; Der Auftrag

Der Auftrag

Die Engel sind uns ganz nahe und schützen uns und Gottes Kreaturen in seinem Auftrag.

Martin Luther

Jewgeni sitzt an der langen Tafel, mitten in dem großen, spärlich erleuchteten Bunker und knabbert an einer grünen, salzigen Tomate. Das vor über zwanzig Jahren eingelegte Gemüse schmeckt seifig, ist aber besser als gar nichts. Nachdem er die Wodka-Kur des Morgens überstanden und den größten Teil seines Rausches ausgeschlafen hat, stellt sich bei ihm ein kräftiger Hunger ein. Eine der Konservendosen mit Suppe möchte er nicht öffnen, da er vermutet, dass deren Inhalt noch scheußlicher schmeckt, als die grünen, eingelegten Tomaten. So begnügt er sich mit dem historischen Gemüse. Nebenher beobachtet er seinen Freund beim Aufwachen. Dieser liegt immer noch mit dem Kopf auf dem Tisch. Inzwischen hat er ihn zur Seite gerollt und der große, bläuliche Fleck einer Prellung wird sichtbar. Jewgeni wird es langweilig, er möchte nicht mehr warten und weckt den Schlafenden mit einer laut geäußerten Frage.

"Du, Wassili, was hat denn nun dieses geheime Lager mit unserem Auftrag zu tun?"

"Uhhhh - warte - langsam ... mein Kopf schmerzt noch."

"Woher hast du eigentlich den blauen Fleck auf der Stirn?"

Wassili sieht Jewgeni fragend an und fasst sich mit der rechten Hand an die Stirn. Tastend sucht er mit den Fingern über diese hinweg. Nach wenigen Zentimetern berührt er den großen Fleck genau in dessen Mitte und zuckt zusammen.

"Ah - das schmerzt."

"Ja, und was machen wir jetzt?"

"Halt, warte doch - nicht so viele Fragen auf einmal. Ich muss erst wach werden und eine Schadensanalyse aller Körperteile durchführen."

"Du hast selbst Schuld, hättest dich ja nicht von dem Schnauzer verleiten lassen müssen."

Wassili erinnert sich langsam wieder an jedes Detail der morgendlichen Erlebnisse in der unterirdischen Halle. Da waren mit einem Mal die drei Gestalten aus der Vergangenheit des geheimnisvollen Ortes. Die sprechenden Hologramme tauchten plötzlich auf und mischten sich in ihre Feier ein. Waren es vielleicht doch Geister? Oder war der Wodka gepanscht und mit Psychopharmaka verunreinigt?

"Du hast den Feldwebel und die Offiziere auch gesehen, Jewgeni?"

"Die haben mir einen gewaltigen Schreck eingejagt, ich hielt die für 'echt' und die Besitzer des Lagers. Jetzt, wo ich wieder nüchtern bin, ist mir klar, dass sie harmlose Abbilder aus einer vergangenen Epoche sind."

Psychopharmaka und verunreinigter Wodka können als Ursache also ausgeschlossen werden. In diesem Falle hätten sie nicht exakt die gleichen Erlebnisse gehabt. Was jedoch war das dann gewesen? Geister? Als Naturwissenschaftler hält Wassili gar nichts von dieser These, nur eine passendere Erklärung fällt ihm in diesem Augenblick auch nicht ein.

"Ich hoffe das ist so. Den Feldwebel kannte ich. Ich war froh, dass er mich nicht mit Namen ansprach."

"Kann der gar nicht. Das muss eine Art Aufzeichnung sein. Wir können ja die Geräte suchen, die das abgespielt haben."

"Ja, vielleicht...", antwortet Wassili leise und nachdenklich.

Jewgeni besinnt sich auf die Frage, mit der er seinen Freund weckte. Zu gern möchte er wissen, was dieser Ausflug eigentlich zum Ziel hat. Der geheimnisvolle Bunker ist ja ganz interessant, passt aber irgendwie gar nicht in ihre Pläne. So wiederholt er seine Frage.

"Und warum sind wir nun hier? Bist du jetzt wach genug, um mir das zu beantworten?"

"Ja."

"Was, 'Ja'?"

