; Nahverkehr 0.5

Nahverkehr 0.5

Der gemeinste Mensch ist,
wer keine Entschuldigung annimmt,
keine Sünde deckt und keinen Fehler vergibt.

Sprichwort

Der Dacapo schwebt irgendwo in dem weiten Raum zwischen Beruhigung und Aufregung hin und her. Von widersprüchlichen Gefühlen durchflutet, läuft er wie elektrisiert und innerlich stark aufgewühlt durch die Straßen der großen, bunten Stadt. Den kleinen Wochenmarkt, der ihm ein letztes Erschrecken vor gefährlicher Backtechnik einbrachte, ließ er bereits vor einigen Minuten hinter sich. Das Gespräch mit dem elemec geht ihm nicht aus dem Kopf. Es hat ihn verwandelt und nun wähnt er sich bis in die letzte Zelle seines Körpers mit frischer Energie aufgeladen. Er wird sich nicht mehr vor unbeseelten Dingen ängstigen - nie wieder! Er fühlt sich in einer Weise aufgeklärt und gestärkt, die ihm bisher unbekannt war. Außerdem beflügeln ihn nicht nur die jüngsten Geschehnisse zu neuen Taten, denn auch der Dacapo hat ein Gewissen. Dieses gab ihm vor wenigen Minuten einen eindeutigen Auftrag und nun trägt ihn diese neue Mission durch die Straßen: Er wird sich bei dem grünäugigen Wunder entschuldigen und die Ereignisse des gestrigen Tages vergessen machen.

Vom Wochenmarkt bis zur Postagentur am Bahnhof Karlshorst hat der Dacapo einen Fußweg von langen vier Kilometern vor sich. Bereits nach dem ersten davon kann er es nicht mehr erwarten, sein Ziel zu erreichen. Hastig setzt er seine Schritte und unwillkürlich wird er mit jedem zurückgelegten Meter schneller. So nähert er sich in einem lockeren Laufschritt einer Haltestelle genau in dem Augenblick, als in diese ein Bus einfährt. Den Entschluss für die Nutzung des unverhofft aufgetauchten Nahverkehrsmittels trifft er noch im selben Moment. Das öffentliche Gefährt bewegt sich in die gewünschte Richtung und ist in jedem Falle schneller als er es zu Fuß sein könnte.

Zischend schieben sich die beiden Teile der Eingangstür auseinander und der Dacapo springt in das dunkle Innere des Fahrzeuges. Er ist der einzige Fahrgast, der an der Haltestelle einsteigt, muss also nicht auf Mitreisende achten. Niemand steht vor ihm, mit dem er zusammenstoßen könnte. So kann er seine Konzentration vollständig auf die Suche nach einem Geldschein in den vielen Taschen seines Mantels lenken. Heute hat er sich eine Auszeit genommen und wenn er nicht als ’anonyma Zivila’ des Polizeigeheimdienstes unterwegs ist, dann bezahlt er für den Transport im öffentlichen Personennahverkehr. Da er jetzt ein ganz normaler Bürger ist, muss er sich nicht für die Durchsetzung der öffentlichen Ordnung engagieren. Die Geldsuche gestaltet sich etwas komplizierter, als er erwartet. Er hebt das linke Revers seines Mantels an, durchsucht die beiden Innentaschen darunter, wird nicht fündig und muss den Vorgang auf der rechten Seite wiederholen. Endlich fördert er einen zerknitterten Fünf-Euro-Schein hervor und reicht ihn zufrieden in Richtung des Fahrers. Als er den Kopf hebt, sieht der Dacapo in ein starres, bleiches Gesicht und in weit aufgerissene Augen, die einen ungeheuren und grenzenlosen Schrecken ausdrücken.

****

Gestern war nicht nur ein erlebnisreicher, sondern auch ein ausgesprochen schrecklicher Tag für die Fahrgäste und Beschäftigten der Buslinie 296. Dem Fahrer sind die Erlebnisse mit den beiden wahnsinnigen Passagieren noch viel zu gut in Erinnerung. Sie ließen ihn in der vergangenen Nacht nicht zur Ruhe kommen. Immer noch muss er an die verstörenden Diskussionen und die gewalttätigen Aktionen denken. Nur durch ein Wunder wurde niemand verletzt. In keinem Falle möchte er dies heute wiederholen oder mit ähnlichen Geschehnissen konfrontiert werden. So hat er sich zur Wahrung seiner seelischen Sicherheit auf eine andere Strecke versetzen lassen. Entgegen aller Wahrscheinlichkeiten und unter Verletzung sämtlicher stochastischer Gesetze des Universums steht der verrückte Geheimdienstler nun abermals vor ihm. Das Entsetzen des Busfahrers kann nicht größer sein. Er hört auf zu atmen, steht kurz vor einem Herzinfarkt und einem Wahnsinnsanfall zur gleichen Zeit. Nur die Flucht in eine Parallelwelt kann ihn jetzt noch retten. So sehr er sich diesen Ausweg auch herbeiwünscht, ein Portal zu einer anderen Dimension erscheint ihm nicht. Er sitzt in der engen Fahrerkabine, die nur einen einzigen Ausgang besitzt und diesen versperrt der personifizierte Wahnsinn. Dem Busfahrer wird klar, dass er gefangen und seinem Ende nahe ist. Instinktiv rückt er von dem Dacapo ab und drückt sich gegen das Seitenfenster. Dieses gibt ihm einen Hinweis mittels eines leichten Druckes des Schiebegriffs in seinen Rücken ... ein Ausweg? So schnell es ihm möglich ist, dreht er sich zum Seitenfenster um und schiebt es auf. Knirschend und viel zu langsam gleitet das dicke Sicherheitsglas in den Aluminiumschienen nach hinten und gibt den Weg nach außen frei. Da ist es, sein Portal zu einer anderen Welt! Das ist sein Weg in die Freiheit!

