; So geht das

So geht das

Der Fortschritt hat keinen fürchterlicheren Feind als die Gewalt.

Anatole France

Zwei Beamte sitzen auf den Stufen vor der Eingangstür des Mietshauses und warten. Die Lichter der vorbeifahrenden Autos spielen mit den silbernen Verzierungen ihrer Uniformen und deren reflektierenden Aufdrucken. Als zwei Autos, von links und rechts kommend, sich vor dem Haus treffen, sehen sie kurzzeitig zwei festlich geschmückten Bäumen ähnlich, die zu beiden Seiten der Tür aufgestellt wurden. Der jüngere Polizist sieht wiederholt in Richtung der großen Kreuzung. Er wirkt unruhig und ihm ist anzusehen, dass er auf ein Fahrzeug wartet, das offensichtlich aus dieser Richtung eintreffen muss. Sein Streifenpartner genießt im Gegenteil jede Minute, die bis zur Ankunft dieses Autos vergeht und es werden immer mehr. Der Nachmittag ist schon weit fortgeschritten, die Sonne längst untergegangen und aus dem Haus dröhnen noch immer die schweren Straßenreinigungsmaschinen, die nirgendwo aufzufinden sind. Ihren Hilferuf nach Verstärkung haben sie bereits vor dreißig Minuten abgesetzt. Die ein- und ausgehende Bewohner des Hauses wundern sich nicht mehr. Zu viele seltsame Vorfälle gab es am heutigen Tag bereits. Die beiden Polizisten sind nun schon zum zweiten Mal hier und immer noch hallt der Lärm der Reinigungsgeräte ohrenbetäubend durch das gesamte Haus. Anstatt die Ursache zu finden und Ruhe herbeizuführen, sitzen die gerufenen Helfer auf der Treppe vor dem Haus und beobachten die Straße. Berlin ... hier zählt das zu den Normalitäten des bunten Alltags. Der Ältere von beiden hofft bereits auf ein Ausbleiben der Verstärkung. Im Gegensatz zu seinem jüngeren Partner und zu seinem Leidwesen kennt er die avisierte Hilfe des BKA sehr gut. Ihm ist gar nicht an einer weiteren Begegnung gelegen. Ein Feierabendbier, korrekt temperiert, wäre jetzt schön. Der Blick auf die Armbanduhr bestätigt leider, dass noch etwas mehr als eine halbe Stunde Dienstzeit in ihrer Schicht verbleibt. Er summiert: hier Aufräumen = 3 Minuten, Einsteigen und Meldung an die Zentrale = 3 Minuten, die Fahrt zur Wache = 15 Minuten, Streifenwagen parken und abschließen = 3 Minuten und noch 10 Minuten etwas trödeln. In Summe ist das bereits mehr als eine halbe Stunde - endlich.

"Komm, wir brechen hier die Zelte ab. Die Schicht nach uns kann den Kram hier klären."

