; Der Allesversprecher - finales Chaos

Der Allesversprecher - finales Chaos

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s ist Abend in Ranzlow. Nach einem sonnigen Frühjahrstag verschwindet das Zentralgestirn hinter den Bäumen des Ranzlower Forsts. Es steht der schwere, süße Duft der blühenden Rapsfelder in der Luft. Kein Wind bewegt sich mehr. Da es deutlich kühler wird, beginnen die Einwohner ihre tägliche Wanderung in Richtung des zentralen Treffpunktes: dem Kulturhaus. Gegenüber des Kulturhauses, auf der anderen Straßenseite, liegt ein großer, staubiger Freiplatz in den letzten, direkten Sonnenstrahlen des Tages. Hier ruht der zentrale Festplatz von Ranzlow in den Tagen zwischen den Festen. In diesen festlosen Zeiten dient er den Besuchern des Kulturhauses als Parkplatz. Die Bewohner des Dorfkerns bewegen sich zu Fuß oder mit dem Fahrrad hierher. Natürlich genießen heute alle Ranzlower Randbewohner das gute Wetter, bevor sie sich zum täglichen Freibier und Nachrichtenaustausch treffen. So wird der Parkplatz nur durch einen etwas lädierten, kleinen Reisebus und einen rostroten Traktor bevölkert. Beide einsame Fahrzeuge sind auf Kuscheldistanz aneinandergerückt. Im Abstand von nicht einmal fünf Zentimetern stehen sie nebeneinander und werfen traurig und einsam zwei lange, sich überlagernde Schatten auf den Sand der Freifläche. Den direkten Weg vom Parkplatz zur Freitreppe des Kulturhauses versperren ein kleines Glashäuschen und zwei Sitzbänke, die neben diesem stehen. Auf der äußeren Bank, die noch von der abendlich gelben Sonne bestrahlt wird, sitzen Birgit und Truedie. Sie sehen dem Ghostrider hinterher, während der die letzten Stufen der Treppe erklimmt. Das große schwarze Lenkrad seines Traktors, das er sich mit einem Riemen auf den Rücken geschnallt hat, schaukelt leicht, da er beim Laufen die Schultern bewegt. So groß das Rad auch ist, seine breiten Schultern überragen es links und rechts. Noch vor wenigen Minuten ist er direkt an ihrer Bank vorbei gefahren, ohne sie zu bemerken.

"Da könnte ich glatt meinen Rolf vergessen." sagt Birgit, wobei sie beim Zusehen den Kopf leicht schräg stellt.

"Ja, aber der Ghostrider hat nur Augen und Hirn für seine Jolinda." ist die verträumte Antwort von Truedie.

"Meinst du, SIE ist Realität?"

Truedie antwortet überzeugt: "Wenn sie virtuell wäre, wüsste ich das."

"Ich glaube, es gibt SIE nur in seinem Kopf. Der scheint wirklich extrem kompliziert zu sein."

"Du, Meier sagt, er hat beide schon 'mal zusammen gesehen."

"Meier? Nicht Krüger? Der ist doch sonst für die Märchen und Gerüchte zuständig!" Birgit ist jetzt interessiert. Das könnte eine gute Geschichte werden.

"Nein, wirklich: Meier hat mir das erzählt."

Beide stehen auf und gehen langsam über die Straße. Die Freitreppe vor der großen Eingangstür ist deutlich erkennbar ihr Ziel.

"Hast du erst auch diese weiße Wolke gesehen? Sie hing hier ganz niedrig über den Häusern."

"Zuerst dachte ich das Kulturhaus brennt. Ich habe mich beeilt, um vielleicht noch helfen zu können."

"Und, war etwas?" fragt Truedie, immer noch neugierig.

"Nein, ich saß nur vor dir schon auf der Bank. Hier gab es nichts zu helfen und auch nichts, das berichtenswert gewesen wäre." Die Enttäuschung ist Birgit, der Journalistin, anzumerken.

Truedie lacht und schüttelt den Kopf. "Du kannst die Journallie wohl nie ganz vergessen, was?"

"Na und, du bist doch auch 24x7-Hacker."

Lachend erreichen beide die obersten Stufen der Treppe.

****

Der Schankraum füllt sich langsam aber stetig, denn der Samstagabend ist die beste Zeit für breiten und allgemeinen Nachrichtenaustausch. Im Hintergrund des Raumes sitzt die Reisegruppe um den großen, runden Tisch, der sonst für Vereinsversammlungen reserviert ist und wertet ihre spektakuläre Kaffeefahrt aus. Renate bringt eine letzte Runde Bier an den Tisch.

"Euer Letztes, ja?" Der Busfahrer langweilt sich. Er hat nur Wasser bekommen und möchte einfach nur noch nach Hause.

"Jo, das ist doch das Letzte!" Nach dieser Aussage von Hans Haansen, genannt HaHa, biegen sich alle Umsitzenden vor Lachen. Der sieht entgeistert und fragend in die Runde.

"Warum glaubt ihr immer, dass ich scherze?"