"Ach so, ja ... Ist doch ganz einfach, ich wusste, dass hier ein kräftiger, mobiler Stromerzeuger steht. Den benötigen wir für den Bau unseres Tesla-Generators. Damit kann uns niemand ausfindig machen, da wir die Energie nicht aus dem öffentlichen Netz beziehen und keine messbare Schwankung in diesem verursachen. Und einige andere Dinge finden wir hier auch noch."

Wassili lässt den Kopf wieder auf den Tisch sinken und berührt dessen grobe Platte mit dem großen, blauen Fleck an seiner Stirn. Er zuckt zusammen und richtete sich sofort ruckartig auf, als hätte er in eine Steckdose gefasst.

****

Eine Woche zuvor warten Jewgeni und Wassili auf einen möglichen Kunden. Inzwischen haben sie ihn bitter nötig, ihre finanziellen Reserven sind aufgebraucht. Im auftraglosen Leerlauf befinden sie sich bereits seit fast zwei Wochen. Für diesen Tag hat sich endlich ein Besucher in ihrem Versteck angekündigt. Ende Oktober haben sie beschlossen, in Deutschland zu bleiben. Ihren letzten, großen Auftrag konnten sie bisher nicht erfolgreich ausführen und vermuten nun, dass sie bei ihrem jahrelangen Hauptauftraggeber in Ungnade gefallen sind. Леонид Ложкой hat sich zwar bisher nicht bei ihnen gemeldet und noch keine 'Nachbesserung' verlangt, trotzdem haben sie Befürchtungen, die bei einem Mafia-Boss nicht ganz unangebracht sind. Sie haben die Zielperson ihres Auftrages, den ehemaligen Spitzenkandidaten der 'Wahren Partei des Deutschen Volkes', Attila Schlottermüller, aus den Augen verloren. Er ist untergetaucht und trotz ihrer vielen, technischen Hilfsmitteln gelingt es ihnen nicht mehr, ihn aufzuspüren. So sind auch sie nun auf der Flucht und trauen sich nicht mehr nach Transnistrien zurück. Außerdem genießen sie die ungewohnten Freiheiten in Deutschland. Hier kontrollieren zwar Politessen streng die Parkordnung, die Ordnungsmacht selbst tritt jedoch so gut wie nie in Erscheinung. Polizei scheint es kaum noch zu geben und ihre Vertreter sind in der Öffentlichkeit sehr selten anzutreffen. Hier kann man ungestört tun, wonach einem ist. Solange man nicht den Nachbarn belästigt, droht keine Entdeckung oder gar Bestrafung. Ihr Nachbar ist ausgesprochen freundlich. Er hat den beiden Wissenschaftlern sein Sommerhaus vermietet - gegen wenig Geld und einige, kleine Gefallen.

Ein älterer Einwohner Storkows besucht sie am Nachmittag des 18. Novembers in ihrem ländlichen Domizil vor den Toren der märkischen Kleinstadt. Er hat eine ihrer fliegenden Visitenkarten gefunden und sie über den 'toten Anrufbeantworter' in der fernen Heimat hinter dem Dnister kontaktiert. Da sein Anliegen nicht wirklich legal ist, wundert er sich nicht über die ungewöhnliche Landesvorwahl und auch nicht darüber, dass die beiden Wissenschaftler zum Ende des Herbstes in einem Sommerhaus wohnen. Der Besucher beklagt sich bei ihnen über einen simplen Nachbarschaftsstreit. In ihrer Heimat würde der mithilfe des Gewehrs vom Großvater - das der aus dem Krieg mitbrachte - gelöst werden. In diesem Teil Deutschlands gibt es solche Mitbringsel nicht mehr. Die sind alle nach dem großen Desaster, das der österreichische Migrant auslöste, eingesammelt worden. Eine Tatsache, die Jewgeni freut und ihm zusätzlich ein sicheres Gefühl vermittelt. Das gilt nicht für ihren Besucher. Der erregt sich während seiner Erzählung mächtig. Er hat in jahrelanger, aufopferungsvoller Arbeit einen Rosenstock gezüchtet. Herrliche, große Blüten, auf deren Blättern sich schwarze und rote Streifen abwechseln, zieren das Gewächs. Ganze zwölf Jahre hat es gedauert, bis die äußerst ungewöhnliche Zucht gelungen und in einem vorführbaren Zustand war. Im vergangenen Jahr hatte der Züchter den Stock für einen Wettbewerb angemeldet. Einer der ersten Plätze schien sicher und damit viel Ehre, ein kleines Preisgeld und der Vertrag mit einer großen Gärtnerei auch. Die viele Arbeit und die Vorfreude waren kaum auszuhalten - auch nicht für den Hund des Nachbarn.

