; Auf dem Tritt

Auf dem Tritt

Jede höhere Stufe,
welche der Mensch betritt,
erfordert eine andere Lebensordnung.

Christoph Martin Wieland

Die Haustür stand immer noch offen. Ein schwerer Stein, den im vergangenen Winter eine Schneeräummaschine aus dem Pflaster gerissen hatte, hielt die Feder zurück, die sie schließen sollte. Aus dem Aufgang schlug Attila ein kalter Brandgeruch entgegen - rauchig, kalt, moderig. Das Treppenhaus war nur noch spärlich erleuchtet. Eine einzige Lampe hatten den Ansturm aus Feuer, Wasser und Dampf überlebt. Die Spuren des Kampfes der Elemente hatten die Wände deutlich gezeichnet. Große Flecken fettigen Rußes bedecken die weiße Farbe. Attila traute sich nicht zu, das Geländer anzufassen. An einigen Stellen glänzte es schmierig in der fahlen Helligkeit, die die letzte Lichtquelle verbreitete. Er arbeitete sich müde und leicht fröstelnd bis auf den Treppenabsatz vor seine Wohnung hinauf. Deprimiert betrachtete er die zerstörte Eingangstür. Sein Sprung durch diese und die Feuerwalze, die ihm dabei direkt auf den Fersen war, hatte nicht viel von dem verkleideten Durchlass zu seinem Domizil übrig gelassen. Nach einigen Minuten Meditation über Holzkohle, Splitter, Ruß und Dioxin aus verbrannter Farbe, bewegte er sich vorsichtig durch die Tür hindurch. Natürlich war er angestrengt bemüht, diese nicht zu berühren. Sonst hätte man ihn später in dem ergrauten Bademantel noch mit einem Zebra verwechseln können. Ach, sah das trostlos aus ... und das Bier und der Kopfschmerz und dieser Gestank! Die Wohnung selbst war unbewohnbar. Alles war angebrannt, fettig, rußig, durchgeweicht und matschig. Aus dem Treppenhaus drang nur eine zaghafte Helligkeit in die Räume. Der Geruch suggerierte, dass es überhaupt keinen Sauerstoff, sondern nur Rauch, Dioxine und Kohlenmonoxid zum Atmen gab. Im Treppenhaus war es erträglicher gewesen. So beschloss Attila, auf dem Treppenabsatz zu nächtigen. Leider war es dort kalt und zugig: Schließlich hatte der Herbst längst begonnen und Mitte Oktober wurde es nachts bereits empfindlich kalt. Ein Bademantel war keine besonders wärmende Kleidung. Nachdenklich stand Attila vor der geborstenen Tür und schob seine kalten Hände in die Taschen des Mantels, der heute Morgen noch weiß gewesen war. Ein kleiner Schraubendreher stach ihm in die Fläche der rechten Hand. Nach dem ersten Erschrecken versuchte er sich zu erinnern, warum er dieses Werkzeug bei sich trug. Es fiel ihm nicht ein.

'So'n Mist, jetzt werde ich die ganze Nacht darüber grübeln und nicht schlafen können. Da die Kälte das so und so nicht zulässt, habe ich zumindest Beschäftigung. Vielleicht gibt mir der Nachbar eine Decke gegen die Kälte. Ahh - nee, eher nicht. Der öffnet ja nie und spricht auch nicht gern.'

Nachdem er den roten Fleck auf der Handfläche massiert hatte, bis er ihn nicht mehr spürte und beide Hände wieder warm waren, betrachtete er den Schraubendreher. Er konnte sich wirklich nicht an den Grund für das Herumtragen erinnern. Dafür hatte er einen Gedanken, der ihn durch die Nacht bringen konnte. Schnell schraubte er den Klingelknopf neben der Tür des Nachbarn ab. Er löste die Drähte aus den Klemmen des Tasters und verdrillte die beiden Kabel. Hinter der verschlossenen Tür begann es zu klingeln. Hastig schraubte er den Knopf wieder an die Wand, hielt sich beide Hände an den Kopf und setzte in Erwartung seines Nachbarn eine besorgte Miene auf. Natürlich ließ dieser nicht lange auf sich warten. Schließlich wurde seine spätabendliche Fernsehsession durch den Amoklauf seiner Türklingel unterbrochen. Als er wütend und sehr energisch die Tür öffnete, empfing ihn Attila mit heulenden Ausrufen.