****

Verwundert sieht der Dacapo in die aufgerissenen Augen des Busfahrers. Die geweiteten Pupillen haben das Weiß des Augapfels nahezu vollständig verdrängt. Außerdem ist das sonderbare Verhalten des Fahrers mehr als erstaunlich. Dieser weicht vor ihm zurück, drängt sich zitternd in die hinterste Ecke seiner Kabine und öffnet dann das Seitenfenster. Der mächtige Geheimpolizist findet nur eine passende Erklärung dafür. Er vermutet die Ursache dieses Verhaltens in einem üblen Atem seinerseits. Wahrscheinlich riecht er wie ein Drache, der einen Tag zuvor in viel Knoblauch eingelegte Ritter verspeiste. Doch so sehr er sich auch anstrengt, es fällt ihm nicht ein, wann er dieses antisoziale Gemüse zuletzt gegessen hat, von Rittern ganz zu schweigen. Wie immer, wenn komplizierte Erklärungen nicht zu finden sind, bleibt nur eine simple Lösung übrig: Das morgendliche Rührei vom Imbisswagen war reichlich überwürzt. Zu allem Überfluss ist der Busfahrer ganz sicher auch noch ein Vampir - oder Ritter - und fürchtet nun um sein Leben. Gemäß seiner Erfahrung sind die einfachsten Erklärungen immer passend. Zumindest rechtfertigen sie seine gewaltigen, täglichen Handlungen zur Bewahrung von Ordnung und Sicherheit in der großen, bunten Stadt. Schließlich hat er nicht umsonst das Training ’Schnelles Handeln auf Grundlage einfacher Erklärungsmuster für komplexe Sachverhalte’ in seiner Behörde absolviert. Dieser Kurs war nicht nur lehrreich, die dort gewonnenen Erkenntnisse leiten ihn seither durch die komplizierten Situationen des Alltags. Seine Schlussfolgerungen hinterlassen die Welt auch dieses Mal in bester Ordnung und er lässt sein Hirn in Frieden ausspannen. Ihn amüsiert das interessante Schauspiel, welches der Mann in der Fahrerkabine ihm bietet, es lenkt ihn ab.

Wie sich in jeder unwahrscheinlich klingenden Erklärung immer ein Fünkchen Wahrheit befindet, bewegt sich der Dacapo auch dieses Mal mit seinen Vermutungen nicht sehr weit neben der Realität. Zwar riecht er selbst nicht nach Knoblauch und der Busfahrer ist weder kein Vampir noch ein mit Knoblauch gewürzter Ritter. Dieser fürchtet jedoch um sein Leben. Dazu hat er auch allen Grund, schließlich haben sich die gestrigen Erlebnisse mit dem Dacapo fest in sein Gedächtnis gebrannt. Berührt er seine Stirn, glaubt er immer noch, die Hitze eines Brandeisens zu spüren, mit dem der geheimbehördliche Wahnsinn ihn gestern quälte. Zu allem Überfluss löst sich nicht einmal einen ganzen Tag später seine Hoffnung auf Erholung und ein Vergessen in Luft auf: Der schrecklich gewaltige Beamte steht wieder vor ihm und bedroht ihn dieses Mal mit einem zerknitterten Geldschein! Da hilft nur noch ein Rückzug von diesem Ort durch Flucht.

So geschehen nun zwei Dinge gleichzeitig. Unruhig geworden durch die Suche nach dem Geldschein, springt Miezi aus der Seitentasche des Mantels und landet in der Fahrerkabine. Der Busfahrer beginnt die Verwirklichung der Flucht und zwängt seinen Oberkörper durch das seitliche Schiebefenster nach außen. Beide unerwartete Aktivitäten zwingen den Dacapo zu handeln, vorbei ist es mit dem Amüsement. Geistesgegenwärtig reagiert er, beugt sich nach vorn über das Pult, das die Fahrerkabine begrenzt und greift nach dem rechten Fuß des Flüchtenden. Miezi fühlt sich als Polizeitier und Begleiter des Dacapo ebenfalls zur Hilfe verpflichtet, springt vom Boden auf und verbeißt sich in das linke Hosenbein des Busfahrers. Beide versuchen ihn wieder zurück in das Fahrzeug zu zerren und ihm damit einen längeren Krankenhausaufenthalt zu ersparen. Ohne ihr Eingreifen würde der Verrückte mit dem Kopf zuerst aus dem Fenster stürzen und fast zwei Meter tiefer hart mit dem Asphalt der Straße zusammentreffen. Nach dem Fall der Fälle bringt das auf jeden Fall mehr als nur einen blauen Fleck ein. Leider verzögert sich die Rückwärtsbewegung des Flüchtenden, da er nun mit einer panischen Gegenwehr beginnt. Strampelnd versucht er, seine beiden Beine zu befreien. Miezi hängt zappelnd und laut knurrend in der Luft und der Dacapo zieht den Fahrer mit einem kräftigen Ruck in die Kabine zurück. Der landet auf seinem Sitz, nur die Beine ragen über die Absperrung in den Fahrgastraum. Mit einem glasigen Blick sieht er durch den Geheimpolizisten hindurch in eine unbestimmte Ferne. Er benimmt sich so, als sei sein Retter gar nicht anwesend. Interessiert beobachtet der Dacapo den starren Blick, beugt sich über die Absperrung zum liegenden Fahrer hinüber und wedelt mit beiden Händen vor dessen Augen. Da dieser nicht reagiert, greift er nach seinem kleinen Hund, der auf dem Boden liegt. Mit den langen Haaren von Miezis Schwanz kitzelt er den Busfahrer unter der Nase. Der rührt sich weiterhin nicht, blickt starr in die Ferne und blinzelt nicht einmal.