Erleichtert steht er auf und geht die zwei Stufen zum Gehweg hinunter. Ein Quietschen und Heulen, das dieses Mal nicht aus dem Haus kommt, lässt ihn in seiner Bewegung abrupt einfrieren. Von der großen Kreuzung aus biegt ein Auto in die Straße, das nicht wie die anderen aussieht. Es hat die Scheinwerfer voll aufgeblendet und verwandelt damit die beiden Weihnachtsbäume wieder in Polizisten. Der Wagen ist etwas älter und mit "big bumpers" bestückt - ein Oldtimer von 1970. Auf dem Dach, hinter dem Kühlergrill, auf dem Armaturenbrett - ja selbst auf den Kopfstützen der Vordersitze und der Kofferhaube sind blaue Rundum- und Blinkleuchten angebracht. Der Straßenabschnitt glüht sofort hellblau auf, als der Wagen in diesen hineinschleudert. Beim Einbiegen fährt er für wenige Sekunden ausschließlich auf den beiden rechten Rädern. Quietschend berühren die anderen wenig später wieder die Straße. Die Speichenräder senden flirrende Lichtreflexe in die Fenster der ersten Häuser, gleich an der Kreuzung. Dabei kommt das seltsame Fahrzeug ins Schleudern und vermisst die Straße in ihrer gesamten Breite. Es schießt mit einer S-förmigen, schlängelnden, schlingernden Bewegung auf die beide Polizisten zu und beleuchtet sie. Der Fahrer erhöht die Geschwindigkeit, soweit dies noch möglich ist. Direkt vor ihnen schaltet er in den Freilauf und zieht die Handbremse. Der von jeglicher Last und Qual befreite V8-Motor brüllt tief und freudig auf, die Räder blockieren quietschend, das Auto wendet um 180 Grad und rutscht seitlich in eine enge Parklücke auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Da diese zu kurz ist, stoßen die "big bumpers" eine Mülltonne um und schieben ein anderes Fahrzeug unsanft in eine Ausfahrt. Aus der Tonne ergießt sich ein Schwall geschredderten Papiers auf die Straße. Im Licht der Scheinwerfer sehen die Schnipsel einem Fluss aus Grießbrei ähnlich. Er erstarrt wie die Polizisten, die mit offenen Mündern die Szene betrachten.

"So 'nen Wagen will ich auch…", ist das Einzige, was der Jüngere sagen kann.

Sein Partner überwindet die Starre.

"Komm jetzt! Schnell hier an die Wand! Sonst werden wir eventuell noch verletzt!", stößt er zischend aus und springt augenblicklich zur Seite.

Die Fahrertür des überblauen Einsatzwagens springt auf. Ein Mann im langen, schwarzen Ledermantel steigt aus. Die Schultern zieren blau leuchtende Klappen. Diese müssen aus einer Leuchtfolie gefertigt sein und über eine Batterie mit Energie versorgt werden. Sie sind lang und breit und glühen gleichmäßig in einem hellblauen Licht. Sein Kopf steckt in einem braunen Nylon-Strumpf, unter dem eine große Brille deutlich erkennbare Auswölbungen an der Vorderseite erzeugt. Diesen Froschkopf im Strumpf zieren kleine, spitze Beulen an beiden Seiten. Ohrenstöpsel gegen Lärm und Zugluft sind immer gesund. Das Frankenstein-Monster aus dem alten Film ist ebenso hässlich, nur dass die Halsschrauben bei der Gestalt auf der Straße zu hoch angesetzt wurden. Außerdem ist der Kopf invers beleuchtet. Die Schulterklappen sorgen dafür, dass Kinnpartie, Wangen und Nacken in hellem Blau erstrahlen. Der obere Teil verliert sich im Dunkel des Abends. Die ganze Erscheinung ist so seltsam, dass in den angrenzenden Häusern bereits die ersten Rollläden rasselnd herabgelassen werden. Beim Aussteigen verwickelt sich die Gestalt in den langen, labberigen Mantelschößen und stürzt längs auf die Straße.

"Scheiß Gleitsicht ... den Optiker suche ick nachher 'mal heim. Wat für’n Jlück, die Hunde nutzen die Rabatten und Jehweje..."

Beim Aufrichten sieht er die schwarze, doppelte Spur entlang, die von den driftenden Vorderreifen erzeugt wurden. Sie beginnt bei seinem Dienstoldtimer und endet kurz vor den beiden, starren Polizisten. Als er diese erblickt hat, brüllt er sie laut an.

"Jo Männer - lasset uns klär'n."

Der ältere der beiden Polizisten bringt nur ein: "Halt, erst unser Lagebericht…", hervor.

