; Freie Fahrt für freie Wissenschaftler

Freie Fahrt für freie Wissenschaftler

Arbeit! noch einmal Arbeit und immer wieder Arbeit!

Léon Gambetta

"Mit diesem Schrott willst du auf die Straße gelangen? Die Reifen sind doch durchgehend platt!"

Jewgeni steht vor dem dreiachsigen Lastkraftwagen und tritt mit seinem rechten Fuß kräftig gegen einen der schlaffen Reifen. In diesem bleibt eine leichte Delle zurück. Kein innerer Luftdruck sorgt dafür, dass die konkave Beule sofort wieder verschwindet. Jewgeni sucht an dem Rad das Ventil des Schlauches, kann es jedoch nicht finden. Ein seltsames Metallprofil zieht sich von der Narbe bis zu einer äußeren Stelle des Reifens. Es ist möglich, dass unter diesem Konstruktionsteil das Ventil verborgen ist. Nur, wie soll er es erreichen? Muss er jetzt das halbe Fahrzeug demontieren? Die sechs großen Reifen mit einer einfachen Luftpumpe zu befüllen, wird ebenfalls kein Spaß. Skeptisch und leicht deprimiert betrachtet er den Reifen und tritt lustlos ein zweites Mal gegen diesen. Hinter ihm taucht Wassili auf und geht auf ihn zu. Als er den Grund für Jewgenis Entmutigung erkennt, lächelt er belustigt.

"Na, Jewgeni, schon einen Reifen aufgepumpt?"

"Jaja, mach' dich noch über mich lustig! Deine Idee mit dem Stromgenerator war gut, nur ist das Aggregat hier in der Bunkerfalle gefangen. Nie im Leben bekommen wir das Ding ans Tageslicht heraus."

Jewgeni tritt ein drittes Mal gegen den Reifen und wendet sich zu Wassili um. Dieser lächelt ihn wissend an.

"Warte ab, das ist Militärtechnik. Der Wagen hat Niederdruckreifen und eine Regelanlage für den Druck in diesen. Wenn wir den Motor in die Gänge bekommen, dann blasen sich die Reifen von allein auf."

"Der Kasten hat solch eine Technik verbaut?", staunt Jewgeni.

"Klar, wir wollten den Krieg doch gewinnen", auf Jewgenis fragenden Blick antwortet Wassili: "Na gut, du hast Recht: Das hätte nicht ganz dafür ausgereicht..."

"Die Felgen stehen schon so lange auf den platten Reifen. Die haben doch den Gummi der Schläuche längst 'gelocht'. Die werden keine Luft mehr halten."

Wassili bückt sich und zeigt mit der rechten Hand unter den Lastkraftwagen. Dort sind grobe Holzblöcke zu sehen, auf denen das Fahrzeug ruht. Sie fangen das gesamte Gewicht ab und die Felgen der Räder drücken nicht auf den Boden.

"Sieh dort! Die Hölzer halten das Gewicht. Wenn die Reifen aufgeblasen sind, dann heben sie den Wagen von Hölzern und wir können wegfahren. Außerdem müssen die Schläuche gar nicht dicht sein. Sie bekommen ja ständig Luft vom Motor."

"Hmm, das mag funktionieren. Und wo fahren wir dann hin? Hier sind überall Wände und außerdem befinden wir uns unter der Erde!"

Jewgeni lässt die Schultern hängen und blickt Wassili traurig an. Alles an ihm drückt seine depressive Stimmung aus. Er ist der personifizierte Vorwurf: Für diese sinnlose Arbeit und Erkenntnis musste er früh am Morgen aufstehen, musste er die schweren Batterien durch den Wald ziehen und hier, in der Tiefe finden sie auch nur unbenutzbaren Schrott. Was jedoch am schlimmsten ist: Er muss den ganzen Weg wieder zurücklaufen. Wassili greift mit beiden Händen an Jewgenis Schultern drückt diese nach hinten und zieht sie gleichzeitig in die Höhe. Das sieht schon besser aus, stellt er zufrieden fest. Als er seinen Freund loslässt, fällt dieser wieder in sich zusammen und blickt traurig nach unten.

"Sei nicht immer so negativ! Dafür wird sich schon eine Lösung finden. Die verschworenen Putschisten haben den LKW hier hinein bekommen und wollten damit auch wieder heraus fahren. Ganz bescheuert waren die nicht - nur leicht bekloppt ...", erklärt Wassili und gibt Jewgeni einen Klaps auf den Rücken: "Komm jetzt, wir müssen die Batterien holen!"

"Aua! Elender Sklaventreiber! Und was soll uns das jetzt noch bringen?"

"Mein Gott! Wir bringen den Motor des Wagens in die Gänge, pumpen die Reifen auf, koppeln den Anhänger an und fahren in unser Sommerhaus. Das ist doch nun wirklich nicht schwer zu verstehen."

"Wenn du meinst..."

Jewgeni trottet schlurfend, energielos und mit hängenden Schultern hinter Wassili her. Sie gehen in Richtung des metallenen Schachtes, der an die Oberfläche, in den märkischen Wald führt.

"Das wird nicht funktionieren ... das wird nicht funktionieren ... das wird nicht funktionieren ...", spricht er fortwährend und leise vor sich hin.

