; Ich bin dann 'mal weg

Ich bin dann 'mal weg

Die Eingangshalle des Bahnhofsgebäudes war nicht erleuchtet. Das Halbdunkel roch staubig und muffig - genau so, wie märkische Bahnhöfe nun einmal riechen. Attila blieb nur eine sehr kurze Zeitspanne zum Nachdenken. Ihm kam einfach nicht in den Sinn, wohin er nun fahren sollte. Er wollte nur noch weg von hier, so schnell wie irgend möglich eine große Entfernung zwischen sich und die Wolke elektromechanischer Insekten bringen. Die Tür öffnete sich und eine irritiert und verängstigt wirkende, ältere Frau kam in die Halle. Sie sah sich immer wieder um, umklammerte ihre Handtasche und drückte sie fest vor die Brust. Da sie vergaß, die Eingangstür zu schließen, konnte die ersten Drohnen den Zugang nutzen, um den Raum zu erobern. Die leeren Wände der großen und hohen Bahnhofshalle reflektierten das vielfältige Summen immer wieder und verstärkten die sich überlagernden Klänge. Attila konnte das Konzert der vielfältigen Interferenzen gar nicht genießen. Der Schwarm wirkte dadurch noch größer und bedrohlicher, als er schon war. Schnell hatte die fliegende Technik Attila entdeckt und bewegte sich auf ihn zu. Die Frau deutete dies offensichtlich als Angriff auf sich. Sie schleuderte die Handtasche, die sie bis eben noch beschützt hatte, in eine Ecke des Raumes und ließ sich fallen. Geschickt rollte sie sich unter eine Bank und blieb dort liegen. Das war so professionell und effektiv, dass Attila sein technisches Problem für einen Augenblick vergaß und die Frau erstaunt beobachtete.

Als sich der Schwarm über ihm sammelte und sie nicht weiter beachtete, kam die Frau vorsichtig unter der Bank wieder hervor. Sie betrachtete mit wachsendem Interesse den Mann, der in einer Ecke des Raumes stand und über dem sich eine Wolke summender Technik sammelte. Er war in einen schmutzigen Bademantel gekleidet, der eventuell einmal weiß gewesen war. Unter diesem trug er neue Sportbekleidung. Er schien sich schon mehrere Tage nicht mehr rasiert zu haben und das wirre Haar hing ihm in die Stirn. Sein Gesicht weckte Assoziationen zu den Ereignissen des vergangenen Sommers. Sie konnte sich jedoch nicht an die Hintergründe erinnern.

"Sie da, ist das ihr Zeugs?" sprach sie im Flüsterton Attila an und deutete vorsichtig auf den Drohnenschwarm, als sie hinter der Bank aufstand.

"Es wäre schön, dann könnte ich es einfach abschalten."

"Ist das gefährlich?" flüsterte die Frau weiter.

"Wahrscheinlich nicht für sie."

Sie klopfte sich Staub von ihrer Hose. Unter der Bank war wohl schon einige Tage nicht mehr gefegt worden. Die Drohnen über und neben Attila nicht aus den Augen lassend, bewegte sie sich vorsichtig zu ihrer Tasche in der Ecke. Als sie diese endlich ergriffen hatte, drückte sie sich mit dem Rücken an die Wand und schob sich professionell und langsam in Richtung der Tür, die auf den Bahnsteig führte. Diese sog die Frau förmlich auf und entließ sie in die Freiheit. Fast schien es, als ob sie durch die Wand diffundierte, in einer unwahrscheinlich professionellen Art.

'Schön, wenn mir das auch so einfach gelingen würde.' dachte Attila. Als er sich seiner Lage bewusst wurde, kam mit einem Mal die Panik zurück. Es war ein großer Schwall Panik, kein einfacher Gefühlsausbruch, sondern ein Gefühlstsunami. Dieser spülte ihn förmlich hinweg und löschte jegliche kleine Hoffnungsflamme, die in ihm verblieben war. 'Hilfe: die Technik greift mich an - hier hilft nur noch die Flucht in den Wald ... Wald?' formten sich Gedanken und Fragen in seinem Hirn. Über und neben ihm dröhnten die Drohnen monoton. Wie kam man in den Wald? Wo war hier Wald? Vielleicht half ja die Bahn. Er würde sich einfach in einen Zug setzen und von diesem Technikalbtraum weit weg tragen lassen. Als in diesem Augenblick der Zug wieder anfuhr, der vor wenigen Minuten eingefahren war, gab Attila resigniert auf. Er ließ sich auf die Bank fallen, unter der vor einigen Sekunden noch die Frau gelegen hatte. Den Kopf in die Hände und die Ellenbogen auf die Oberschenkel gestützt, saß er zusammengesunken da und starrte deprimiert den Fahrplan an. Dieser war in einem schmucklosen, schlichten Aluminiumrahmen an der Wand gegenüber ausgehängt. Er ging die Haltestellen durch. 'Mist: die Bahn fährt nur in Städte.' war sein Fazit nach kurzer Zeit. Das Summen und Brummen um ihn herum ignoriert er tapfer. Ebenso wie das Interesse der Betriebsmannschaft des Bahnhofes. Die Angestellten hatten sich in einer der Türen, die zu Nebenräumen führten, eingefunden und beobachteten erstaunt das seltsame Geschehen in der Bahnhofshalle.

