Kreuzbrück - Zeitenbande

Laura Boldt

Der Untergang des Kaiserreiches war eine interessante Zeit, in der viele Weichen für unsere heutige Welt gestellt wurden. Hundert Jahre sind inzwischen vergangen und trotzdem gibt es noch offene Fragen und viel zu durchdenken. Eine Autorin kann sich unbefangen diesen Rätseln nähern, sie mit Fantasie füllen und begreifbar machen. Vielleicht sind die beschriebenen Geschehnisse der Wahrheit sehr nah und enthalten lang gesuchte Antworten. Laura Boldt hat liebevoll die unterschiedlichsten Zeitstränge und Lebenswelten junger Frauen der vorletzten Jahrhundertwende in einem Roman verwoben.

Genre:

Fantasy/Science-Fiction

Pages:

218

ISBN:

9783912062250

Published:

Dezember 31, 2025

Language:

Deutsch

Edition:

1

Kreuzbrück - Zeitenbande

“Im Grunde sind es doch die Verbindungen mit Menschen, die dem Leben einen Sinn geben.”

  • Wilhelm von Humboldt

Den Freundinnen Alma, Mariella und Martha-Elise stehen erneut stürmische Zeiten bevor. Der herannahende 1. Weltkrieg droht das Leben von Martha-Elise und ihren Liebsten auf den Kopf zu stellen. Auch Mariella muss sich vorsehen, dass sie von niemandem bei ihrem heimlichen Studium entdeckt wird und für Alma eröffnen sich nach dem Verschwinden von Frederik neue Perspektiven.

Sample

Alma öffnete atemlos den Reißverschluss ihrer Jacke und lockerte ihren Schal. Wahrscheinlich hätte es sich gelohnt, vorher einen Blick auf den Wetterbericht zu werfen. Doch wer konnte ahnen, dass das Thermometer Ende Oktober noch einmal die 20- Grad – Marke erreichen würde. Ihr Blick wanderte zu ihrer Armbanduhr, sie war wie immer spät dran. Abgehetzt und leicht verschwitzt erreichte sie die Straßenecke, an der Mariella, Vika und Marit sie bereits erwarteten. Vika schüttelte mit gespielter Ernsthaftigkeit den Kopf und ahmte den Ton ihrer Freundin Martha-Elise nach: „Alma, ständig kommst du zu spät und nicht einmal zu meiner Geburtstagsfeier bist du pünktlich.“ Daraufhin brachen alle vier in schallendes Gelächter aus und umarmten sich stürmisch. „Lise wird schon nicht böse sein. Es ist gerade mal eine Verspätung von einer halben Stunde“, bemerkte Alma, während sie gemütlich den Berg, der zu Lises Straße führte, runterschlenderten.
Als die vier Mädchen das Haus ihrer Freundin erreichten, wurden sie zunächst alle von Tinka, Lises kleiner Katze, die die letzten wärmenden Sonnenstrahlen auf dem steinernen Torpfeiler genoss, begrüßt. Die graue Tigerkatze sprang grazil auf den Boden und streifte den Mädchen zur Begrüßung um die Beine. Alma bückte sich zu ihr herab und vergrub ihre Hände im von der Sonne aufgeheizten Fell der Katze, während diese ihren Kopf an ihrem Bein rieb und leise schnurrte. „Da seid ihr ja endlich“, rief Lise, die in diesem Moment in der Eingangstür erschien. Es klang leicht vorwurfsvoll, aber auf ihrem Gesicht lag ein breites Grinsen. „Ihr könnt eure Sachen erstmal hoch in mein Zimmer bringen und dann ist großes Kuchenessen angesagt“, meinte sie, während die restlichen Mädchen das Haus betraten. „Aber du hast doch erst morgen Geburtstag. Da können wir doch noch nicht deinen Geburtstagskuchen essen.“, stellte Alma leicht pikiert fest, als sie die Treppe zu Lises Zimmer emporstiegen und ihre Schlafsachen in dem riesigen Raum ablegten. „Ach, Kuchen geht immer. Egal, ob Geburtstag oder nicht“, bemerkte Mariella und Lise zuckte die Schultern. Alma ließ den Blick durch Lises Zimmer streifen. Ein wenig beneidete sie ihre Freundin darum, dass diese die komplette erste Etage des Hauses für sich allein zur Verfügung hatte. Ihr Blick fiel auf die große Pinnwand, die sich im hinteren Teil des Zimmers befand. Dort hingen Fotos von Martha-Elises Lieblingsfußballern. Seit der Fußball-Europameisterschaft in diesem Jahr, befanden sich die Mädels im Fußballrausch, insbesondere seit dem Erscheinen von Cristiano Ronaldo und Milan Baros auf der Bildfläche des Sports. Aufgrund Lises Vorliebe für die portugiesische Nationalmannschaft erstrahlte die Wand vorwiegend in Rot und Grün. Unauffällig gab Alma ihrer Freundin Vika ein Zeichen, das Bild von Luis Figo als Ergänzung zu ihrem Geschenk zu entwenden. Alma musste schmunzeln, als sie an das Geschenk für Lise dachte. Die Mädels hatten keine Kosten und Mühen gescheut und für Lise ein komplettes Outfit in rot und grün besorgt - inklusive passend gestreifter Stulpen, neongrüner Lacktasche, roter Baskenmütze und grünem Nagellack. Nach dem Abendessen gingen die Mädchen in den Garten, wo Lises Papa ein Lagerfeuer für sie anzündete. Draußen war es immer noch so warm, dass sie nur im T-Shirt um die Feuerstelle saßen und Popcorn darüber rösteten. Plötzlich streifte ein kühler Wind Almas Arme und sie begann trotz des Feuers zu frösteln. Allmählich verschwamm das Bild vor ihren Augen.
Immer noch frierend, erwachte Alma. Es dauerte eine Weile, bis sie sich in ihrer Umgebung zurecht fand. Doch dann erkannte sie um sich herum die dunkle, kalte Dachkammer des Gutshauses in Kreuzbrück, die lediglich durch das fahle Mondlicht des kleinen Dachfensters erhellt wurde. Draußen prasselten dicke Regentropfen gegen die Fensterscheibe und es klang wie das Aufploppen des Popcorns, welches sie im Traum über dem Feuer geröstet hatten. Alma stieß einen ernüchterten Seufzer aus. Es war nur eine entfernte Erinnerung gewesen. Schließlich zog Sie die kratzige Wolldecke, die sie um ihren Körper gewickelt hatte, etwas höher und schloss erneut die Augen, in der Hoffnung, im Schlaf zu ihren Freundinnen und ihrem alten Leben zurückkehren zu können, um ihrer aktuellen Realität zu entkommen.