****

Eine Stunde später sind die Batterien des Lastkraftwagens getauscht, das Öl in seinem Getriebe ist verdünnt und der Tank ist mit Benzin aufgefüllt. Dem Motor des historischen Fahrzeuges ist der Brennstoff, der ihn antreibt, fast egal. Bis hinunter auf 60 Oktan nimmt er jedes Benzin und andere, brennbare Flüssigkeiten. In Zeiten mit einer Versorgungsknappheit musste man nehmen, was man bekam.

"Abgesehen davon, dass ich beim Abseilen der Batterien in dem Schacht beinahe abgestürzt wäre, dass mich ein Benzinfass beim Befüllen des Tanks fast überrollt hätte, dass mir die große Ölkanne auf den linken Fuß gefallen ist und ich mir beim Zusammenprall mit der Kardanwelle unter dem Fahrzeug eine Platzwunde am Kopf zugezogen habe, ist alle in Ordnung und mir geht es gut", mault Jewgeni.

Er glaubt immer noch nicht an den Erfolg ihrer Operation. Beständig liegt er Wassili damit in den Ohren, dass sie den Lastkraftwagen nie ohne Bagger und Kran auf die Erdoberfläche bekommen würden. Nach einer halben Stunde hatte Wassili von dieser Litanei und dem schlechten Karma genug. Er holte sich eine Packung Schießwatte aus einem der Regale und stopfte sich die weißen Baumwollpfropfen in die Ohren. Jewgenis negatives Geplapper ist damit erträglich gedämpft und nur noch in Bruchstücken verständlich. Die Vorbereitungen für das erste Starten des Motors sind endlich abgeschlossen. Damit sein Freund beschäftigt ist, lässt Wassili ihn in das Fahrerhaus steigen, schließlich muss er den Wagen später auch fahren. Langsam und betont freudlos öffnet Jewgeni die Tür der Kanzel auf der Fahrerseite und klettert in das Fahrzeug. Dort setzt er sich hinter das große Lenkrad, blickt durch die Frontscheibe auf das Ende der Halle und wartet auf Anweisungen. Wassili beobachtet ihn und überlegt, was sein Freund unternehmen wird. Nach einigen Minuten wird das negativ gestimmte Nichtstun Jewgeni zu langweilig. Er greift an das Lenkrad und versucht dieses zu bewegen. So sehr er sich auch anstrengt, das große Rad lässt sich nicht verdrehen.

"Du Wassili, die Lenkung ist kaputt. Die lässt sich nicht bewegen. Wir können wieder nach Hause gehen."

"Nein, die hat nur keinen Servo, keine Lenkkraftunterstützung."

"Waaaas?! Solch einen prähistorischen Schrott soll ich steuern?"

"Ach Jewgeni, was meinst du, warum das Lenkrad so überdimensional groß ist?"

"Das heißt, ich kann nur Lenken, wenn das Fahrzeug rollt?"

"Jupp!"

"Und dafür müssen wir erst die Räder aufpumpen..."

"Jupp!"

"... das ist nur möglich, wenn der Motor läuft..."

"Jupp!"

"... das wird nicht funktionieren. Lass uns nach Hause gehen."

"Nein."

"Schade", Jewgeni blickt traurig von oben aus dem Fahrerhaus auf Wassili und fragt: "Darf ich dann den Motor starten?"

"Nein! Du möchtest doch nicht ersticken, oder?"

"Nein ... ich möchte nach Hause. Aber das interessiert dich ja nicht..."

Jewgeni lässt sich langsam nach vorn fallen. Er legt sich mit seinem gesamten Oberkörper auf das Lenkrad, lässt den Kopf darüber hängen und bewegt sich nicht mehr. Wassili betrachtet ihn einige Augenblicke von unten, vor der offenen Tür stehend. Dann geht er hinter den Lastkraftwagen, zieht einen flexiblen Metallschlauch, der von der Decke hängt, zum Fahrzeug und stülpt diesen über den Auspuff. Jetzt kann es losgehen!

Wassili schlägt mit einer Metallstange gegen die Rahmenkonstruktion unter dem Fahrzeug. Das Klirren hallt durch den Hangar und die Vibrationen des Zusammentreffens der Teile aus Stahl setzen sich durch den gesamten Wagen fort. Jewgeni schreckt im Fahrerhaus auf. Kommen die Geister wieder? Er kurbelt das Fenster herunter und blickt nach hinten.

"Na los, zünde endlich!", fordert ihn Wassili auf.

Gut, es sind keine Geister, jedoch ist das ein Hoffnungsschimmer auf dem Weg nach Hause. Endlich: nach dem dritten Versuch meldet sich der Motor hustend und stotternd. Die grobe Technik versucht mehr als zwanzig Jahre Tiefschlaf abzuschütteln. Das Fahrzeug zuckt und rüttelt sich und weitere drei Minuten später läuft der Motor im Standgas. Es ist ganz so, als ob sie sich noch in den 1990-er Jahren befinden würden und inzwischen nichts geschehen wäre. Für den Lastkraftwagen stimmt das auch irgendwie, er hat in der Zwischenzeit nichts erlebt, hat praktisch 'geschlafen'.

"Was habe ich dir gesagt, es funktioniert! Jetzt beladen wir unseren Transporter und dann sehen wir zu, wie wir auf die Straße kommen", ruft Wassili in das Fahrerhaus hinein.