Dies interessierte den Mann mit dem Strumpf-Frosch-Gesicht nicht. Beim Aufrichten greift er sich mit der rechten Hand über seine linke Schulter und bringt eine riesige Pistole zum Vorschein. Ein Halfter für den brüllenden Wüstenadler ist nicht zu erkennen. Offensichtlich ist in den Ledermantel ein passender Rucksack eingearbeitet. Die Waffe hat einen 10-Zoll-Lauf und ist damit beeindruckende 37 Zentimeter lang. Es ist ein wirkliches Schießeisen mit über zwei Kilogramm Gewicht. Er balanciert gekonnt die Chrom-blitzende 'Kanone' in eine Angriffsstellung vor sich und entsichert.

"Kaliber Halbzoll klärt dat Problem. Janz sicher. Imma."

"Halt, wir müssen doch erst…", der ältere Polizist bettelt um eine deeskalierende Pause, während seine Augen weit aufgerissen sind und er sich flach an die Hauswand drückt.

Sein jüngerer Partner ist eher beeindruckt: "Wow, welches Formular muss ich ausfüllen, wenn ich auch so ein Teil will?"

Die Verstärkung mit Froschmaske stürmt mit vorgehaltener Pistole an ihnen vorbei. Mit drei Hechtsprüngen und einem wuchtigen Tritt gegen die Eingangstür ist sie im Haus verschwunden. Dabei flattern die Enden des schwarzen Mantels hinterher und erzeugen klatschende Geräusche.

"Wie in einem Vampir-Film. Ist der auch wirklich vom BKA?"

"Los, dem Dacapo nach, Chaos verhindern!"

Der ältere der beiden Polizisten wird unruhig und zieht seinen Partner am Arm durch die noch offene Eingangstür in das Haus. Beide benötigen im Treppenhaus wenige Sekunden, um sich an das Licht zu gewöhnen. Sie sehen ihre Verstärkung vor der ersten Wohnungstür, die sich in direkter, gerader Linie zur Haustür befindet. Der Dacapo legt an und zielt auf das Schloss.

"Halt! Das ist die falsche…"

Der Blitz des Mündungsfeuers und der Knall des Schusses unterbrechen den Ausruf. Sofort breitet sich ein stechender Schießpulvergeruch im Treppenhaus aus. Erinnerungen an seine Armeezeit und die endlose Warterei auf dem feuchten, kalten und dunklen Schießplatz beginnen sich im Kopf des älteren Polizisten bemerkbar zu machen. Doch jetzt ist nicht die Zeit, um sentimental zu werden und sich an Erinnerungen zu wärmen. Der Superheld des BKA übt sich in Bürgerrechtsverletzungen - das gilt es zu verhindern. Ohne, dass sie irgend etwas tun können, beginnt das Chaos bereits: Der Dacapo tritt die Tür auf. Knallend trifft ein schwerer Springerstiefel auf das bereits vom Schuss in Mitleidenschaft gezogene Türblatt. Warum sich mit Klingeln aufhalten - krach, zack und schon steht er in der Wohnung. In den Ohren der beiden Polizisten hallt der Knall des Schusses immer noch nach. Die Treibladung einer halbzölligen Patrone muss schon eine gewisse Kraft entwickeln und sich Gehör verschaffen. Noch bevor ihr akustischer Sinn Zeit hat, sich wieder zu normalisieren, gibt der Dacapo zwei 'Warnschüsse' in der Wohnung ab. Damit verärgert er einen Pekinesen der sich in der Wohnung befindet und die Aktivitäten eindeutig als Eindringen in sein Revier identifiziert. Der kleine Hund kommt ihm kläffend aus den Tiefen der Wohnung entgegen und fällt ihn an. Da er Stiefel wegen der Schuhcreme nicht mag, wählt der Minihund das nächste, für ihn erreichbare Anhängsel des Angreifers. Er verbeißt sich in den Schößen des langen Ledermantels.

"Halt! Sage 'mal, was soll denn das! Das ist die falsche Wohnung. Kannst Du Dich nicht mit uns absprechen?", der ältere Polizist ist jetzt wirklich wütend.

