; Attila flüchtet

Attila flüchtet

Besser, wer fliehend entrann der Gefahr,
als wen sie ereilt!

Homer

Nachdem sie ihre Kleidung und Ausrüstung sortiert und zurechtgerückt haben, schlendern die beiden Polizistinnen langsam auf Attila zu. Das Schlagen des Christbaumes und dessen Verpackung war anstrengend genug, er möchte sich keine Erklärung für seine Aktion ausdenken müssen. Auch Denken ist anstrengend, gerade für Politiker. Obwohl er nun schon seit fast einem halben Jahr nicht mehr zum politischen Establishment gehört, fällt ihm das normale Leben immer noch schwer. Nach wie vor verfällt er in eine der beiden üblichen politischen Vorgehensweisen: aussitzen oder flüchten. In diesem Falle wählt er die Flucht.

Attila schlägt die hintere Tür des Drohnenfängers zu, springt in den Wagen und verhält sich so, als ober er die Polizistinnen gar nicht sieht. Als ehemaligem Spitzenpolitker fällt ihm das nicht schwer. Er hat aufgrund dieser Vergangenheit ausreichend Übung in Verdrängungstechniken und im Schauspielern. Rumpelnd startet der Motor des alten Transporters - zum Glück gleich beim ersten Versuch. Eine Rußwolke verlässt - ökologisch inkorrekt - den Auspuff und verdunkelt die hintere Ansicht des Wagens. In der feuchten, kühlen Novemberluft hängt sie schwer über dem Boden und der leichte Wind hat sichtliche Probleme, sie zu zerstreuen. Die beiden Polizistinnen können das Nummernschild nicht mehr erkennen. Da sie das Kennzeichen noch nicht notiert haben, beginnen sie zu laufen. Wild mit den Armen rudernd, gestikulierend und schreiend, versuchen sie den Wagen zu erreichen. Das gelingt ihnen nicht mehr. Sie haben fast zweihundert Meter hinter dem Transporter gehalten und viel Zeit mit anderen Tätigkeiten vertan. Eine der Polizistinnen zieht ihre Dienstwaffe aus dem Holster, steckt sie jedoch kurz darauf enttäuscht wieder dorthin zurück. Auf hundert Meter ist mit einer Pistole nichts auszurichten. Attila sieht ihre Bemühungen im Seitenspiegel und beschleunigt so stark der alte Motor es vermag. Er fährt sofort auf die rechte Spur der Fahrbahn. Diese wird immer noch durch sein Warndreieck freigehalten, das er einfach stehen lässt. In Gedanken lobt er sich für sein vorausschauendes Verhalten beim Aufstellen des Warnzeichens. Er geht davon aus, dass Matz 'elemec' den Verlust verstehen und ein weiteres Exemplar auf seinem Hof haben wird.

Um sich besser und schneller in den Verkehrsfluss einordnen zu können, schaltet Attila die grüne und die violette Rundumleuchte ein. Die benachbarten Autos werden lustig blinkend eingefärbt. In der linken Spur, direkt neben ihm, führt der Fahrer eines weißen Kleinwagens eine Notbremsung aus. Die zuckende Regenbogenbeleuchtung flimmert über das ebenfalls weiße Armaturenbrett hinter seinem Lenkrad. Er hat sich von der langen, monotonen Fahrt mit einem Hörspiel abgelenkt. Das plötzliche Farbenspiel passt ganz und gar nicht zu dem Mord am Nordseestrand, den er gerade gemeinsam mit einem denkfaulen Detektiv aufzuklären versucht. Der Fahrer zuckt zusammen und tritt dabei kräftig auf das Bremspedal. Attila nutzt die Lücke und lenkt den Drohnenfänger auf die linke Spur. Beim Einordnen fällt sein Blick auf die beiden Schalter für die Rundumleuchten. Neben ihnen ist ein dritter angebracht. Unter ihm klebt leicht schräg ein kleines, gelbes Abziehbild: Ein Dreieck mit einem schwarzen Ausrufezeichen in der Mitte. Eine der Ecken des Dreiecks wird durch einen weiteren Aufkleber verdeckt: Blau, rund und mit einem stilisierten Kopf, der Kopfhörer trägt.