”Is ja irre! Det hatt ick noch nie...”

Hatten sich die Fahrgäste anfangs nicht sonderlich für das seltsame Geschehen im vorderen Teil des Busses interessiert, sehen nun alle gespannt in Richtung des Fahrerhauses. Inzwischen steht der Bus bereits mehr als fünf Minuten bewegungslos an der Haltestelle. Obwohl die Anwesenden ungeduldig werden, ist kein Laut zu hören. Niemand traut sich, die Stille zu stören. Dafür gibt es auch gar keine Notwendigkeit, bietet das Fahrzeug alle Möglichkeiten für eine geordnete Flucht. Zuerst ist das Zischen der Notentriegelung an der hinteren Tür zu hören, dann wird auch die mittlere ohne Zutun des Fahrers geöffnet. Alle Gäste verlassen ohne ein Wort den Bus des lebensmüden Fahrers, fürchten sie doch um ihr Leben für den Fall, dass er sich wieder hinter das Steuer setzt. Nur wenige Augenblicke später ist der schweigsame Mann allein mit dem Dacapo, der sich zu einem weiteren Kommunikationsversuch verpflichtet fühlt.

”Machste denn für Sachn? Wollteste dia det Jenick brechn?”

Nichts geschieht, nichts ist zu hören, außer dem leichten Wind. Der streicht leise pfeifend durch das Innere des Busses und weht eine große Wolke gelber Pollen hinein: Frühling. Aus irgend einem Grund, dessen Ursachen er jetzt nicht ergründen möchte, fühlt sich der Dacapo an seine Mission erinnert und greift sich an den Kopf. Oh Gott, er hat DIE Mission, seinen Plan vergessen. Das grünäugige Wunder wartet auf ihn, zumindest in seiner gedachten Realität wird er erwartet und er spielt sich hier schon wieder als Retter auf. Hatte er doch beschlossen, heute nicht mehr zu arbeiten, schließlich ist seine Quote für diesen Tag bereits erfüllt.

”Au weiha, da war doch wat!”, noch während er dies spricht, fasst er den Fahrer wieder bei den Füßen und fügt hinzu: ”Ick muss los.”

Ohne eine Reaktion abzuwarten, zieht der Dacapo den Mann über den flachen Tresen, der die kleine Kabine vom Fahrgastraum trennt. Anschließend zerrt er ihn auf eine Bank in der zweiten Reihe und setzt den teilnahmslosen Mann an das Fenster.

”Uff, hättest’de ja ooch helfn könn.”, beschwert er sich, kurz sein Werk betrachtend.

Der Fahrer sitzt nun steif und gerade aufgerichtet in der Bank und blickt starr aus dem Fenster. Dort fixiert er scheinbar einen Horizont, den es an der Haltestelle gar nicht gibt. Direkt neben dem Bus erhebt sich ein grauer Wohnblock in die Höhe und versperrt jegliche Sicht auf das weite Dahinter. Der Mann tut dem Dacapo leid, irgend etwas hat ihn vollständig aus der Bahn geworfen. Nun, er kann sich nicht um alles und jeden kümmern und außerdem muss er sich jetzt wirklich wieder ’in die Spur begeben’, damit er das Ziel seiner Mission erreicht. Kurz entschlossen kramt er in den tiefen Taschen seines Mantels und findet dort zufällig die ’pincher box’, die er vor wenigen Minuten auf dem Marktplatz geschenkt bekam.

”Ah, da hab ick’s ja.”

Zufrieden legt er das kleine Spielzeug dem Busfahrer in den Schoß.

”Der Hersteller saachte mia, dass det Ding durch jede Lebenslaaje hilft. Vielleicht komms’de damit ja wieda zu dia.”

Der Angesprochene greift mechanisch nach dem Geschenk und lässt die Plastikhändchen der ’pincher box’ mehrfach auf- und zuschnappen. Klack ... klack ... klack ... Das Geräusch lockt Miezi an. Der kleine Hund springt auf den Sitz neben dem Busfahrer, schiebt sich unter seinen Armen hindurch und setzt sich dessen Schoß. In den Mann scheint langsam mehr Leben zu kommen, denn er beginnt den Hund hinter dem Kopf zu kraulen.

”Na siehs’de, jeht doch.”

