; Postenkleber

Postenkleber

Morgen kommt der Tag, an dem die Wahl stattfinden soll - endlich! Sie legt sich mit dem Gefühl ins Bett, alles für einen fantastischen Neustart ihrer Karriere getan zu haben. Natürlich wird sie ihren Wahlkreis für sich gewinnen. Morgen wird eine überwältigende Mehrheit für sie stimmen. Gemäß der letzten Umfragen, die ihr Team durchgeführt hat, gilt ihr Einzug in das Parlament als sicher.

Ja, das Parlament - da gibt es höhere Bezüge als bisher. Das ist so schön wie eine Beförderung: Höhere Diäten und Freibeträge sind garantiert! Und es gibt eine unwahrscheinlich fantastisch Auswahl an Posten, Kommissionen, Ausschüssen. Davon sind viele mit weiteren Einkünften verbunden. Die neuen Bekanntschaften und das größere Netzwerk sind jedoch unbezahlbar. So werden sich Chancen über Chancen ergeben und der Stand ihres Bankkontos wird sich schnell und positiv entwickeln. Lukrative Nebenabreden und Deals mit Lobbyisten werden endlich auch für sie möglich. Aus der schnell nahenden Zukunft winkt die große Industrie mit Vergünstigungen und Aufmerksamkeiten. Vielleicht ist ja sogar ein Posten in der Managementetage eines Konzerns zu ergattern. Auf dem könnte sie sich in einigen Jahren zur Ruhe setzen.

Ihre Zukunft ist rosig - oder vielleicht doch pinkfarben? Egal! Auf jeden Fall ist sie bunt und gesichert - oh ja, das Politikerleben ist ein Ponyhof!

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An Schlaf ist nicht zu denken. Sie ist zu aufgeregt und bis in die letzte Zelle ihres Körpers mit purer, freudiger Erwartung ausgefüllt. Wie Tropfen schwarzer Tinte mischen sich mit einem Mal hässliche Flecken des Zweifels in ihr farbiges Bild der Vorfreude. Unerwünschte Gedanken jagen durch ihren Kopf und schieben sich mit einer lästigen Penetranz in ihr Bewusstsein. Hat sie wirklich alles Mögliche, Erdenkliche getan? Hat ihr Wahlteam die Umfrage vernünftig und nach allen Regeln der Kunst durchgeführt? Hatte sie nicht vor kurzer Zeit Peter während eines Gespräches in der Kaffee-Ecke sagen hören: "Das wird alles nicht so heiß gegessen..."? Bezog sich das eventuell auf ihre Wahlkampagne und die Umfrage zu ihren Zustimmungswerten? Damals, vor fünf Tagen, hatten sie das nicht genauer wissen wollen. Instinktiv blendete sie hässliche Tatsachen aus, die ihr nur die gehobene, optimistische Stimmung verdorben hätten, nach der sie süchtig war. Sie wollte keine Wahrheiten, wollte nur ihre eigene Überzeugung bestätigt wissen. Oh, es wäre wohl besser gewesen, den Zweifeln schon vor einigen Tagen nachzugehen. Nun liegt sie hellwach im Bett und starrt mit aufgerissenen Augen an die dunkle Decke des Schlafzimmers. Dort versucht sie mit gedachten, hellen Flecken eine Arbeitsliste abzuhaken. Nein, sie zählt keine Schäfchen, sondern die in der Wahlschlacht bedachten Zielgruppen und besuchten Wähler. Waren es wirklich alle, die sie erreichen konnte? Die Zweifel befördern eine Unruhe, die sie nicht schlafen lässt. Nachdem sie eine gefühlte Ewigkeit grübelnd in die Dunkelheit starrte, richtet sie sich ruckartig auf. Mit einem einzigen Sprung verlässt sie das Bett und läuft im Zimmer auf und ab. Auf dem Weg passiert sie die spärlichen Einrichtungsgegenstände des Raumes. Zuerst fällt der Stuhl um, über dessen Lehne die Tagesbekleidung hängt, dann schlägt ein Blumentopf krachend auf den Boden. Augenblicklich verteilen sich seine kleinen, tönernen Scherben über den Boden des Zimmers. Ihr Klackern durchdringt deutlich die lichtlose Stille. Es klingt, als ob eine Tüte mit Erbsen ausgeschüttet wird. In der Dunkelheit sind Orientierung und Kollisionsvermeidung dem Menschen schwer möglich. Trotzdem bleibt das Licht aus. Sie hat sich so sehr in ihre sorgenvollen Gedanken verloren, dass sie die Umgebung und Ereignisse nicht mehr wahrnimmt. Steht im Flur nicht noch eine Rolle mit ihren Wahlplakaten? In der Kammer neben der Eingangstür befinden sich doch der Eimer mit dem Tapetenkleister und der große Malerpinsel? Diese Eingebung verbindet sich augenblicklich mit dem Zwang, alles Erdenkliche für ihre eigene, glückliche Zukunft tun zu müssen. In nachtwandlerischer Sicherheit findet sie die Türen, greift sich Plakatrolle und Kleistereimer und stürmt in die Nacht.

