; Wie entschärft man eine Drohne?

Wie entschärft man eine Drohne?

Auch die robusteste Technik muss am Mutwillen scheitern.

Handbuch des Ingenieurs

Attila lag sehr unbequem im Fußraum auf der Treppe, direkt vor der Eingangstür des Busses. Mit dem Steißbein spürte er jeder der vielen Bodenwellen hinterher, die zu den natürlichen Gegebenheiten Brandenburger Landstraßen gehörten. Der Sturz hatte ihn wie eine Büroklammer zusammengefaltet und in den engen Eingang neben dem Fahrer gedrückt. Mit dem Rücken lehnte er an der Tür, deren Innenverkleidung er eingedrückt hatte. Seine Beine lagen auf den zwei Stufen und zeigten nach oben, in Richtung des Fahrers. Aus einem Attila bisher unbekannten Grund nahm dieser keine Notiz von ihm. Hastig und offensichtlich etwas ratlos, hebelte der Pilot des Nahverkehrsfahrzeugs an der Steuerkonsole. Von Attilas tiefer Position sah das beinahe so elegant aus, wie der Auftritt eines Klaviersolisten. In unregelmäßigen Abständen unterbrach der fahrende Künstler die Aufführung an der Schalterkonsole, nahm beide Hände an das große Lenkrad und riss dieses abwechselnd nach rechts oder links. Folgsam neigte sich das schwere Gefährt zur Seite und schlenkerte über die gesamte Straßenbreite. Kurz vor Erreichen des Straßengrabens lenkte der Fahrer jedes Mal wieder um. Die Amplitude der Schwankungen war so bedrohlich, dass Attila selbst auf der tiefsten, möglichen Position des Busses Angst bekam und an ein nahe bevorstehendes Umschlagen glauben musste. Ihm blieb auf seiner Flucht nichts erspart. Jetzt drohte er auch noch mit einem Nahverkehrsbus in den Tiefen der märkischen Wälder zu stranden. Er würde hier bis ans Ende seiner Tage durch die unermesslich weite, grüne Wüste irren und die Zivilisation nie wieder sehen - halt! Vielleicht war das ja vom Schicksal gewollt? Wenn es die Zivilisation vor ihm versteckte, dann müsste er nicht mehr aus dieser flüchten. Alles würde ein schnelles, harmloses Ende nehmen, beinahe so, wie in einem Hollywood-Film. Ein heftiger Schlag in den Rücken holte ihn aus seinem Tagtraum in die Wirklichkeit zurück. Der Bus war mit dem rechten, vorderen Rad durch ein gewaltiges Schlagloch am Rande der Straße gerollt. Für Sekundenbruchteile war das Fahrzeug zwanzig Zentimeter gefallen und anschließend sofort wieder gestiegen.

"Upps", ließ sich der Fahrer vernehmen.

"Was ist denn das für eine Behandlung! Ich habe für die Fahrt bezahlt!", protestierte Attila ernsthaft aus den Tiefen des Fußraumes.

"Sie? Für sie habe ich jetzt keinen Nerv frei...", nach einer abermaligen Wendung auf die andere Straßenseite ergänzte der Busfahrer atemlos: "Wer sind sie überhaupt? Und was soll dieser Angriff der elektrischen Killerbienen? Das ist hier nicht etwa die 'Versteckte Kamera' oder das lange angekündigte NATO-Nahverkehrstraining, oder?"

Obwohl Attila aus dem Fußraum die Drohne nicht sehen konnte, wusste er sofort, was sich vor der Frontscheibe abspielte. Wie hatte dieses Biest ihn orten können? Wenn er sie nicht sehen konnte, dann musste er doch auch für sie unsichtbar sein.

"Ist die kleine Drohne etwa immer noch hier?"

"Eine? Hier ist alles schwarz vor der Scheibe! Das ist ein hinterhältiger Angriff auf eine öffentliche Institution. Ich bin Teil der Staatsmacht, verantwortlich für den Erhalt der öffentlichen Ordnung im Nahverkehr ... oder der Ordnung im öffentlichen Nahverkehr ... oder so ...", nach einer kurzen Pause, während der einige Schalter gekippt wurden, folgte sehr bestimmt und laut: "Egal, ich bin Teil der Ordnungsmacht im Land!"