Der Dacapo ist zufrieden und gedenkt, sich einen Vorrat des kleinen Spielzeuges anzulegen. Mit dessen Hilfe lassen sich Menschen offensichtlich ablenken und beruhigen. Diese Wirkung traute er dem seltsamen Ding gar nicht zu, als er es bei den ’magic machine busters’ bekam. Während er diesen Überlegungen nachhängt, klettert er über den Tresen in die Fahrerkabine und setzt sich hinter das Lenkrad. Er möchte so schnell wie möglich zum Bahnhof Karlshorst, seine Mission vollenden. Wenn der Busfahrer nicht mehr arbeitsfähig ist, dann übernimmt er das eben selbst. Schließlich ist er ein universell einsetzbarer Beamter des großen Polizeigeheimdienstes und fühlt sich damit berechtigt, jedes Fahrzeug zu führen. ’So ein Bus ist kein Kampfjet. Die Zahl der Anzeigen und Hebelchen ist mehr als überschaubar. Das Ding wird mir schon anstandslos gehorchen.’, denkt er sich, startet das Fahrzeug und lässt dieses mit einem starken Ruck anfahren. Erschrocken tritt er auf das Bremspedal, so kräftig es ihm möglich ist: ’Upps, das war vielleicht etwas heftig.’ Mit einem weiteren Ruck und einem Kreischen des Motors bleibt der Bus wieder stehen. Das körperliche Beharrungsvermögen befördert Miezi vom Schoß des Fahrers. Der Pekinese rutscht unter den Sitzbänken hindurch und wird erst neben dem Dacapo durch die innere Frontverkleidung des Busses gestoppt. Vorwurfsvoll blickt der kleine Hund zum Dacapo hinauf.

”Grrr!”

”Tschuldigung Miezi, det Ding is wohl doch nich janz simpel.”

Erschrocken blickt er sich zum Busfahrer um und bekommt gerade noch mit, wie dieser langsam vom Sitz unter die Bank vor ihm rutscht. Dort bleibt er reglos liegen. ’Wahrscheinlich sieht er durch die Unterseite des Polsters hindurch in die blaue Ferne des Frühlingshimmels.’, denkt der Dacapo teilnahmsvoll. Dies tröstet den Fahrer bestimmt nicht, da die Sitzbank von unten ganz sicher nicht in einem hellen Blau erstrahlt. Jedoch zur Freude des Dacapo bleibt der Teilnahmslose dort liegen und rührt sich nicht weiter. Damit stellt er für bevorstehende Fahrversuche kein zu beachtendes Risiko dar. Der Radkasten und die Gestelle der Sitzbänke halten ihn von jeglicher Bewegung ab, besser als es ein Sicherheitsgurt jemals bewerkstelligen könnte. Beruhigt wendet sich der Dacapo wieder den Hebeln und Knöpfen des Pultes zu. Er spielt ein wenig wie auf der Klaviatur eines Synthesizers mit ihnen und hält dann erwartungsvoll einige Sekunden inne. Nichts geschieht und das große Fahrzeug ignoriert seine Aktivitäten vollständig. ’Oh - das scheinen nur Attrappen zu sein. Dieses Exemplar ist wohl ein potemkinscher Omnibus.’, stellt er erstaunt fest und versucht sich ein zweites Mal am Anlasser. Der Motor erwacht zum Leben, hustet einige dunkle Wolken an Feinstaub und Stickoxiden in die Berliner Luft und verfällt in ein ruhiges Brummen. Der Dacapo fühlt sich, als ob er gerade einen Drachen zähmte und lässt vor lauter Freude den Bus abermals mit einem Ruck anfahren. Den vorwurfsvollen Blick von Miezi bewusst ignorierend, konzentriert er sich darauf, das Fahrzeug dieses Mal nicht abzuwürgen und lässt es dem Ende der Haltestelle entgegenrollen. ’Nur nicht anhalten...’, denkt er und fährt ohne zu blinken auf die Straße. Sofort setzt mehrfache, lautes Quietschen und Hupen ein. Schuldbewusst sieht er nach vorn und beschleunigt vorsichtig. Irgendwie schafft er es, Ampeln immer dann zu erreichen, wenn diese für seine Fahrspur auf Grün geschaltet sind. Auch die vielen Wartenden an den anderen Haltestellen passiert er ungerührt. Die sehen dem Bus, der betont langsam mit offenen Türen an ihnen vorbeifährt, zuerst erstaunt und dann wütend hinterher. Ohne ein ernsthaftes Verkehrschaos auszulösen, erreicht er schließlich mit dem leeren Bus den Bahnhof Karlshorst. Direkt vor seinem Ziel, der Postagentur, befindet sich eine Haltestelle. Dort parkt der Dacapo das Fahrzeug. Den Fahrer lässt er unter der Sitzbank liegen. Dieser ist eingeschlafen und erholt sich von den Schrecknissen des heutigen Tages. Wenn er erwacht, wird er den Bus schon in das Depot bringen ... irgendwie.