Franz-Joseph Hybelmaier verschluckt sich vor Lachen und verschüttet beim Husten die Hälfte vom Inhalt seines Bierglases.

"Hybel, ich klopf' dir nur den Rücken, wenn du versprichst, nicht mehr über mich zu lachen."

Dem Busfahrer dauert das einfach zu lange. Warum quasseln die nur so viel - er will endlich abfahren. Er schlägt Hybelmaier so sehr mehrfach mit der flachen Hand auf den Rücken, dass dieser auch noch den Rest Bier verschüttet.

"Ha ha hrrr, was hrr soll das?", rasselt Hybel zwischen den Hustern heraus.

"Am besten jeder gießt sein Bier aus und wir hauen ab."

Der Fahrer wird immer ungeduldiger. Er kann einfach nicht verstehen, warum die Gruppe Pensionäre solchen Spaß auf einer vollständig verunglückten Kaffeefahrt hat.

"Nun setzt dich noch einmal hin. Es ist wirklich das letzte Bier. Ist versprochen."

Wenige Minuten später erheben sich alle, schieben ihre Stühle geräuschvoll unter den Tisch und erheben sich.

Hybelmaier klopft dem Reiseleiter wohlwollend auf die linke Schulter. "Wir gehen schon 'mal zum Bus. Du kannst ja inzwischen zahlen. Aber beeil' dich, sonst sind wir weg."

Als der ihn verblüfft ansieht, fügt er noch hinzu: "Übrigens, Kaffee und Kuchen waren vorzüglich. Für die nächste Fahrt kannst' uns schon vormerken."

Dieter Dorsch hat als Reiseleiter von Kaffeefahrten schon viele ungewöhnliche Erlebnisse gehabt. Diese Fahrt schlägt jedoch alle Rekorde im 'aus dem Ruder laufen'. Nichts, aber auch wirklich gar nichts hat so funktioniert, wie es vorgesehen war. Er hat keine einzige Küchenmaschine verkauft und bekommt nun auch noch die Rechnung für eine unendliche Anzahl an Gläsern mit Bier und einen wahren Berg an Mettbrötchen präsentiert. Renate Hummel kommt auf ihn mit einer langen, schmalen Liste zu. Die 70-Zentimeter-Quittung auf dünnem Thermopapier flattern hinter ihr her wie ein Schwanz. Dieter sieht das Unheil auf sich zukommen und möchte die Summe gar nicht wissen. Da er glaubt, die Zahl würde ihn in eine Depression reißen dreht er der Wirtin seinen Rücken zu. Hinter diesem hält er ihr seine Kreditkarte entgegen.

"Wie das mit dem Trinkgeld funktioniert, wissen sie ja. Und beim Unterschreiben will ich die Summe auch nicht sehen."

Friedrich Krüger kann sich natürlich nicht zurückhalten: "Mein Bier auch noch auf die Liste, Renate."

Dieters Augen weiten sich vor Erstaunen. Er sieht ihn an. Dieser Krüger ist unberechenbar. Eine Kontrolle über ihn ist scheinbar unmöglich. In seinen Augen deshalb ein 'schrecklicher Mensch'. "Ja, aber, wieso?"

"Na bin doch stellvertretender Reiseleiter."

"Ahhhh!" Mit diesem lang gezogenen Stöhnen lässt Dieter sich einfach auf einen Stuhl, der neben ihm steht, fallen. Es stört ihn gar nicht, dass auf dem Stuhl schon ein anderer Besucher des Kulturhauses sitzt. Er sinkt auf dessen Schoß in sich zusammen und bleibt sitzen.

****

Die Reisegruppe hat inzwischen das Kulturhaus verlassen und steht ratlos vor ihrem kleine Bus. Er hat einige Beulen und Schrammen mehr, als bei ihrer Ankunft, die Außenspiegel fehlen. Vor der einzigen Tür steht ein rostroter Traktor, geparkt in einem wahnwitzigen Abstand von nur fünf Zentimetern. Der Busfahrer steht fassungslos vor dem schmalen Spalt zwischen den beiden Fahrzeugen. Er starrt ohne das geringste Anzeichen einer Bewegung für zwei Minuten hindurch. Dann bückt er sich und wiederholt dies in 75 Zentimetern Höhe noch einmal. Wieder einmal dauert es Hybel zu lange.

"Sage 'mal an, wo siehst du ein Problem? Gerade wolltest du noch schnell nach Hause und jetzt stehst du hier nur herum."

"Wenn du einsteigen kannst, dann mach' es und fahr uns los." Der Fahrer kapituliert. Er sieht keine Chance.

"O.k., dann wollen wir 'mal." Damit wendet sich Hybelmaier wieder dem Kulturhaus zu. "HaHa komm mit!"

"Kannst ruhig ein 'Bitte' in deine Aussage einflechten."

Beide gehen in Richtung der Freitreppe davon. Der Fahrer ist nun ganz niedergeschlagen.

"Hätte ich auch zwei, drei Bier getrunken, wäre mir alles sicherlich egal. Die genehmigen sich jetzt noch ein Bier und vergessen dabei den ganzen Problemtag."

