; Der Rachen des Ungeheuers

Der Rachen des Ungeheuers

Wer mit Ungeheuern kämpft,
mag zusehn,
dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird.

Friedrich Nietzsche

Tommy schob gekonnt den langen, steifen Schweißdraht in die Tür des Oldtimers. Der blanke, dünne Stahl fühlte sich angenehm kühl an und die alten Dichtungsgummies gaben bereitwillig nach. Den Mustang zu öffnen, würde eine leichte und schnelle Übung werden: Keine Schwierigkeit für Handwerker seines Formates. Das war ein schöner Wagen - er war gut gepflegt - genau der richtige Zuverdienst auf seiner Flucht. Nur die vielen Blaulichter und Rundumleuchten waren nicht so passend. Aber sie störten Tommy nicht. Er war in einer Zwangslage, da konnte er nicht wählerisch sein und musste den einen oder anderen Abstrich an der Prämie in Kauf nehmen. Die Mechaniker des Konsortiums würden diesen monströsen und unverkäuflichen Zierrat problem- und restlos entfernen. Tommy musste nicht lange suchen und in den Eingeweiden der Tür stochern. Als sich dem zu einem Haken umgebogenen Ende des Drahtes ein Widerstand bot, hoben sich seine Mundwinkel zu einem leichten Lächeln. Ein vorsichtiger, jedoch energischer Zug und die Tür sprang auf. Das leise, dumpfe Klacken, das sonst in diesem Falle zu hören war, ging in dem Sirenengeheul unter, das der Wagen immer noch von sich gab. Tommy fehlte etwas. Eine gefühlte Leere besetzte den Ort in seinem Innern, an dem sich sonst Zufriedenheit einstellte. Das Klacken war immer ein erster Höhepunkt in einer Kette von schnell folgenden, aufregenden Ereignissen: öffnen, kurzschließen, flüchten, übergeben, abrechnen. So wie sich die Geschehnisse in seinem Rücken entwickelten, blieb ihm heute keine Zeit mehr für die Analyse seiner Gefühlswelt und Emotionen.

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Thomas Knopfke - genannt 'Tommy' - war ein Spezialist in seinem Fach. Die berufliche Arbeitsteilung machte vor keinem Zweig der Wirtschaft halt, auch nicht vor der Schatten- und Beschaffungswirtschaft. Er arbeitete schon viele Jahre erfolgreich für ein großes, europäisches Konsortium. Dieses lieferte beliebige Traumwagen zu Wunschterminen. Die Autos wurden von seiner Abteilung in Berlin und der Mark Brandenburg beschafft und nach Polen verbracht. Dort waren fleißige Handwerker dabei, sie 'umzuarbeiten'. Mit viel Geschick entstanden in kürzester Zeit zumindest äußerlich neuwertig anmutende Wagen. Diese wurden reimportiert und wieder verkauft. Aus Gründen der Risikominderung fand das für die von Tommy beschafften Waren meist in Hamburg und im Ruhrpott statt: Dicht besiedelt und zügig zu erreichen für ein schnelles Geschäft. Durch die Optimierung der Prozesse und Geschäftsabläufe war im Laufe der letzten fünf Jahre jegliche Lagerhaltung verschwunden. In das große Projekt waren alle Abteilungen und Teams eingebunden gewesen. Eines der größeren, global arbeitenden Unternehmen zur Wirtschaftsberatung hatte den Vorgang begleitet und zertifiziert. Inzwischen hielt das Konsortium vorbildlich eine ganze Reihe von ISO-Normen ein. Tommy hatte die Urkunden in der Empfangshalle des Hauptsitzes bewundert. Die lange Reihe von Bilderrahmen mit Zertifikaten, die jeder Besucher passieren musste, hatte ihm Respekt eingeflößt. Die Führung kümmerte sich gewissenhaft und nachhaltig um Effizienz und Ordnung. Das machte ihn mächtig stolz, in diesem Konsortium arbeiten zu dürfen.