****

Endlich hat er das ersehnte Ziel seiner neuen Mission erreicht und kann diese vollenden! Zu seinem Erstaunen fühlt er sich in einer verwirrenden und für ihn völlig unerwarteten Weise innerlich unruhig und unsicher. Sollte er sich nicht sicher und gefestigt in das Finale stürzen, so wie er es sonst immer und ausnahmslos handhabt? Nicht, dass ihm dieser innere Zustand gänzlich unbekannt vorkommen würde. Während seiner unfreiwilligen Jugend auf dem Lande überforderte ihn die provinziell romantische Umgebung häufig mit all ihren Dingen, Tieren, Erscheinungen und Erwartungen in emotionaler Hinsicht. In der großen, bunten Stadt fand er dann endlich nach langen Qualen seine innere Ruhe und eine einzigartige Selbstsicherheit. Das formte ihn zu dem erfolgreichen Geheimpolizisten, als der er heute bekannt ist: dem Schweizer Taschenmesser des Bundeskriminalamtes - dem Dacapo. Er ist der unermüdliche und unbestechliche Streiter für die Durchsetzung von Recht und Ordnung, das letzte Bollwerk des staatlichen Gewaltmonopols vor den Übergriffen von Anarchie und Chaos. Im Kampf gegen das Verbrechen und üble Machenschaften weiß er immer, was zu tun ist. Jede Situation erlebt ihn als ihren Herr und Meister ... jetzt ist das irgendwie anders, seltsam, verwirrend. Mit einem Mal ist er sich gar nicht mehr sicher, welche Schritte die nächsten sein sollen. Noch während er grübelnd versucht, seine verworrene Gefühlswelt wieder zu ordnen, tragen ihn seine Füße zügig durch die Eingangstür der Postagentur. Irgendwie scheint die Verwirrung seine untere Körperhälfte noch nicht erreicht zu haben.

Da steht es - das 'grünäugige Wunder'. Er bleibt direkt im Eingangsbereich des Geschäftes stehen und bringt kein Wort heraus. Hinter ihm fällt die Tür krachend ins Schloss und eine hässliche, elektronische Kopie eines Papageien pfeift zweimalig in seinem Rücken. Das Wunder sieht kurz auf von ihrer Arbeit auf - offensichtlich sortiert sie Briefmarken - und widmet sich dann wieder dieser anspruchsvollen Arbeit, ohne erschrocken oder verwirrt zu wirken. Er hatte bei ihr zumindest eine Reaktion erwartet, die seine innere Gefühlslage spiegelt. Was ist nur mit seiner Menschenkenntnis geschehen und wo ist seine Erfahrung im Umgang mit schwierigen Situationen geblieben?

”Schon wieder die falsche Tür: Backwaren gibt es gegenüber.”, ist die kurze Begrüßung.

Ja, das ist jetzt ein weiterer Grund, unsicher zu sein: Warum bleibt sein Erscheinen ohne Wirkung? Sonst sind alle Anwesenden bei seinem Auftauchen automatisch eingeschüchtert und warten darauf, dass er die Steuerung der Abläufe in seine Hände nimmt. Hier funktioniert das nicht, ganz im Gegenteil, er fühlt sich kontrolliert und gesteuert. Außerdem ist der Dacapo enttäuscht. So hat er sich die ersten Augenblicke des Wiedersehens nun wirklich nicht vorgestellt. Würde er intensiver in seinen Gedanken und Erwartungen forschen, käme er zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass ihn dieser Teil des zukünftigen Geschehens bisher gar nicht beschäftigte. Es sind schlicht keine Vorstellungen dazu in seinem Hirn vorhanden, denn für ihn ist es normal, sich über die Zukunft keine Gedanken zu machen. Schließlich lebt er hier und heute und die Probleme, um die er sich ununterbrochen kümmern muss, umgeben ihn jetzt und ihre Lösung duldet keinen Aufschub. Somit handelt er in jedem Falle impulsiv aus der aktuellen Situation heraus und seinem Gefühl nach richtig. Doch Sicherheit und Gefühl haben ihn mit dem Eintreffen in der Postagentur verlassen. Irritiert blickt er auf die Frau hinter dem Verkaufstisch und weiß nicht, was er unternehmen soll: Für den Dacapo ist die größte, mögliche Katastrophe eingetreten! Das heißt, es geschieht nichts und er steht weiterhin erstarrt im Eingangsbereich des Geschäftes.

Die Tür hinter dem Dacapo wird plötzlich schwunghaft geöffnet. Das schwere Blatt schlägt ihm schmerzhaft in den Rücken. Eine Frau mit einem Paket in den Händen, das nahezu vollständig den Rahmen der Tür ausfüllt, versucht die Poststelle zu betreten. Das verpackte Versandstück ist so gewaltig, dass sie mit ihren Armen nicht daran vorbeikommt und die Klinke ist damit für sie in unerreichbarer Ferne. Da sich keine Hilfe in ihrer Nähe befindet, entscheidet sie sich für ein einfaches, praktisches Vorgehen. Zuerst wirft sie die Tür mit aller Kraft auf, dann hebt sie das Paket vor den Bauch und läuft mit diesem so schnell es geht durch die Öffnung. Legt man dabei ein hinreichendes Tempo vor, ist der Raum erreichbar, bevor die Tür wieder zufällt. Da dies auf ihrem heutigen Weg bereits mehrfach problemlos funktionierte, stuft sie es als ’probate Maßnahme’ ein. Bei der Wiederholung des Vorgehens rechnet die Frau leider nicht mit dem vor Verwirrung starren Geheimpolizisten direkt hinter der Tür und begeht damit einen verhängnisvollen Fehler. In Folge des Zusammenstoßes überträgt die aufschwingende Tür einen Teil der kinetischen Energie auf den Dacapo. Der kippt nach vorn, fällt in den Raum und rutscht auf dem Bauch in Richtung des Verkaufstisches, nur um mit dem Kopf gegen diesen zu stoßen. Damit hat die Tür viel von ihrer Energie verloren und bewegt sich schneller als gedacht wieder in ihre Ausgangslage zurück. So läuft die Frau mit dem Paket vor dem Bauch entgegen ihrer Erwartung in einen verschlossenen Eingang und findet sich einen Augenblick später auf dem Boden wieder, unter ihrem Paket liegend.