Noch bevor Attila über die Bedeutung der Hinweiszeichen und die Funktion des Schalters nachdenken kann, hat sein Unterbewusstsein bereits den rechten Arm ausstrecken lassen. Der Zeigefinger der zugehörigen Hand klickt routiniert das Hebelchen des Kippschalters nach unten. Attila betrachtet verwundet seine rechte Hand, irritiert von deren Selbstständigkeit. Ein lautes, rhythmisches 'Rrrrr - rrrrr - rrrrr - - - rrrrr - rrrrr - rrrrr - - - rrr...' ertönt. Es klingt wie eine uralte, verrostete Straßenbahn - nur bedeutend lauter. Attila ist versucht, sich die Ohren zuzuhalten. Dazu müsste er das Lenkrad loslassen, was er aus verständlichen Gründen unterlässt. Seit er in dem Drohnenfänger unterwegs ist, hat er sich gefragt, warum Matz solch voluminösen Gehörschutz an den Rückspiegel gehängt hat. Jetzt weiß er es. Diese elektromechanische Schnarre, die wie eine hässliche, rostige Kröte zwischen den Rundumleuchten auf dem Dach sitzt, erzeugt einen so ungewöhnlichen und starken Lärm, dass die Insassen automatisch nach dem Hörschutz greifen. Attila streift sich die gewaltigen Kappen über die Ohren und freut sich, dass er den gedämpften Lärm ertragen kann. Der Fahrer in dem weißen Kleinwagen hinter ihm erschrickt ein zweites Mal, verreißt die Lenkung, rutscht halb auf die rechte Spur und würgt den Motor ab. Hinter Attila kommt der gesamte Verkehr zum Erliegen - alle Fahrzeuge stehen. Es gibt wieder einmal Stau auf der A12 zwischen Storkow und Friedersdorf.

'Na geht doch: Die Verfolgerinnen mit den hübschen Mützen bin ich los!', freut sich Attila in Gedanken.

Einige Augenblicke später kommt die nächste Abfahrt in Sicht: Friedersdorf. Attila möchte die Autobahn verlassen und möglichst schnell auf den Spreewaldhof zurückkehren, um seinen Auftrag abzuschließen. An Aufregungen und Schrecknissen hat er für den heutigen Tag ausreichend gesammelt, noch mehr meint er nicht zu vertragen. Die gelben Signale des rechten Blinklichtes sind in dem regenbogenfarbenen Licht der Rundumleuchten kaum wahrnehmbar. So ist Attila verwundert, dass sich in das grüne und violette Geflacker mit einem Mal blaue Farbtöne mischen. Haben die beiden Polizistinnen ihn doch noch eingeholt? Der Stau war doch perfekt organisiert, oder? Er blickt sich ängstlich um und entdeckt auf der Gegenspur einen sehr seltsamen Polizeiwagen. Ein Oldtimer, der mit blauen Rundum- und Blinkleuchten nur so übersät ist, fährt mit laufenden Sirenen auf die Autobahn. Dem Heulen nach, das Attila unter seinem Gehörschutz vernimmt, müssten es mindestens fünf Polizeiwagen sein. Dort fährt jedoch nur ein einziger - mit vollem, akustischem Einsatz.

'Oh, nicht nur Matz setzt auf Effekte', staunt Attila, während er die Autobahn verlässt.

Er minimiert sofort die mediale Abstrahlung des Drohnenfängers, geht auf audiovisuelle Tauchfahrt. Eventuell war dieser Polizeioldtimer auch hinter ihm her. Das bunte Flackern verlischt und das Schnarren verstummt. Warum auch immer ihn alle und alles suchen, verfolgen, mit Sprengungen attackieren oder einfach nur belästigen. Er hat inzwischen mehr als genug davon. Nur nicht mehr auffallen, schließlich hat er seine Mission im Auftrag der Festtage nahezu beendet und jetzt befindet er sich einmal mehr auf der Flucht. Damit kennt er sich inzwischen sehr gut aus. 'Flucht' ist praktisch zu seinem zweiten Vornamen geworden.