"Und als die ersten Blüten aufsprangen, sprang dieses Vieh auch: über den Zaun!"

"Eine Kuh? Ihr Zaun scheint sehr niedrig zu sein, wenn Kühe über diesen springen können", stellt Jewgeni fest.

Er erinnert sich an den flachen Zaun, der vor einem Supermarkt als Parkplatzabgrenzung installiert war. Vor einer Woche verhakte sich in diesem die hintere Schürze ihres VW-Busses. Er wollte vorschriftsmäßig vor dem Geschäft parken und fuhr in der engen Parklücke nur wenige Zentimeter zu weit und über diesen Zaun. Wenn man in Deutschland sein Auto nicht vorschriftsmäßig auf den markierten Parkflächen abstellt, kommen die Politessen. Die scheinen das zu riechen und werden von Parkverstößen auf eine unheimliche, magische Art angezogen. Deshalb versucht er inzwischen, sich im Straßenverkehr überkorrekt zu verhalten, sozusagen wie ein Überdeutscher. Beim Ausparken hat die Zwergenabsperrung dann das hinterste Plastikteil von ihrem Fahrzeug gerissen. Es gab einen Knall, Wassili ist vor Schreck von seinem Sitz in den Fußraum gerutscht und er selbst durfte nach diesem Desaster die Schürze wieder zusammenkleben und montieren. Er fragt sich immer noch, welchem Zweck diese Minibegrenzung dienen sollte. Mehr als 'deutsche Reviermarkierungsmacke' fällt ihm beim besten Willen nicht ein. Der Parkplatzarchitekt war wahrscheinlich auch einer dieser Überdeutschen. Ihr Besucher scheint ebenfalls diesem Wahn verfallen zu sein.

"Ein Hund! Ein fieser Piesel-Hund!", entrüstet sich der Mann.

Er ist so aufgeregt, dass er wieder aufgestanden ist und heftig gestikuliert. Seinen lauten Ausspruch unterstreicht er mit einer Geste, die das Erwürgen des Tieres mehr als deutlich visualisiert. Nach der Krümmung der Hände zu urteilen, hat der Hund nur einen sehr dünnen Hals.

"Ein kleiner, nerviger Hund ist also ihr Problem...", stellt Wassili enttäuscht fest.

Für Tiere fühlt er sich nicht zuständig. Kann der Mann nicht einfach den Hundefänger rufen? Der würde das 'Problem' für ein Handgeld schnell und effizient beseitigen. So tief sind sie nun wirklich nicht gesunken, dass sie diesem Handwerk nachgehen müssen. Schließlich sind sie Technikspezialisten, die einen untadeligen Ruf auf dem Gebiet der High-Tech-Verfolgung und -Erpressung haben! Außerdem hat das Fangen von Hunden keinen wissenschaftlichen Anspruch. Diesen versuchen sie bei jedem ihrer Aufträge zu wahren, das stärkt im Markt den Mythos, der sich inzwischen um ihre Arbeit rankt und die Marke 'Wassili & Jewgeni' selbst. Es macht sie und ihre Taten einzigartig und wiedererkennbar.

"Oh ja ... und ich will das Vieh am liebsten grillen!", seufzt der Mann immer noch laut und aufgeregt.

"Iigitt, sie wollen einen Hund essen?"

Jewgeni ist sein Entsetzen deutlich anzusehen. Er schüttelt sich bei der Vorstellung eines enthäuteten Hundes auf einem Grillrost. In der Hitze der Gasbrenner sieht er den dünnen Schwanz noch zucken und gelbe Flammenspitzen greifen nach den nackten, blutigen Beinen. Als sein Hirn ihm anschließend zu allem Überfluss auch noch vorspielt, wie das durchgebratene Tier tranchiert und in Teilen auf Teller gelegt wird, würgt es ihn heftig. Der Gast setzt sich vor Schreck wieder auf seinen Stuhl, sieht Jewgeni entsetzt an und versucht ihn zu beruhigen.