”Kann ich helfen?”, bringt der Dacapo gequält hervor, nachdem er hart gegen das rechte, vordere Bein des Tisches gestoßen ist.

Das grünäugige Wunder beugt sich über den Tisch und blickt interessiert von oben auf ihn herab: ”Upps, kein Brot heute?”

”Nein, nur helfen.”, presst sich der Dacapo tonlos ab.

”Na dann, auf auf und nach dem Paketträger vor der Tür geschaut. Der benötigt wohl etwas Hilfe!”

Er steht stöhnend auf, reibt sich mit beiden Händen die Stirn und trottet zum Ausgang, als wäre er ferngesteuert. ’Ein Gespräch haben wir schon einmal begonnen. Es lief zwar nicht blendend an, trotzdem ist das mehr als nichts.’ Vorsichtig greift er nach der Klinke, drückt sie langsam herunter und zieht die Tür zu sich heran.

Die Verkäuferin beobachtet die Aktion abwartend und in Sicherheit hinter ihrem Verkaufstisch stehend. ’Hm, heute wirkt er ganz vernünftig. Entweder kommt das vom Schlag gegen den Kopf oder er ist einfach nicht mehr hungrig.’ Die Show am gestrigen Abend war mehr als merkwürdig. Damit sich das nicht wiederholt, ist genaueres Hinsehen und etwas Führung schon angebracht. Schließlich möchte sie nicht schon wieder eine Stunde ihrer Freizeit mit Aufräumarbeiten vergeuden.

Als der Dacapo auf die zweistufige Treppe vor der Tür tritt, sieht er davor nur ein Paket liegen. An dessen linker und rechter Seite ragt jeweils ein Unterarm mit einer Hand heraus.

”Oha, Bernd-das-Brot ist hier. Hatte gar nicht gewusst, dass es den wirklich gibt ... und er so groß ist. Wie interessant!”, ruft er durch die Tür in die Agentur hinein.

Erst als ein leises Stöhnen unter dem verpackten Stück hervordringt, bemüht er sich zu diesem hinab und geht daneben in die Hocke. Unter dem unförmigen Paket kommt der Kopf einer Frau zum Vorschein.

”Sind sie denn für einer. Lassen sie die Scherze und helfen sie mir doch bitte.”

”Tschuldigung ... habe sie gar nicht gesehen ... wie sind sie denn dahin gekommen?”

”Können sie mir jetzt endlich helfen?”

”Oh!”, dem Dacapo ist seine Begriffsstutzigkeit peinlich und er beeilt sich, das gewaltige Paket von der Frau zu schieben.

Befreit richte sie sich auf: ”Puh! Na endlich.”

Gemeinsam tragen sie das mit vielfarbigen Kartonagen umwickelte Versandstück in die Postagentur hinein und legen es quer über den Verkaufstisch.

”Geht’s noch größer?”, ist die erschrockene Reaktion des grünäugigen Wunders: ”Jetzt habe ich den Stress und muss in der Zentrale anrufen, um die Kosten zu erfragen.”

Sie weiß, dass sie von dort zuerst über zwanzig Minuten in der Warteschleife mit der schrecklichsten Musik des Universums gequält wird und sich anschließend auch noch die Beleidigungen des Bearbeiters gefallen lassen muss. Das ist bei jedem Anruf die übliche Folter, auf die sie in diesem Augenblick keine Lust hat.

”Nee, der Empfänger zahlt, ist eine Rücksendung.”

”Dieses - riesige - Ding?”, fragt die Verkäuferin: ”Nur so zur Befriedigung meiner Neugier: Was ist da eigentlich drin?”

”Nichts Besonderes, nur eine Matratze.”

”A-ha?”, der Dacapo ist nicht überzeugt davon, dass ein komplettes Exemplar davon in das Paket passt.

”Doch, doch. Die Matratze hatte ich online gekauft. Das Ding war eingeschweißt und irgendwie ’vakuumverpackt’. War schön klein und handlich, als es geliefert wurde ... ja und dann passte es nicht ins Bettgestell. Außerdem war die Matratze einfach zu breit ... und dann macht sie auch noch Geräusche und blinkt nachts.”, beeilt sich die Frau zu erklären.

”Waaas?”

”Ja, sogar durch das Laken hindurch ist das zu sehen und zu allem Überfluss will das ’Ding’ ständig mit mir reden ... ist einfach nur nervig und entspricht nicht den Versprechungen aus dem Onlineshop.”

Fand der Dacapo das Gespräch über Matratzen bisher nicht interessant und aufregend, wird er jetzt aufmerksam. Er fühlt sich an die Unterhaltung erinnert, die er auf dem Marktplatz führte.

”Reden? Im Bett? Beim Schlafen? Eine Matratze?”

Während das grünäugige Wunder ihr Erstaunen und Entsetzen ausdrückt, schüttelt sie verwundert den Kopf. Die fliegenden, rotbraunen Haare faszinieren den Dacapo genauso wie ihr Mitgefühl für die Kundin. Für einige Augenblicke ist er abgelenkt und sieht ihr dabei zu, wie sie das Paket auf eine große Waage wuchtet.

”Ja, diese Matratze hier. Außerdem belehrt das Liegegerät einen ständig bezüglich des Körpergewichts. Das Ding quasselt und fragt ununterbrochen, an Schlaf ist dabei gar nicht zu denken.”, bestätigt die Kundin.

”Waaas? Das geht ja nun gar nicht!”