Hybelmaier und Haansens gehen nur bis zu der Bank, auf der zuvor Birgit und Truedie gesessen haben. Sie müssen nicht darüber sprechen, was jetzt kommt. Dazu verstehen sie sich viel zu sehr. Beide packen die Bank an den Seiten, heben sie hoch und tragen sie hinter den Bus. Jetzt versteht auch der Fahrer, was kommen wird.

"Jo, das ist praktisch. Aber es ist absolut verboten - hat mein Chef gesagt. Seiner Omnibusphilosophie nach, hält die Heckscheibe den ganzen Bus zusammen. Tut es bitte nicht: wir werden für den Rest unseres Lebens hier bleiben müssen. Niemand wird uns suchen, finden, herausholen... Ich will noch nicht als 'auf Fahrt verschollen' gelten!"

Alle Reisenden sind auf die Heimfahrt eingestimmt. Niemand möchte sich mit dem Busfahrer solidarisieren und hier warten, bis eventuell der Traktor von der Stelle bewegt wird. Zudem hat Johannes bemerkt, dass dem Traktor das Lenkrad fehlt und die Bremspedale mit einem Draht an den Rückspiegel gebunden sind. Das Fahrzeug ist wohl gar nicht mehr verkehrstüchtig, wahrscheinlich kann es sich nicht einmal mehr aus eigener Kraft bewegen.

"Verschont mein Bussi, meinem Chefi - äh - Chef wird das gar nicht ge..." Else nimmt ihr goldgelbes, seidenes Tuch, das sie um den Hals trägt, ab und knebelt den Fahrer. Gleichzeitig fesselt Johannes dessen Hände auf dem Rücken.

"Ahh - himmlische Stille."

Hybelmeier und Haansens tragen mehrere Steine vom Rand des Parkplatzes heran, keine Findlinge: es sind nur Katzen- und Hundekopf große Brocken aus Granit. Gefunden auf den Feldern, werden sie regelmäßig eingesammelt und in den Ort als Straßen- und Wegbegrenzungen gebracht. Die Steine wachsen aus den Feldern. Jedes Pflügen bringt neue hervor - immer und immer wieder. Die Gletscher aus Skandinavien haben offensichtlich unendlich viele dieser Steine hier abgeladen.

"Der nicht - nein, der auch nicht - dieser?" Hybelmeier schreitet die Steine ab, die vor der Bank aufgereiht sind. Auf dieser sitzt der geknebelte und gefesselte Busfahrer und schüttelt den Kopf. Retten kann er seinen Bus nun nicht mehr.

"Och, nein doch nicht. Vielleicht dieser ... auch nicht."

"Lass 'mal mich ran. Ich kenn' Reim." Der Vorgang dauert Haansens eindeutig zu lange.

"Hää?"

Bei jeder Silbe auf einen anderen Stein zeigend, deklamiert dieser: "Der-Hy-bel-hat-nen-lan-gen-Stock"

"Reimt sich ja gar nicht."

"Na und? Den nehmen wir - fertig."

"Gut, weil du es bist." Hybelmaier nimmt den Stein auf. Dabei greift er ihn mit einem eleganten Schwung vom Boden, verlängert den Schwung zu einem Bogen und mit einer gekonnten Bewegung lässt er den Stein über seinen Kopf kreisen. Mit ausgestreckten Armen, die den Stein halten, dreht er sich einmal um sich selbst. Er zieht die Arme an seine Brust und verringert damit den Durchmesser der beschriebenen Kreisbewegung. Folgerichtig wird die Umdrehungsgeschwindigkeit größer. Nach einer zweiten Umkreisung lässt er den Stein frei. Seine Hände begleiten ihn noch kurzzeitig liebevoll auf seinem geradlinigen Weg in die Mitte der Heckscheibe des Busses. Das Sicherheitsglas zerplatz mit einem Knall in unendlich viele kleine, abgerundete Glassplitter. Ein letzter Sonnenstrahl, der sich zwischen dem Kulturhaus und der Kirche hindurchzwängen kann, verwandelt diese in eine Wolke goldener Funken, die auf den Busfahrer herunter prasseln und silbrig blinkend über den Boden hüpfen. Alle Anwesenden sehen starr und verblüfft Hybelmaier an.

"War früher 'mal Turner." erläutert er kurz das Schauspiel.

Der Abgang der Reisegruppe und das Ende der Kaffeefahrt nach Ranzlow sind nun einfach. Johannes, der einen Personenbeförderungsschein besitzt, klettert über die Bank durch das Heckloch in den Bus, fährt diesen einige Meter vor und alle anderen Reisenden steigen ein. Mit einem kurzen, quäkenden Hupen verabschieden sich die Reisenden von Ranzlow und fahren dieses Mal ohne Umwege direkt nach Hause.