"Nei-neinnn! Natürlich nicht ... aber dieses Tier hat mich ruiniert. Es ist wirklich nervig. Ich kann es einfach nicht mehr sehen und lernfähig ist der Hund wirklich nicht. Ich habe schon alles Mögliche versucht, ihm das Pinkeln abzugewöhnen."

Jewgeni ist nun noch verwirrter als zuvor. Der Mann scheint nicht ganz klar im Kopf zu sein. Ein Hund muss urinieren, wie jedes andere Säugetier auch. Was will der jetzt eigentlich von ihnen?

"Sie wollen ihrem Hund das Pinkeln abgewöhnen? Haben sie ihn abgeklemmt? Was soll das bringen? Am Ende platzt das Tier noch."

"Wirklich? Vielleicht ist das überhaupt DIE Lösung...", überlegt der Gast laut und starrt nachdenklich aus dem Fenster.

"Aber was hat ihr Hund ihnen denn nun getan? Sie können ihn doch in einem Tierheim abgeben", versucht Wassili das Gespräch wieder in eine sachliche Richtung zu lenken. Vielleicht ist doch noch ein Auftrag für sie auszuhandeln.

"Nein, ist nicht mein Hund. Das Vieh gehört dem Nachbarn!", korrigiert der Besucher und fährt etwas ruhiger mit seiner Erzählung fort: "Der Hund des Nachbarn sprang immer wieder über den Zaun, der übrigens anderthalb Meter hoch ist. Das Tier nahm Anlauf, lief von der Seite an den Zaun heran, an diesem hoch und rollte sich über die Kante. Alles lief genauso ab, wie ich es bei der Armee an der Eskaladierwand anstellte. Sie wissen: die Bretterwand auf der Sturmbahn. Ich habe vorher nie einen Hund auf diese Art und Weise über einen Zaun springen sehen. Anschließend lief er geduckt auf dem kürzesten Weg zu dem Rosenstock, pinkelte dagegen und verschwand sofort wieder zurück zum Nachbargrundstück auf dem gleichen Weg, auf dem er gekommen war. Ich habe das mehrfach beobachtet: Es war - und ist immer noch - als ob der Hund dazu abgerichtet wurde. Können sie sich das vorstellen? Natürlich habe ich den Nachbarn darauf angesprochen und ihn gebeten, seinem Hund das abzugewöhnen oder zu verbieten, da meine Rose tägliche Angriffe dieser Art nicht lange überstehen würde. Tja, meine Rose..."

Da er die Erzählung unterbricht, ohne das Ende zu verraten, sehen Jewgeni und Wassili den Mann erwartungsvoll an.

"Und?"

"Nichts 'und'. Der Nachbar leugnete das Verhalten seines Hundes. Selbst als ich ihm mehrere Videos davon zeigte, sagte er 'Ich sehe das aber anders.' Der hat die Tatsachen komplett ignoriert! Die interessierten ihn gar nicht. Der ist 'postfaktisch'."

Wieder entsteht eine Pause, während der Mann resigniert auf den Boden und die Spitzen seiner Schuhe sieht. Er atmet hörbar aus und schweigt.

"Und?"

"Na, nichts 'und'. Nach einer Woche begann der Strauch gelbe Blätter zu bekommen, nach drei Wochen war er tot und das Vieh springt immer noch mehrfach täglich über den Zaun und pieselt gegen die tote Pflanze."

"Ist ihr Nachbar dumm? Na sie wissen schon: nicht ganz zurechnungsfähig oder geistig behindert oder so?", fragt Wassili, der sich ein solches, widersinniges Verhalten nicht vorstellen kann.

"Nö, ganz im Gegenteil, der ist ein erfolgreicher Regionalpolitiker."

"Ach so", für Jewgeni ist damit alles geklärt: "Das ist normal. In unserer Heimat sind die alle merkbefreit und korrupt. Von denen hält jeder normale Bürger so weit Abstand, wie er nur kann."

"Ja, aber eine Immobilie ist nun einmal 'immobil'. Mehr Abstand ist nicht möglich. Ich komme dort nicht weg und der irre Nachbar verschwindet von sich aus auch nicht. Ich bin diesem Heinz und seinem Vieh praktisch ausgeliefert."

"Und wir sollen jetzt beide vertreiben", stellt Wassili fest.