Er läuft in Richtung des Anhängers davon. Die Reifen des Lastkraftwagens blasen sich langsam auf. Jewgeni hört das Zischen der Druckluft und spürt, wie das Fahrzeug einige Zentimeter in die Höhe gehoben wird. In dem Maße, in dem der Wagen von seinem hölzernen Lager frei kommt, verschwindet auch seine Depression. Der Plan seines Freundes hat bisher wider seine Erwartung funktioniert. Wassili wird somit ebenfalls wissen, wie sie den Bunker verlassen und an die Erdoberfläche gelangen werden.

****

Der kleine Fuchs, der das ungewöhnliche Geschehen in seinem Wald bereits am Morgen beobachtete, wird unsanft in seinem Bau geweckt. An dessen tiefster Stelle liegt er zusammengerollt zu einem wolligen und warmen Knäuel, träumt von wohlgenährten, schmackhaften, proteinhaltigen Mäusen und wartet auf das Einsetzen der Dämmerung. Bis dahin hat er noch einige Träume und Umsortierungen seiner Gliedmaßen vor sich. Nach dem Ermessen der Menschen beginnt die Abenddämmerung erst in einer guten Stunde. Aus den Tiefen der Erde ist plötzlich ein unheimliches Rumpeln und Stöhnen zu vernehmen. Vibrationen laufen durch den Erdbogen und die Gänge. Kleine Sandklumpen lösen sich durch die Erschütterungen und kullern über die Gänge des Baus in die Tiefe. Vorsichtig hebt der Fuchs seine Schnauze, richtet die Ohren auf und versucht alle Wahrnehmungen einzufangen, die seine Sinne erreichen. Für das gegenwärtige Geschehen findet er keine Vergleichswerte. Es ist ihm nicht möglich, das Ereignis einzuordnen, die Gefährdungslage zu beurteilen. Da immer mehr Sand zu ihm gelangt und er nicht verschüttet werden möchte, steigt der Fuchs durch die Gänge empor in den Wald. An der Erdoberfläche, im trüben Licht des langsam vergehenden Tages, kommt ihm im ersten Augenblick nichts ungewöhnlich vor. Die Vibrationen und das Stöhnen der Erde spürt und hört er auch hier. Dann sticht ihm ein beißender Geruch in die Nase. Es ist ein Gestank, den er sofort zuordnen kann. Er kennt ihn nur zu gut von den Straßen der Menschen. Zwischen diesen und seinem Bau liegt zum Glück ein weiter Weg und die dunklen, ebenen Bänder mit den vielen Gefahren und schrecklichen Gerüchen befinden sich alle außerhalb seines Jagdreviers. Unweit seines Standpunktes, auf einem leichten Hügel, bemerkt er ein qualmendes Rohr. Es strebt aus der Erde nur wenig in die Höhe. Würde er daneben stehen, wäre die Öffnung, aus der dunkler, stinkender Qualm quillt, nicht höher als seine Schulter. So plötzlich, wie das Stöhnen und Grollen in der Erde begonnen hatte, endet es auch wieder. Aus dem Rohr dringt eine letzte, schwarze Wolke mit einem lauten 'Pufffff!' hervor. Der leichte Nachmittagswind verteilt die Rußflocken im Wald, die aus der Wolke fallen und kurz darauf ist alles wieder wie immer - in seinem Wald. Der kleine Fuchs legt sich in den Sand vor dem Eingangsloch zu seiner Behausung und blinzelt in die wenigen, blassen Sonnenstrahlen, die den Boden unter den hohen Kiefern erreichen. Noch hat er etwas Zeit, bis die Mäuse wieder aus ihren Löchern kommen.

****

Jewgeni lässt das Leben in dem vor einigen Momenten auferstandenen Motor wieder ersterben und klettert langsam aus dem Fahrerhaus. Er ist wieder optimistischer gestimmt und glaubt zaghaft an einen möglichen, positiven Ausgang ihres Abenteuers. Hinter dem Lastkraftwagen ist ein metallenes Scheppern zu hören. Das muss Wassili oder einer der Geister sein. Letzteren möchte Jewgeni nicht wieder begegnen. Nicht dass er vor ihnen Angst hätte. Er weiß genau, dass sie harmlos sind, erschreckt hat ihr plötzliches Erscheinen ihn trotzdem. Um sich sicherer zu fühlen, möchte er Wassili in dem unterirdischen Hangar suchen. Noch bevor er damit beginnen kann, mischt sich ein 'Au! Mist!' zwischen die metallenen Töne. Das ist definitiv sein Freund. Freudig läuft Jewgeni hinter das Fahrzeug. Dort müht sich Wassili mit dem Aggregat ab. Dessen beide Räder sind inzwischen ebenfalls mit Luft gefüllt. Trotzdem rollt der Anhänger nur schwerfällig über den Betonboden des Bunkers. Wassili versucht die Deichsel des einachsigen Wagens bis zu der Kupplung des Lastkraftwagens zu ziehen. Gemeinsam gelingt die anstrengende Verbindung der Fahrzeuge den beiden Abenteurern. Was folgt, sind weitere Arbeiten, Arbeiten und nochmals Arbeiten. Zuerst suchen sie Waren und Ausrüstungsgegenstände zusammen und packen diese in schwere Holzkisten. Anschließend laden sie die Kisten auf den Lastkraftwagen. Mehrere Fässer, voll mit Benzin, folgen diesen. Jewgeni zieht die grobe Kette eines Flaschenzuges rasselnd über dessen Rollen und Wassili dirigiert das Fass auf die Ladefläche, das am Ausleger des einfachen Ladekrans befestigt ist.