"Ach so. War auch irjendwie ville zu leicht. Na ja, sind noch vier Schuss im Majazien. Dat muss für de korrekte Wohnung reichen. Die mitte Mega-Staubsauga-Lärm?"

Und schon stürmt der Dacapo aus der Wohnung, deren Tür er vor einigen Sekunden zerstört hat. Das knurrende Sofakissen hängt immer noch in den Enden seines Mantels fest. Er schleift den Pekinesen achtlos hinter sich her und hastet die Stufen im Treppenhaus hinauf. Mit jedem Sprung kommt er den dröhnenden Reinigungsfahrzeugen in der dritten Etage näher. Vor der Wohnung angekommen, bleibt er stehen und lauscht verträumt den Geräuschen hinterher. Die apokalyptische Straßensaugerfahrzeugrallye in einer Wohnung in der dritten Etage eines Mietshauses fasziniert ihn. Der Pekinese ist vom abrupten Wechsel zwischen hastiger Bewegung und Starre so überrascht, dass er mit dem Knurren aufhört. Der kleine Hund hängt jetzt schlaff in dem Mantel und wird von den Falten der Schöße eingewickelt. Es sieht fast so aus, als ob er in diesen eingenäht ist - ähnlich dem Pistolenhalfter. Zum Dröhnen der Reinigungsmaschinen ist in den letzten Minuten ein kräftiges Fauchen und Rauschen hinzugekommen. Im Inneren der Wohnung scheint ein Orkan zu toben.

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Dennis hat die Simulation verbessert. Eine effizientere Ausnutzung seiner 120 Watt-Lautsprecher betrachtet er als Glanzleistung, auf die er besonders stolz ist. Dies, das Aufstellen von fünf weiteren Lautsprechern und deren individuelle Ansteuerung gestattet ihm die Erzeugung von Luftströmen. So wehen Winde durch die Wohnung, die denen auf der Straße sehr ähnlich sind. Die Vorhänge an den Fenstern fallen nicht mehr nutzlos gerade herab. Je nach Strömung neigen sie sich nach links oder rechts oder zeigen flatternd in die Zimmer. Nun ist es nicht nur laut, sondern auch noch windig in der Wohnung. Sein Kopf und Hals vertragen Zugluft gar nicht. Eine Wollmütze und ein Schal schützen ihn dagegen. Die Watte in den Ohren und darüber die Kopfhörer mit der aktiven Geräuschunterdrückung machen den Aufenthalt in der Wohnung erträglich. Eine Motorradbrille mit Gummiband, die über die Wollmütze geklemmt ist, schützt die Augen nicht nur vor dem Wind, sondern auch vor den umherfliegenden Zetteln mit den vielen, kurzen Notizen. Die anderen Bewohner des Hauses fallen ihm ein. Der Wind könnte sie stören - aber nein, die Wohnungstür ist ja geschlossen. Und schon verdrängt eine neue Optimierungsidee den Gedanken: in der Realität wird die Luft in den Gebläsen erwärmt - er muss also einen Heizlüfter mit jedem Lautsprecher kombinieren. Gute Ideen müssen natürlich sofort mit der Community geteilt werden. Vielleicht gibt es noch weitere Eingebungen und Möglichkeiten für Optimierungen. Dennis schaltet die Video-Kamera des Hauptbildschirms ein und erklärt der Community seine Ideen. Zum Glück hat er das alte Kehlkopfmikrofon wieder gefunden: Stecker abschneiden, neuen anlöten, umbinden, einstecken - und schon stört kein Umgebungsgeräusch mehr die Übertragung. Das funktioniert nach wie vor nicht nur in Panzern gut. Der live-stream visualisiert hinter ihm dramatisch die flatternden Blätter der Zimmerpflanzen und die langsame, stetige Bewegung der Fenstervorhänge: Welch einen triumphalen Erfolg in der Verknüpfung von Virtualität, Simulation und Realität hat er erschaffen! Das Netz ist rasant in der Verbreitung von guten Ideen und interessanten Inhalten. Nach wenigen Minuten sind bereits 112 Community-Mitglieder in der Vorführung und Diskussion vor ihren Rechnern versammelt.

