Kreuzbrück

Laura Boldt

Der Untergang des Kaiserreiches war eine interessante Zeit, in der viele Weichen für unsere heutige Welt gestellt wurden. Hundert Jahre sind inzwischen vergangen und trotzdem gibt es noch offene Fragen und viel zu durchdenken. Eine Autorin kann sich unbefangen diesen Rätseln nähern, sie mit Fantasie füllen und begreifbar machen. Vielleicht sind die beschriebenen Geschehnisse der Wahrheit sehr nah und enthalten lang gesuchte Antworten. Laura Boldt hat liebevoll die unterschiedlichsten Zeitstränge und Lebenswelten junger Frauen der vorletzten Jahrhundertwende in einem Roman verwoben.

Genre:

Fantasy/Science-Fiction

Pages:

255

ISBN:

9783946373667

Published:

Dezember 31, 2025

Language:

Deutsch

Edition:

1

Kreuzbrück

„Ein Freund ist ein Mensch, der die Melodie deines Herzens kennt und sie dir vorspielt, wenn du sie vergessen hast.“ – Albert Einstein

Alma und ihre Freundinnen Mariella, Vika, Marit und Martha-Elise sind bereits seit ihrer Kindheit die besten Freundinnen. Jedes Jahr im August, an Mariellas Geburtstag fahren sie nach Kreuzbrück, einem kleinen Dorf in der brandenburger Einöde. Dort besitzt die neue Freundin von Mariellas Vater einen großen Gutshof, der seit jeher die Fantasie der Mädchen beflügelt hat. Auch Mariellas 16. Geburtstag wollen die Freundinnen in Kreuzbrück feiern, doch in der ersten Nacht geschieht etwas Unerwartetes, dass das Leben der Mädchen für immer verändern wird.

Sample

Der Himmel war in ein unwirkliches orange-graues Licht getaucht. Eine Seite erstrahlte in sanftem graublau, während sich auf der gegenüberliegenden Seite bereits die schwarzen Gewitterwolken türmten. Aus der Ferne war ein leises Donnergrollen zu vernehmen und die Vögel, die eben noch unaufhörlich in den Bäumen gezetert hatten, verstummten nach und nach, um Schutz vor dem drohenden Gewitter zu suchen. Alma spürte schon die ersten, noch feinen Regentropfen auf ihrer Haut. Der auffrischende Wind fuhr ihr sanft durch die schulterlangen, blonden Haare und vertrieb langsam die schwüle Hitze des Tages. Immer fester trat sie in die Pedale ihres Fahrrads. Sie wollte nicht im Gewitter fahren, auch wenn sich der einsetzende Regen nach der Hitzewelle unglaublich angenehm anfühlte. Alma atmete während des Fahrens tief ein und genoss es, wie der Regen die staubgesättigte Luft der letzten Wochen langsam reinigte. Das unheilvolle Grummeln des Donners hinter ihr wurde lauter. Gerade noch rechtzeitig vor dem richtigen Wolkenbruch erreichte sie das Mehrfamilienhaus, in dem sie mit ihrer Mutter zu Hause war. Schnell suchte sie Schutz unter dem kleinen Glasvordach über der Eingangstür und durchwühlte ihre Tasche nach ihrem Haustürschlüssel, konnte diesen aber nicht finden. Hektisch durchsuchte sie nach und nach jede noch so kleine Innentasche ihres Rucksacks, in der Hoffnung, dass der Schlüssel dazwischen gerutscht war. Nach fünf Minuten vergeblicher Suche gab Alma es schließlich auf. Genervt blickte sie auf ihre Armbanduhr. Ihre Mutter würde erst in einer Stunde von der Vorbereitungswoche in der Schule zurück sein. Sie überlegte, ob sie bei den Nachbarn klingeln sollte. Der Himmel war inzwischen fast schwarz gefärbt. Vor ihr durchzuckte der erste Blitz die Luft und der Wind wurde immer stärker. Seufzend drückte Alma den Klingelknopf von Familie Peters. „Ja?“, krächzte die Stimme von Holger, dem 18-jährigen Sohn von Familie Peters aus der Gegensprechanlage. Alma räusperte sich, sie konnte Holger nicht leiden, aber er konnte sie wenigstens in den Hausflur lassen. „Hallo, hier ist Alma, ich habe mich ausgesperrt. Kannst du mir die Haustür aufmachen, dann kann ich drinnen im Hausflur warten.“ Einen kurzen Moment geschah gar nichts und sie hörte Holgers schweres Atmen durch die Gegensprechanlage, dann bemerkte sie das leise Summen und drückte sanft gegen die Tür. Im Hausflur war es immer noch schwül und stickig. Genervt hievte sie sich die Treppen in den zweiten Stock hoch und ließ sich schließlich auf dem Abtreter vor ihrer Wohnungstür fallen. Sie war froh, dass Holger sie nicht im Flur abgefangen hatte. Manchmal hatte Alma das Gefühl, dass er wartete bis sie zu Hause war, um sie dann unter irgendeinem Vorwand anzusprechen. Erschöpft ließ sie sich gegen die Tür sinken und schloss die Augen.

„Alma?“ Erschrocken riss sie die Augen auf. Sie musste eingeschlafen sein. Vor ihr stand ihre Mutter, bepackt mit mehreren großen braunen Packpapiertüten. „Was machst du vor der Wohnungstür? Ist dir etwas passiert?“ Ihre Mama schaute sie besorgt an. Langsam rappelte sie sich auf, strich ein paar Dreckkrümel von ihrer Hose und räusperte sich. Ihr Mund fühlte sich staubtrocken an. „Ja, es ist alles in Ordnung. Ich habe nur meinen Schlüssel vergessen. Die Nachbarn haben mich in den Flur gelassen.“, antwortete Alma schnell, während ihre Mutter die Tür aufschloss. In der Wohnung war es immer noch warm und die Luft roch abgestanden. In ihrem Zimmer schmiss Alma ihre Tasche in die Ecke und öffnete das Fenster weit. Die kühlere Luft strömte ihr entgegen. Der Regen hatte sich mittlerweile zu einem gleichmäßigen Landregen abgeschwächt und prasselte mit einem angenehmen Geräusch auf das Fensterbrett. Etwas entkräftet von der anhaltenden Hitze der letzten Tage, warf sich Alma auf ihr Bett und schloss die Augen. Sie wollte wenigstens noch einmal kurz durchatmen, bevor sie packen musste. Morgen früh würde sie der Vater von ihrer Freundin Mariella zu ihrem jährlichen Kreuzbrück-Trip abholen. Alma war bereits unglaublich aufgeregt. Jedes Jahr zu Mariellas Geburtstag fuhren sie und ihre besten Freundinnen Vika, Marit und Martha-Elise nach Kreuzbrück, wo die neue Freundin von Mariellas Vater einen großen Gutshof besaß. Als sie jünger waren, war Kreuzbrück ihr Bandenquartier gewesen, da ihre Lieblingsbücher „Die wilden Hühnern“, von Cornelia Funke waren und sie sich mit ihren Heldinnen identifizierten. Mariella hatte dafür extra eine Holzbank mit Motiven aus den Büchern bemalt und mit etlichen Windowcolorbildern die Fenster des Gesindehauses in Kreuzbrück, in dem sie jedes Jahr schliefen, beklebt. Mittlerweile waren sie fast alle 16 Jahre alt und zu alt für den Mädchenbandenkram, trotzdem hing die Hühnerfederkette, die Mariella damals für sie alle gebastelt hatte, noch immer als Zeichen ihrer Freundschaft an Almas Schreibtischlampe. Als sie alle nach der 6…