"Das reicht jetzt aber. Was möchtest du denn mit dem ganzen Benzin anstellen? Das sind ja hunderte von Litern... außerdem möchte ich auch einmal Kranführer sein und nicht immer nur den Motor spielen", beschwert sich Jewgeni.

"Du glaubst gar nicht, wie viel Kraftstoff der ЗИЛ verbraucht."

"Was soll das alte Ding schon schlucken? Werden wohl so fünfzehn Liter sein", tippt Jewgeni.

"Nein, der benötigt mehr als vierzig Liter auf einhundert Kilometer! Und das Aggregat schluckt ebenfalls gewaltig."

"Upps - wir werden doch noch wegen Umweltverschmutzung verhaftet."

"Ach was! Das Militär darf alles", beruhigt ihn Wassili und ergänzt: "Und da du das alles nicht weißt, bist du nun einmal der 'Motor' und ich steuere die Verladung der Vorräte."

"Grrrr", brummt Jewgeni und rasselt dazu erbost mit der Kette, die in großen Schlaufen auf dem Boden der Halle liegt. Wassili stört diese neue Verstimmung nicht weiter. Er klärt seinen Freund über die Leistungsparameter ihres Transportgerätes auf.

"Ja weißt du, der ЗИЛ-157 ist eigentlich gar nicht so schlecht. Obwohl er nur die Kraft von 109 Pferden hat, schafft er bei über 5 Tonnen Leergewicht trotzdem etwa 60 Kilometer pro Stunde Höchstgeschwindigkeit. Wir werden also nicht besonders viel Zeit für den Rückweg benötigen. Dank des Allradantriebs auf allen drei Achsen sind wir nicht unbedingt auf Straßen angewiesen. Tja, dass es keine Servolenkung gibt, hast du ja schon herausgefunden. Du wirst mit dem Fahrzeug aber umgehen können, das weiß ich."

"Du machst dir das immer leicht - ohne eigene Fahrerlaubnis lässt du dich einfach kutschieren."

"Ja", freut sich Wassili.

Jewgeni findet des gar nicht lustig und rasselt noch lauter mit der Kette. Er möchte endlich aus dem Bunker verschwinden. Spannend wird wirklich, wie sie an die Erdoberfläche gelangen können. Für die letzte, entscheidende Frage besitzen sie noch keine Lösung.

"Nun haben wir aber wirklich ausreichend Zeugs geladen. Es ist kein Platz mehr bei dir auf der Ladefläche", stellt Jewgeni fest.

Er lässt demonstrativ die Kette des Flaschenzuges los und setzt sich auf das Ende der langen Bank an der Tafel. Wassili sucht nach weiteren Staumöglichkeiten, findet jedoch keine mehr.

"Schade ... dann werden wir wohl ein zweites Mal hierher müssen", stellt er fest.

"Waaas? Ohne mich!", protestiert Jewgeni sofort.

Wassili ist von der Ladefläche geklettert, an die Seite der Halle getreten und klopft gegen eine der großen, hölzernen Kisten in einem hohen Stapel aus diesen.

"Sieh hier, das ist ein verpackter Kurzwellensender mit fünf Kilowatt Leistung. Den benötigen wir bestimmt auch noch und Benzin lasse ich kein einziges Fass hier."

"Was willst du denn mit dem Sender? Doch nicht etwa nach Moskau zum Zaren telefonieren! Die Probleme mit Leonid sind dir wohl noch nicht ausreichend?", Jewgenis Stimme dreht beim letzten Satz in höhere Frequenzen.

"Uhhhhh - erinnere mich nicht an den!", wehrt Wassili das Thema 'Leonid' ab: "Der heißt nicht ohne Grund genau so wie 'der große Vorsitzende'!"

"Na siehst du! Dann lassen wir den Sender bitte hier."

"Ach Jewgeni, ich will nicht funken. Da sind Teile enthalten, die wir für unseren Tesla-Generator gut gebrauchen könnten", erklärt Wassili leicht bittend.

"Hmmm...", überlegt Jewgeni: "... trotzdem will ich hier nicht wieder her", stellt er anschließend fest.

Er steht von der Bank auf, geht zum Fahrerhaus des ЗИЛ-157 und klettert hinein. Darin angekommen, setzt er sich auf den Fahrerplatz, hinter das überdimensionale Lenkrad. Anschließend schlägt er die Tür zu, auf der der große, rote Stern prangt - in 'Drudenfuß-Ausrichtung'. Jewgeni beugt sich aus dem geöffneten Seitenfenster und ruft nach hinten.

"So, jetzt will ich nach Hause. Mach' was, bring' uns endlich an die frische Luft zurück. Ich warte!"