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Die beiden Polizisten keuchen atemlos die letzten Stufen zur dritten Etage hinauf. Kurz bevor sie die Wohnungstür erreichen, hinter der das Inferno tobt, überwindet ihre froschköpfige Verstärkung die Starre. Der Dacapo hebt die Pistole mit Übergewicht und zielt auf das Schloss der Wohnungstür.

"Voabei mitte Schließerei!"

Der Schuss kracht, das Licht geht aus.

"Jetzt hat er die Glühbirne im Treppenhaus zerschossen."

"Quatsch, der bekommt schon seit Jahren keine scharfe Munition mehr. Drück 'mal den Schalter", presst der ältere Polizist ton- und atemlos auf der vorletzten Stufe vor dem Absatz heraus.

"Ich war 'mal auf dem Schießstand dabei, als er aus vier Metern Entfernung die mannshohe Pappscheibe nicht getroffen hat, dafür aber die Signalanlage des Standes vollständig zerstörte."

"Das geht..?"

"Probier's nur nicht aus! Zumindest merkt er nie, ob er scharfe Munition oder Platzpatronen verwendet - hat bei ihm definitiv die gleiche Wirkung - für das Ziel, nicht die Mitmenschen."

Der jüngere Polizist erreicht den nächsten Lichtschalter und erleuchtet das Treppenhaus wieder.

"Wat'n jetzte los?"

Der Dacapo ist zwei Schritte zurückgetreten, spurtet auf die Tür zu und wirft seine linke Schulter und sich selbst mit ganzer Kraft gegen diese. Offensichtlich sind die Schultern des Mantels nicht nur mit blau leuchtenden Klappen versehen, sondern auch mit Protektoren. Ob es nun an der schmerzdämpfenden Verkleidung des Beamten oder an der kostensparenden Wohnungsverwaltung liegt, ist bezüglich des Ergebnisses nicht wichtig: Es knirscht, kracht und staubt. Der hölzerne Türrahmen zerbricht mit einem sehr unangenehmen Geräusch, die Scharniere werden herausgerissen und ein BKA-Beamter, ein schwerer, schwarzer, langer Ledermantel, eine gewaltige Pistole 'extralang' und ein Pekinese fallen mit der Tür in die Wohnung. Der Schwung reicht für ein Surferlebnis bis zum Ende des Flures. Dort kracht das herausgerissene Türblatt mit dem daraufliegenden Surfer gegen die Wand.

"Wieda ville zu einfach - keen bissken Widerstand! Mist!"

Sich schüttelnd, steht der Dacapo auf. Wie ein Gewichtheber stemmt er die Pistole mit beiden Armen über den Kopf und gibt zwei 'Warnschüsse' ab: Auf Krach folgt Krachen.