****

Der kleine Ort hinter dem Autobahnanschluss ist schnell durchquert. In südlicher Richtung begrenzen ihn Bahngleise und ein Flugplatz. Maulwürfe haben dessen herbstlich-matschig-bräunliches Grasland verwüstet. Ihre kleinen, schwarzen Hügel bilden unregelmäßig verteilte Tupfen auf der Wiese. Attila ist an einen der Albträume erinnert, die ihn quälten, als er noch Politiker war. Jetzt, da er nicht mehr dazugehört, kann er besser schlafen. Sein Gewissen verschont ihn mit nächtlichen Ermahnungen und die Heerscharen von weißen Kaninchen besuchen ihn nicht mehr in seinen Träumen. Während er sich über diese kleine Normalisierung seines Lebens freut, übersieht er beinahe die Hinweisschilder an einer Kreuzung. Zumindest sein Unterbewusstsein ist noch aufmerksam und filtert das Wort 'Storkow' aus der Szenerie neben der Straße heraus. Dieser Teil seines Denkapparates ist es auch, der die Notbremsung einleitet. Quietschend hält der Drohnenfänger direkt vor dem Hinweisschild und einem Mann, der darunter steht. Attila hat nicht bewusst gebremst und somit auch nicht die Kupplung betätigt. Ruckelnd kommt der Transporter zum Stillstand, der Motor wird vom blockierenden Getriebe abgewürgt. Das vordere Nummernschild ist weniger als fünf Zentimeter von den Beinen des Mannes entfernt. Hätte Attilas Unterbewusstsein nicht den Wagen an dieser Stelle angehalten, wäre ihm der unscheinbare Mann mittleren Alters gar nicht aufgefallen. Er hätte ihn einfach übersehen - praktisch durch ihn hindurch gesehen. Der Mann ist relativ klein, trägt einen hellen Trenchcoat und ein schwarzes Barett. Einzig und allein auffallend ist der breite, dunkle Schnauzbart. Über beiden Schultern des Mannes ragen schmale, tarngefleckte Futterale empor. Er blickt starr über die Motorhaube des vor ihm stehenden Drohnenfängers hinweg und scheint Geschehnisse in der Ferne zu beobachten, irgendwo auf den Wiesen hinter dem Flugplatz und dem Bahndamm. Keine Regung ist im Gesicht und der ganzen Gestalt zu erkennen.

'Seltsamer Angler - beinahe hätte ich ihn überfahren - vielleicht ist es ja eine Werbepuppe für Angelausrüstung', denk Attila, öffnet die Tür und steigt aus.

Zuerst einmal muss er sich von der eigenständigen Handlung seines Unterbewusstseins erholen. Anschließend möchte er feststellen, ob da Figur oder Mensch unter dem Schild stehen. Erst ganz am Ende der Ablaufkette möchte er sich mit dem Hinweisschild und den darauf ausgewiesenen Richtungen und Orten beschäftigen. Attila weiß, dass er damit sein Unterbewusstsein ärgert, da er es ignoriert und außerdem hat er die Gelegenheit, unangenehme Dinge aufzuschieben. Obwohl das gar nicht seinem üblichen Verhalten entspricht, hat er beschlossen, den Augenblick auf diese Art und Weise zu genießen. Das wird sein Unterbewusstsein doppelt bestrafen. Knackend reckt er seine Arme in den Himmel, streckt die Beine und sieht den Strahlen der niedrig stehenden Herbstsonne zu, die die Bäume neben der Straße herausfiltern. Attila erfreut sich an der Ruhe und atmet die nach Pilzen riechende Waldluft ein. Weitere Fahrzeuge sind nicht zu sehen und zu hören, es ist einfach großartig hier. Mit einem 'Huhh' stößt er die viele, gute Luft wieder aus und blickt über die Wiese des Flugplatzes. Flugzeuge oder -geräte sind nicht zu sehen. Die Anzahl der Sonnenstunden ist wohl für diese Freizeitbeschäftigung bereits zu kurz und an einem Montagnachmittag im November hat niemand die Muße für sein Hobby. Fliegen ist immer mit Technik verbunden. Ob es hier einen Fliegerhorst gibt? Dort stehen bestimmt die Flugzeuge und anders, technologisches Gerät ... Drohnen? Vom Schlag der magischen Bedrohung des Gedanken getroffen, sinkt Attila in sich zusammen und läuft hinter den Transporter. Vorsichtig öffnet er die Hecktür des Drohnenfängers und inspiziert die Messgeräte auf den langen Regalen in den Seiten des Laderaumes. Nichts! Nur wenige von ihnen zeigen überhaupt eine Aktion. Der Standplatz ist schreckenstechnikfrei! Ist das wirklich möglich? Besorgt klopft er gegen das Gehäuse des Gerätes, welches er vor einigen Stunden als 'Drohnenradar' identifizierte. Dessen Display zeigt nur einen blassen Punkt, exakt in seiner Mitte: Keine zuckende Amöbe, keine gierigen Tentakel, keine roten Farben sind zu sehen. Nichts greift nach dem Rand des kleinen Bildschirms. Zum zweiten Mal stößt Attila die angehaltene Luft mit einen lauten 'Huhh' aus.