Der Fahrer schien so etwas wie ein Sendungsbewusstsein in seinem Beruf entwickelt zu haben. Beinahe hätte Attila ihm, als Rückfall in seine Zeit als Fastbundeskanzler, für die Treue zur gewählten Macht gratuliert. Zu seinem Glück besann er sich rechtzeitig auf den Grund seiner Reise in das 'Große Nichts'.

"Hat ihr Bus denn keine Abwehreinrichtungen?"

"Hä, was?"

"Na so etwas wie Flares, Bordkanone, Fangnetz, Raketen, drone.smasher oder Ähnliches?"

Trotz des Rumpelns der Räder und des gequälten Dröhnens des Motors war die eingetretene, unterkühlte Stille in der Kommunikation deutlich spürbar. Der Fahrer sah plötzlich so demonstrativ, beleidigt und gelangweilt geradeaus durch seine Frontscheibe, dass Attila es nicht übersehen konnte. Diese Zurschaustellung der Ignoranz seiner Anwesenheit fügte ihm seelische Schmerzen zu. Wäre er nicht im Fußraum der Tür eingeklemmt gewesen, hätte er sich unter diesen gewunden. Hatte er etwas Falsches gesagt?

"Also!", unterbrach der Busfahrer, immer noch gewaltig entrüstet, das kurze Schweigen: "Das ist ein Bus des öffentlichen Nahverkehrs!"

Attila fühlte sich missverstanden: "Tschuldigung, war doch nur ein Scherz."

"Scherz!", jetzt war der Fahrer wirklich aufgeregt: "Das - soll - ein - Scherz - gewesen - sein? Wir werden gerade bedroht, bedrängt, von der Straße gedrängt!"

Er ruderte wild und aufgebracht mit dem großen Lenkrad, holte tief Luft und begann einen Vortag: "Diese Straße ist der Inbegriff der Freiheit überhaupt! Hier kann sich jeder dahin bewegen, wohin es ihn gerade treibt. Hier sind Anfang, Ende, mittendrin und irgendwo gleichzeitig. Das hier ist der Lebensraum freier Bürger schlechthin. Wird uns dieser genommen, so ist das der Anfang der Sklaverei, des Verderbens und dunkler Zeiten. In einer Diktatur sind die Straßen für die Mächtigen reserviert, die Demokratie dagegen lässt das Volk auf die Straße. Und: Ich bin das Volk! Somit gehört auch mir die Freiheit der Straße! Ich lasse mich hier nicht vertreiben. Es gilt nach wie vor: Freie Fahrt für freie Bürger!"

Attila hatte während dieser Ansprache kurzzeitig die Schmerzen vergessen, welche die harten Stufen ihm in seinem Rücken bereiteten. 'Schöner hätte ich das auf dem Zenit meiner Karriere als Spitzenpolitiker auch nicht ausdrücken können', dachte er. 'Ich bin irgendwie in eine verkehrte Welt geraten - vielleicht ein paralleles Universum. In diesen sollen ja einige Kleinigkeiten anders als in dem heimatlichen sein. Wobei: War dort schon einmal jemand, oder ist das nur eine bloße Vermutung von Physikern? Egal wie, der Mann hinter dem Steuer hat mehr von einem Berufspolitiker als von einem Busfahrer.' Nach einigen Sekunden der Verwirrung fügte Attila in Gedanken hinzu: 'Zu meinem Glück habe ich mich von der dunklen Seite der Macht verabschiedet.'

