; Beamtenmikado

Beamtenmikado

Gesättigt und in bester Laune tritt der Dacapo aus der Tür des Bräter-Restaurants ins Freie. Auch Miezi ist zufrieden. Vor einigen Augenblicken waren mehrere Stücke panierten Hühnerformfleisches zu ihm in die Manteltasche gefallen. Aus dieser ist immer noch ein erregtes Knurren zu vernehmen und unterschiedlich große Beulen wandern über die Außenseite der Tasche: Fleischbrocken müssen nun einmal gefangen werden!

Neben dem Ford Mustang des Dacapo ist inzwischen der Wagen einer Polizeistreife geparkt. Rechts und links von seinem Wagen steht jeweils ein Polizist. Sie sehen interessiert in das historische Fahrzeug hinein. 'Ah, die Kollegen in Uniform!', freut sich der Dacapo. Vielleicht bekommt er von ihnen Hilfe bei seinem 'delikaten Auftrag'. Das würde die unangenehme Situation, in der er sich befindet, grundsätzlich entspannen. Der Streifenwagen ist ein VW-Passat - ein sehr altes Modell. Da der Dacapo ebenfalls einen Oldtimer als Polizeiwagen fährt, kommt ihm das nicht seltsam vor. Er ist hier in der Provinz, die haben einfach kein Geld für moderne Ausrüstung. Wahrscheinlich benötigen die Behörden das hier gar nicht, da auch die lokalen Kriminellen antiquiert sind. Beide Polizisten sind nachlässig gekleidet. Ihre Uniformhemden sind bereits ausgeblichen. Einer der Beamten hat große, dunkle Flecken auf seiner Hose und trägt Turnschuhe. Auch das befindet sich für den Dacapo im Toleranzbereich des Erträglichen. Nur ihre Sonnenbrillen sind neu. Die goldenen Rahmen glänzen in den letzten Strahlen der späten Sonne und die blauen, verspiegelten Gläser reflektieren diese als helle Punkte auf den Asphalt des Parkplatzes. Etwas stört den Dacapo. Noch ist es ihm verborgen. Während er zu den Beamten hinüber geht, versucht er die Signale seines Unterbewusstseins zu ergründen.

"Tach Kollegen.", begrüßt er die Uniformierten, ganz vergessend, dass er nicht als Polizist zu erkennen ist.

"Herr Bürger, sind sie der Halter diesen Wagens?", ist die sehr förmliche Gegenfrage.

"Wo habt'er denn solche Sprüche jelernt?"

"Sind sie der Verursacher des Verkehrschaos auf der A24 vor einer halben Stunde?"

"Ick bin gewaltich befucht. Ick darf det."

"Weisen sie sich bitte aus!"

Dem Dacapo dauert diese sinnlose Kommunikation zu lange. Er wird ungeduldig. Wenn die Kollegen ihm helfen sollen, dann muss er sie noch einweisen. Die übliche Lagebesprechung dauert nun einmal mindestens eine halbe Stunde. Wenn er weiter trödelt, kommt er zu spät nach Ranzlow.

"Wenn hier einer 'weist', dann bin ick dat. Ick 'weise ein'!", bei dem Ausspruch ist ihm selbst unklar, ob er 'einweisen in die Untersuchungshaft' oder 'einweisen in einer Lagebesprechung' meint.

"Wir müssen ihren Wagen wegen 'Widerstands gegen die Staatsgewalt' einziehen."

Als Geheimpolizist rechnet er grundsätzlich immer mit allen möglichen Wendungen und Entwicklungen der Lage und des Schicksals. Der Schlängelweg, den ihre Unterhaltung gerade nimmt, ist ihm jedoch neu.

"Wat? Wie soll'et Auto denn 'Widerstand' jeleistet habn?"

Dann wird das Gespräch noch absurder. Was möchten die beiden Kollegen eigentlich von ihm? Er beginnt sich immer mehr über ihr Auftreten zu wundern.

"Der hat doch bestimmt einen Wert, oder?", fragt der Polizist mit den Flecken auf der Hose.

"Ja und wir haben Pistolen und wir sind die Polizei.", kommt als Zusatz von dem anderen.

Mit weit aufgerissenen Augen, die durch die starken Gläser seiner großen Hornbrille wie riesige, schwarze Löcher aussehen, starrt er beide an. Dabei schielt er etwas, da er instinktiv versucht, mit jedem Auge einen anderen Polizisten zu fokussieren.

"Auf der Autobahn warst du doch bekifft, oder? Wo ist denn der Stoff im Wagen versteckt?"