Besonders beliebt waren Oldtimer bei den Kunden. Klar, niemand konnte diese zu Neuwagen umfabrizieren. Jedoch ein wenig Tuning und etwas Aufarbeitung von Details erhöhte deren Wert schnell um ein Vielfaches. Die geschickten Mechaniker vollbrachten wahre Wunder in den großen, polnischen Werkstätten. Ihre Erfahrung und Handwerkskunst füllte die Kassen der Unternehmung reichlich und zuverlässig. So bestand die einzige Sorge des oberen Managements in der Sicherung eines kontinuierlichen Nachschubs an Rohlingen. Das garantierte eine gleichmäßig hohe Auslastung der im pommerschen Wald verborgenen Fabriken. Ein ausgeklügeltes Prämiensystem füllte die Pipeline und die Hallen. Eingeführt wurde es durch den Top-Manager Bolesław Bolesławiec (genannt 'double bowl'). Er hatte bei seinem Studienaufenthalt in einer Chicagoer Schwesterorganisation die Vorteile eines solchen Anreizsystems kennengelernt. Begeistert führte er es in Europa ein und der Erfolg gab ihm Recht. Kombiniert mit einem sozialen Sicherheitssystem nach deutschem Muster war es die Basis für ein erfülltes Arbeitsleben aller Mitglieder des Konsortiums. Es gab mehrere Jahresboni zu verteilen. Diese waren an die Erfüllung der Zielvorgaben der gesamten Unternehmung, des Teams und die persönliche Leistung gekoppelt.

Tommy hatte sich auf den Diebstahl amerikanischer Wagen spezialisiert - daher auch sein Rufname. Schon als Kind war er dem Charme der muscle-cars erlegen. Jedes Mal, wenn er einen der Boliden am Straßenrand sah, konnte er nicht vorbeigehen. Er musste eine kleine Ausfahrt mit diesem unternehmen. Die Besitzer, nicht immer umgängliche, einfache Leute, waren damit nie einverstanden. So hatte er oft Fachgespräche mit Polizeibeamten und ab und zu auch mit zwielichtigen Gesellen. Jetzt, viele Jahre später, arbeitete er in einem Team zur Oldtimer-Beschaffung. Sein Manager freute sich jedes Jahr wieder, dass er bei der nervigen und zeitraubenden Technik-Budget-Verteilung nicht mitkämpfen musste. Seine Kollegen kamen nach wie vor mit einem Schweißdraht als einzigem Werkzeug zurande. Andere Teams mussten neueste, teure Spezialtechnik anschaffen, um moderne Luxuswagen ohne Beschädigungen zu öffnen. Tommy war zu Beginn des vierten Quartals seiner Jahreszielprämie bereits sehr nahe gekommen. Zwei Autos fehlten ihm noch. In seinen Tagträumen bereits deutlich erkennbar, winkte ihm ein zusätzlicher Geldbetrag und als erstem Planerfüller des Jahres war ihm ein Bild in der 'Straße der Besten' sicher. Diese war als Reihe von Fotos in der Eingangshalle des Konsortiumshauptsitzes aufgebaut. Sie war so platziert, dass jeder Besucher des Hauses sie passieren musste. Was für eine Ehre: Bester Autodieb des Jahres 2013 in der Kategorie Oldtimer!