Da keiner der vielen, kleinen Knöpfe des großen Armaturenbrettes mit 'Drohnenabwehr' oder 'Bordkanone' beschildert war, nutze der Fahrer in seiner Verzweiflung den Scheibenwischer. Schließlich war dieses Werkzeug erfunden worden, um für eine freie Sicht zu sorgen. Die langen Gummilamellen rutschten quietschend über das trockene, staubige Glas der Frontscheibe. In ihrer stockenden Bewegung verschmierten sie die Reste einiger toter Fliegen zu hässlichen, undurchsichtigen Flecken. Eine der Drohnen, die sich zu nahe an das Glas heran gewagt hatte, verfing sich in dem Gestänge des großen Scheibenwischers. Der riss einen der kleinen Propeller ab und das Gerät stürzte augenblicklich in die Tiefe. Der schwere Bus holperte mit den breiten Reifen noch einmal darüber. Neben dem Ortsausgangschild des kleinen Ortes Kehrigk blieben einige zerdrückte Plastikteile liegen. Der Fahrer betrachtete für einen Augenblick zufrieden das Werk seiner Vernichtungstätigkeit im Rückspiegel und vergaß für kurze Zeit die anderen Drohnen, die noch immer vor der Frontscheibe schwebten. Wieder zurück in der hässlichen, bedrohlichen Gegenwart, begann er die Scheibe zu reinigen. Der feine, scharfe Wasserstrahl aus der Düse der Scheibenreinigung traf jedoch nicht das Glas, sondern schoss eine zweite Drohne aus der Luft. Wieder holperte der Bus leicht.

Auf dem Gesicht des Fahrers zeichnete sich deutlich und sichtbar eine Zufriedenheit ab: "So entschärft man Dohnen!"

Er beugte sich zu Attila hinüber und postulierte: "Ab sofort nennen sie mich den Drohnator."

"Wenn's denn sein muss...", antwortete dieser gequält.

"Um Drohnen unschädlich zu machen, benötige ich keine Kanonen, Raketen oder Buster, denn ich bin Teil der Staatsmacht!"

Attila bekam in seiner unbequemen Position nichts von den Geschehnissen vor der Frontscheibe mit. Alle Versuche, sich selbst aus der misslichen und schmerzhaften Lage zu befreien, waren erfolglos verlaufen. Ihn behinderte bei der Befreiung aus dem Fußraum der Eingangstür der kleine Hammer, den er vor einigen Minuten von der Wand gerissen hatte. Er hielt das Werkzeug nach wie vor mit der linken Hand in die Höhe. Es war sein Kruzifix, das ihn vor den bösen, technischen Mächten retten könnte - fühlte er. Nach Denken war ihm in diesem Augenblick gar nicht zumute. Er wollte doch einfach nur in die Freiheit der vollständigen Unbekanntheit entfliehen. Wann konnte er endlich die Segnungen der Anonymität der märkischen Bruchlandschaft genießen?

Kurze Zeit später fuhr der Bus eine leichte Anhöhe hinunter und in einen neuen Ort ein. Ein lang gezogenes Straßendorf breitete sich aus. Sie passierten nacheinander mehrere Schilder, die weder der Busfahrer noch Attila wahrnahmen. Beide waren mit ihren eigenen Problemen zu sehr beschäftigt. Die Einhaltung des Fahrplanes, der Stopp an Haltestellen, Geschwindigkeitsbegrenzungen in Ortschaften - das waren kleinbürgerliche Regelungen, die den Fahrer des Busses bei seiner Mission zur Aufrechterhaltung der Freiheit des öffentlichen Raumes behinderten. Er ignorierte sie im Interesse dieses höheren Zieles. Das hohe Fahrzeug schwankte behäbig und gleichzeitig gefährlich in die leichten Kurven. Es schleuderte beim Versuch, den verbliebenen Drohnen auszuweichen, beständig im Slalom über die Straße. Der Fahrer maß mit dem Bus die gesamte Breite der Fahrbahn aus, inklusive der Schlaglöcher an deren Rand. Attila spürte deutlich die Auswirkungen der unruhigen Fahrt in seinem Rücken. Als eine Haltestelle inklusive Wendeschleife in Sicht kam, riss der Fahrer das große Lenkrad abrupt und mit aller Kraft, die er in diese Aktion legen konnte, nach links. Die aus der Bewegungsänderung des Fahrzeuges resultierende Tangentialkraft drückte Attila kräftig gegen die Eingangstür. Ein Umstand, den der freiheitsliebende Busfahrer sofort ausnutzte. Er öffnete noch in der Kurve die Tür und befreite sich von der Anwesenheit des Drohnen anziehenden Fahrgastes. Attila wurde aus dem Bus geschleudert, rollte sich mehrfach überschlagend in den Straßengraben und sah dem Nahverkehrsmittel hinterher, das sich fahrplanwidrig ohne Halt wieder entfernte. Die leuchtende '405' in der Heckscheibe des Busses verblasste genauso schnell, wie dieser kleiner wurde.