Jetzt klappt dem Dacapo auch noch der Unterkiefer herunter und er sieht starr und verständnislos dem Fragenden ins Gesicht.

"Nun, wir wollen gar keinen Stress machen. Wenn du willst, verkaufen wir den Stoff hier auch für dich in der Gegend.", setzt dieser noch hinzu.

"Dein Auto benötigst du doch gar nicht, oder? Wir fahren gleich damit weiter.", sagt der Polizist, der an der Beifahrertür des Ford Mustang steht, herausfordernd. Er streicht liebevoll über den Kotflügel.

Miezi hat in der Manteltasche das letzte Stück panierten Häckselhuhns erlegt und verschlungen. Enttäuscht steckt der Hund den Kopf aus der Tasche und bellt fordernd nach oben, in der Hoffnung, der Dacapo nimmt ihn wahr und liefert Nachschub. Dieser ist jedoch vollständig in der seltsamen Begegnung gefangen. Er betrachtet immer noch mit vor Verwunderung aufgerissenen Augen und offenem Mund die beiden Gesetzeshüter. Erst als Miezi wild zappelt, fängt er sich.

"Ihr seid doch gar keine Polizisten!", brüllt er sie an. Seine Pupillen haben sich schlagartig zu kleinen Punkten zusammengezogen. "Raus mit der Sprache! Was seid ihr?!"

Die beiden sehen sich an. Ihre Gesichter, die bisher die Sachlichkeit von Beamten im Dienst ausdrücken, zeigen jetzt ein Lächeln. Es geht schnell in Grinsen über. Dann blicken sie auf den Dacapo.

"So - du gibst uns jetzt die Schlüssel zu deinem Wagen, zeigst uns den Stoff und trollst dich."

Das Gesicht des gewaltigen Geheimpolizisten rötet sich vor Wut.

"Ach, so jeht dat?"

"Ja, Freund, so geht das."

In einer blitzschnellen und lang geübten Bewegung greift der Dacapo mit der rechten Hand über seine linke Schulter. Er zieht die riesige Magnum Desert Eagle aus dem Rückenholster seines Mantels und balanciert die schwere Pistole mit dem zehnzölligen Lauf gekonnt vor sich in Angriffsstellung. Das blanke Metall glänzt in den Strahlen der mit ihrem Untergang beschäftigten Abendsonne. Rotgoldene Reflexe huschen über den extra langen Lauf, als ob sie das Spiel des Feuers, das im Inneren der Pistole toben kann, vorwegnehmen möchten. Den Scheinpolizisten an der Fahrertür gähnt ein erschreckend großes und schwarzes Mündungsloch an.

"Nee, so jeht dat. Kaliber halbzoll klärt: jetz sofort!", antwortet der Dacapo ruhig und leise. Dies legt eine Überzeugung in die Drohung, die die beiden kriminellen Streifenpolizisten sichtlich nervös macht. Beide versuchen sich hinter dem Wagen zu verstecken und nesteln an ihren Pistolentaschen herum. Offenbar besitzen sie keine Übung im Gebrauch der Dienstwaffe. Für den Dacapo ist das ein 'Unding': Schließlich gebraucht er seine Dienstwaffe täglich. Die Beschaffung von Munition für seine Magnum Desert Eagle stellt im Etat der Abteilung den größten Posten dar. Sind das überhaupt echte Polizisten? Was er dann sieht, versetzt seinem Glauben an die Echtheit der beiden Beamten den Todesstoß. Wasserspritzpistolen aus Plastik! Die beiden haben sich Spielzeuge an den Gürtel gehängt. Sind das nur Polizeiattrappen? Der Dacapo möchte jetzt nicht darüber nachdenken, warum sich die beiden Hochstapler diese Peinlichkeit leisten und ihn mit Spielzeugen bedrohen. Er wittert eine weitere, spektakuläre Verhaftung und wird aktiv. So kann er zumindest seinen Kollegen von der Abteilung 'Zentrale kriminalpolizeiliche Dienste' des Bundeskriminalamtes wieder die Show stehlen. Diese Stubenhocker ärgern ihn immer wieder. Er rächt sich dafür fortwährend, indem er sie blamiert und ihnen die Fahndungserfolge stiehlt.

"Ihr Polizeikomparsen erjebt euch jetz - ihr seid verhaftet!"

