; Einmalig oder für ewig

Einmalig oder für ewig

Die zweite Bewusstseinsstufe ist der Dämmerungszustand,
in dem der Menschen beginnt, sein Verhalten zu hinterfragen.

Der späte Nachmittag empfängt ihn auf der Straße mit seinem letzten, hellen Licht. Sommerliche einundzwanzig Grad verwöhnen die Bewohner der großen, bunten Stadt bereits zum Beginn des Frühjahres, so kurze Zeit nach der Tagundnachtgleiche. Vielfältige Reflexionen der Strahlen einer bereits tief stehenden Sonne blenden den Dacapo und bremsen seine hastige Vorwärtsbewegung. Sie zwingen ihn zu blinzeln und in den Stillstand. Abwechselnd mit dem rechten und linken Auge zuckend, kneift er diese zusammen. Kurz zuvor hatte er den Entschluss gefasst, den Supermarkt auf der anderen Seite der Straße zu besuchen. Seine Hoffnung, im Diesseits vor dem schier unüberwindbaren Asphalthindernis ein Brot zu bekommen, hat sich nicht erfüllt. Er projiziert all seine Erwartungen auf das Jenseits, die andere Seite des Stadtbezirkes, die hinter der trennenden Straße liegt. Hungrig, wütend, irritiert und leicht deprimiert stürzt er aus der Tür der Postagentur und fällt in das nahezu undurchdringliche Gewühl entlang der breiten Verkehrsader, die Karlshorst zerschneidet. Die mehrspurige Asphaltbahn der Treskowallee, die sich vor dem Dacapo ausbreitet, ist vom Feierabendverkehr verstopft und vom Licht des Abends durchflutet.

Der Bahnhof der Stadtbahn speit unterbrochen große Mengen offensichtlich augenloser Menschen aus. Dicht aneinandergedrängt stolpern sie den Gehsteig entlang. Alle haben die gleiche Richtung eingeschlagen und niemand verschwindet in einer der Seitenstraßen. Ohne der Umgebung einen Blick zu schenken, wälzt sich der Strom an dem blinzelnden Mann vorbei, der vor dem Ausgang einer bereits geschlossenen Postagentur steht. Temperaturen und Sonnenscheindauer scheinen die Menschen zum Tragen von grell bunter Bekleidung und Sonnenbrillen mit nahezu schwarzen Gläsern zu animieren. Unwillkürlich sucht der Dacapo mit Blicken die Oberarme der Passanten nach gelben Armbinden mit schwarzen Punkten ab. Drei der an ihm vorbeiströmenden Individuen haben es mit der Farbwahl heftig übertrieben und erinnern ihn an seinen letzten Zirkusbesuch. Alle Akteure, die durch die Manege tobten, waren lächerlich bunt angezogen. Obwohl dies bereits mehrere Jahrzehnte in der Vergangenheit liegt, kann er sich immer noch daran erinnern. Dem pubertierenden Jugendlichen war damals bereits der Anblick peinlich und er musste eine Übelkeit vortäuschen, damit seine Großeltern ihn von der farblichen Überfülle befreiten. Irritiert schüttelt er den Kopf, um diese unerwartete Erinnerung aus selbigem zu entfernen. Wiederholt stößt ihn einer der Passant mit der Schulter an. Andere verfangen sich mit ihren Taschen in den langen Schößen seines schweren, schwarzen Ledermantels, die erst kurz über den grauen, schmutzigen Betonsteinen des Gehwegs enden. Die bunte Stadt gleicht einem hyperaktiven Ameisenstaat, in dem alle Krabbeltierchen in Richtung der Futterstelle streben. Auf der wenige Meter entfernten Straße rollen ohne Unterbrechung Autos aller Größen und Preisklassen vorbei. Neben der Gewohnheit, dies auf vier Rädern zu tun, haben sie eine weitere Eigenschaft gemeinsam: den Ausstoß von Staub und Oxiden. Eine Mischung vieler, ausnahmslos gesundheits- und klimagefährdender Gase, des Geruches abgestandenen Schweißes, billigen Parfüms und von Pollen unterschiedlicher, frühblühender Bäume beißt in die Schleimhäute seiner Nase. Es ist der Duft der modernen Metropole, der sich mit seinen spitzen Fangzähnen in die Nervenenden gräbt. Er setzt sich als starker Reiz fest, breitet sich im Kopf aus, fließt brennend auf dem kürzesten Weg zum Hirn und schiebt jeglichen, anderen Gedanken beiseite, ertränkt ihn in einer Flut aus Schmerzen.

