Menschen sein
Claus Dreier
Religion
115
9783912062267
Januar 31, 2026
Deutsch
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Menschen sein
Ich erinnere Begegnungen mit Menschen an Wegen, die nicht nur geradeaus gehen, nicht gepflastert oder asphaltiert sind. So wenig wie es das Leben ist. In den Schlagzeilen der Zeitungen stehen allerdings die Namen der Menschen, die mehr oder weniger berühmt oder bekannt sind. Wir haben uns daran gewöhnt, ihr Leben zu verfolgen - und das nicht nur, weil Klatschspalten unterhaltsam sind. Ob Politikerin, Schauspieler, Sportlerin oder Wirtschaftsboss, was immer ihnen auch widerfährt an Glück oder Unglück, wir nehmen daran teil, manchmal auch Anteil. Das Umschlagfoto zeigt eine Skulptur von Susanne Kraisser auf Spiekeroog.
Sample
Menschen am Weg - ich gehe an ihnen vorüber. Je mehr es sind, desto oberflächlicher nehme ich sie zur Kenntnis. Manche sehe ich nicht, selbst dann nicht, wenn sie mir sehr nahe kommen. Hab einfach keine Augen für sie. Kein Ohr. Keine Hand. Kein Herz.
Manchmal ist es anders. Dann öffnet sich eine andere Welt. Dann wundere ich mich über das vielfältige Lebenswunder, das eigentlich in allen Biographien vorkommt. Begegnungen setzen diese Vielfalt frei, wenn ich offen bin dafür, wenn ich hinhöre, einstimme in das Leben anderer. Begegnungen geschehen an Wegen, die nicht nur geradeaus gehen, nicht gepflastert oder asphaltiert ist. So wenig wie es das Leben ist.
Mich interessieren Menschen. Ich genieße Begegnungen mit alltäglichen Menschen, auf dem Markt oder im Cafe´. Diese Begegnungen sind es auch, die mich reich machen.
In den Schlagzeilen der Zeitungen stehen allerdings die Namen der Menschen, die mehr oder weniger berühmt oder bekannt sind. Wir haben uns daran gewöhnt, ihr Leben zu verfolgen - und das nicht nur, weil Klatschspalten unterhaltsam sind. Ob Politikerin, Schauspieler, Sportlerin oder Wirtschaftsboss, was immer ihnen auch widerfährt an Glück oder Unglück, wir nehmen daran teil, manchmal auch Anteil. Sie werden von Menschen geliebt, mit denen sie noch nie ein Wort gesprochen haben, ihr Schicksal berührt uns, ohne dass sie je davon erfahren werden.
Dagegen bleiben die meisten anderen namenlos. Ihr Leben ragt nicht heraus aus denen der Millionen anderer Menschen. Sie sind eben nicht besonders, sondern alltäglich, jedenfalls im Vergleich zu allen, deren Bilder uns am Kiosk entgegen strahlen und deren Namen uns - und seien sie auch noch so exotisch - problemlos über die Lippen kommen.
Ich denke an die, die im „Who is who” der Gesellschaft keinen Artikel bekommen werden. Aber der Wert des Lebens ist doch unabhängig davon, ob ihm Tausende zu Füßen gelegen haben oder ob es nur mit Füßen getreten wurde. Der Hauptmann von Köpenick ist gleich viel wert wie der Schuster Voigt! Diese Erfahrung machen alle, die sich mit den Biographien der „Namenlosen” beschäftigen. Auch einfache Menschen vom Dorf sind die „Heldinnen und Helden” der Geschichte. Alte und Kinder gleichermaßen, Menschen jeden Alters und jeglicher Herkunft. Ihre Namen sind nie in den Schlagzeilen gewesen; eine Ehrendoktorwürde wurde ihnen nicht zuteil und auch kein Staatsbegräbnis. Keine Regierung, die um ihretwillen Trauerbeflaggung anordnete und keine Zeitschrift, die auf ihrer Titelseite ihren Tod verkündigte. …