Attila bäckt

Wer will gute Kekse backen,
der muss haben fünf Sachen,
Eier und Mehl,
Zucker und Anis
und etwas Zeit.
Ich bin bereit.

Attila Schlottermüller

Große Seifenblasen schweben durch den Raum. Langsam steigen sie zur Decke der Küche auf. Einige bleiben an der Pendelleuchte hängen und bilden dort bunte Cluster gleich großen Trauben. Die größte Ansammlung stört das Gleichgewicht der hängenden Lampe. Sie neigt sich leicht zur Seite und pendelt etwas - wie es sich für eine Pendelleuchte gehört. Erst als das vielfarbige Gebilde zerplatzt, schwingt die Lampe zurück in ihre Normalstellung und die Seifenlauge fällt in schweren Tropfen auf den Küchentisch. Eine einsame Drohne schwebt zwischen den fliegenden Blasen, versucht ihnen auszuweichen und wirbelt die bunten, schillernden Kugeln durcheinander. Egal wie viele von ihnen zerplatzen, es kommen immer wieder neue aus einer Ecke des Raumes hinzu. Dort steht Attila mit einem Hochdruckreiniger und versprüht mit diesem Gerät das blasige Reinigungsmittel. Er hat nicht lange benötigt, um auch für das Aufräumen einen Weg ohne Langeweile zu finden.

Die Großreinigung gelingt Attila auf einzigartige, kreative Art und Weise mit Hilfe zweier Haushaltsgeräte, die eher für den gröberen Einsatz vorgesehen sind. Mit dem Kärcher, den er in einem Nebengelass gefunden hat, versprüht er Seifenlösung in der gesamten Küche. Ein Nasssauger, der gleich neben diesem geparkt war, soll bei der Trocknung der Küche helfen. Nach kurzer Zeit blitzt die Küche wieder. Sie hat ihr vorhergehendes Aussehen wiedererlangt. Attila betrachtet zufrieden, jedoch auch etwas nachdenklich, sein Werk. Von dem vielen Spaß, den er hatte, ist gar nichts mehr zu sehen. Niemand war zu seiner bedeutenden Theateraufführung anwesend - denkt er. Das Mehl und der Zucker sind auch verschwunden. Der Nasssauger hat die Backzutaten gemeinsam mit der Seifenlauge verschlungen. Attila sieht den Staubsauger, der immer noch im Zimmer steht, traurig an. Erinnerungen an Plätzchenbackorgien seiner Kindheit werden wach: Endloses Backen, gemeinsam mit seiner Großmutter. Aus den Untiefen seines Hirns arbeiten sich zwei Gedanken langsam, aber unaufhaltsam in sein Bewusstsein vor. Beide kämpfen etwas länger um die Poolposition. Attila möchte sie dabei nicht unterbrechen, um keinen von beiden zu verlieren. So bleibt er in den Türrahmen gelehnt stehen und wartet darauf, dass der Gewinnergedanke das Tor der bewussten Wahrnehmung erreicht. In der Zwischenzeit ist er mit der Bewunderung seines Reinigungswerkes ausreichend beschäftigt.

Ganze fünf Minuten später kommt es zum entscheidenden Ereignis. Attila zuckt zusammen, als der Gedanke eintrifft: 'Der Zucker-Mehl-Brei wird zu Stein im Nasssauger, wenn er trocknet.' Das soll der Siegergedanke sein? Attila ist sichtlich unzufrieden, ob der Leistung seines Hirns. Enttäuscht runzelt er die Stirn. Eine große Querfalte gräbt sich über deren gesamte Breite. An der Nasenwurzel gibt es zusätzliche Verwerfungen.

"Hä? Das ist doch nicht lustig oder unterhaltsam!", kommentiert er das Ergebnis.

Er muss sein Hirn ganz dringend trainieren. Vielleicht ist diese Bevorzugung von Problemansichten vor den schönen Dingen des Lebens ja in seiner mittelfristigen Politikerkarriere begründet? Raubt die Beschäftigung mit der Politik die Sicht auf die wunderbaren Dinge und Abläufe des menschlichen Daseins? Er fühlt sich an seine Besuche beim Psychiater erinnert. Der hatte ihm immer wieder geraten, die Karriere als Politiker zu beenden, wenn er nicht geistig verkümmern möchte. Die Gespräche gipfelten meist in der Frage, ob Politiker überhaupt noch benötigt würden - schließlich kann jeder Mensch allein und ohne Hilfe seine Meinung äußern und vertreten. Mündige, selbstbestimmte Menschen benötigen nun einmal keine Stellvertreter. Attila empfand diese Meinung damals als falsch und gefährlich. Er versuchte nach jeder dieser Sitzungen Strategien zu ersinnen, um die Wähler unmündig und abhängig zu halten... Ja damals - das liegt nun schon knapp drei Monate in der Vergangenheit. Aus der Sicht seiner Erlebnisse der letzten Wochen ist er geneigt, der Meinung des Psychiaters zuzustimmen. Berufsmäßige Beschäftigung mit Politik macht krank, schädigt die Umwelt und Politiker werden heute gar nicht mehr benötigt. Die moderne Kommunikation im Informationszeitalter gestattet jedem Menschen die selbständige Teilnahme an der gesellschaftlichen Meinungsbildung. Er weiß inzwischen, dass das Streben nach Macht grundsätzlich krankhaft und wider die menschliche Natur ist. Wenn eine Art nur in der Gruppe und dank der Globalisierung nur als weltweite Population insgesamt, existieren kann, handelt jeder, der sich außerhalb der Gruppe positioniert oder polarisiert und Grüppchen bildet, gegen sein eigenes Interesse am Überleben. In der großen Gruppe kann man auch Spaß am Leben haben. Nun, vielleicht ist bei ihm ja noch nicht alles verloren. Er wartet geduldig auf den Zieleinlauf des zweiten Gedankens. Dieser wird ihn bestimmt nicht enttäuschen.