****

Bis hier ist alles klar gewesen. Sie haben die Ausrüstung gefunden, die sie für ihren aktuellen Auftrag benötigen, haben das Fahrzeug für deren Transport gangbar gemacht und es erfolgreich beladen. Doch wie kommen sie jetzt aus diesem Bunker heraus? Wassilis Hirn arbeitet im Hintergrund bereits seit Stunden an einer Lösung: bisher leider ohne Erfolg. Nicht einmal eine zarte, zaghafte Idee hat sich eingestellt. Über die gesamte Zeit versuchte er durch viele, andere Arbeiten, der Suche nach einer Lösung zu entfliehen. Diese geistigen und körperlichen Fluchtmöglichkeiten sind nun aufgebraucht und er steht immer noch vor einem Rätsel. Was hatten die verrückten Verschwörer damals geplant? Wie wollten sie den unterirdischen Hangar zu verlassen? Wassili kratzt sich mit der rechten Hand am Hinterkopf. Das schabende Geräusch, das seine Finger im Stoppelschnitt hinterlassen, ist deutlich zu hören, hilft jedoch nicht. Ihm drängt sich keine Idee, keine Lösung auf. Nachdenklich geht er langsam auf das Ende der Halle zu, das dem Einstieg gegenüber liegt und auf das die Motorhaube des Lastkraftwagens zeigt. Wenn es einen Weg gibt, dann muss er dort zu finden sein. Hier, am äußersten Rand der Halle, hatte er heute Morgen keine Petroleumlampen entzündet. Beim besten Willen kann er sich nicht erinnern, was dort ist. So sehr er sich auch anstrengt, ihm fällt nicht ein, wie dieses Ende der unterirdischen Halle beschaffen ist. Als er in den neunziger Jahren hier den Laufburschen gab, war er nie weiter als bis zur Motorhaube des ЗИЛ gekommen. Dahinter hörte für ihn die bekannte Bunkerwelt auf, da war damals so etwas wie ein Vorhang! Ja, jetzt fällt es ihm wieder ein. Wassili schlägt sich mit der flachen Hand vor die Stirn: Richtig, dort hing immer ein großes Tarnnetz von der Decke und vor diesem patrouillierte ununterbrochen ein Soldat mit Maschinenpistole, der niemanden passieren ließ. Wo ist das Netz jetzt geblieben? Er geht vorsichtig weiter in die Dunkelheit am Ende des Hangars hinein. Auch fünf Meter weiter trifft er auf kein Hindernis, keinen Vorhang. Wassili erinnert sich, dass er eine Taschenlampe bei sich trägt. Er greift in die Innentasche seiner Jacke, zieht die Lampe hervor und schaltet sie während des Gehens ein: keinen Augenblick zu spät. Der helle Lichtkegel, den sie erzeugt, zeigt ins Nichts!

Direkt vor Wassili verschwindet der Boden und mit ihm auch das Licht. Haben die Verschwörer die Hölle angebohrt? Ist hier das Ende der Welt versteckt? Er sieht intensiv den sich verlierenden Lichtstrahlen hinterher. Nach einiger Übung kann er etwas erkennen. Erst viele Meter tiefer trifft das letzte Licht auf einen kaum erkennbaren Untergrund. Er zuckt erschrocken zusammen und lässt sich unwillkürlich nach hinten fallen. Der rettende, raue Beton des Hallenbodens fängt ihn auf. Wassili sitzt mit aufgerissenen Augen vor einem Abgrund und seine Stiefel hängen bereits über die scharfe Kante hinweg, über der Tiefe. Er ist erstarrt, traut sich nicht zu bewegen, zu denken, nicht irgendetwas zu rufen. Nach einigen Sekunden verfliegt die Angststarre und er fängt sich wieder. Vorsichtig dreht er sich auf den Bauch, wendet und robbt auf den Abgrund zu, der sich vor ihm auftut. Er schiebt seinen Kopf über die Kante und leuchtet in die Tiefe. Etwa fünfzehn Meter unter ihm sieht er einen sandigen Boden. Das Licht der Taschenlampe zeigt ihm eine Grube von zehn Metern Breite und fünf Metern Tiefe. Hinter dieser ist das Ende der unterirdischen Halle zu sehen. Die Wand ist schräg, etwa in einem Winkel von 45 Grad steigt sie zur Decke an. Sie besteht aus Betonelementen, die durch zwei dicke Stahlseile gehalten werden. Diese sind im Boden verankert, laufen parallel in die Höhe und sind dort ebenfalls fest mit der Decke verbunden. Wassili möchte jetzt noch nicht über die Konstruktion am Ende der Halle nachdenken. Er benötigt einige, weitere Augenblicke der Entspannung. So schiebt er sich von der Kante hinweg, dreht sich auf den Rücken und bleibt auf dem Betonboden liegen. Mit der Taschenlampe leuchtet er an die Decke des Bunkers und denkt über die letzte Wendung des Abenteuers nach, die ihm zuteilwurde. Noch ein Schritt weiter und er wäre fünfzehn Meter in die Tiefe gestürzt. Wahrscheinlich hätte er sich das Genick gebrochen und niemand hätte seine Leiche dort unten jemals gefunden. Er wäre im großen 'Nichts' der Vergangenheit des Kalten Krieges verschwunden. Jewgeni wäre bestimmt aus dem Bunker geflüchtet und würde nie Gewissheit über sein Ende bekommen.

Jewgeni hat aus dem Fahrerhaus alles beobachtet. Weniger als zehn Meter von ihm entfernt wäre sein Freund beinahe in die Tiefe gestürzt. Er traut sich nicht, den Gedanken 'Was wäre dann geschehen?' weiter zu verfolgen. Sein Verstand verbietet ihm jegliche Spekulation über diese Variante des Fortgangs ihres Abenteuers. Nach einer Schreckminute reißt er die Fahrertür des ЗИЛ auf, springt hastig aus dem Wagen und läuft zu seinem Freund. Der liegt auf dem Rücken und leuchtet immer noch an die Decke. Jewgeni setzt sich neben ihn und beide schweigen weitere fünf Minuten. Dann packt Jewgeni seinen Freund bei den Schultern zieht in vom Boden hoch und schüttelt ihn.