"Ach, nicht unbedingt. Verpasst dem Hund einfach nur einen Denkzettel. Das merkt der sich vielleicht. Bei dem Politiker ist so und so jede Bemühung sinnlos, sonst hätten er nicht diesen Beruf gewählt. Seinen Denkzettel bekommt der ganz sicher bei der nächsten Wahl."

"O.k., verstehe ich", Wassili nickt.

"Dürfen wir auf unsere Weise vorgehen - so mit Wissenschaft und Technik und so...", möchte Jewgeni wissen.

Ihr Besucher sieht sie verwundert an. Was soll Wissenschaft mit dem aus der Art geschlagenen Hund seines Nachbarn zu tun haben? Da Wassili und Jewgeni jedoch einen guten Ruf haben und als verlässlich, verschwiegen und vorsichtig gelten, fragt er nicht danach. Sie werden schon wissen, was und wie sie es anstellen. Für ihn zählt nur, dass der Hund nicht mehr auf sein Grundstück kommt.

"Gut, sie haben 'freie Bahn'. Es darf nur nicht ersichtlich sein, dass ich dahinter stecke. Schön wäre, wenn es wie eine Naturkatastrophe aussehen würde."

"Wird es, wird es. Wir sind perfekt im Herbeiführen und Simulieren von Katastrophen jeder Art, glauben sie mir", bestätigt Wassili erfreut nickend.

Wassili und Jewgeni sehen sich gegenseitig an. Jewgeni kann sich vor Freude kaum noch halten, erwartet sie doch eine interessante und auch lohnenswerte Aufgabe. Der Inhalt des Umschlages, den der Besucher ganz zu Anfang des Gespräches auf den Tisch legte und der nun ihnen gehört, wird sie für die nächsten drei Monate ernähren. Jewgeni schenkt reichlich Wodka in drei große Gläser und reicht dem Mann eines davon. Auf das geschlossene Geschäft muss natürlich traditionell angestoßen werden, damit es wirklich gelingt. Er bringt einen passenden Trinkspruch aus.

"Dann sind wir im Geschäft - einen großen Tesla-Generator wollte ich schon immer bauen. Hа здоровье!"

Zu seinem Glück hat der Besucher keine Ahnung von Technik und stößt erleichtert mit den beiden Wissenschaftlern aus dem fernen Transnistrien an. Sein Problem wird sich jetzt erledigen. Er ist zuversichtlich, den Nachbarhund bald nicht mehr in seinem Garten zu sehen. Jewegeni hat es mit dem Füllstand der Gläser gut gemeint und die сто грамм etwas überdimensioniert, praktisch mit einem Add-on versehen. Ihr Gast ist nicht geübt in der Tradition des Leerens großer Wodkabecher. Die Wirkung des Alkohols setzt pünktlich nach zwei Minuten ein. Er verlässt wankend das Sommerhaus und telefoniert unbeholfen nach einem Taxi.

****

Beide große Experimentatoren sitzen am Tisch des Vorraumes des von ihnen gemieteten Sommerhauses. Zwischen ihnen steht die zur Hälfte geleerte Flasche und vor jedem ein großes Glas. Nun, da sie einen neuen Auftrag haben, möchten sie einen Plan entwerfen. Wie immer leiten sie das mit einem Glas Wodka ein. Jewgeni hat sein elektronisches Notizbuch geöffnet und beginnt eine Liste mit den benötigten Materialien zu füllen. Sie beginnt natürlich mit 'Plutonium' und findet vorerst ein Ende bei 'Teilchenbeschleuniger': Wünsche darf man schließlich erst einmal äußern, zusammenstreichen können sie die Liste später immer noch, denkt er. Wassili dagegen zeichnet, ganz althergebracht, einen Plan auf ein Blatt aus kariertem Schreibpapier.

"Du Wassili, das sieht aus wie - ja wie - ein Raumschiff? Ja?", sagt Jewgeni, während er das Blatt zu sich heranzieht: "Willst du das etwa vom Himmel stürzen lassen und den Hund damit 'plätten'? Oder soll das eine Badewanne am Stiel sein?", er beginnt zu kichern und fügt hinzu: "Das geht so oder so kaum als Naturkatastrophe durch..."