'Anis-Plätzchen in Form von Drohnen backen.' Na, das ist doch etwas! Dieser Gedanke gefällt Attila schon viel besser. Er verspricht anregende Unterhaltung, gemischt mit der Erinnerung an freudige Tage aus seiner Kindheit. Zuerst muss Attila den Vorrat an Backzutaten prüfen. Schließlich hat er eine große Menge an Mehl und Zucker verschüttet und im Nasssauger als langsam aushärtenden Klebstoff endgelagert. Er hat Glück. In einem geschlossenen Wandschrank findet er einen mittleren Vorrat an Tüten mit Mehl und auch ausreichend Puderzucker. Offensichtlich leidet Matz am Bevorratungswahn: sechs Tüten Mehl sind schon ungewöhnlich für einen Singlehaushalt. Auch Eier und sogar Anispulver finden sich. Das Vorhandensein mehrerer Rührmaschinen überrascht Attila dann nicht mehr: schließlich ist Matz ein Technik-Freak, wie man ihn sich vorstellt. So hat eine der Küchenmaschinen einen USB-Anschluss und eine andere ist über Bluetooth vom Smartphone aus überwachbar. Da Attila den tragbaren Telefonen aus verständlichen Gründen abgeschworen hat, entscheidet er sich für die klassische Methode. Er wählt ein Handrührgerät. Der Herstelleraufdruck 'AKA' erinnert ihn zusätzlich an die Zeit bei seiner Großmutter.

Ganz ohne Rechner und Internet geht es dann doch nicht. Über eine anonymisierte Verbindung gelangt er zum Chefkoch und sucht dort nach einer passenden Bauanleitung für die Anisplätzchen. Bereits nach wenigen Sekunden wird er fündig:

http://www.chefkoch.de/rezepte/24101005923319/Anisplaetzchen.html

Das ist wohl nicht ganz das Rezept seiner Oma, es sollen aber die gewünschten Kekse entstehen. So mischt er den Inhalt der Eier mit dem Zucker, rührt mächtig in der hellen, gelben Masse herum und schüttet das Mehl hinein. Natürlich vergisst er das Rührgerät vorher abzuschalten. Wieder verteilt sich Mehl in der Luft und Attila steht hustend in einer Wolke feinen Mehlstaubs.

"Huk-uh ... schon wieder. So'n Mist - äh - Spaß", besinnt er sich.

Da müssen morgen wieder Kärcher und Nasssauger genutzt werden. Das erspart ihm heute das Reinigen und Wegräumen der Geräte. Auch nicht schlecht. Er gleicht den Schwund an Mehl durch eine zusätzliche Gabe aus. Zwei Esslöffel mehr können nicht schaden.

Die Hauskatze ist sehr interessiert an dem Geschehen über ihr. Attila muss dem kleinen Tier ständig ausweichen, um nicht auf es zu treten. Während er weiter in dem Teig rührt, produziert sein Hirn neue Ideen. Es ist jetzt vollständig im Spaßmodus angekommen.

'Die Drohnen in Matz elemecs Glasgefängnissen sind meist dunkel', ist ein neuer Gedanke. Kakao zum Färben des Teiges kann er beim besten Willen nicht finden. Dafür fällt ihm eine alte Tafel Zartbitterschokolade in die Hände. Es ist eigentlich nur noch eine halbe Tafel. Er bricht zwei weitere Stücke davon ab und zerreibt diese. Anschließend mischt er das Schokoladenpulver unter den Teig. 'Dieses bittere Zeug schmeckt so und so nicht, wenn man es pur essen möchte. Das ist jetzt kreatives Lebensmittelrecycling...' Attila ist mit dem Fortgang seines Tagwerks mehr als zufrieden. Er portioniert den Teig auf Blechen, öffnet die Fenster der Küche, um für eine kühle Atmosphäre zu sorgen und schaltet das Licht aus. Fertig, für heute. Morgen, wenn die Plätzchen sich ausgeruht haben, wir er die Bleche in den Ofen schieben. Für heute hatte er ausreichend Spaß. Jetzt muss auch er sich davon erholen.