Die Drohnen hatten ihn wieder unter Beobachtung und die Bahn fuhr nicht in den Wald. Was tat er noch hier? Kurz entschlossen lief er auf die hohe Eingangstür zu und trat in die Freiheit, immer das schreckliche Summen über und hinter sich. Es erinnerte ihn fortwährend daran, dass seine Freiheit keine wirkliche war. Er ging, versunken in den Versuch nicht zu denken, langsam den Weg in die Stadt zurück. Der Pfahl, gegen den er stieß, war hart, eisenhart. Es war das Schild des Öffentlichen Personennahverkehrs, Haltestelle 'Storkow Bahnhof'.

Ahhh, der ÖPNV würde ihn retten bei seiner Flucht in den Wald. Attila stand vor den Anzeigen und Ausschilderungen der Fahrpläne und Linien. Er hatte 'keinen blassen Schimmer', was diese vielen Zahlen, Abkürzungen und Zeichen bedeuten sollten. Das war offensichtlich wirklich nur für 'Personen', nicht für Menschen gemacht. Ja früher, als er noch Spitzenkandidat seiner Partei war, hatte er einen Fahrer. Der wusste immer, wie man an den gewünschten Ort kam. Das liegt jetzt schon einige Wochen in der Vergangenheit. Ausgerechnet dieser Teil seiner Vergangenheit ließ ihn nicht frei. Er vermutete zu Recht, dass sein aktuelles Problem mit dem technischen Ungeziefer in direkter Verbindung zu dieser stand. Neben ihm hielt ein Bus der Linie 405. Niemand stieg ein oder aus. Der Fahrer öffnete trotzdem die vordere Tür. Zischend klappte sie auf und Attila schreckte von der Lektüre der Fahrpläne hoch: 'Ist jetzt auch noch kriechendes, elektrisches Viechzeugs hinter mir her?' Ein rascher Blick in die Runde klärte die Lage auf: Es waren keine mechanischen Schlangen zu sehen. Attila entdeckte die einladend geöffnete Tür, direkt neben sich. Egal wohin der Bus fuhr, bestimmt war er schneller aus die Drohnen. Seine Verfolger würden das Nachsehen haben, wenn er mitfuhr. Kurz entschlossen nahm er die Einladung an und stieg die drei Stufen zu dem Fahrer empor.

"Wohin?" war die nachdrücklich, märkisch-freundlich hervorgebrachte Frage des Fahrers. Attila erschien es genau so ein Codewort wie 'Parole!' oder 'Reisepass!' zu sein. Auf jeden Fall war es eine Aufforderung, der er unbedingt nachkommen musste.

"Irgendwo..."

"Jibs nich - mach hin!" war die ebenfalls märkisch-freundliche Antwort.

Attila schloss resigniert die Augen und tippte mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die Karte des Liniennetzes, die neben dem Fahrer schön gerahmt aufgehängt war. Er las den Namen des berührten Ortes vor.

"Ähh, da - Märkisch Buchholz." Das 'a' von 'da' hatte er bewusst kurz gehalten, um einen entschlossenen Eindruck zu vermitteln.

"Na jeht doch."

Die sich schließende Eingangstür des Busses zerquetschte die erste, unvorsichtige Drohne, die versuchte Attila zu folgen. Ein Propeller blieb zwischen den Dichtgummistreifen der Tür stecken. Wie das ausgerissene Bein einer Spinne hatte er anfänglich noch kurz gezuckt. Dann erstarb jegliche Bewegung in ihm und der restliche Körper der Drohne fiel außerhalb des Fahrgastraumes zu Boden. Als der Bus anfuhr, zermalmten die mit hartem Gummi ummantelten, schweren Räder knirschend und knackend die zarte Flugtechnik. Einige der Kameraden des technischen Insektes klackerten in ohnmächtigem Aufbegehren mit ihren Propellern gegen die Scheiben des Busses.

"Oh, wenn ick diese Bengels erwische! Immer nerven die mir mit ihre dämlichen Spiele. Vorjestern ham'se meinen Bus mit Kuhfladen katapultiert. Dat war 'ne Schweinerei!"

Der Fahrer trat erbost auf das Gaspedal und Attila wurde durch die Beschleunigung umgeworfen. Ein gepolsterter Sitz fing ihn auf. Er beobachtet interessiert das Treiben der Drohnen außerhalb des Busses.

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Etwas später beugten sich zwei Männer über den kleinen Haufen aus bunten Plastikschnipseln, der sich nett von dem schwarzen, fleckigen Belag der Straße abhob. Sie sagten so etwas wie "Da kann man nichts mehr machen." in einer slawisch klingenden Sprache. Anschließend waren sie in ihren dunkelblauen VW-Transporter gestiegen und dem Bus gefolgt.