Der Angesprochene sieht auf, steckt sich den Bleistift hinter das rechte Ohr und setzt sich aufrecht auf seinem Stuhl. Dann blickt er Jewgeni streng und fragend an. Der hatte doch selbst den Vorschlag für den Ablauf der Aktion gehabt? Hat er das während der letzten Minuten vergessen, kann er sich etwa nicht mehr daran erinnern? Hat er bereits zu viel Wodka genossen?

"DU hast vor wenigen Minuten doch selbst den Bau eines Tesla-Generators vorgeschlagen, oder habe ich mich verhört?"

"Ach das, das war doch nur ein Scherz. Der Kunde ist leider nicht darauf eingegangen. Der wusste wohl nicht, was das ist..."

"Schade, ich dachte, du hattest einen Plan", antwortet Wassili enttäuscht.

"Und deshalb malst du Krickelkrakel mit Raumschiffen und Badewannen?"

"Mann Gottes, das soll DEIN Tesla-Generator sein!", protestiert Wassili in einem leicht beleidigten Tonfall.

"Nein, das kann gar nicht sein - MEIN Tesla-Generator würde VIEL besser ausseh..."

Weiter kann Jewgeni seinen Freund nicht ärgern, da dieser den Bleistift hinter dem Ohr hervorholt und nach ihm wirft. Der dünne Stift schießt wie ein Pfeil auf ihn zu und Jewgeni lässt sich vorsichtshalber vom Stuhl fallen. Er glaubt, unter dem Tisch vor den Bürogeschossen sicher zu sein. Leider ist er nicht schnell genug aus der Flugbahn verschwunden und der Bleistift trifft ihn an der linken Schulter. Theatralisch und langsam legt er sich auf den Boden, rollt zur Seite und bleibt mit geschlossenen Augen und ausgebreiteten Armen auf dem Rücken liegen. Wassili tritt zu ihm heran und beugt sich über ihn.

"Das hast du nun von deinen Frechheiten. Jetzt hat dich der Blitzstrahl meiner genialen Zeichenkunst vernichtet", kommentiert Wassili die Szenerie.

Jewgeni öffnet ruckartig die Augen und richtet sich auf. Dabei stoßen sie mit ihren Köpfen heftig aneinander. Das bringt Jewgeni dazu, sich wieder auf den Boden fallen zu lassen.

"Au! Jetzt ist sie weg."

Beide reiben sich die schmerzende Stirn, Wassili auf einem Stuhl sitzend und Jewgeni liegend.

Wassili sieht sich vorsichtshalber um: "Wer ist weg? Ich kann sie nicht sehen."

Wenn sie hier beobachtet werden, dann kann das böse Auswirkungen auf ihre Geschäftstätigkeit haben. Im Falle einer Enttarnung müssten sie von hier verschwinden. Eine so günstige Operationsbasis bekommen sie so schnell nicht wieder. Von Storkow aus können sie bis nach Berlin hinein operieren. Ein riesiger Markt mit nahezu grenzenlosen Möglichkeiten für Aufträge liegt ihnen zu Füßen. Das möchten sie nicht aufgeben.

"Na sie ist ja auch nicht mehr da, meine Idee...", erklärt Jewgeni: "... nein! Da ist sie doch noch."

"Ach so", Wassili ist beruhigt, da Jewgeni keine Beobachterin meinte.

"Blitze! Wir bauen einen Tesla-Generator!"

"Vorsicht Jewgeni! Ich habe noch mehr Bleistifte..."

"Ja, ich weiß: Du hast eine 'Stift-o-manie'. Irgendwann benötigen wir deshalb noch einen Anhänger für unseren VW-Bus."

Jewgeni steht vom Boden auf und setzt sich ebenfalls wieder an den Tisch. Seine Stirn massiert er nach wie vor noch, so gewaltig war der Zusammenstoß. Ihm ist jetzt klar, wie sie ihren Auftrag ausführen können. Wenn er es sich recht überlegt, hatte er wirklich bereits die richtige Idee gehabt.

"Also das mit dem Tesla-Generator ..."

"Vorsicht!", spricht Wassili dazwischen.

"... war dann schon die richtige Idee. Der Mann möchte den Hund doch 'grillen', oder? Wir helfen ihm dabei mit künstlichen Blitzen aus einem Tesla-Generator. Das sieht dann auch wirklich nach Naturkatastrophe aus, ganz wie er es wünscht. Und außerdem wollte ich schon immer einmal mehrere Meter lange Blitze erzeugen."