Jetzt schwingt in dem Entsetzen auch ganz deutlich Wut mit.

”Deshalb sende ich das dubiose Gerät nun zurück zum Shop, das haben die jetzt davon. Ließ sich nur nicht so einfach verpacken, wie ich dachte. Eine kleine Rolle ist es leider nicht mehr geworden.”

Mit Hausmitteln war die Luft nicht aus der Matratze zu entfernen. Diese konnte also nicht wieder in den ursprünglichen Transportzustand versetzt werden. Sie ließ sich nur einmal in der Mitte knicken, zusammenklappen und in Teile verschiedener, bunter Kartons einhüllen. Das Verpackungskunstwerk ist mit drei kompletten Rollen Paketklebeband gegen Zerfall und Selbstauflösung gesichert.

”Verständlich, das Ding hätte ich auch zum Teufel gejagt.”, bestätigt das grünäugige Wunder und fügt grimmig hinzu: ”Dieser überwachungssüchtige Lügenverkäufer bekommen jetzt das zehnfache Porto per Nachnahme!”

Die Angestellte der Postagentur steht hinter ihrem Verkaufstisch auf den sie das riesige, bunte Paket gewuchtet hat. Wütend wirft sie funkelnde Blicke in den Raum und klebt mit einem heftigen Schlag den Versandaufkleber gegen die Verpackung. Der Dacapo lehnt in einer dunklen Ecke des Verkaufsraumes an der Wand. Auf der anderen Seite des Tisches und mit etwas Abstand fühlt er sich bei der gewalttätigen Handlung ganz wohl. Während er aufmerksam das für ihn einmalige Schauspiel einer Paketabfertigung verfolgt, fällt ihm ein, warum er sich an das Gespräch mit Matz ’elemec’ auf dem Wochenmarkt erinnert. Vorsichtig und unbeachtet hebt er die rechte Hand in die Höhe, um eine Wortmeldung zu signalisieren. Nur sieht ihn in seiner Ecke niemand.

”Ähm, ich glaube, ich habe eine bessere Idee.”, bemerkt er laut.

Jetzt wird er beachtet und beide Frauen sehen erstaunt und mit einem Blick zu ihm hinüber, der deutlich zeigt, dass sie seine Anwesenheit vergessen haben.

”So?!”, ist die bestimmend vorgetragene Antwort, Frage und Aufforderung zugleich.

Ganz entgegen seinem sonstigen Benehmen kommt der Dacapo diesen Befehl vorsichtig nach.

”Ich kenne da jemanden, der kümmert sich um solch ein ausgeflipptes Technikzeug.”

”Und?”

”Na dem übergeben wir das Gerät - äh die Matratze - äh das Nervteil. Der kümmert sich darum und auch um den Verursacher ... der wird dem das Handwerk legen.” und fügt beruhigend hinzu: ”Natürlich gibt er die Matratze zurück an den Verkäufer.”

”Mit so etwas kennt sich jemand aus? Hier bei uns, in der Nähe?”

”Ja.”

”Wahnsinn!”, das grünäugige Wunder stemmt die Fäuste in die Seiten, beugt den Kopf zur rechten Schulter und sieht den Dacapo herausfordernd an.

Zum großen Erstauen des Superpolizisten und der Angestellten der Postagentur lässt sich die Betrogene nicht lange bitten und stimmt dem Vorschlag zu. Für sie ist es der einfachste Weg, das Problem zu klären, Rache zu bekommen und außerdem ohne Kosten die gesamte Angelegenheit zu beenden. Sofort beginnt der Dacapo nach der Visitenkarte von Matz ’elemec’ in den Taschen seines weiten Mantels zu suchen. Beide Frauen sind zufrieden mit der Wendung. Für sie ist damit die Angelegenheit beendet, sie haben keine weitere Arbeit mit dem Problem der überwachungssüchtigen ’Quasselmatratze’ und Rache gibt es als Zugabe auch noch. Die Matratzenkäuferin zeigt sich somit sehr zufrieden über die Entwicklung ihrer Angelegenheit und dankt dem Dacapo überschwänglich für sein Engagement. Dann verlässt sie hastig die Postagentur, bevor die beiden anderen Anwesenden sich umentscheiden können: Nur kein Risiko eingehen.

****

Die Tür fällt hinter der Besucherin ins Schloss und das grünäugige Wunder bleibt allein mit dem Dacapo in der Agentur zurück. Sie sieht ihn wieder forschend und abermals herausfordernd lächelnd an.

”Und nun?”

Ja, und nun? Der Dacapo fühlt sich ratlos und überfordert. Für diese Situation findet sich in seinem Repertoire von Standardvorgehensweisen keine Beschreibung. Eigentlich befindet er sich auf seinem heimatlichen Feld, schließlich ist er der Meister der Improvisation. Trotzdem ist dieser Augenblick anders, einfach verwirrend für ihn. So steht er vor dem Verkaufstisch und versucht in seinem Kopf einen Gedanken zu finden, der hilfreich sein könnte ... nichts. Ist seine Mission jetzt gescheitert?

