; So gefährlich ist der öffentliche Nahverkehr

So gefährlich ist der öffentliche Nahverkehr

Eine Drohne macht noch keinen Sommer.

Neues, Deutsches Sprichwort

Wackelnd und quietschend bog der Bus am Ende der Einzäunung einer großen Kaserne nach rechts ab. Er folgte auf der schmaleren Straße dem Maschendraht noch einige hundert Meter, der das Gelände umschloss. Es war, als ob das militärische Gelände eine starke Gravitation auf das Fahrzeug des öffentlichen Nahverkehrs ausübte. Dieser Anziehung konnte sich der Bus nur schwer entziehen. Jede einzelne Metallplatte, die Teil der äußeren Verkleidung der Karosserie war, schien eine eigene Idee von der Richtungsänderung und den lokalen Kräften zu haben. Sie schoben sich mit einem quietschenden Schaben gegeneinander und die Tektonik in der Hülle des Autobusses war kurz davor, in einem Desaster zu enden. Die ausgereifte Technik des einundzwanzigsten Jahrhunderts bestand auch diesen Praxistest und der Bus schaukelte weiter an Maschen- und Stacheldraht vorüber. Schließlich löste sich das Fahrzeug mit einem heftigen Schütteln aus dem Einflussbereich der Kaserne, drohte doch ein Sturz in den Küchensee am Rande Storkows.

Attila war sich nicht ganz sicher, ob er sich für den richtigen Bus entschieden hatte. Die Nummer '405' wirkte jedoch beruhigend auf ihn. Sie hatte nichts von einem Anfang und stand auch nicht für ein Ende. Es war schlichtweg eine 'einfach-so-Nummer'. Außerdem wartete der Bus dieser Linie genau zum richtigen Zeitpunkt an der Haltestelle und die Tür an seinem vorderen Ende war einladend geöffnet. Von den schrecklichen, nervigen Drohnen verfolgt, rettete er sich in den Fahrgastraum. Der Fahrer schloss mitleidig und hilfreich die Tür hinter ihm. Nach dem ersten Kilometer Busfahrt irritierte ihn ein abrupter Richtungswechsel. Geradeaus wäre er laut Hinweisschild direkt zum Spreewald gekommen, dem Ziel seiner aktuellen Flucht. Während der Bus seine Bewegung vorsichtig auf sein neues Ziel - Märkisch Buchholz - ausrichtete, war er aufgesprungen und hatte kurzzeitig daran gedacht, das gesamte Fahrzeug zu entführen. Direkt neben einer so gewaltigen Vertretung der Staatsgewalt, die eine Kaserne des Heeres darstellte, war das jedoch ungünstig. Die zu erwartenden, nachfolgenden Aktionen von Polizei und Presse würden seine Flucht in die Bedeutungslosigkeit endgültig beenden. So ließ er den Medienrummel aus und sich selbst wieder auf den Sitz fallen. Traurig betrachtete er die schmutzigen Enden des ehemals weißen Bademantels, der ihn einhüllte. Aus einem unerfindlichen Grund hatte er sich immer noch nicht von dem Kleidungsstück trennen können. Es begleitete ihn nun bereits einige Tage auf seinem Irrweg und der Flucht aus der Flucht. Im Storkower Bahnhof hatte er einmal ganz kurz daran gedacht, sich des befleckten und seltsam riechenden Stückes Frotteestoffs zu entledigen. Da war ihm jedoch der Bademantel wie ein Talisman vorgekommen. So etwas wurde nicht freiwillig zurückgelassen, von niemandem, auch auf einer Flucht nicht. Vielleicht war ihm das Kleidungsstück noch nützlich. Außerdem war es ein Teil der wenigen Habseligkeiten, die in seinem Besitz verblieben waren. Dieser Gedanke machte ihn traurig, depressiv und zugleich unruhig. Wie sollte das jetzt weitergehen? Inzwischen war er mittel-, freund-, ideen- und vollständig energielos.

Als der Bus wenig später in den märkischen Wald einfuhr und die hohen Kiefern das Licht des Tages dämpften, beruhigte sich Attila allmählich. Die letzten Reste der Zivilisation, die ihn verfolgt und erregt hatten, schienen hinter ihm zu liegen. Er war der einzige Fahrgast im Bus. Auf der Straße war ihnen schon einige Minuten kein Fahrzeug mehr begegnet. Stille, Einsamkeit, Anonymität. Hier würde er ein- und untertauchen, seinen Gläubigern endgültig entkommen können. Hinter dem Seitenfenster, an dem er saß, wechselten sich Wälder und Felder ab. Der Tag trübte sich ein, versank in einen Dämmerzustand und nahm Attila mit. Er rettete sich aus der Erschöpfung in einen Schlaf, der immer wieder durch das Schaukeln, Quietschen und Rasseln des Busses unterbrochen wurde. Fetzen eines wirren Traumes, von der Art, die es nur in Politikerköpfen gab, mischten sich mit den Bildern der vorbeiziehenden, märkischen Landschaft außerhalb des Busses.