Und nun war das BKA dem Autoschieberring auf die Spur gekommen. Ausgerechnet Tommy war in das Visier des Polizei-Geheimdienstes geraten. Er konnte sich immer noch nicht erinnern, welchen Fehler er begangen hatte und wo er auffällig geworden war. Da jetzt bereits seit zwei Monaten erfolglos nach ihm gefahndet wurde, war das inzwischen belanglos. Er war auf der Flucht - seit Monaten. Anfangs bewegte er sich langsam durch Berlin. Eine große Stadt war ein gutes Versteck. Nachdem immer mehr Fahndungsplakate von ihm aufgetaucht waren, musste er die Anonymität der Massen verlassen. Sie bot keinen ausreichenden Schutz mehr. Auf dem Weg in die undurchdringlichen Tiefen der märkischen Provinz kam er nach Storkow. Diese Kleinstadt schien ein erster Anlaufpunkt für alle Flüchtenden zu sein. Hier trafen sich die Hinz und Kunz der Geächteten. Ein wenig mehr statistische Arbeit würden die Polizei und einige der vielen deutschen Geheimdienste dazu veranlassen, in der märkischen Kleinstadt größere Niederlassungen zu errichten. Wie die Regierung der bunten Republik erst vor wenigen Tagen das Internet als Neuland entdeckte, stand die Staatsgewalt mit Rechentechnik immer noch auf Kriegsfuß. Ohne Computer war einfach keine Massendatenverarbeitung möglich. So blieben wichtige Erkenntnisse und Fahndungserfolgen aus. Machte aber nichts, denn sie hatten ja ihren Superhelden: den Dacapo. Der kompensierte das problemlos. Er war die Amalgamfüllung für jede organisatorische Leerstelle.

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Der Dacapo war so richtig in Fahrt gekommen. Er war DIE Wutbombe - energiegeladen, schnell, mächtig bewaffnet und natürlich im Recht. Unzufriedener mit der Gesamtsituation konnte niemand sein. Zuerst wurde er in die Provinz an einen Tatort befohlen, der komplett leer war. Hier gab es keine Beweismittel, keine geschlossenen Türen, keine Fenster, keine Bewohner, kein Widerstand - gar keine Menschen. Da war nichts, außer Asche, Staub und Leere. In dem Augenblick, als er die Depression der Situation genießen, sich ihr ganz ergeben wollte, versuchte jemand sein Auto zu öffnen - das war einfach unvorstellbar! Der Diebstahl eines Polizeiwagens stellte schon eine Art Grenzüberschreitung dar. Das Aufbrechen eines behördlichen Gefährts, dessen Blaulicht und Sirene eingeschaltet waren, konnte nur noch als 'wahrnehmungsgestörter Grenzübertritt' bezeichnet werden. Und wenn diese höchst unwahrscheinliche Tat am Dienstwagen des Dacapo begangen wurde, dann war mit dem GAU in der polizeilichen Reaktion zu rechnen. Genau dieser trat Augenblicke später ein.

