; Abgang

Abgang

Am Abend des Tages nach der Premierenlesung ist das Kulturhaus natürlich abermals gut besucht. An einem Tisch in einer dunklen, versteckten Ecke sitzen sich ein unscheinbarer Mann und eine junge Frau gegenüber. Beide haben volle Biergläser vor sich stehen. Der Schaum der Bierblume ist längst vergangen, aber noch nichts getrunken.

"Hallo Maler."

"Hallo Truedie."

Nach der kurzen Begrüßung scheint das Gespräch schon beendet zu sein. Stille hüllt den Tisch ein. Auch von den Nachbartischen dringt kein Laut in die Ecke des Saales. Es ist, als ob eine mystische Schalldämmmauer jeglichen Laut verschluckt. Die Frau greift das Gespräch nach einer Weile und einigen Schlucken Bier aus ihrem Glas wieder auf.

"War wirklich starker Tobak, dein Spruch und Abgang gestern."

"Ja, wird mir wohl als 'Widerstand gegen die Staatsgewalt' ausgelegt werden.", antwortet der Mann leise. In seiner Aussprache schwingt eine leichte Depression mit.

"Du meinst wohl eher 'Widerstand gegen korrupte Teile der Staatsmacht'."

"Vielleicht. Vergiss nicht, wir leben in einem Land, in dem uns Politiker glauben vor zu viel Freiheit - z.B. der des Internet - 'schützen' zu müssen."

"Was erwartest du denn: 'Politiker' ist auch nur ein Beruf, wie jeder andere. Nicht mehr und nicht weniger. Er dient nur dem Gelderwerb. Politiker sind ausschließlich ihrem eigenen Konto verpflichtet. Das und den Zustrom von Geld auf dieses müssen sie verteidigen.", doziert die junge Frau und trinkt anschließend lange aus ihrem Bierglas. Sie scheint den schlechten Geschmack der Worte hinunter spülen zu wollen.

"Ja Truedie, deshalb bin ich jetzt doppelt auf der Flucht und bitte dich hiermit um ein neues Leben."

"Du willst mich jetzt aber nicht heiraten, oder?"

"Nein, ich muss mich virtuell neu erfinden - so ein Leben meine ich. Ist doch deine Spezialität, oder?"

"Du bist doch aber schon illegal - du bist 'Der Maler'! Willst du deine Illegalität auch noch auslöschen?"

"Es haben mich einige Mitbürger zu viel gesehen und der Dacapo kennt mich nun auch. Ich muss zum Mythos werden - das heißt 'unwahrscheinlich existent'. Dann hat niemand mehr einen offiziellen Grund, nach mir zu suchen."

"O.k. Maler, wenn's sein muss... Dann machen wir dich zu einem 'unwahrscheinlich virtuell existenten Mythos'. Du kennst ja den Preis. Die volle Spülung also?"

"Ja, bitte!", ist die knappe Antwort.

Der unscheinbare Mann steht auf, ohne von seinem Bier auch nur einen Schluck genommen zu haben. Er nickt der jungen Frau kurz zu und verlässt den Saal des Kulturhauses durch die Nebentür, die vor einigen Jahren von der Kraftwerkskarlotta eingebaut worden war. Schon wenige Minuten später kann sich keiner unter den Anwesenden mehr an ihn erinnern. Er hinterlässt so gut wie keine 'visuellen Abdrücke' auf seinem Weg. Nur Trudie weiß, dass er hier war. Sie hat einen neuen Auftrag.