Die Mitglieder der Simulatoren-Community erleben den Auftritt live. Natürlich sind alle Türen in Dennis Wohnung weit geöffnet, um den Raum für die Simulation zu maximieren. Die Kamera blickt vom Wohnzimmer in den Flur und die Zuschauer sehen, wie ein lebendiger Außerirdischer die Wohnungstür nach unten klappt, auf dieser in die Wohnung schwebt, seinen martialischen Faser zweimal benutzt und anschließend seinen blau von unten beleuchteten, hässlichen Froschkopf vor der Kamera maximiert. An den Rändern des Bildes ist zu erkennen, dass kurz danach zwei verängstigte Polizisten ebenfalls in der Wohnung eintreffen. Beide haben die Augen weit aufgerissen und halten sich die Ohren zu. Sie sind ein Abbild puren Entsetzens. Dennis nimmt dies anfangs gar nicht wahr, geschieht es doch in seinem Rücken. Das lärmende Inferno aus Laubgebläse-Simulationen und seine Kopfhörer schirmen ihn schalltechnisch komplett ab, da dringt nichts durch. Als der an der Unterseite blau glimmende Kopf neben ihm auftaucht, springt er instinktiv zur Seite. In einem Stuhl mit Armlehnen sitzend, ist das nahezu unmöglich. So geht das nicht gut aus und er fällt mitsamt seines Stuhles um. Im Fallen greift er Hilfe suchend nach mehreren Kabelbündeln, die aus den Computern und Verstärkern neben ihm hängen. Schlagartig verstummen alle Laubgebläse und Reinigungsfahrzeuge und die Vorhänge hängen wieder regungslos vor den Fenstern. Die beiden Verkleideten sehen sich kurz fassungslos an. In einer Wohnung in der dritten Etage eines Mietshauses steht ein Mann mit Strumpfmaske und schwarzem, langen Ledermantel, in dessen Falten sich ein Pekinese verbissen hat, vor einem anderen, der auf dem Boden liegt, einen dicken Schal um seinen Hals gewunden hat und gleichzeitig Wollmütze, Motorradbrille und Kopfhörer trägt.

Der Dacapo wuchtet seine Pistole nach oben, hält sie Dennis entgegen und brüllt in die Stille: "ICK BIN DE SCHRECKN VONNE VERSTECKER - äh - ERWECKER - hrr - FEINSCHMECKER - ähhmm, hrrrughh - den Text hab ick verjessn. Hände wech von mia, du bist verhaftet. Ick darf schießen, wann ick will - und ick will imma."

"Wie jetzt? Was soll denn das? Ich habe keine Wertsachen - ich bin Wissenschaftler."

Dennis versucht zu verstehen, was in seiner Wohnung geschieht. Gerade hatte er seine Simulation noch komplett unter Kontrolle. Nun steht so ein blau leuchtender, außerirdischer Monster-Frosch vor ihm und will ihn verhaften.

"Hilfe, helft mir, ich bin taub! Ich kann nichts hören!"

Im Flur fuchtelt der jüngere Polizist wild mit den Armen. Er schlägt sich mehrfach gegen die Ohren. Die plötzliche Ruhe und sein Schalltrauma verwirren ihn.

Sein älterer Kollege erlöst ihn: "Kannst Du mich hören?"

Überrascht verharren die Arme des Jüngeren in der Luft. Wie er so erstarrt auf einem Bein steht, beide Arme gerade nach rechts und links von sich abgespreizt hat, sieht er wie eine große, blaue Vogelscheuche aus.

"Ähhhm ok."

"Nu' komm, du darfst dich wieder bewegen. Lass uns entchaotisieren."

"Häää? Du, ich höre wirklich kaum. Ich glaub', ich hab'n Schaden. Was sagst'?"

Der Dacapo zieht den Nylon-Strumpf vom Kopf und nimmt die Stöpsel aus den Ohren. Er sieht zufrieden in die Runde und auf sein Werk der Zerstörung. Das ist ein guter Abschluss eines sonst langweiligen, ereignislosen Tages. Er konnte seine Dienstwaffe ausgiebig benutzen und hat einige Kollegen und Bürger eingeschüchtert. Der täglichen Demonstration des Gewaltmonopols des Staates, der er sich verpflichtet fühlt, ist damit hinreichend Genüge getan.

"Jo, dat wart. Alles jerejelt, oda?”

"Mensch Heinz, wer soll das alles nur wieder aufräumen? Und wie willst du das erklären?"

Der ältere Polizist sieht ihn fragend an. Er zieht seine Schultern in die Höhe und blickt dann ratlos seinen jüngeren Partner an.