"Mach das nie wieder! Hörst du: nie wieder!"

"Ich werde mich bemühen...", antwortet Wassili leise.

Jewgeni sieht ihn an, nimmt ihm die Taschenlampe aus der Hand und leuchtet auf die schräge Wand am Ende der Halle, die über der großen Grube hängt. Die Konstruktion sagt ihm nichts.

"Was soll das hier sein?"

"Ich kann mich nicht daran erinnern. Hinter dem Lastkraftwagen hing immer ein großes Tarnnetz von der Decke und davor stand ein Posten. Dieser Teil der Halle existierte für mich nicht, der war ein Tabu, über das niemand sprach."

Jewgeni leuchtet zuerst zur Decke und dann an die Seiten der Halle. Zur rechten Seite hängt wirklich ein zusammengefallenes Tarnnetz vor der gewölbten Hallenwand. Es liegt in weiten Wellen auf dem Boden. Offensichtlich ist das Halteseil in den vergangenen zwanzig Jahren durchgerostet, welches das Netz von einer zur anderen Seitenwand aufspannte und unter der Decke hielt.

"Tja, nichts ist ewig", kommentiert Wassili das zerrissene Seil und zusammengefallene Netz.

Jewgeni leuchtet abermals auf die schräge Wand hinter der Grube. Sein Blick und seine Aufmerksamkeit bleiben an den Ankern der beiden, starken Trosse hängen, die die Betonelemente zusammenhalten. An jeder ist ein gelbliches Paket angebunden, von dem jeweils ein dünnes Kabel zur rechten Seite der Halle führt. Er folgt mit dem Lichtkegel der Lampe den Kabeln. Diese enden an der Stelle in einer Zündbox, an der das zusammengefallene Tarnnetz den Boden berührt. Der kleine Kasten mit dem typischen Hebel an der Oberseite steht dort halb verdeckt von dem in Falten liegenden Netz.

"Upps, was soll denn das sein?"

Auch Wassili hat den Kasten entdeckt. Das ist sie, die Lösung ihres Problems!

"Ich glaube, damit können die Halteseile gesprengt werden. Dann fällt wohl die schräge Wand in die Grube. Dort ist dann bestimmt der Ausgang aus dem Hangar!"

"Ja, das kann sein. Sieh einmal: Dort liegen zwei schwere Metallschienen. Wenn man die über die Grube zieht, dann kann man mit dem Laster darüber fahren", stimmt ihm Jewgeni zu.

So einfach soll die Lösung ihres Problems sein? Ein Rucken am Hebel und dann verschwindet die hintere Begrenzung des unterirdischen Hangars? Und dann? Wird da ein Ausgang in den märkischen Wald freigelegt? Ungeachtet der vielen Fragen, die sich ihnen stellen, haben sie gar keine andere Wahl! Das ist die einzige Möglichkeit, die sich ihnen bietet, um den ЗИЛ-157 samt Anhänger und Ladung aus dem Bunker zu befreien. Einen Versuch ist es somit wert.

"Du, Wassili, die Metallschienen ziehen wir mit der Seilwinde des Lastkraftwagens über die Grube. Ich habe keine Lust, auch das noch als 'Motor' zu tun."

"Gute Idee! Lass uns anfangen - bringen wir es zu Ende!"

"Wie jetzt? Sofort?"

"Ja wann denn sonst?"

Jewgeni sieht ängstlich auf die Sprengladungen an den unteren Enden der beiden Stahlseile. Das ist definitiv gefährlich! Entweder die Explosion zerreißt sie in Stücke oder sie werden von dem einstürzenden Bunker zerquetscht. Noch vor einem Augenblick war der Plan für ihr Entkommen hypothetisch, gedacht, hatte keine praktischen Anteile, war bar jeder realen Substanz. Jetzt möchte Wassili ihn in die Tat umsetzen. Einfach so, aus dem Nichts heraus, beginnt er mit der Umsetzung!

"Du willst doch nicht wirklich sprengen? Das ist Kriegstechnik, die ist gefährlich..."

Jewgeni flüstert dies. Es ist fast so, als ob er glaubt, bereits eine laute Aussprache seiner Bedenken kann die Zündung der Sprengladungen bewirken.

"Ach was! Mach dir nicht ins Hemd."

Wassili geht langsam, aber zielstrebig und mit festem Schritt auf den Zündkasten an der rechten Außenseite der Halle zu. Während dessen läuft Jewgeni, so schnell es ihm möglich ist, zum Lastkraftwagen zurück. Er springt mit einem kräftigen Sprung in das Fahrerhaus, schlägt die Tür hinter sich zu und versteckt sich im Fußraum unter dem Armaturenbrett. Dort können ihn weder die Druckwelle der Explosion, noch Splitter treffen und das rundliche Fahrerhaus wird einigen Druck des einstürzenden Bunkers abhalten können. In diesem Versteck glaubt er geringe Chancen für ein Überleben der sich anbahnenden Katastrophe zu haben.