"Klar doch, das ist es! Zu pädagogischen Zwecken simulieren wir ein kleines Wintergewitter mit einem solchen Tesla-Generator. Das macht den Hund dann lernfähig. Wir brennen ihm das Gartenverbot in den Pelz. Jetzt benötigen wir nur noch einen großen, kräftigen Tesla-Generator und einen Regentag."

Beide haben gleichzeitig aufgehört, sich die Stirn zu massieren. Der Schmerz ist vergessen. Wassili befördert einen weiteren Bleistift aus seinem Vorrat auf den Tisch. Auf der Rückseite der Skizze entsteht nach und nach eine realistische Material- und Beschaffungsliste.

"Du, den Strom können wir nicht aus dem öffentlichen Energienetz entnehmen. Eine solch starke Schwankung und Abweichung von den normalen Verbrauchsmustern würde auffallen."

"Ja, wir benötigen ein autarkes Stromaggregat."

"Das wird aber ganz schön kostspielig..."

"Nicht wenn wir ein ungenutztes finden, das niemandem gehört."

"Klar, große Stromaggregate stehen überall herum. Die sind inzwischen eine wahre Landplage geworden. Alle zehn Meter steht eines im Weg", Jewgeni tippt sich an die Stirn.

Als der Zeigefinger der rechten Hand dabei die Stelle trifft, die schon bei dem Zusammenprall ihrer Köpfe leiden musste, zuckt er vor Schmerz zusammen. Sein Gesicht verzieht sich zu einer Grimasse.

Wassili freut sich grinsend, ab jetzt weiß er, wie es weitergeht.

"Lass das einmal meine Sorge sein, ich weiß, wo so ein Gerät steht."

"Ich dachte schon, du lachst über mich."

"Würde ich doch NIE tun", ist die Antwort, die zum zweiten Mal von einem fliegenden Bleistift begleitet wird.

Wassili kennt einen abgelegenen Stollen in der Nähe, der einem Hangar gleicht und ein ansehnliches Warenlager enthält. Das Bauwerk könnte man auch als einen großen Bunker bezeichnen. Mitte 1994 war dieses Versteck noch gut gefüllt. Damals stand dort genau so ein Stromgenerator, wie sie ihn für den Bau eines Tesla-Generators verwenden könnten. Alles passt irgendwie zusammen: Sie haben endlich einen Auftrag, das notwendige Material bekommen sie kostenlos und gewaltigen Spaß in großen Mengen verspricht die gesamte Angelegenheit obendrein.

****

Den Stollen mit dem Warenlager haben sie gefunden. All die Schätze, die Wassili im Jahr 1994 hier zurückgelassen hat, befindet sich immer noch in dem Versteck - auch der Stromgenerator. Das Aggregat ist auf einen Anhänger montiert und muss zu ihrem Versteck transportiert werden. Natürlich funktioniert das nur mithilfe des Lastkraftwagens, der ebenfalls in dem großen Bunker steht, mitten im märkischen Wald. Aus allen Reifen von Fahrzeug und Anhänger ist innerhalb von zwanzig Jahren die Luft entwichen, das Öl ist fest, Batterien und Tank sind leer. Es gibt also genug Arbeit zu erledigen und Unwägbarkeiten zu umschiffen, bis sie den unterirdischen Hangar verlassen können. Interessant wird der Weg aus dem Bunker werden. Wie werden sie das schwere Gespann an die Oberfläche bekommen? Für die Wissenschaftler offensichtlich kein unlösbares Problem, oder haben sie einfach noch nicht so weit gedacht? Wassili ist sehr optimistisch bezüglich des positiven Ausgangs ihrer Mission, vergisst seine Kopfschmerzen und gibt den Startschuss.

"Dann lass uns beginnen, wir haben viel zu tun, bis wir hier heraus sind..."

W25C2P9
Autor

© 10.07.2016
http://texorello.org/W25C2P9
25. November 2013 12:25 Uhr
Ort: Waldstück hinter der Kommandantur in Wünsdorf
Personen: Jewgeni, Wassili
25. November 2013 12:38 Uhr
Ort: Waldstück hinter der Kommandantur in Wünsdorf
Personen: Jewgeni, Wassili
Inhaltsverzeichnis