Die Drohnen hatten Attilas unfreiwilligen Ausstieg beobachtet und kreisten über ihm gleich Geiern, die auf das baldige Ableben ihres Opfers warteten. Was nun? Spätestens jetzt war er im märkischen Nichts angekommen. In dem kleinen Ort war um die späte Mittagszeit nicht die geringste Bewegung zu erkennen. Sogar die Hofhunde schwiegen. Die Straße war leer und der Wind trieb ungehindert das trockene Herbstlaub über den Asphalt dahin. Wo war dieses lokale Nichts überhaupt? Wahrscheinlich hatte es noch nicht einmal einen Namen. Attila lag im Straßengraben, hielt mit beiden Händen den kleinen Hammer schützend über sich in die Höhe. Die Drohnen störte das wenig, eventuell hielt es sie auf Distanz. Sicher war er sich jedoch bezüglich der Wirkung seiner Notausstiegswaffe nicht. Nach einigen Minuten gedankenlosen Starrens, während denen er die schnell über den Himmel ziehenden Wolkenformationen beobachtete, richtete er sich ächzend auf. Die rüde Behandlung im öffentlichen Nahverkehr hatte einige Blessuren, Prellungen und blaue Flecken hinterlassen. Attila vermeinte mit einem Mal jede einzelne Beschädigung seines Körpers spüren zu können. Er blickte sich um und suchte einen Anhaltspunkt für einen Ausweg aus dieser ausweglosen Situation. Unweit von seinem Abwurfpunkt, an dem er immer noch stand, befand sich eine Bushaltestelle. Diese verhieß Informationen über den Ort, an dem er sich gerade befand und darüber, wie man diesen wieder verlassen konnte.

Wohin nur hatte ihn die Beschäftigung mit der Politik am Ende gebracht? Dies schien der absolute Tiefpunkt in seinem Leben zu sein - in Groß Eichholz. Zumindest ließ die Beschriftung des Fahrplanes vermuten, dass diese Haltestelle sich in Groß Eichholz befand. Ein Schimmer Hoffnung durchzuckte Attila: Eine Ortschaft, die ein 'Groß' im Namen führte, musste einige Bedeutung in der Umgegend besitzen, musste ein Knotenpunkt im Netz des öffentlichen Nahverkehrs sein. Das Studium des Planes machte jedoch alle Hoffnung sofort wieder zunichte. In den ländlichen Regionen der Mark Brandenburg gab es schon lange kein 'Netz' des Nahverkehrs mehr, hier gab es nur noch Sackgassen, tote Enden. Nach Groß Eichholz fuhr einzig und allein die Buslinie 405 und hier wendete diese, um wieder nach Storkow zurückzukehren. Beim Lesen des Wortes 'Storkow' zuckte er unwillkürlich zusammen und ein Schütteln lief durch seinen Körper. Der meldete sich mit all seinen Blessuren zurück in Attilas Bewusstsein. Es blieb ihm nichts weiter übrig, als zu Fuß der Straße zu folgen. Natürlich würde er in die Richtung wandern, die von Storkow hinweg führte. Der Schwarm der Drohnen, der über ihm schwebte, schien auf eine merkwürdige Art und Weise seine Gedanken gelesen zu haben. Noch bevor Attila den ersten Schritt in eine ihm unbekannte, Märkische Weite setzte, flogen die ersten der technischen Insekten bereits in diese davon.


W20C4P5
Autor

© 02.04.2017
http://texorello.org/W20C4P5
23. Oktober 2013 12:41 Uhr
Ort: Kehrigk
Personen: Attila
23. Oktober 2013 12:48 Uhr
Ort: Groß Eichholz
Personen: Attila
Inhaltsverzeichnis