Wassili quälen keine Bedenken und Befürchtungen dieser Art. Er hat den kleinen Kasten erreicht, der die Sprengung auslösen soll. Natürlich wird er in wenigen Sekunden den Hebel auf dessen Oberseite nach unten drücken. Wissenschaftlich betrachtet löst er damit nur eine etwas heftigere, chemische Reaktion aus, die physikalisch gesehen starke Kräfte freisetzt und diese auf einige der angrenzenden Gegenstände überträgt. Also ist alles ganz einfach, erklärbar und aus seiner Sicht vollkommen ungefährlich. Natürlich bemerkte er Jewgenis Flucht und möchte ihn jetzt nicht im Unklaren über den Start der Aktion lassen.

"Hallo Jewgeni, ich zünde jetzt!", ruft er in die Halle, in Richtung des Fahrzeuges.

Sein lauter Ruf hallt durch den Raum und das Echo kommt Sekunden später wieder zu ihm zurück. Aus dem Lastkraftwagen kommt keine Antwort.

"Hallo Jewgeni, bist du noch in der Nähe?"

"Hrrrrch..."

"Waaas?"

"Mach doch was du willst - aber mach es jetzt endlich!", klingt es dumpf aus dem Fahrerhaus.

"Gut", damit beugt sich Wassili über dem Zündkasten und drückt den Hebel mit einem kräftigen Ruck in die kleine Box hinein.

Nichts geschieht - auch Sekunden später findet keine Explosion statt. Verblüfft betrachtet er die armdicken Stahlseile, welche immer noch die schräge Wand über der großen Grube halten. Er hatte erwartet, dass die einfache und robuste Technik funktioniert. Das war während der Zeiten des Kalten Krieges ihr unbestreitbarer Vorteil: Unverwüstlichkeit dank Ineffizienz und Primitivität.

Nun, da diese Zeit vorbei ist, scheint der historische Vorteil nicht mehr zu greifen, das Argument nicht mehr zu gelten. Heute ist alles 'digital', wahrscheinlich sogar die Sprengstoffe. Nach diesen kurzen, technik-philosophischen Abschweifungen besinnt sich Wassili und leuchtet mit der Taschenlampe von den Päckchen mit den Explosivstoffen entlang der Zündkabel bis zur Zündbox. Zwanzig Zentimeter vor dem kleinen Kasten, der zu seinen Füßen steht, enden die Kabel. Ihre Enden sind mit einem Öllappen umwickelt. Wassili versteht, dass vor über zwanzig Jahren bereits vorsichtig mit Sprengmitteln umgegangen wurde. Der Konstrukteur dieser Vorrichtung wollte Unfälle durch eine zufällige Auslösung vermeiden - bei den Wodka-Orgien, die in dem Bunker stattfanden, keine verkehrte Idee. Das Verschwinden von Armisten in diesem Zusammenhang wäre schwer erklärbar gewesen: 'Einige Putschisten haben ihren geheimen Bunker in stark alkoholisiertem Zustand gesprengt. Sie haben damit selbst den von ihnen geplanten dritten Weltkrieg verhindert...' In Moskau hätte man sich mit der Entscheidung für Straflager oder Orden sehr schwergetan. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen haben Putsch und Krieg zum allgemeinen Glück nicht stattgefunden. Somit hat Wassili heute die Möglichkeit, das Materiallager des Bunkers für seine Zwecke zu nutzen. Mit dem zeitlichen Abstand von zwanzig Jahren empfindet er das als gerecht und hilfreich. So setzt er sich zufrieden vor die Zündbox, wickelt die Kabelenden aus dem Öllappen und klemmt sie dann an die beiden Kontakte des Kastens.

"Zweiter Versuch", sagt er leise zu sich selbst, zieht den Hebel aus der Box und stößt ihn wieder hinein.

Dieses Mal beweist die historische Technik ihm, dass sie für die Ewigkeit konzipiert und gebaut wurde. Zwei Blitze zerreißen die Dunkelheit am Ende der unterirdischen Halle und ein unbeschreiblich lauter Knall, gefolgt von einem Stöhnen, hallt durch diese. Die Wucht und Druckwelle der Explosion werfen Wassili um und schieben ihn einige Zentimeter in die Halle hinein. Die dicken Halteseile sind gerissen und geben die Betonelemente frei, die schräg über der großen Grube das Ende des unterirdischen Hangars bilden. Eines der Seile löst sich von der Decke und fällt zischend in die Tiefe. Das andere pendelt in den Bunker hinein, schwingt auf den ЗИЛ zu und peitscht in die Frontscheibe des Fahrerhauses. Unter dem Aufprall zersplittert der getroffene Teil der Scheibe sofort. Das faserige Ende des Stahlseils fegt wie ein Schneebesen die glitzernden Kristalle des Sicherheitsglases zur Seite. In den Nachhall der Explosion, der immer noch durch den Hangar rollt, mischt sich ein helles Klirren und das Prasseln der Glassplitter, die über den Betonboden hüpfen. Wassili hat keine Zeit an Jewgeni zu denken, der sich in dem Fahrerhaus befindet. Ein kreischendes Knirschen nimmt seine ganze Aufmerksamkeit gefangen. Solch einen Laut, der jetzt von der Decke der Halle zu ihm dringt, hat er noch nie in seinem Leben gehört. Es ist ein beängstigendes Geräusch, das immer stärker wird. Die Haare in seinem Nacken stellen sich unwillkürlich auf und er schlägt instinktiv die Hände und Unterarme über den Kopf, um sich zu schützen. Dann löst sich das erste Betonteil von der schrägen Wand. Wie in einer Zeitlupenaufnahme klappt eine Seite des langen Rechtecks in den Raum und anschließend fällt das schwere Teil lautlos in die Tiefe der Grube. Noch während Wassili staunt, dass er den Aufprall an deren Boden gar nicht hört, dringt das dumpfe Poltern aus der Tiefe zu ihm. Vibrationen breiten sich durch die Halle aus und deren gesamte Stahlkonstruktion beginnt zu stöhnen. Staub rieselt von der Decke herunter. Bevor dieser auf den Boden fällt, lösen sich bereits weitere Betonteile aus der Wand und stürzen in die Tiefe. Ihnen folgen Sand, Büsche und ganze Bäume. Zuerst ist es nur ein kleines Loch, durch das das spärliche Licht des vergehenden Tages in den Bunker fällt. Schnell wird es größer. In der Art, mit der das Feuer eines Streichholzes ein kreisrundes Loch in ein Blatt Papier frisst, breitet sich das Sonnenfenster in der Wand aus. Nach kurzer Zeit hat das Licht die Wand verschlungen. Das Schauspiel ist beendet und es fallen nur noch vereinzelt Wurzeln und Sandballen in die Tiefe.