****

Dieter Dorsch sitzt einsam am Tresen. Dank einiger destillierter Kümmel hat er seine innere Balance wieder gefunden. Die Reisegruppe ist ohne ihn abgereist. Hätten sie den idyllischen Gasthof gefunden, den sein Assistent reserviert hatte, dann wäre er ebenfalls geblieben. Er ist also nur seinem ursprünglichen Plan gefolgt. Der Ort scheint komplett apolitisch zu sein. Niemand spricht über die brennend interessanten politischen Themen, Wahlen oder das viele andere Zeugs, dass augenblicklich alle Medien verstopft. Er weiß nicht, dass seit 2002 und Friedrich Krügers Kampagne 'Das ist nicht unser Bier.' das verstörende Schild am Ortseingang angebracht ist. Seit damals war kein einziger Propagandist mehr in Ranzlow. So seltsam das ist, Dieter ist für den heutigen Abend für eine Wahlkampfrede gebucht worden, von mehreren Volksparteien und politischen Gruppen gleichzeitig. Er ist nur ein gedungener Söldner auf einem Vorposten, der die großen Kämpfe vorbereiten soll. Die Gladiatoren werden ihm einige Tage später folgen. Vielleicht kann er noch etwas von seiner Provision retten. Am falschen Ort, zur falschen Zeit, mit falscher medialer Ausstattung - es ist einfach alles fehlerhaft. Trotzdem wagt er es. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass es 20:30 ist. Der Abend hat begonnen, alle Gäste des Kulturhauses sind entspannt. Die Gespräche an den Tischen summen und die freudige Hoffnung auf schönes Frühjahrswetter am kommenden, arbeitsfreien Tag wogt durch den gesamten Raum. Auf der anderen Seite des Schankraumes, gegenüber dem ovalen, großen Tisch, an dem zuvor seine Reisegruppe das Gemüseinferno erlebt hat, ist eine kleine Bühne aufgebaut. Es gibt kein Mikrofon und keine Lautsprecheranlage. Seine Stimme sollte den nicht allzu ausgedehnten Raum auch ohne technologische Hilfe füllen können. Der Weg vom Tresen bis zu der Bühne ist nicht weit. Dieter erhebt sich abrupt von seinem Stuhl und nur zehn Schritte weiter steht er bereits auf der Bühne. Seinen Propaganda-Koffer hat er neben sich gestellt und aufgeklappt. Sonst dient dieser dem Transport von bunten Zetteln, Stiften und Stickern für die Moderation von Meetings - auch dazu lässt er sich häufig buchen. Heute füllen ihn bunte Flyer und Prospekte, bedruckt mit den kurzlebigen Versprechungen seiner Geldgeber. Und los geht es.

"Liebe Bürgerinnen und Bürger. Ich bin heute zu ihnen gekommen, um sie mit den Ideen der Volksvertreter vertraut zu machen, die sie in wenigen Tagen als ihre politischen Vertreter bestimmen dürfen. Ich kann ihnen sagen, dass diese für sie ein großes Paket an Leistungen geschnürt haben. Ihre Vertreter in den Parlamenten werden sich ..."

Seine kräftige Stimme trägt die Worte durch den Raum. Sie breiten sich wie eine große, schwere Wolke unter der Decke aus und fallen dann auf die Besucher des Kulturhauses herab. Ihre Wirkung gleicht eher einer kalten Dusche, als einem warmen Sommerregen. Schlagartig hat er die erschrockene Aufmerksamkeit aller Anwesenden. Nach kurzer Verwirrung und Ruhe schlägt die Stimmung im Schankraum schnell in eine kollektive Abwehr der ungebetenen Störung um.

"Ruhe da!"

"Seit wann brauch' ich 'n Vertreter? Soweit kommt's noch!"

"Ja nee, ich sprech' immer für mich allein!"

"Ich vertret' dich auch gleich!"

"Setz dich endlich und trink 'n Bier! Beruhigt."

Noch wirkt der Kümmel in Dieter und er sieht einfach darüber hinweg. Jetzt ist er an der Reihe!

"... ununterbrochen für sie einsetzen, immer für sie da sein und ihnen bis zum letzten Wort zuhören. Alle haben mir persönlich versichert, dass die Türen der Büros immer für sie, liebe Bürger, offen stehen werden, wenn sie von ihnen gewählt werden. Ich werde ihnen jetzt die Pakete, von denen ich gesprochen habe, überreichen. Diese hochwertigen, informativen Broschüren informieren sie über alle wichtigen Entscheidungen und Leistungen der Zukunft. Sehen sie sich dies in Ruhe an. Wenn sie Fragen ..."

"Nun hör 'mal auf zu labern, werd' konkret!"

"Ich hab meine Brille nicht dabei. Lies einfach vor!"

Dieter hält einen Packen mit Flyern in der rechten Hand. Er hat die dünnen Faltblätter wie einen Fächer ausgebreitet und ist gerade dabei, von der Bühne zu treten um die bunte, papierne Botschaft zu verteilen. Bei den Zwischenrufen kommt er ins Stocken. Er muss überlegen und wedelt sich in seiner Verlegenheit mit dem Fächer aus Versprechungen etwas Luft zu.