Die massiven Angriffe von Gerüchen und Reizen überfordern den Dacapo. Er hat sie nicht erwartet und nun lähmen sie ihn und zwingen ihn zu einem tiefen Atemzug. In Vorbereitung einer Niesattacke krampft sich sein Gesicht zusammen. Er beugt sich leicht nach vorn und die folgende Entladung zerteilt die Menschenmenge vor ihm. Den Freiraum augenblicklich nutzend, springt er in die Lücke. Während des Sprunges stößt er einen lauten Schrei aus, der ihn in Ergänzung zu seiner großen, schwarzen Erscheinung noch bedrohlicher wirken lässt. Er möchte sich gegen den Angriff der Gerüche zur Wehr setzen und geht zum Angriff über. Sein Instinkt sagt ihm, dass das übliche Vorgehen dabei nicht helfen wird. Eine Magnum Desert Eagle ist gewaltig, gerade mit einem zehnzölligen Lauf ist sie mächtig angsteinflößend, zur Säuberung der Luft ist sie jedoch nicht das passende Werkzeug. Abwechselnd brüllend und niesend läuft er auf die Straße zu. Die bis zu diesem Augenblick stumpf trottende und nicht mehr frisch riechende Menge der in den Feierabend strebenden Passanten kommt abrupt zum Stillstand. Links und rechts von dem in Bewegung geratenen Dacapo ist vorsichtige, ängstliche Ruhe eingetreten. So wie Moses die Wasser des Roten Meeres teilte, schiebt er die Menschenmenge auseinander. Drei lange, ausholende Schritte, gleich großen Sprüngen, genügen ihm, um die Fahrbahn zu erreichen. Bereits direkt hinter ihm schließt sich die Lücke in der Menschenmenge und die allgemeine Bewegung setzt wieder ein. Nichts deutet noch auf seinen kurzen Auftritt hin; dafür folgt auf der Straße ein neuer.

Weder Bordstein noch Blech können den Dacapo aufhalten. Der Strom aus Fahrzeugen ist zum Stehen gekommen. Wie an jedem anderen Wochentag auch, muss als Ursache eine allgemeine Überschreitung der zur Verfügung stehenden Straßenkapazität herhalten. Unter Ausnutzung des kinetischen Moments aus seinem kurzen Sprint springt der schwarz gekleidete Polizeigeheimdienstler auf einen der Begrenzungspoller, die Menschenmenge und Blechlawine trennen. Von dort ist der Weg auf die Motorhaube des Autos neben ihm überschaubar kurz. Der grüne, rostige Kleinwagen, dessen Front er mit seinem Gewicht nach unten drückt, kommt bedenklich ins Schwanken und die Köpfe der beiden Insassen beginnen lustig zu pendeln. Wie bei einer dieser kitschigen Plastik-Elvis-Figuren, wackeln sie noch hin und her, als der Dacapo längst das Dach einer großen, weißen Limousine auf der zweiten Fahrspur erreicht hat. Der schwere Straßenkreuzer federt nur leicht unter ihm, als er zum Sprung auf die Straßenbahnschienen in der Mitte der Straße ansetzt. Von seiner erhöhten Position aus schwingt er sich mit Eleganz über das Fahrbahn und Schienen trennende Sperrgitter. Sein Ziel ist ein heller Bereich auf den Schienen, der ihn anzieht. Die Sonne hat mit ihrem weichen Abendlicht einen Weg durch die Häuserreihen gefunden und beleuchtet das vorübergehende Ziel des Dacapo verlockend freundlich. Eine nahende Straßenbahn ist außerhalb seines Gesichtsfeldes und kommt in seiner aktuellen Welt nicht vor. Gerüche, Abgase, Hunger, Menschenmengen und der mächtige Vorwärtsdrang zwingen ihm einen Tunnelblick auf, fixieren ihn auf den Augenblick und den hellen Fleck zwischen den Schienen.

