; Wozu?

Wozu?

Es ist Montagmorgen. Ein milder Tag, Anfang März.

Ich sitze am Schreibtisch und schaue auf die Bäume entlang der Bahngleise in Görlitz. Hier lebe ich zusammen mit meiner Frau seit fünfzehn Jahren.

Nach einem turbulenten und schmerzhaften Leben bin ich alt und ruhig geworden. Jetzt ist es schön. Ich bin angekommen. In dieser alten Stadt. Bei dieser klugen, starken Frau. In diesen Aufgaben, die ich liebe und für wichtig halte.

Auf dem Weg hierher habe ich viele Menschen kennengelernt. Sie kamen zu mir, weil sie sich und ihr Leben verändern wollten. Sie gaben mir ihr Vertrauen und schenkten mir ihre Irrtümer und Erkenntnisse, ihr Wissen und ihre Gefühle.

Vielleicht halfen sie mir mehr als ich ihnen.

Ich habe mich über die Jahre von meiner Kindheit verabschiedet.

Es ist Frieden in mir. Jetzt.

Wozu schreibe ich?

Es gibt zu viele Kriege in der Welt. In den Familien. Zwischen den Kulturen. Gegen die Natur. Gegen sich selbst. All das kann ich nur ertragen, wenn ich Ihnen, liebe Leser, einen kleinen Beitrag für ein gegenseitiges und friedvolles Verständnis liefere.

Jedes Verhalten hat Ursachen und Ziele. Wir können und müssen alles Zerstörerische gleichzeitig ablehnen und verstehen.

Vor einigen Jahren war mein Appell „Hinter allem den Menschen sehen“. Mir war und ist wichtig, durch die Fassaden aus Wut, Hektik, Zerstörung und Verzweiflung hindurch zu sehen und zu erkennen, um was es dem Menschen wirklich geht.

Ich weiß, dass die Würdigung der inneren Vielfalt und der in unserer Seele wirkenden Kräfte zu einem inneren und äußeren Frieden führt.

Über diese Vielfalt schrieb Hermann Hesse:

„In Wirklichkeit aber ist kein Ich, auch nicht das naivste, eine Einheit, sondern eine höchst vielfältige Welt, ein kleiner Sternenhimmel, ein Chaos von Formen, von Stufen und Zuständen, von Erbschaften und Möglichkeiten. Als Körper ist jeder Mensch eins, als Seele nie… - Unsere Bestimmung ist es, die Gegensätze richtig zu erkennen, erstens als Gegensätze, dann aber als Pole einer Einheit... Die Einheit, die ich hinter der Vielfalt verehre, ist keine langweilige, keine graue, gedankliche, theoretische Einheit. Sie ist ja das Leben selbst, voll Spiel, voll Schmerz, voll Gelächter.“ (Hesse, Steppenwolf, 1927)

Um zu verstehen, wie wir diese Vielfalt einigen können, hilft mir das, was C.G.Jung sagte:

Das Gegensatzproblem ist) ein der menschlichen Natur inhärentes System... Es gibt kein Gleichgewicht und kein System mit Selbstregulierung ohne Gegensatz. Die Psyche aber ist ein System der Selbstregulierung. (Jung, Gesammelte Werke VII, 1926)

Ohne innere Konflikte gibt es kein Verhalten. Es ist an der Zeit, die Konfliktparteien in uns an den Verhandlungstisch zu bringen.

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