"Ähm, äh - ja wie bitte?"

"Na mach' die Pakete doch 'mal auf!"

Schlechter kann es nicht laufen. Er ist aus dem Konzept gebracht, hat den vorbereiteten Pfad seiner Politikshow verlassen und es fällt ihm beim besten Willen nicht ein, wie er wieder auf diesen zurückgelangt. Schon wieder ist ihm die Kontrolle entglitten. Da hilft nur noch der frontale Angriff.

"Ja was möchten sie denn, was wünschen sie sich? Fragen sie mich einfach."

"Nu' ich möcht' immer kostenlos mit dem Bus fahren."

"Aber natürlich werden ihre Volksvertreter, wenn sie die richtigen wählen, nach der Wahl den ganzen Nahverkehr kostenlos gestalten. Sie können sich darauf verlassen, dass sie im gesamten Land überall hin gelangen, ohne einen Cent zu zahlen. Und das mit Bus und Bahn. In einigen Regionen wurde das bereits erfolgreich getestet. Dieser Kandidat hier verspricht Ihnen, dass im gesamten Land einzuführen, wenn sie ihn wählen."

Erstaunen breitet sich im Raum aus. Die Gespräche an den Tischen werden immer lauter und eine allgemeine Unruhe ist zu verspüren. Dieter atmet hörbar durch. Offensichtlich funktioniert diese Taktik. Er hat die Aufmerksamkeit auf sich gezogen und gewinnt die Kontrolle über die Situation zurück.

"Hallo sie da - hallo! Ich, ich will weniger Miete zahlen. Ich wohn' hier zur Miete." meldet sich ein anderer Gast unsicher. Er muss sich sehr anstrengen, um gehört zu werden. Der Politiksöldner antwortet prompt und mit fester Stimme. Das scheint ihm der einzige Weg, um die Kreation seiner Auftraggeber glaubhaft zu annoncieren.

"Aber natürlich senkt ihr gewählter Vertreter die Mieten und das radikal. Diese politische Gruppierung hier verspricht ihnen eine Miet-Flatrate mit gesetzlich festgelegter Obergrenze. Und das unabhängig von der Größe ihrer Wohnung. Sie wählen und bekommen dann dieses Paket." Dieter wirft eines der bunt bedruckten Blättchen in Richtung des Anfragenden.

"Wie soll'n das funktionieren?" meldet sich der Vermieter dessen. Er sitzt am gleichen Tisch und muss den aufkommenden Tumult förmlich überbrüllen. "Da kann ich die Hälfte meines Hauses ja gleich verschenken!"

"Nee, nee, nee, das will ich nich. Die Instandhaltung kann ich mir nicht leisten."

Einmal in Fahrt gekommen, überhört Dieter diese Einwürfe. Er hat jetzt Bündel von blass, bläulich, grünlich und silbrig bedruckten Zetteln in den Händen. Diese sind nicht viel größer als Visitenkarten. Er wirft sie von der Bühne in den Raum. Wie bei der Siegerehrung einer Weltmeisterschaft wirbeln blinkende Schnipsel durch das gelbliche Licht. Im Kulturhaus verstrahlen es die alten Deckenlampen und nicht die Flutlichtbatterien auf den Türmen eines Stadions.

"Ja, Verschenken ist gut. Tun sie es möglichst bald. Dieser Kandidat hier verspricht, falls er gewählt wird und sie dann die Hälfte ihres Reichtums verschenken, dass sie an einer Heiligsprechungsverlosung teilnehmen können. Ja, sie haben richtig gehört: unter den ersten tausend Schenkern, die das soziale Gefälle freiwillig ausgleichen, wird eine Heiligsprechung verlost. Das ist die einmalige Chance für jeden Wähler, in die Geschichte einzugehen. Schenken sie sich heilig!"

"Gibt es auch atheistische Heilige? Ich glaube nicht an Götter - so ein Titel könnte mir aber gefallen." Das ist natürlich Krüger. Die Show, die auf der Bühne stattfindet, bereitet ihm gerade so viel Spaß, dass er ganz aufgekratzt ist und unruhig auf seinem Stuhl hin und her rutscht.

"Bleib 'mal ruhig, Krüger. Sonst brauchst morgen 'ne neue Hose. Dann ist dein Reichtum weg, du kannst nichts mehr verschenken und aus ist's mit 'nem Heiligenschein."

"Mensch Meier, überlegt doch 'mal, wie praktisch so'n Schein ist: Du kannst glatt die Leselampe verschrotten."

Die Unruhe im Raum nimmt weiter zu. Der Nachhall der lauten Gespräche an den Tischen fällt von der glatten, holzvertäfelten Decke wie ein schwerer Regen auf die Besucher zurück. Diese sind phonetisch vollständig durchweicht. Die schweren Schallwellen lasten drückend auf den Ohren. Da Druck bekanntlich immer Gegendruck erzeugt, werden die Gespräche noch lauter. Und schon kommt der nächste Zuruf aus dem Saal. Der Rufer hat eine laute, kräftige Stimme. Sie übertönt das allgemeine Getöse noch deutlich.