Die Straßenbahnfahrerin zählt nicht zu den glücklichen Anwesenden, die unpassende Teile der Realität einfach ausblenden können. Wieder einmal ist ihre Bahn an diesem Abend mit Fahrgästen überfüllt. Wären weitere, einsatzbereite Wagen im Betriebshof vorhanden gewesen, hätte der Fahrdienstleiter den Zug verlängert; es waren jedoch keine vorhanden. Für die großen Prestigeprojekte muss die Stadt sparen und der öffentliche Nahverkehr ist in diesem Spiel das erste Opfer. Schließlich haben alle verantwortlichen Entscheider Dienstkarossen und Fahrer. Kenntnisse über die Zustände der öffentlichen Verkehrsmittel sind bei ihnen maximal in blassen Erinnerungen an längst vergangene Zeiten vorhanden, als sie noch nicht die Höhen der Machthierarchie erklommen hatten. So quält sich auch an diesem Abend die Straßenbahn wieder durch die Treskowallee - schwankend, quietschend und weit über das zulässige Gesamtgewicht überladen. Blanke Schienen biegen sich unter der Last und bewegen dabei die Reflexe der Abendsonne über die Häuserfassaden. Schottersteine im Gleisbett werden knirschend beiseite gedrückt. Jeden Tag wandern sie einige Millimeter weiter und warten auf die nächste Rekonstruktion der Schienentrasse. Überladene Waggons lassen den Reparaturtermin schnell näher rücken. In den zwei Wagen stehen die abendlichen Heimkehrer eng aneinandergedrängt. Trotz der geklappten, oberen Fensterteile ist die Luft im Inneren so sehr von dampfenden Schweißausdünstungen gesättigt, dass bei einigen Brillenträgern bereits die Gläser beschlagen. Jede Pendelbewegung des Zuges schiebt die Menge der Körper stöhnend hin und her, gleich einer zähen Flüssigkeit wird sie von einer Seitenwand zur anderen gedrückt. Blasen aus Flüchen steigen von ihrer Oberfläche in die dunstige Luft über den Köpfen der Eingekeilten auf. Dort ist der einzige freie Raum, den es in den Wagen noch gibt. Gleich Meereswellen rollen die Verwünschungen unter der grauen Decke dahin und werden unablässig wiederholt. Sie stoßen gegen Wände, prallen von diesen ab und werden wieder in den Raum über den Köpfen geworfen. In den unteren Ebenen tobt der erbitterte Kampf um den Zugriff zu Haltestangen. Dank des Platzmangels kann niemand umfallen, jedoch möchte jeder der rollenden und pendelnden Bewegung entgegenwirken und der Ohnmacht durch eine Aktion des Widerstandes entkommen. Ursache ist auch hier der innerste Wunsch eines jeden Menschen, nicht gestoßen zu werden, nicht reagieren zu müssen, sondern selbst agieren zu können.