Der Staub in der Luft behindert das Atmen und die freie Sicht in die Halle. Die benötigt Wassili jedoch auch gar nicht. Jetzt kann er nur an Jewgeni denken, springt auf und ist innerhalb weniger Sekunden neben dem Lastkraftwagen, an dessen Fahrerhaus. Von der zweigeteilten Frontscheibe ist die Hälfte vor dem Lenkrad verschwunden. Über den Boden sind die Splitter des Sicherheitsglases verteilt und jeder Schritt Wassilis knirscht leise auf diesen. Das schwache Geräusch ist nach dem ohrenbetäubenden Lärm der Explosion irritierend. Er hält kurz inne, lauscht in die Stille der Halle und reißt dann die Fahrertür des Wagens auf. Der Blick in das Innere des Führerhauses lässt ihn erstarren. Im Fußraum unter dem Armaturenbrett liegt Jewgeni. Er rührt sich nicht und ist über und über mit Glassplittern übersät.

"Jewgeni? Jewgeni? Sag' doch etwas!"

Ein Fuß seines liegenden Freundes bewegt sich leicht. Einzelne Kristalle des Glases rieseln auf den Boden des Fahrerhauses und mischen sich mit dem Staub der Jahrzehnte, der sich dort angesammelt hat.

"Bin ich schon wieder auferstanden?", lässt sich Jewgeni leise vernehmen.

"Gott sei Dank, dir ist nichts geschehen!"

Wassili ist beruhigt. Außer einer geistigen Verwirrung scheint seinem Freund kein Problem aus dem Einschlag des armdicken Stahlseils erwachsen zu sein. Dessen Auferstehungsfantasie ist zwar nicht gut, aber auch nicht neu.

"War ich im Himmel?"

"Jewgeni! Schämst du dich nicht, als Wissenschaftler und Ingenieur an so etwas zu glauben?"

"Warum nicht? Was hat das miteinander zu tun?"

Jewgeni richtet sich langsam auf und klettert aus dem Fußraum auf den Fahrersitz. Die Splitter der Frontscheibe gleiten von ihm hinunter. Einige, die das Fahrerhaus durch die geöffnete Tür verlassen, fallen Wassili vor die Füße und springen klackernd über den Betonboden der Halle. Das Licht des Nachmittags funkelt in ihren unregelmäßigen Bruchflächen.

"Sieh nur: Jetzt fallen sogar himmlische Sternschnuppen aus dir heraus...", witzelt Wassili.

"Zuerst bringst du mich beinahe um und dann nimmst du mich nicht ernst. Einen schönen Freund habe ich da", beschwert sich Wassili.

Er blickt durch die zerstörte Hälfte der Frontscheibe auf den großen Ausgang in die Freiheit. Der ehemalige Bunker ähnelt jetzt wirklich einem Hangar. Da die gesamte, hintere Seitenwand fehlt, könnte man mit einem Flugzeug in die Freiheit des märkischen Himmels gelangen. Dieser zeigt sich mit wenigen Wolken und einer untergehenden Sonne sehr freundlich. Für die beiden Wissenschaftler aus dem fernen Transnistrien ist das eine Einladung zu ihrem nächsten Abenteuer.

"Auf jeden Fall hattest du recht mit dem Weg nach draußen. Dort war wohl ein Abhang an der Seite eines Hügels. Der Bunker scheint in diesen gebaut zu sein und jetzt, nachdem der Abhang vollständig in die Grube gerutscht ist, können wir endlich nach Hause fahren."

"Ja, fahren wir nach Hause!"

W25C2P10
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© 20.07.2016
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25. November 2013 12:45 Uhr
Ort: Waldstück hinter der Kommandantur in Wünsdorf
Personen: Jewgeni, Wassili
25. November 2013 15:22 Uhr
Ort: Waldstück hinter der Kommandantur in Wünsdorf
Personen: Jewgeni, Wassili
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