"Du da, der Strompreis is'ne absolute Katastrophe! Wann tun die da oben endlich mal was?"

Alle haben es gehört und irgendwie wirkt der Ausruf wie ein Interrupt. Er unterbricht sämtliche aktuelle Handlungen. Selbst Renate hört für einen Augenblick mit dem Füllen der Biergläser auf. Für Dieter ist dies die Unterbrechung und der Anknüpfer, auf den er gewartet hat. Eine bessere Vorlage konnte er nicht bekommen. Seine Haltung strafft sich weiter. Er stemmt beide Hände in die Hüften, hebt den Kopf und beginnt mit seinem Vortrag, in der glücklichen Vorahnung der totalen Kontrolle über die Zuhörer.

"Ja da gebe ich ihnen Recht und ihre Kandidaten tun das auch. Alle haben sich für die Senkung des Preises für elektrische Energie ausgesprochen. Sehen sie hier, dieser Kandidat verspricht den radikalen Volksstrom. Falls sie ihn wählen, kommt es sogar noch besser für sie. Er verspricht eine 'Volksstromflatrate'. Das heißt, sie zahlen monatlich nur 100 Euro und verbrauchen so viel elektrische Energie, wie sie möchten."

Er stößt die Worte mit so viel Kraft in den Raum, dass er vermeint, ein Echo von der gegenüberliegenden Wand zu vernehmen. Den Worten wirft er, gleichsam als Bekräftigung ihrer Wahrhaftigkeit, eine Handvoll Prospekte hinterher. Geschafft! Er hat alles auf eine Karte gesetzt und den ganzen Saal in seinen Bann gezogen - auch wenn die letzten Ergänzungen wirklich übertrieben und durch ihn erfunden sind. Offene Münder und aufgerissene Augen sind auf die Bühne gerichtet. Die hochgezogenen Brauen bilden mit Nasen und Mündern Fragezeichen. Alle sind an ihn adressiert und scheinen auf seine weiteren Auskünfte über eine unglaubliche Zukunft zu warten. Renate vergisst den Zapfhahn zu schließen. Der helle, dünne Strahl Bier trifft auf ein bereits bis zum Rand gefülltes Glas. Das Bier fließt über ihre Hände, die Arme hinunter und tropft von ihren Ellbogen auf den Boden. Erschrocken schließt sie den Hahn und sieht sich vorsichtig um. Niemandem scheint ihr Missgeschick aufgefallen zu sein. Erstaunt bemerkt sie, dass alle übrigen Anwesenden offensichtlich hypnotisiert sind. Sollte der seltsame Vertreter, der dieses ganze Theater hier veranstaltet, die Gabe der Massenhypnose besitzen? Die Erscheinung hat eine viel einfachere Ursache. Niemand im Gastraum kann verstehen, wie das funktionieren soll. Als Ranzlower weiß man: von nichts kommt nichts. Und bei der elektrischen Energie gilt das um so mehr. Die Kraftwerks-Karlotta arbeitet de facto rund um die Uhr, ist ständig in der Gegend unterwegs und um ihre Anlagen besorgt. Unermüdlich bemüht sie sich, den größten Teil des Ortes mehr oder weniger kostenlos mit Strom zu versorgen. Wohl deshalb legt sie ihren blauen, ölverschmierten Overall nie ab. Die fliegenden Prospekte, die sich in dem Augenblick der allgemeinen Fassungslosigkeit durch die Luft bewegen, sind schwarz, groß, aus stärkerem Karton und offensichtlich schwer. Sie segeln gerade einmal bis zu dem ersten Tisch, der nahe der Bühne steht und fallen dort kraftlos auf die aufgedeckten Spielkarten einer Skatrunde.

"Ähh, soll'n das? Lass mich in Ruhe!" ist die prompte, deutliche und laute Antwort des Spielers, der in dem Augenblick den Stich macht.

Den Ausspruch kann Dieter nicht zuordnen, er passt so gar nicht zu der allgemeinen Lage im Raum. Alle Gäste des Kulturhauses sehen ihn gespannt an und warten auf seine nächste Offenbarung. Nur die drei Kartenspieler, die ausgerechnet auch noch am Tisch direkt vor der Bühne sitzen, ignorieren ihn. Ein Gedanke zuckt wie ein Blitz durch sein Hirn: Das sind die einzigen Anwesenden, deren Denken er in diesem Augenblick nicht bestimmt! Er hat nach wie vor nicht die perfekte und absolute Kontrolle! Wenn es ihm nicht gelingt, so schnell wie möglich auch ihre Gedanken vollständig auf sich zu ziehen, könnte ihm wieder das Heft aus der Hand genommen werden. Er ist gerade so richtig in Fahrt beim Erfinden von wahnsinnigen Versprechungen und legt einfach noch weiter zu.