Zufällig sind zwei Aufzeichnungen ähnlicher Träume gefunden worden. Diese bemerkenswerten Aufklärungen über die Psyche von Politikern sind hier zu finden:

http://texorello.org/de/W19C1P1/Attilas+Traum.html

http://texorello.org/de/W19C1P2/Attilas+Alptraum.html

Eines der weißen Killerkaninchen, die schon den Flughafen vor den Toren Berlins vernichtet hatten, erschien summend vor dem Fenster. Seine Ohren rotierten wie die Propeller eines Hubschraubers. Offensichtlich hielt sich das weiße Untier mit ihrer Hilfe in der Luft. Mit seinen glutrot leuchtenden Augen fixierte es Attila. Er wollte zurückweichen, sich im Bus verstecken. Das Kaninchen zog ihn jedoch magisch an. Mit leichten Bewegungen seiner Pfoten dirigierte es, von seiner Position außerhalb des Busses, den Sicherheitsgurt an Attilas Sitz. Dieser schlang sich mehrfach um ihn, wickelte sich gleich einer grauen Bandage um seine Brust. Nachdem der Gurt auch noch seine Hände fixiert hatte, schnappte er zufrieden klickend in den Verschluss. Der Kaninchenmagier summte laut vor dem Fenster und streckte seine Zunge heraus. Urplötzlich zog das gefährliche, weiße Tier einen großen Flammenwerfer hinter seinem Rücken hervor, richtete dessen Ende auf Attila und rote und gelbe Flammen leckten von außen an dem Glas des Fensters. Dort, wo das Zentrum des glühenden Strahls das Glas berührte, begann es trübe zu werden. Ein leichtes Knacken war zu hören und erste Risse zeigten sich. In dem Augenblick, in dem das Sicherheitsglas in viele, kleine Kristalle zerplatzte, wurde Attila hart von unten gestoßen. Er fand sich auf dem Boden des Ganges zwischen den Sitzreihen wieder, eingewickelt in den Gürtel seines Bademantels. Nach einigen Sekunden der Neuorientierung, stellte er zu seiner Beruhigung fest, dass er geträumt hatte und nur vom Sitz gefallen war. Das fliegende Killerkaninchen war nur ein Traum. Erschöpft, aber beruhigt, erhob er sich. Wieder auf seinem Sitz angekommen, musste er feststellen, dass dieser gar keinen Sicherheitsgurt besaß - natürlich, er fuhr in einem brandenburgischen Nahverkehrsbus.

Irgendetwas war trotzdem anders als zuvor. Befand er sich in einem weiteren Traum? Da war immer noch das pfeifende Summen rechts neben ihm. Vorsichtig wandte er den Kopf zur Seite. Er fürchtete sich vor dem wiederholten Anblick eines fliegenden Kaninchens mit roten, glühenden Augen. Nein, ein solches war nicht vor dem Fenster zu sehen. Dafür stand eine der schwarzen Drohnen, die ihn bereits den ganzen Tag in Storkow verfolgt hatten, direkt neben ihm in der Luft. Sie beobachtete ihn aus ihrem weit geöffneten, kalten, dunklen Kameraauge. Dagegen waren Attilas Augen noch gar nicht richtig offen. Er versuchte, den letzten Rest Schlaf zu überwinden und hatte sie noch halbwegs zusammengekniffen. Beim Anblick des mechanischen Insektes weiteten sich seine Augen schlagartig. Er war innerhalb eines Moments hellwach, wich hastig vom Fenster zurück und fiel zum zweiten Mal von seinem Sitz. Unmöglich! Wie konnte ihn dieses Stück leb- und intelligenzloser Technik gefunden haben? Vielleicht war das auch nur ein Traum. Der Schmerz vom Aufprall auf dem Boden, der sich in seinem linken Bein ausbreitete, war jedoch sehr real - zu real für einen Traum. Attila wollte den Anblick der tückischen Technik nicht weiter ertragen. Mit drei hastigen, gestreckten Sprüngen rettete er sich zum Ende des Busses und duckte sich dort in eine Bank auf der anderen Seite des Ganges. Wenige Sekunden später hörte er wieder das laute Summen. Die Drohne hatte ihn gefunden, ohne dass sie ihn sehen konnte. Es war gespenstisch, unheimlich und bedrohlich. Offensichtlich gab es für ihn kein Entkommen. Sein Schicksal schien endgültig besiegelt zu sein: Die nervige Spionagetechnik kreiste unablässig um ihn herum und schob ihn damit aus der Mitte der Zivilisation hinaus und über deren Rand hinweg. Wer würde mit ihm noch kommunizieren, noch Umgang pflegen, wenn unablässig eine Wolke aus dröhnenden und kalt starrenden Technikinsekten über seinem Kopf schwebte?

