und die Küche wieder frei."

Matz setzt sich auf den letzten, freien Stuhl. Vorsichtig zieht er ihn unter dem Tisch hervor, um nicht einige der darauf liegenden Teile zu Boden zu reißen. Erschrocken betrachtet er die Technik, die Attila zusammengesucht hat. Ja, es sind Drohnen dabei. Alles andere hätte ihn bei Attila auch verwundert. Aber auch der Inhalt einiger Beamer, ein Druckluftkompressor, mehrere große Lautsprecher und Verstärkerplatinen, eine kleine Flasche mit Propangas, einige elektronisch steuerbare Gasventile, Zündeinheiten, Steuerplatinen und ein großes Bündel Wunderkerzen sind darunter. Matz kommen die Technikteile viel eher wie die Zutaten für eine fliegende Bombe vor, als die einer Weihnachtsbaumdekoration.

"Was? Das willst du alles an die Kiefer hängen?"

Attila blickt ihn besorgt an: "Glaubst du, die Statik des Baumes hält das nicht aus? Vielleicht hast du Recht. Ich werde vorsichtshalber den Standfuß verstärken. Das Schweißgerät steht doch in der Garage, nicht?"

Matz gibt ihm keine Antwort, sondern sieht ihm nur traurig in die Augen. Hat Attila doch noch nicht seinen innere Ruhe gefunden? Fühlt er sich immer noch von Geräten verfolgt und kämpft mit dem Technologietrauma? Attila deutet die Fragen, die er seinem Gastgeber vom Gesicht ablesen kann, vollkommen falsch.

"Nein ... säubern muss ich bestimmt nicht danach. Es wird alles hervorragend laufen."

Matz's Besorgnis schlägt in Bestürzung und Angst um. Er versucht gedanklich jeglicher Erinnerung an das Backchaos und Attilas Reinigungsmethoden aus dem Weg zu gehen. Da er kein Politiker ist, hat er Probleme mit der Verdrängung von Gedankengängen. Als sein Hirn Schreckensbilder eines von Reinigungsschaum überfluteten Hauses generiert, befreit ihn Attila davon. Er beendet die Wahnvorstellungen mit einem Milchkaffee und dem letzten Drohnenkuchen.

"Hier Matz, iss etwas. Du musst dich stärken, das wird ein anstrengender Tag."

"Oh, ja", ist die gequälte Antwort und das Stöhnen klingt nicht gekünstelt.

Matz beißt auf das Anisplätzchen, das einen Rotor darstellen soll. Knackend zerplatzt es. Einige Krümel fallen in den Kaffee und schwimmen als gelbe Inseln auf diesem. Der frische Geschmack des Anis weckt ihn vollständig. Bedauernd stellt er fest, dass die letzten Minuten nicht Teil eines Traumes waren. Das Technikgestrüpp liegt immer noch auf dem Küchentisch.