; Traumhafte Textverarbeitung

Traumhafte Textverarbeitung

Die von Truedie ersonnene 'Binärschaum'-Mission erforderte Opfer. Birgit hatte versprochen zu helfen und sie half. So ging der Sommer ins Land, die Tage wurden kürzer, kühler und feuchter. Wie die Überflutung einer Stadt viele Gegenstände mit sich reißt, hat auch die von ihnen erzeugte Datenflut das Andenken an Attila und seine 'Heldentaten' beseitigt. Zuerst wurde die Information aufgeweicht, dann ausgedünnt und endlich hinweg gespült. Wenige Monate später ist Attila ein unauffälliger, normaler Bürger. Kaum jemand erinnert sich noch an seine Karriere als Spitzenpolitiker, mit der er vor etwas mehr als einem Jahr so Aufsehen erregend strandete. Das Ende der Mission ist ein voller Erfolg, der jedoch nicht von ungefähr kommt. Das Fluten des Netzes erfordert Informationen - viele Informationen. Diese müssen erstellt, redigiert und aufbereitet werden. Truedie hat dafür einige spezielle Programme entwickelt. Sie speisen die Datenflut in das große, internationale Netz ein und steuern deren Fluss und Verteilung. Die Basisinformationen kommen jedoch weiterhin von Menschen, zum Beispiel von Birgit. Für eine Journalistin stellt das natürlich keine Schwierigkeit dar. Es ist ganz normale Arbeit. Arbeit die Zeit benötigt. Juli, August und September sind mit dem Verfassen von Texten, Notizen, Zitaten, Kurzmitteilungen, Tagebucheinträgen, Zeitungsartikeln, Propagandaschriften, ... vergangen. Am Ende wandeln sich einzigartige und eindeutige Informationen in eine Unmenge von kaum zuordenbaren Belanglosigkeiten. Die Wahrheit und reale Geschichte geht im allgemeinen Informationsrauschen unter, wird unsichtbar und fortan ignoriert. Attilas Zukunft ist ab sofort wieder unbestimmt und unbelastet. Der Binärschaum hat den digitalen Brand gelöscht und alles Unerwünschte hinweggespült.

Nach der großen Datenspülung normalisiert sich Birgits Arbeitswelt. Sie kann sich endlich wieder um die Aufbereitung der Fundstücke aus der Papiertonne kümmern. Die Veröffentlichung der PP-files hat sie nun auf den Winter verschoben. Die psychologischen Notizen müssen zuerst gesichtet und dann in eine lesbare Form gebracht werden. Im Gegensatz zu der Massendatenerzeugung in den vorhergehenden Wochen eine aufregende Tätigkeit. Die meisten Texte liest sie zum ersten Mal. Dazu kommt die Recherche nach Hintergründen und dem Handlungsrahmen. Das ist Abwechslung und Spaß pur - journalistische Arbeit der besten Sorte. Nur eines ist immer gleich: Rolfs aufgedrehte, absurde und oft nervige Späße bleiben ihr erhalten. Im Allgemeinen weiß Birgit sich zu helfen, so auch heute.

An Birgits rechtem Ohr kitzelte etwas. Sie wischt mit der Hand durch die Luft und verfehlt knapp einen Papierflieger. Rolf hat diesen aus einem missbrauchten Kontrolldruck gefaltet und das Fluggerät in ihre Richtung geworfen. Es bewegt sich lautlos durch den Raum und bewegt sich in einem weiten Bogen wieder auf sie zu. Kurz vor Birgit geht dem Flieger die Energie aus. Er kommt ins Trudeln und schlägt mit einem leisen Klatschen auf das Notizblatt, das sie gerade liest und analysiert.

"Rolf! Ich möchte arbeiten."

"Hier!", kommt als zackige Antwort aus der anderen Ecke des Zimmers.

"Such' dir bitte eine andere Beschäftigung."

"Wir werden so viele Papierflieger bauen, dass der Himmel schwarz ist und du im Zimmer nicht mehr treten kannst!"

"Der war gar nicht lustig - Rolf!"

"Nee, aber ein gefährlicher, geisteskranker Politiker und Massenmörder. Von dem sind aber keine Träume unter den Notizen, oder?"

Birgit dreht sich zu ihm um und sieht in erstaunt an. "Wie kommst du darauf?"

"Wäre schon eine Sensation, oder?"

"Hmm, eher so eine, wie seine Tagebücher vor einigen Jahren.", antwortet Birgit nachdenklich und legt die Stirn in Falten, weil Rolf einen weiteren Papierflieger faltet.

"Och nee, nicht dieser Blick. Da macht der ganze Spaß gar keinen Spaß."

"Korrekt! Soll er auch nicht - ich muss arbeiten."

Rolf steht auf, kommt zu Birgit an den Schreibtisch und setzt sich neben sie auf den Fußboden. Neugierig sieht er ihr von unten beim Schreiben zu. Ab und an greift er mit einer Hand auf den Schreibtisch und tastet darauf herum. Wenn er den Stapel der bereits bearbeiteten Traumnotizen gefunden hat, zieht er wahllos ein Blatt heraus und fängt an zu lesen. Natürlich kann Rolf bei zu absurden Texten nicht ruhig bleiben. Er muss einfach laut lesen.

"... Er muss sein Land unbedingt vor der EISKK (Epochale Invasion Schwedischer Killerkaninchen) verteidigen.", kommt von mehreren Lachern zerstückelt hinter dem Schreibtisch hervor.

Diese Passage der Traumnotiz hält ihn nicht mehr auf dem Boden. Er springt auf und schlägt dabei klatschend mit der flachen Hand auf den Boden.

"Rolf, du nervst! Gib jetzt endlich Ruhe!"

"Och, schade...", ist die schmollende Antwort. Er hält den Kopf zur Seite geneigt und lächelt Birgit an.

"Heute Abend ist im Kulturhaus die erste Lesung zu dem neuen Buch. Du bist drauf und dran das zu verhindern!"

Er neigt den Kopf zur anderen Seite und

"Du Rolf, da draußen ist schönes Wetter. Geh' einfach hinaus spielen und dann schon in's Kulturhaus. Ich komme nach, sobald ich hier fertig bin. Aufräumen musst du auch nicht..."

"Tschüss, Mama.", imitiert er einen kleinen Jungen und winkt ihr auf seinem Weg zur Tür zu.

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Die Überarbeitung der letzten Passagen des Vorwortes nehmen nicht viel Zeit in Anspruch - wenn es keine Störungen gibt. Diese ist nun beseitigt und die Journalistin kommt zügig zum Ende der Arbeiten. Sie ordnet die Blätter in eine Lesemappe und strebt der Geburt eines neuen Werkes entgegen, der Premierenlesung. Viele Seiten Wahnfantasien der politischen Elite des Landes stellen eine brisante Veröffentlichung dar. Sie werden das Denken und Fühlen der Oberen in einer noch nie dagewesenen Schärfe und Klarheit offenbaren. Ihre literarische Überarbeitung macht den grandiosen Fund für die Allgemeinheit zugänglich, lesbar und verständlich. Es wird damit eine Basis für medizinische Untersuchungen über die gesundheitlichen Langzeitfolgen geschaffen, die irrsinniges und gefährliches Machtstreben für das menschliche Gehirn haben.