Das grünäugige Wunder beginnt mit den Fingern auf den Tisch zu trommeln. ’So, nun habe ich ihn komplett aus seinem Konzept gebracht.’ Sie sieht sich das Schauspiel in Ruhe an und wartet auf mehr - mehr Kommunikation, mehr Chaos, mehr irgendetwas. Es ist schon erstaunlich, dass er nach der gestrigen Vorstellung hier wieder erscheint, üblich ist das wirklich nicht. Zwar ist es in der großen, bunten Stadt normal, dass täglich die unmöglichsten und peinlichsten Dinge geschehen, nur gibt es selten eine Wiederholung und noch seltener ein Wiedersehen mit dem Verursacher der Angelegenheit. Diese Stadt ist nicht nur groß, sie kultiviert auch einen gewaltigen, anonymen Wahnsinn. Neben dem allgegenwärtigen Schmutz scheinen es genau diese vielen unerklärlichen Absurditäten zu sein, welche die Berliner an ihrem Moloch lieben. In diesem speziellen Fall setzt sich jedoch die Verhaltensbiologie durch. Anstatt etwas zu sagen, fängt der Dacapo plötzlich an, in den tiefen Taschen seines weiten, schwarzen Ledermantels zu suchen. Er springt einfach in eine klassische Ersatzhandlung und fördert bereits nach kurzer Zeit Miezi hervor. Der kleine Hund baut sich auf dem Boden direkt vor dem Geheimpolizisten auf und knurrt ihn erbost an. Die hektische Suche riss ihn abrupt aus dem Schlaf. In Begleitung des hyperaktiven Dacapo gibt es nie viel Zeit für einen ausreichenden und erholsamen Schlaf. Der kleine Pekinese nutzte die Gelegenheit der langen Pause nach den Aufregungen im Bus für die verdiente Erholung und nun reißt ihn der unruhige Geheimpolizist aus den besten, tiefsten Träumen.

”Upps, dich habe ich ja ganz vergessen...”, spricht der Dacapo leise vor sich hin und blickt erschrocken auf seinen ständigen Begleiter hinab.

Lachend lehnt sich die Angestellte der Postagentur über ihren Verkaufstisch und stützt sich mit beiden Händen auf dessen breite Platte. Die gesamte Szene ist so absurd lustig, dass es sie nicht mehr ruhig dahinter stehend hält. Urplötzlich springt ein kleines, erbostes Tier aus einer der Manteltaschen ihres Besuchers und baut sich knurrend vor ihm auf. Das unerwartete Ereignis und ihr Lachen verunsichern ihn noch mehr. Weder bringt er mit ihr eine vernünftige Konversation zustande, noch weiß er sich in der Situation um seinen tierischen Begleiter zu kümmern. Instinktiv geht sie vor den Tisch zu dem kleinen Hund, greift sich Miezi und nimmt das Tier in die Arme.

”Armes, kleines Ding ... wie konnte er dich so behandeln!”

Als sie dann den Pekinesen am Hals krault, beginnt dieser wohlig zu brummen. Nun kann man ihn wirklich mit einem großen, schnurrenden Kater verwechseln. Da der Dacapo seinen Begleiter noch nie auf diese Art verwöhnte, ist er so stark verblüfft, dass er schlagartig seine Sprachlosigkeit verliert.

”Ha - du Simulant, wusste ich es doch: Du bist eine fette Katze!”, bricht es aus ihm heraus.

”Waaas?”

Die Angestellte der Postagentur ist empört und funkelt den Dacapo an. Nicht dass sie sich angesprochen fühlt, sie findet es respektlos, wie er mit dem kleinen Hund spricht. Es ist nicht in Ordnung, ein abhängiges Wesen so zu beschimpfen, kann es sich doch nicht verteidigen oder wehren. Das Tier selbst wiederum versteht natürlich nicht, was über es gesagt wird, hat aber ein gutes Gespür dafür, wie etwas ausgesprochen wird. So funkeln jetzt zwei Augenpaare den Dacapo erbost an. Das bringt den mächtigen Geheimpolizisten endgültig und vollständig durcheinander. Er weiß sich nicht mehr zu helfen, sinkt auf die Knie, lässt den Kopf hängen und versucht die Situation noch zu retten.

”Entschuldigung ... bitte, so habe ich das nicht gemeint ... auch für gestern ... ich weiß gar nicht, wie ich das wieder bereinigen kann ...”, stottert er leise.

Das grünäugige Wunder und Miezi blicken nun ihrerseits erstaunt und amüsiert auf ihn herab. Mit dieser Reaktion haben sie nicht gerechnet. Offensichtlich ist er gar nicht die Krone des Wahnsinns, nicht der ’König der Durchgeknallten’, nimmt er doch die Gefühle seiner Nachbarn wahr. Bevor der Dacapo abermals die Sprache und den Faden verlieren kann, findet er in den Taschen seines Mantels die ’respect flower’.

Als er das kleine Plastikblümchen mit seinen Fingern berührt, kennt er mit einem Mal den Ausweg aus seinem gegenwärtigen Dilemma. Hastig zieht er die 'respect flower' aus der Tasche, hält sie dem grünäugigen Wunder hin und lädt sie zu einem Essen am Abend ein.

”Oh! Das ist jetzt überraschend!”, bringt sie nach einer kurzen Pause hervor und fügt sofort hinzu: ”Aber nur unter einer Bedingung.”

”Be-din-gung?”

Der Dacapo fühlt sich wie in einem Folterkabinett. Er kann sich gedanklich nur nicht entscheiden, ob das jetzt das Streckbett oder ein glühendes Eisen ist, das er auf seiner Haut spürt.

”Ja, ab jetzt DU ... und pünktlich hier um achtzehn Uhr vor der Agentur.”, antwortet sie lachend.