Dieser Ausruf schreckt die beiden Hochstapler auf. Gleichzeitig beginnen sie ihre Flucht, setzen sich in Bewegung und laufen in Richtung des Burger-Restaurants. Endlich! Auf dieses Signal hat der Dacapo nur gewartet. Es triggert den Einsatz seiner Dienstwaffe. Der erste Schuss reißt die Stille auf dem fast leeren Parkplatz förmlich auseinander. Trocken rollend läuft der Hall der Explosion zwischen den Gebäuden hin und her, die den freien Platz umschließen. Von den Schallwellen getroffen, springt der eine Flüchtende erschrocken während des Laufens in die Höhe. Ausgerechnet in diesem Augenblick befindet er sich in der Eingangstür des Restaurants und stößt hart mit dem Kopf gegen den Türsturz. Kopf und Oberkörper werden abrupt gebremst und die Schirmmütze wird ihm vom Kopf gerissen. Nur seine Beine führen die Bewegung in das Gebäude hinein fort. Er landet unsanft auf dem Rücken und rutscht auf diesem in den Gastraum. Sein Kumpan hat sich nach dem Schuss sofort auf den Boden geworfen. Mit einem Hechtsprung landet er ebenfalls in der Eingangstür und rutscht dem anderen Flüchtenden auf dem Bauch hinterher. Beide stoßen vor dem Verkaufstresen zusammen, über dem die bunten Leuchtplakate frittierte Speisen anpreisen. Sie bleiben erschrocken und starr liegen. Mit dieser gewalttätigen Eskalation haben sie nicht gerechnet.

Der Dacapo zieht sich die Strumpfmaske über den Kopf. Auch wenn das Personal des Restaurants ihn bereits zuvor gesehen hat: Ordnung muss sein. Schließlich hat er seinen Ruf als 'anonyma Zivila' zu verteidigen. Mit wenigen, weiten Sprüngen erreicht er ebenfalls die Eingangstür. Er folgt den Geflohenen in das Restaurant, die Waffe immer schussbereit vor sich haltend. Niemand unter den Anwesenden weiß, nicht einmal er selbst, dass seine Pistole maximal für Trommelfelle gefährlich ist. Die Waffenkammer gibt an den Dacapo ausschließlich Platzpatronen. In keinem seiner Einsätze hat das bisher den Eindruck gemindert, den er hinterließ. Sein Sprung durch die Eingangstür ist gewaltig. Er macht sich nicht erst die Mühe, diese vorher mit der Hand zu öffnen. Die kinetische Energie des Sprunges, in Teilen vom Tritt eines Stiefels auf das Türblatt übertragen, ist ausreichend. Durch die weit aufgestoßene Öffnung springt er gestreckt in den Innenraum. Die Schöße des langen, geöffneten Mantels flattern hinter ihm her. Ab und zu klatscht ihr Leder laut zusammen. Die Kugel seines vorgestreckten Kopfes verbirgt dank des dunkelbraunen Nylonstrumpfs, den er sich übergezogen hat, fast jegliche Kontur. Einzig und allein die große Hornbrille erzeugt überdimensionale Augenwülste. Es ist inzwischen wesentlich dunkler geworden und seine blau glimmenden Schulterklappen erleuchten den Kugelkopf gespenstisch von unten. Bei diesem Anblick des Dacapo versteckt sich das Personal des Restaurants erschrocken hinter den Fritteusen und seine beiden Ziele liegen zitternd vor ihm auf dem Boden.

"Ein Vampir! Wir sind verloren..."

Nur ein Schuss bisher, das ist weit unter dem statistischen Mittelwert seines Materialverbrauches bei Einsätzen. Der Dacapo gleicht dies mit zwei Schüssen, die er in Richtung der Liegenden abgibt aus. Eine blau leuchtende Wolke aus Pulverdampf hüllt ihn sofort ein. Seine Schulterklappen lassen den Rauch erglühen und bei den Hochstaplern die letzten Sicherungen durchbrennen. Die unbändige Angst gibt ihnen den Mut der Verzweiflung. Ihre Gesichter sind vor Angst verzerrt, als sie aufspringen und das Restaurant durch eine Seitentür auf den Außenspielplatz verlassen. Die mächtige Angst macht sie blind und gefühllos. So muss die Tür leiden. Sie wird aus den Angeln gerissen und kippt nach außen.

"Jeben die nie auf?"

Abermals setzt der Dacapo zur Verfolgung an, springt ihnen hinterher und gibt dabei zwei weitere Schüsse ab.

W25C1P3
Autor

© 01.08.2015
http://texorello.org/W25C1P3
18. Oktober 2014 17:40 Uhr
Ort: Hamburger-Restaurant Wittstock
Personen: Dacapo
18. Oktober 2014 17:55 Uhr
Ort: Hamburger-Restaurant Wittstock
Personen: Dacapo
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