"Denkst du, wir bringen das wieder in Ordnung?"

"Jo", ist die kurze, aber deutliche Antwort des Dacapo. Lächelnd fügt er hinzu: "Schade, allet schon voabei. Da war noch’n Schuss im Majazin. Bei Gefahr inn Verzuch is ja allet möchlich - und ick hab's nicht jenutzt."

"Wo war denn hier 'Gefahr'? Wir hätten zuerst miteinander sprechen müssen!"

Heinz Fass macht ein erstauntes Gesicht. Die Augenbrauen schieben sich über die oberen Ränder seiner großen Brille und erscheinen über deren dickem Horngestell.

"Wie 'sprechn'? Wat gibsn hier zu sajen? Ick habs wie imma jemacht: Krach - Zack - Knack!"

Der ältere Polizist sieht ihn jetzt traurig an. Deprimiert hängen seine Mundwinkel nach unten und aus seiner gesamten Körperhaltung ist jegliche Energie gewichen.

"Lass gut sein. Wir schreiben den Bericht."

Inzwischen vermindert sich bei seinem Kollegen das Klingeln in den Ohren. Damit kommt sein Interesse zurück.

"Sagen sie 'mal, warum dieser Strumpf über dem Kopf?"

"Ick bin'n anonyma Zivila. Tarnung und so", erklärt Heinz Fass.

Das ist so einfach, das muss doch jeder Polizist verstehen. Gerade hier sollten sie das wissen. Er geht davon aus, dass ihn im Zentrum der großen, bunten Stadt jeder kennt. Da er sich auffällig tarnt, ist er nicht zu übersehen, zu verwechseln oder gar als gefahrlos einzuschätzen. Er ist die Verkörperung der Staatsgewalt, die Inkarnation der Macht. Das drückt alles an ihm aus, auch seine Bekleidung.

"Häää? Anonyme Alkoholiker tragen doch keine Masken, oder?"

Ganz ist das Gehör des jüngeren Polizisten nach dem ganzen Lärm und den Schüssen noch nicht normalisiert. Jetzt klingelt nur noch etwas leicht in seinem rechten Ohr.

"Nee, er meint, er ist ein Rock-N-Rolla", hilft ihm sein älterer Kollege.

Offensichtlich war auch er zu nah an der Pistole des Dacapo.

"Ach so, alles klar. Hab ich gesehen - ganz guter Film."

Dann wird nichts mehr gesprochen. Alle blicken sich schweigend an und bewegen sich für einige Minuten nicht. Es ist, als ob jeder der Anwesenden darauf wartet, dass einer der anderen aktiv wird und alles wieder aufräumt.

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Die eingetretene Stille und die darauffolgende Ereignislosigkeit langweilen Heinz Fass schon in der ersten Minute. Unruhig wandern seine Augen umher und suchen nach einem Ausweg, nach einer Beschäftigung für die Staatsgewalt. Ein Blick aus dem Fenster offenbart ihm die Existenz eines großen, orangenen Farbflecks auf der Wand des Nachbarhauses. Er wird von einer der Laternen, die zwischen den Häusern stehen, bestens ausgeleuchtet. Der Fleck hat in der Mitte eine Aussparung in Form eines Menschen. Es sieht fast so aus, als ob jemand vor der Wand standen und dort von einem Farbbeutel getroffen wurde.

"Der Maler! Der hiea?", stößt Heinz Fass tonlos und heiser hervor.

Schon während er dies spricht, zieht er sich den hellbraunen Nylon-Strumpf wieder über den Kopf. Hastig und dieses Mal geräuschlos verlässt der Dacapo die zerstörte Wohnung.

W27C3P2
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20. November 2012 18:33 Uhr
Ort: Berlin, Ahornallee
Personen: Berliner Polizist älter, Berliner Polizist jung, Dacapo, timesurfer
Objekte, Materialien: Brüllender Wüstenadler, Miezi
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