Vorsichtig hob Attila den Kopf und versuchte so unauffällig mit möglich über den unteren Rand des Fensters zu blicken. Die Drohne flog außerhalb des Busses im Abstand von einem halben Meter neben dem Fenster und beobachtete ihn unablässig. Das technische Insekt schien mit dem Bus verschraubt zu sein. Jede Bewegung des großen Fahrzeuges fand ihre Fortsetzung in einem Flugmanöver seines Verfolgers. Erschöpft und resigniert ließ Attila sich wieder auf den staubigen, mit Gummi überzogenen Boden im Inneren des Busses fallen. Er drehte sich auf den Rücken und fixierte die kleine, grünlich schimmernde Lampe, die den Weg zum Notausgang wies. Sein Blick folgte dem Pfeil und neben dem Fenster entdeckte er einen kleinen Hammer. Dieser war dort angebracht, damit man ihn sofort zur Hand hatte, falls das Glas des Notausgangsfensters zu zertrümmern war: Ein Werkzeug war bei der richtigen Verwendung auch eine Waffe!

Dieser plötzlichen Eingebung folgend, sprang Attila auf und riss den kleinen Hammer aus seiner Wandhalterung. Die Lageänderung erfolgte zu schnell und ruckartig. Sein Kreislauf benötigte einige Sekunden, um die Blutdruckverhältnisse in allen Körperteilen neu auszutarieren. Als das Pochen hinter den Schläfen erträglich wurde, hastete er im Bus nach vorn, auf den Fahrer zu. Den Metallhammer hielt er mit beiden Händen fest und weit vor sich gestreckt, gab das simple Werkzeug ihm doch neue Hoffnung. Der Busfahrer beobachtete die Veränderung in seinem Fahrzeug mit Sorge. Er deutete Attila Bewegung als Angriff auf sich. Leider trennten ihn weder Glaskasten noch ein Käfig aus engmaschigen Metallgittern vom Fahrgastraum. Sein einziger Passagier benahm sich bereits seit einigen Minuten auffallend seltsam und unlogisch. Die unerwartete, gefährliche Aktion seines Fahrgastes erforderte seine gesamte Aufmerksamkeit. Zum gleichen Zeitpunkt lenkte er das große Fahrzeug durch ein kleines Dorf, in dessen Mitte sich eine große Kurve befand. Der Bus fuhr bereits in die Gegenfahrspur, als der Fahrer endlich die Situation außerhalb erfasste und der scharfen Biegung nach rechts folgte. Attila befand sich in diesem Augenblick bereits neben ihm und wurde durch diese Richtungsänderung sehr unsanft in den Eingangsbereich der Vordertür geschleudert. Der graue, fleckige Gürtel seines Bademantels kam ihm zwischen die Beine. Zuerst wickelte sich dieses unnütze Anhängsel um den Knöchel oberhalb des rechten Fußes und geriet dann irgendwie unter seinen linken Fuß, auf dem er stand. Der Versuch, die Bewegung des Busses mit einem Schritt des rechten Beines auszugleichen, endete in einer gymnastischen Katastrophe. Attila viel kopfüber die zwei Stufen hinunter und schlug mit dem rechten Arm krachend eine Beule in die Innenverkleidung der Tür.

"Auah! Ah - nichts passiert."

Triumphierend hielt er den kleinen Hammer in die Höhe, als ob er ihn vor der Zerstörung gerettet hätte. Der Busfahrer hatte dafür keine Augen. Zu beiden Seiten des Fahrzeuges waren Attila die Drohnen gefolgt. Die erste tauchte vor der Frontscheibe auf. Ungläubig starrte der Fahrer auf das faustgroße, fliegende Stück Technik, das außerhalb des fahrenden Busses in der Luft stand und jeder von dessen Bewegungen folgte. Das kalte, dunkle Kameraauge machte ihn nervös. Dass dies kein Scherz spielender Kindern war, wurde ihm sofort klar. Hilflos versuchte er mit den Scheibenwischern die Drohnen abzuwehren, die vor dem Bus schwebten. Dieser verließ den kleinen Ort Kehrigk in einer Schlängelfahrt, die die gesamte Breite der Landstraße benötigte.

W20C4P4
Autor

© 20.02.2017
http://texorello.org/W20C4P4
23. Oktober 2013 12:27 Uhr
Ort: Bahnhof Storkow
Personen: Attila
23. Oktober 2013 12:40 Uhr
Ort: Kehrigk
Personen: Attila
Inhaltsverzeichnis