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Bereits seit mehreren Minuten fährt ein Streifenwagen langsam im Schritttempo neben der Frau, die nur mit einem Nachthemd bekleidet, an allen möglichen und auch unmöglichen Orten Plakate klebt. Der Polizist auf dem Beifahrersitz hat das Fenster seiner Tür nach unten gedreht und leuchtet mit einer Taschenlampe in die Dunkelheit. Verwundert beobachten beide Beamte die Aktivitäten der Frau, die von dem Lichtkegel erfasst wird. In plüschigen Pantoffeln, die lange Hasenohren zieren, hüpft sie über die feuchten Pflastersteine des Gehweges. Routiniert taucht die Malerbürste in den Kleister, klatscht gegen die Mauer eines Hauses und verteilt die klebrige Masse. Kleine, glitzernde Tropfen des Leims spritzen zur Seite und verlassen den beleuchteten Bereich. Auf dem feuchten Boden und in den Pfützen hinterlassen sie eine Spur schillernder Flecken, die das spärliche Licht der Lampen in alle Teile des Spektralbereiches zerlegt. Die Frau zieht aus dem Beutel auf ihrem Rücken ein großes Plakat, rollt es über der Kleisterfläche aus und streicht es mit der klebrigen Bürste glatt. Auf dem Papier ist sie selbst zu sehen - jedoch nicht in Nachthemd und Hasenpantoffeln, sondern in einem etwas zu engen Hosenanzug.

"Das ist irre..."

"...nee, DIE ist irre", antwortet der Fahrer.

Als ob die Plakatiererin sie mit einem Mal wahrgenommen hat, dreht sie sich zu dem Streifenwagen um. Die Frau geht direkt auf den Polizeiwagen zu und taucht während der letzten Schritte den Pinsel in den Kleistereimer. Gerade noch rechtzeitig kann der Polizist die Taschenlampe in das Innere des Autos ziehen und die Scheibe schließen. Wieder klatscht die Bürste auf eine senkrechte Fläche und anschließend wird ein Plakat ausgerollt und glatt gestrichen. Jedoch klebt es dieses Mal nicht an der Mauer eines Hauses, sondern auf der Tür eines Polizeiwagens.

"Uh!"

"Aber das geht doch nicht - wir sind die Polizei!"

Beide Polizisten drehen sich zueinander. Entrüstung, ja Entsetzen über diesen Angriff auf die Staatsgewalt, sehen sie deutlich im Blick des anderen. Ein kurzes, gegenseitiges Nicken, dann reißen sie die Türen auf und springen zeitgleich aus dem Wagen. Das Plakat, das über Beifahrertür, Mittelholm und einen Teil der hinteren Tür geklebt ist, zerreißt mit einem feuchten, kurzen Plopp. Erschrocken stolpert die Frau nach hinten und rudert ungelenk mit dem Armen, um das Gleichgewicht wiederzuerlangen. Dies gelingt ihr nach einigen Schrecksekunden, jedoch fliegt die Kleisterbürste in einem hohen Bogen davon. Sie landet mit den feuchten Borsten auf der Motorhaube des Streifenwagens und bleibt dort kleben. Ein dünnes Rinnsal des zähen Leims läuft hinunter in Richtung des Kühlergrills. Das ist für den Fahrer des Streifenwagens zu viel. Trocknet der Kleister an, reicht eine Fahrt durch die Waschanlage nicht mehr aus. Jetzt muss er mit dem Schwamm vorarbeiten.

