; Plakatieren wir die Welt – Werbung macht das Leben bunter

Plakatieren wir die Welt – Werbung macht das Leben bunter

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rei große Transporter sind auf dem Weg nach Ranzlow. Die Motoren dröhnen und leiten über die Getriebe alle verfügbare Kraft auf die großen Räder weiter. Kilometer für Kilometer der Straße fressen die Fahrzeuge zügig hinweg und lassen immer mehr Abstand zwischen sich und dem Verwaltungszentrum entstehen. Gelbe Felder und grüne Wälder gleiten an den Fenstern vorüber. Das Flimmern der Sonnenstrahlen durch das dichter werdende Blätterwerk der Straßenbäume und das Stroboskop, das diese gemeinsam mit der Sonne bilden, lassen Jürgens Stimmung auf einen Höhepunkt klettern. Heute ist ein trockener, sonniger Frühlingstag. Er hat einen großen Auftrag bekommen, der nicht schwierig auszuführen ist. Das macht den Tag noch schöner. Endlich wieder vernünftige, leichte Arbeit mit überdurchschnittlicher Bezahlung: Wahlkampfzeiten sind fette Zeiten! Seinen Angestellten scheint die Arbeit nicht zu behagen. Die letzten sechs Wochen ohne Aufträge fanden sie viel schöner. Das war für sie zusätzlicher Urlaub. Den Zusammenhang zwischen Aufträgen und ihrer Anstellung haben sie einfach verdrängt. Noch drei Wochen mehr und er hätte seine vier Mitstreiter in den unbezahlten Dauerurlaub entlassen müssen. Dem kam der Generalauftrag mehrerer Volksparteien zuvor. Er darf nun in mehreren Landkreisen so gut wie alle Plakate aufstellen, ankleben und die bunten Werbeheftchen verteilen. Und er hofft auf einen Folgeauftrag: die frohen Botschaften müssen nach der Abstimmung ja auch wieder entfernt und eingesammelt werden. Unvermittelt wird seine freudige Stimmung und auch die Fahrt unterbrochen. Der Transporter, den Jürgen fährt, fällt mit dem rechten Vorderrad in ein Schlagloch. Dieses hat seit dem letzten Winter eine Metamorphose vom Riss zum Tagebau unternommen. Nun ist es so groß, dass vor zwei Wochen der Dorfpolizist mit seinem traditionellen, blauen Simsonroller vom Typ "Schwalbe" hineingefallen ist. Das gesamte Vorderrad war in dem Loch versunken. Erst der Lenker, mit den Blinkleuchten an den Enden, hat den Fall gebremst. Er ist gerade noch links und rechts am Rand der Asphaltfehlstelle hängen geblieben. Die aus den Sturz resultierende, abrupte, negative Beschleunigung des Fahrzeuges verhalf dem Polizisten zu einem Parabelflug in den Straßengraben – nicht sein erster. Natürliche musste Meier das Moped zum wiederholten Male richten, schweißen und lackieren. Da das Schlagloch den Dorfpolizisten bei Einfahrt in den Ort auf der rechten Seite erwischt hat, fährt er jetzt aus Prinzip immer links auf der Straße. Die Einwohner von Ranzlow kennen das schon. Nach jeder Kollision auf der rechten Seite der Straße fährt er für mehrere Monate konsequent links.

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Jürgen erlebt auf seinem Fahrersitz einen kurzen Augenblick der Schwerelosigkeit, in dem der Transporter unter ihm in die bodenlose Tiefe des Schlagloches fällt. Zuerst schlägt er mit dem Kopf gegen die Decke der Kanzel. Als der Sitz ihm wieder aus der Tiefe entgegenkommt, wird er unsanft zusammengestaucht. Im Laderaum werden die Aufsteller und Plakatwände laut polternd neu gemischt. Die zu Beginn der Fahrt noch vorherrschende Sortierung nach Parteien, existiert jetzt nicht mehr. Da sich die Politiker parteiübergreifend aber so und so nicht unterscheiden, wird das wohl auch niemanden stören. Was Jürgen nicht weiß: der Spitzenkandidat der größten aller örtlichen Volksparteien hat nun mitten im Gesicht ein Horn. Auf dem Aufsteller sieht er jetzt wie ein Rhinozeros aus. Eine Transportrolle für große Papierbahnen sticht an Stelle seiner Nase ganze dreißig Zentimeter aus dem Plakat hervor. Doch das wird Jürgen erst sehr viel später feststellen. Der Transporter bricht nach rechts aus und Jürgen schafft es mit viel Mühe, ihn auf der Straße zu halten und kurz vor mehreren großen Schildern zum Stillstand zu bringen. Der Reifen ist eindeutig ein Opfer des arglistigen Schlagloches geworden. Vielleicht ist es ja eine Form des stillen Protestes der toten Materie gegen die Sinnlosigkeiten der Politik. Vielleicht ist es auch nur ein simples Missgeschick in Kombination mit vielen Zufällen.

W17C2P5
Autor

© 25.09.2014
http://texorello.org/W17C2P5
29. April 2014 10:30 Uhr
Ort: Ortseingang Ranzlow
Personen: Chef der Plakateure
29. April 2014 11:00 Uhr
Ort: Ranzlower Kulturhaus
Personen: Chef der Plakateure, Krüger
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