"Die 'Volksstromflatrate' ist eine grandiose Erfindung. Niemand muss sie beantragen. Sie wird, falls ihr Vertreter gewählt wird, automatisch eingeführt. Alle zahlen dann nur noch 100 Euro und keinen Cent mehr und das ganz automatisch. Und wer das nicht möchte, kann alternativ alle verbrauchten Kilowattstunden für jeweils 8 Cent kaufen."

"Soll'n das? Zahl' jetzt viel weniger!"

"Du wohnst ja auch an Karlottas Strom-Trasse. Nicht jeder hat's so günstig."

"Wie? Sie zahlen schon jetzt weniger für die Energie, die sie verbrauchen?" Nun ist Dieter mächtig erstaunt. Wie soll denn das funktionieren? Er hat ja schon maßlos übertrieben und die wahnsinnigsten und unhaltbarsten Ideen von praktisch unwählbaren Politikern extrapoliert und vorgetragen. Auf jeden Fall hat er damit die Aufmerksamkeit der gesamten - fast der gesamten - Gästeschaft bekommen. Und jetzt erzählt ihm jemand, dass die Realität noch verrückter sein kann?

"Jo, kommt doch aus dem ortseigenen Netz, von der Karlotta."

Ein anderer Gast aus dem Publikum bring ein Argument aus einer ganz anderen Richtung an.

"Wie soll das denn werden, sind doch die gleichen Politiker wie vorher. Warum haben die bisher nichts getan?"

Dieter Dorsch sieht seine Felle wegschwimmen. Das große, flauschige, mit der neonfarbenen Aufschrift "Saalführung" treibt schon am Horizont und wird durch eine große, mentale Woge gerade überspült. Er sieht nur noch die Rettung im Frontalangriff. So beginnt er, auf Zurufe aus dem Saal alles zu versprechen, was seine Zuhörer wünschen. In jedem Fall übertreibt er mächtig und wirft mit bunten Zetteln aus seinem Koffer wild um sich. In der fantastischen Zukunft, die bald einsetzt, wird Ranzlow eine eigene Autobahnabfahrt mit Zubringerstraße, zwei zusätzliche Bahnhöfe bekommen, es wird höchstbezahlte Arbeitsplätze für alle Einwohner geben (ganz unabhängig von Qualifikation, Arbeitsmarkt und Eignung) und es wird natürlich die 20-Stunden-Arbeitswoche eingeführt.

Die überzogenen Ideen und Konstrukte von Dieter Dorsch beginnen Krüger zu langweilen. Seine Unruhe ist vollständig verflogen. Die Versprechungen sind doch zu fantastisch, als dass sie glaubhaft sind. Er bereut es, ihm beim Aufräumen der Überreste des Gemüseinfernos geholfen zu haben.

"Wer alles verspricht bringt nichts zustande." Mit diesem lauten Ausspruch beendet er für sich die Show und wendet sich seinem Freund Jakob Meier zu, der mit ihm am Tisch sitzt. Aus dem Publikum wird sein Ausspruch durch "Buh: dreister Lügner"-Rufe sekundiert. Die Polit-Show hat einen Punkt erreicht, an dem sie komplett unglaubwürdig wird. Sie wirkt so stark überzogen, wie eine Kabarettveranstaltung. Dieter Dorsch ist zum wiederholten Mal an diesem Tag nicht Herr der Lage. Auf seinem Gesicht zeichnet sich das pure Entsetzen ab. Die Augen sind weit aufgerissen und die Pupillen vor Erregung geweitet. Er rudert mit den Armen wild in der Luft herum. Die hektischen Bewegungen erschrecken die in der Nähe der Bühne sitzenden Gäste des Ranzlower Kulturhauses so sehr, dass sie mit ihren Tischen vorsichtig etwas mehr Abstand zur Bühne suchen. Er steht in einem flirrenden Wirbel bunter Prospekte und mischt in seine immer wirrer werdende Rede sporadische "hört mir doch zu" und "bitte versteht mich" Aufrufe.

****

Im Rahmen der großen Eingangstür lehnt ein Gast. Er ist mit dem Beginn der Show durch die Tür getreten. Darbietung und Aufregung des Publikums hat er von seinem Standort aus sehr offensichtlich genossen. Während Dieter weiter über die Vorteile und großen Versprechungen der Kandidaten fabuliert, geht er langsam und lächelnd zu dem Tisch, an dem Truedie und die Journalistin sitzen.

"Guten Abend die Damen."

"Rolf! Ich bin schon den ganzen Tag im Ort und habe dich nirgendwo finden können." Die Journalistin springt auf und fällt ihm um den Hals.

"Auf dem Feld gab's Arbeit und anschließend musste ich noch etwas recherchieren."

"Du hast doch nicht wieder deinen Computer verseucht und musst jetzt den Frust wegspülen?" Truedie lächelt. Rolf ist Spezialist im Verseuchen und Dekonfigurieren von Rechnern. Niemand kann so schnell und gründlich einen Computer unbenutzbar machen, wie er.

"Wo denkst du hin. Der Pinguin hat mich gerettet. Hier ist es aber lustig. Macht der das da schon lange? Wann hat Renate den Kabarettisten gebucht? Ich wusste gar nichts davon."