Geduckt, mit langen Sprüngen, die riesige, glänzende Pistole weit vor sich haltend, sprang eine seltsame Figur auf die Straße. Bewegungen und Äußeres erinnerten an die Darstellung von Außerirdischen in billigen science fiction Produktionen. Es schien sich um eine Alien-Polizeistreife zu handeln. Zumindest war ein verborgener Beobachter zu dieser Meinung gekommen. Tommy war durch das laute Orgeln der Sirenen im und außerhalb des Wagens abgelenkt. Er nahm das Geschehen hinter ihm erst wahr, als sich die Fahrertür mit einem leichten Ruck geöffnet hatte. Da war es schon zu spät für einen Fluchtversuch. Im Glas, der von ihm bearbeiteten Tür, war eine schwache Reflexion erschienen. Ein Wesen, dessen kugeliger Kopf im unteren Bereich fahl blau von riesigen Schulterklappen beleuchtet wurde, sprang auf ihn zu. Noch durch das Heulen der Sirenen konnte er das laute Klatschen der großen Lederflügel hören, die hinter dem Wesen flatterten und aneinander stießen. Die Freude über eine erfolgreiche Arbeit war ausgeblieben. An ihrer Statt wurde Tommy von einem Panik-Tsunami so stark getroffen, dass er sich ruckartig umwandte. Starr und mit weit aufgerissenen Augen blicke er auf den Dacaop. Dieser gab im Sprung zwei Warnschüsse ab, deren lautes Krachen die Straße hinunter rollte. Beide Bündel aus Schallwellen schienen einen Wettbewerb um den ersten Platz auszutragen. Welches die große Backsteinkirche am Ende der Straße zuerst erreichen würde, blieb über mehrere Sekunden ungeklärt. Das mediale Inferno störte den Sonntagnachmittag: blinkende Blaulichter, blitzende Mündungsfeuer, jaulende Sirenen, Pistolenschüsse, knatterndes Leder und ein leises, energisches Knurren. Egal wie wütend der Dacapo war, er brachte es nicht übers Herz, in Richtung seines Autos zu schießen. Das Knurren in der rechten Außentasche seines Mantels wurde immer lauter und fordernder. Offensichtlich hatte Miezi sich dort versteckt. Das Lärmgewirr hatte den kleinen Hund richtig aufgeregt. Schon den ganzen Nachmittag über hatte er keine Ruhe gefunden. Er wollte sich jetzt nur noch abreagieren, sich sinnlos in irgendetwas verbeißen und wild knurrend daran zerren. Dem Dacapo war diese Reaktion seines kleinen, tierischen Begleiters nicht neu. Bei so manchem Einsatz hatte sich Miezi über eine sinnlos übertriebene Demonstration der Staatsgewalt beschwert. Im Normalfall geschah dies immer durch ein Verbeißen im linken Mantelschoß oder dem rechten Stiefel. Er hatte heute gar keine Lust mehr auf die Pflege seiner Dienstbekleidung. An diesem Tag war bereits so gut wie alles falsch gelaufen. Er wollte sich am Abend einfach nur noch entspannen. So griff er während des nächsten Sprunges kurz entschlossen in die rechte Manteltasche und zog die Miezi heraus. Er schleuderte den kleinen Pekinesen dem ihn immer noch anstarrenden Tommy entgegen. Der Hund hatte sich offensichtlich schon auf weiches Leder und den Geschmack des darin eingezogenen Pflegemittels gefreut - alles besser als Katzenfutter. Miezi war mit der Entwicklung der Lage noch unzufriedener als bisher. In einem Anfall aus grenzenloser Wut, Enttäuschung und Frustration verbiss sich der kleine Hund in die Bauchtasche von Tommys Kapuzen-Shirt. Jetzt war endlich der Zeitpunkt für wildes Knurren, Zerren und Zerreißen gekommen. Der Träger des Shirts riss instinktiv beide Arme in die Höhe. Zur Abwechslung starrte er jetzt auf den Pekinesen vor seinem Bauch. Die Augen quollen ihm förmlich aus den Höhlen und immer noch war jeglicher Lidschlag ausgeblieben. Der Dacapo musste nichts von 'Verhaftung', 'Hände hoch' oder andere, sonst übliche Sprüche aufsagen. Die Situation war klar und nachdem er Miezi von Tommy pflückte, hing dessen Shirt in Fetzen vor seinem Bauch. Endlich abreagiert, kläffte der kleine Hund den Gefangenen freudig an. Das Ungeheuer hatte sich wieder beruhigt und war mit dem Ergebnis seiner Arbeit zufrieden.

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Am Ende wurde Tommy dank des Eingreifens der 'bellenden Miezi' gestellt. So kam der Dacapo auf dem Höhepunkt seines Einsatzes in Storkow doch noch zu einer Verhaftung. Diese war gleichzeitig ein unerwarteter Fahndungserfolg und eine erneute Blamage für seine Kollegen der Abteilung 'Zentrale kriminalpolizeiliche Dienste' im Bundeskriminalamt.

Der Beobachter hinter dem Dachfenster war froh, in der dunklen Tiefe der Gaube verborgen zu sein. Dieses zweiteilige, offensichtlich außerirdische Polizeiwesen hatte ihn gewaltig erschreckt. Er kauerte in einer Ecke, fest an die Dachbalken gepresst, hielt sich mit beiden Händen den Mund zu und beobachtete das Geschehen vor dem Haus. Ein einziger Gedanke beherrschte sein Denken, füllte sein Hirn vollständig aus: Wohin nur sollte er vor diesem ganzen Wahnsinn fliehen?

W23C2P5
Autor

© 28.02.2015
http://texorello.org/W23C2P5
20. Oktober 2013 17:20 Uhr
Ort: Attilas Exil
Personen: Tommy
20. Oktober 2013 17:33 Uhr
Ort: Attilas Exil
Personen: Tommy, Dacapo
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