"Sch... das ist gar nicht schön!"

Wütend läuft er vor den Wagen, fegt die Bürste mit einer Armbewegung von der Motorhaube und hastet auf die Frau zu. Der andere Polizist versperrt ihm den Weg und hält ihn zurück. Mit dem ausgestreckten Zeigefinger der rechten Hand vor seiner Stirn kreisend, deutet er an, dass der die Kleberin für nicht ganz zurechnungsfähig hält. Sein Kollege beruhigt sich wieder, geht zur hinteren Tür des Wagens und öffnet diese.

"Steigen sie ein, wir helfen ihnen."

"Sie sind ja so nett. Mit ihrer Hilfe werde ich bestimmt gewählt!"

Nachdem die Frau auf dem Rücksitz Platz genommen hat, versichert sie sich der Stimmen der beiden uniformierten Wähler, die auf den vorderen Plätzen des Wagens sitzen.

"Sie werden doch für mich stimmen, nicht wahr? Haben sie mein Programm studiert?"

Die beiden Polizisten werfen sich einen vielsagenden Blick zu, verriegeln die beiden hinteren Türen und nicken freundlich.

Die Fahrt endet vor einer Klinik. Bevor das wenige, anwesende Pflegepersonal die Patientin beruhigen kann, macht sie sich aus dem Griff der begleitenden Polizisten los. Sie läuft zum Streifenwagen zurück und greift sich Plakaten und den Kleistereimer. Der erste Pfleger, der sie erreicht, muss erleben, dass er zu einer wandelnden Litfaßsäule wird. Bereits nach fünf Sekunden kleben zwei Plakate auf ihm. Erst die herbeieilende Kollegen können ihn von dem Papier befreien und die mit allen Mitteln wahlkämpfende Politikerin einfangen. Dank der chemischen Errungenschaften der modernen Pharmaindustrie wird die letzte Klebeaktivistin in der Nacht zum Wahltag endlich ruhig gestellt.

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Den Tag der Wahl und damit ihren Einzug in das Parlament erlebt sie nicht in einem wachen Zustand. Obwohl die beiden Polizisten und das Personal der Klinik nicht für sie stimmen, bekommt sie dennoch die ausreichende Unterstützung des Wahlvolkes. Auch die nachfolgende Woche ist irgendwie an ihr vorbeigegangen. Keine bösen Erinnerungen trüben ihren Tag, als sie das Tor der Klinik verlässt. Sie ist mit einem guten Vorrat an Medikamenten ausgestattet, der ihren kleinen Rollkoffer zu mehr als einem Drittel füllt. Als die Nachricht von ihrer Wahl eintraf, bat der Chefarzt der Einrichtung sie zu sich. Sie musste ihm nur zusichern, dass sie sich zukünftig 'mit aller Kraft' für seine Unternehmung einsetzen wird - schon öffneten sich die Schränke der hauseigenen Apotheke.

Egal - gewonnen ist gewonnen - sie ist angekommen. Wo eigentlich? Mit der richtigen Medikamentierung ist auch das egal. Ihr Leben, die Welt, einfach alles fühlt sich federleicht an. Hüpfend und leise singend betritt sie den Parlamentssaal. Der riesige Raum weitet sich vor ihren Blicken. Wände und Decken verschwinden in die Ferne und machen einem pastellenen Glühen Platz. Helle Farben strahlen ihr von überall entgegen und ein grasgrüner Lichtstrahl trägt sie in die Mitte der Parlamentswelt.

Oh ja, das Politikerleben ist ein Ponyhof! ... und ein bunter noch dazu.