"Du Rolf, ich glaub' der meint das ernst."

Rolf zieht die Augenbrauen nach oben. "Ernsthaft? Kann der nicht lesen? Der muss doch am Ortsschild vorbeigekommen sein."

"Nun, er zieht schon ein paar Stunden eine spektakuläre Show ab. Da muss ganz mächtig was los gewesen sein, bevor wir eingetroffen sind."

"Seine Versprechungen sind ja wirklich übel. Offenbar hält er uns für nicht ganz zurechnungsfähig."

Die Journalistin sieht ihn traurig an: "Ich denke eher, er pfeift auf dem letzten Loch. Er scheint sich total überreizt zu haben."

"Ich kannte da 'mal einen ... der hat beim Skat immer bis in die 10-Tausende gereizt, nur weil er jedes Spiel machen wollte. Ihm war egal, welches Blatt er hatte, überreizt hat er sich immer. Nach dem Spiel war er dann regelmäßig deprimiert, da er verloren hat. Das Beste ist aber: ihm ist nie aufgegangen, warum."

Die Stimmung im Raum schwankt immer wieder zwischen Ablehnung, Interesse und ungläubigem Staunen hin und her. Seit einigen Minuten ist sie bereits bei der Ablehnung hängen geblieben und jegliche Veränderung scheint auszubleiben. Im Schankraum kümmert sich niemand mehr um die laute Rede, die auf der kleinen Bühne gehalten wird. Sie ist nur noch ein störendes Hintergrundgeräusch. Die Unterhaltungen an den Tischen übertreffen die unerwünschte Geräuschkulisse in ihrer Lautstärke. Das gesamte Kulturhaus summt wesentlich intensiver als vorher. Erst als die akustische Störung aus dem Hintergrund abrupt ausbleibt, wird es wieder leiser und schnell breitet sich vollständige Ruhe im Raum aus. Etwas hat sich verändert, die Gespräche sind verstummt und die Bühne hat wieder die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Gäste. An der Wand, hinter der Bühne, kriecht eine große, orange Amöbe langsam zu Boden. In ihrer Mitte befindet sich eine mannshohe Aussparung. Vor dieser steht ein sprachloser Dieter Dorsch, nass und orange eingefärbt auf der Seite, die dem Schankraum zugewandt ist.

"Oh Gott, der Maler ist hier." Truedie sieht sich unter den Gästen im Kulturhaus um, bis sie ihn erkannt hat. Lange muss sie nicht suchen. Wer trägt schon einen hellen Trenchcoat, ein Barett, pflegt einen auffälligen Schnauzer unter seiner Nase und hat sich zwei riesige Pumpguns für Paintballs quer über den Rücken geschnallt. Das ist eindeutig nicht legal, denn Markierer dürfen nicht in der Öffentlichkeit getragen und schon gar nicht genutzt werden: davor behütet uns das Waffengesetz. Der Mann, der neben der kleinen Eingangstür an der Wand steht, betrachtet die ganze Situation belustigt. Die Enden seines breiten Schnauzers zucken mehrfach leicht nach oben. Er ist nicht besonders groß, vielleicht ein Meter und 65 Zentimeter. Das Barett, dessen flache Seite er über das rechte Ohr geschoben hat, lässt ihn etwas größer erscheinen. Über den beiden schmalen Schultern ragen die Kolben der großen Gasdruckgewehre empor. Aus etwas mehr Entfernung könnte man sie mit Flügeln verwechseln.

"Er wollte heute zu mir kommen, wegen seiner neuen Netzidentität. Ich muss zu ihm - macht's gut, ihr kommt ja auch ohne mich zurecht." Lächelnd steht Truedie auf und geht zu dem auffällig und illegal gekleideten 'Maler' hinüber.

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Es ist exakt 21 Uhr - dieser Abend ist gelaufen. Die Veranstaltung war kurz und in keinem Falle so, wie von Dieter Dorsch geplant und gewünscht. Der ganze Tag entwickelte sich schlicht zu der übelsten Totalkatastrophe, die für ihn denkbar ist. Hastig verlässt er das Kulturhaus. In der Hoffnung, nicht mehr aufzufallen, nutzt er die zweite, kleinere Eingangstür. Er zwängt sich hindurch und stolpert die schmale Metalltreppe hinunter. Wo soll er jetzt hin? Findet er jetzt noch einen Rücktransport in die Zivilisation? Muss er im Wald schlafen? Sind die Wölfe aus der Lausitz schon bis hier gewandert? In schreckliche Gedanken versunken, stößt er auf der Treppe mit einer Frau zusammen. Diese trägt einen ölverschmierten, blauen Overall. Sie sieht den orange eingefärbten Mann aufmerksam an, der einen Rollkoffer hinter sich über die Treppe zerrt. Ein Rad verhakt sich im Gitterrost einer Stufe. Ungeduldig reißt er an dem Teleskopgestänge des Koffers. Das Rad kommt frei, er verliert die Balance und fällt die Treppe hinunter - direkt in Karlottas Arme.