"Sie sind wieder hier, sie sind wieder da! Oh Gott ist das schrecklich! Was sollen wir tun? Oh Gott, ich bin so ratlos."

Das war wirklich dick aufgetragen. Auf jeden Fall war die schauspielerische Leistung so heftig, dass sich der Gesichtsausdruck des Mannes abrupt von Wut in Entsetzen wandelte.

"Wa-as meinen sie die Terrorverbreiter-ter?" brachte er heraus.

"Ja, die transnistrischen Terroristen haben ihre Überwachungstechnik hier irgendwo angebracht. Das Hightech-Zeug stört selbst Türklingeln. Erst überwachen sie uns und dann kommen sie!"

Attila sah in einen offenen Mund, so rund und groß wie die aufgerissenen Augen. Nach dem Brandinferno zur Mittagszeit des Tages, glaubte sein Nachbar ihm alles. Im flackernden, spärlichen Licht der letzten Treppenhausbeleuchtung und während des nicht endenden Rasseln der elektrischen Glocke, zeigte er auf den Druckknopf neben der Tür. Jetzt schien der Nachbar auch zu bemerken, dass dieser ganz natürlich und entspannt an der Wand ruhte. Kein Knopfdruck - kein Klingeln: das galt offensichtlich nicht mehr. Zu den Naturgesetzen und der Physik hatte der Mann kein ausgeprägtes Verhältnis.

"Is da was zu machen?"

"Könnte hier vor der Tür Wache schieben..." bot Attila an.

Auf dem Treppenabsatz zu übernachten hatte er ja so und so vorgehabt. Die Luft in der Wohnung war lebensgefährlich und ohne Licht konnte er sich nachts nur Beulen holen.

"...ein, zwei Decken könnt' ich brauchen. Wird ja schon recht kalt hier."

"Natürlich - krichs'te, krichs'te."

Und schon war der Nachbar hinter der Tür verschwunden. Noch bevor Attila in den Flur der Wohnung sehen konnte, wurden zwei fusselige Wolldecken und ein unansehnliches Sofakissen herausgereicht.

"Denn pass auf - tschüss!" kam durch den zusehens enger werdenden Türspalt.

"Ähhm, könnten sie noch die Klingel enttönen? Ich klopfe, wenn jemand aus Tiraspol vor der Tür steht."

"Watt für'n Pol? Sind noch mehr jefährliche hier?"

"Nein, keine Angst, ich passe auf."

Die Tür krachte ins Schloss, die Riegel schepperten zu und wenig später verstummte auch das Rasseln der Klingel. Attila bereite sich sein Feldlager - etwa so, wie sein Namensverwandter vor einigen Jahrhunderten: Eine Decke zum Wärmen von unten und eine gegen die Kälte von oben. Nur Sofakissen mochte es damals noch nicht gegeben haben. Wenig später schaltete sich das Licht im Treppenhaus automatisch ab und Attila begann von Wahlerfolgen zu träumen. Seine Zeit als Politiker schien zwar abgelaufen zu sein, die Träume verfolgten ihn jedoch weiterhin hartnäckig. Viel zu lange hatte er sein Hirn auf eine einzige Angelegenheit fokussiert. Da sind Schäden geblieben. Die Selbstreinigung seines Denkapparats hatte noch nicht eingesetzt, er konnte die aufregenden Tage noch nicht vergessen.

****

'Der Morgen danach' erwischte Attila auf allen seinen falschen Beinen gleichzeitig. Zu den Kopfschmerzen vom übermäßigen Bierkonsum hatten sich Rückenschmerzen vom harten Fußboden gesellt. 'Warum habe ich nicht auch Schmerzen in den Füßen? Dann wäre das Problem wenigstens gleich verteilt.' sinnierte er beim Betrachten der Überreste seiner Habe. Die nicht ganz ordentlich ausgebrannte Wohnung war morgendlich erleuchtet. Vorhänge konnten das Licht der Sonne nicht mehr am Eindringen hindern. Es war noch viel trostloser, als er am gestrigen Abend in der Dunkelheit erahnt hatte. So gut wie alle Einrichtungsgegenstände und deren Inhalt waren noch vorhanden - es gab jedoch kein einziges Ding, das nicht teilweise zerstört war. Wirklich gar nichts war mehr zu gebrauchen. Jetzt war er auf der Flucht vor der Flucht.