Während der gesamten Zeit, in der sich Attila hier befindet, um den Drohnenfänger läuft und die Gegend beobachtet, hat sich der Mann unter dem Schild nicht bewegt. Er steht immer noch genau so starr und unscheinbar dort, wie zum Augenblick des unfreiwilligen Einparkens. 'Ist wohl wirklich eine Figur', denkt Attila, tritt an Puppe und Schild heran und klopft mit den Knöcheln seiner rechten Hand gegen den Kopf der Figur. Er erwartet, dass seine Finger auf der nachgebildeten Stirn ein leises, hohles 'Pock, Pock' erzeugen. Attilas Annahme bestätigt sich nicht. Abrupt bewegt sich die Puppe, vollführt eine hastige Drehung auf ihn zu und meldet sich laut und aufgebracht.

"Was soll das? Bei ihnen ist wohl die Schüssel nicht ganz dicht!"

"Nicht so laut, das stört meinen Moment der technologischen Freiheit", antwortet Attila seinerseits entrüstet und ebenfalls erschreckt. Eine belebte Puppe hat er nicht erwartet.

"Was? Ähh, verstehe ich nicht ... egal ... verschwinde hier einfach. Ich möchte gern mitgenommen werden - reise per Anhalter. Wenn du hier stehst, hält niemand."

"Hmm, ich sehe niemanden, der anhalten könnte. Und irgendwie - sind sie unsichtbar - bis man gegen sie stößt. Ist mir noch nie so begegnet...", wundert sich Attila.

"Ich bin auf der Flucht, möchte nicht auffallen."

"Ja, das kenne ich. Das kommt mir sehr, sehr bekannt vor. Ich bin faktisch und praktisch auf der Dauerflucht. So immer ... so."

Attila ist belustigt. Die sprechende Puppe ist nicht nur maximal unscheinbar, sondern auch irritierend direkt.

"Ach so."

"Ja, leider."

"Ja."

Für etwa zwei Minuten sagen beide nichts mehr und blicken unmotiviert in die Luft. Sie versuchen gekonnt, ihre Blicke nicht zu kreuzen und am Horizont nicht die gleichen Punkte zu fixieren.

"Du..."

"Ja?", Attila weiß nicht, was er auf 'Du' antworten kann.

"Du, sage mal? Da wir doch beide flüchten, können wir das nicht auch gemeinsam fortsetzen?"

"Ja, eigentlich schon. Im Drohnenfänger ist ja der Beifahrersitz noch frei."

"Drohnen... was?"

"'Drohnenfänger', das ist so ein Matz-'elemec'-Ding."

"Verstehe ich schon wieder nicht... Egal, wäre nett, wenn du mich nach Storkow mitnehmen...", weiter kommt der Mann mit dem Barett nicht.

"NEIN!!!!!"

Attilas Reaktion ist mehr als eindeutig und mächtig laut. Bei seinem Ausruf springt er zurück, blickt sich erschrocken nach hinten um und verschränkt die Hände schützend vor seiner Brust. Sein Gegenüber sendet ihm nur einen verwirrten Blick des Unverständnisses.

"Hast du Probleme mit Stor..."

"NEinnn...hh...hh...hh", dieses Mal geht der Ausruf in ein leises Flüstern und Husten über.

"Nein, da fahre ich nicht hin. Ich nehme die andere Richtung", bringt Attila hervor und wendet sich dem Drohnenfänger zu.

Während Attila sich auf den Fahrersitz des Transporters setzt, möchte der unauffällige Mann auf der Beifahrerseite einsteigen. Die Tür lässt sich nicht öffnen, da sie fest mit dem Rahmen verschweißt ist. Er reißt und rüttelt am Türgriff, der nur noch eine Attrappe ist. Attila bedeutet ihm von innen, dass er zur Fahrertür kommen soll und steigt wieder aus. Umständlich quält sich der unscheinbare Flüchtende über Schalt- und Handbremshebel quer durch den Wagen zum Beifahrersitz. Die beiden Futterale mit dem sperrigen Inhalt, die er gekreuzt auf den Rücken geschnürt hat, nimmt er dafür nicht von den Schultern. So sitzt er einige Minuten später zwischen Armaturenbrett und Lehne beengt und eingeklemmt neben Attila.

"Ich bin übrigens 'Der Maler'."

"Sagt mir nichts."

Das ist natürlich nicht wahr. Wer kennt die Aktionen des Malers nicht? Attila kann sich sehr gut an viele seiner Wahlveranstaltungen erinnern, die in orangefarbenen Markierungen von allzu populistischen Rednern endeten. Heute ist ihm das aus verständlichen Gründen nicht mehr wichtig, heute teilen sie das gleiche Los: Sie sind beide auf der Flucht.

"Egal wohin, nimm mich einfach ein Stück mit - ich muss hier weg."