Die Strahlen der abendlichen Sonne, die zwischen zwei Häusern durchbrechen, blenden die Fahrerin der Straßenbahn. Instinktiv blickt sie zur Seite, auf den überfüllten Gehweg. 'Hoffentlich steigen die Leute nicht auch noch in meinen Zug', sinniert sie. Ein weiterer Gedanke drängt sich ihr auf: Für überfüllte Bahnen scheint ein eigenes Naturgesetz zu gelten, gemäß dem an jeder Haltestelle mehr Menschen ein- als aussteigen. Noch während sie in Gedanken über die Gesetzmäßigkeiten des öffentlichen Nahverkehrs philosophiert, nimmt sie ein schwarzes Flattern auf der rechten Seite ihrer Bahn wahr; undeutlich, schemenhaft und nur aus dem Augenwinkel. Unwillkürlich ist sie an den Horrorfilm erinnert, den sie am gestrigen Abend gesehen hat. In dem alten Streifen flogen große, hässliche Vampire mit schwarzen, ausladenden Flügeln immer wieder durch ein kleines Dorf in den Karpaten und terrorisierten die Einwohner. Diese simple Wendung im Ablauf ihrer Gedankengänge verhindert, dass die Fahrerin ihrem vorherigen Einfall bis zu seinem Ende folgen kann. So wird eine bahnbrechende Erfindung durch einen kleinen Zufall verhindert und die Revolutionierung des öffentlichen Nahverkehrs bleibt abermals aus. Gerade in dem Augenblick als sich in ihrem Hirn die entscheidenden Synapsenverbindungen aufbauen, flattert etwas in ihr Bewusstsein und nimmt dieses voll in Beschlag. Die Revolution des Nahverkehrs ist abgesagt und vor der Straßenbahn steht ein Vampir mitten auf den Schienen. Grelles Licht bescheint ihn von hinten. Die Straßenbahnfahrerin kann nur die Umrisse der Gestalt mit den im leichten Abendwind flatternden Flügeln erkennen. Erschrocken reißt sie die Augen auf und hält den Atem an. Ein feiner, rotgoldener Strahl der Sonne dringt ihr in die weit geöffneten Augen und blendet sie. Instinktiv schlägt sie beide Hände vor ihr Gesicht. Eigentlich hätte das blutrünstige Nachtwesen in dem hellen Tageslicht sofort zu Staub zerfallen müssen. Dann würde die Gummilippe des Scheibenwischers der Fahrerin eine freie Sicht aus dem Straßenbahnzug auf die Schienen bescheren. Nichts davon geschieht; die Gestalt löst sich nicht auf und niemand betätigt den Schalter für die Aktivierung des Scheibenwischers. Nach einer kurzen Schockstarre, die nur wenige Sekunden währt, findet die Frau am Steuerpult der Straßenbahn in die Wirklichkeit zurück und leitet eine Notbremsung ein: Wer weiß schon, ob ein Vampir nicht sehr hart ist und beim Zusammenprall den Triebwagen des Zuges verbeult. Der Fahrdienstleiter würde toben und sie wütend anbrüllen, wenn durch ihr Versehen ein weiteres Fahrzeug ausfällt.

Die Fahrgäste bekommen von den Vorgängen auf den Schienen erst etwas mit, als die Physik ihre Gesetze an ihnen ausprobiert. In beiden Wagen des Zuges werden sie in den vorderen Teilen zusammengeschoben und die stählernen Räder unter ihnen reiben laut kreischend über die Schienen. Der gequälte Stahl wirft lange Garben heller Funken, die kurzzeitig den sonst so schattigen Raum unter der Straßenbahn erleuchten. Dann finden die großen, metallenen Räder plötzlich einen Halt auf dem blanken Untergrund. Mit einem Ruck kommt der Zug zum Stehen und jegliche Bewegung ist aus dem Fahrzeug verschwunden. Nur die Köpfe der Fahrgäste pendeln noch aus. Einige von ihnen sind gestürzt und versuchen sich aus dem Fußraum wieder aufzurichten. Neue Flüche werden ausgestoßen. Natürlich möchte jeder die Ursache des abrupten Halts wissen. Da alle davon ausgehen, dass dies ein Mensch ist, wird er bereits vorsorglich verwünscht. Unterhaltungen und Monologe schaukeln sich auf, werden immer lauter und die durchgeschüttelten und zusammengequetschten Insassen reden alle gleichzeitig. Das akustische Inferno erreicht seinen Höhepunkt, als ein kleines Kind zu weinen beginnt und im hinteren Wagen eine Frau laut kreischend nach ihrem kleinen Hund sucht. Das gesamte Chaos ist in den metallenen Leib der Straßenbahn gepresst. Einzig und allein der akustische Auswurf verlässt diesen, gleich der Schaumblasen am Rand des Deckels eines überkochenden Kartoffeltopfes. Die Fahrgäste, denen der Luxus der Fensternähe vergönnt ist, drücken ihre Nasen an die Scheiben. Köpfe werden aus den schmalen, aufgeklappten Fensterluken gesteckt - jeder möchte die Ursache des Nothalts erkennen.

Das bedrohliche, metallische Kreischen hat den Dacapo aus seiner Fixierung auf das Ziel, die andere Seite der Straße, befreit. Sein Geist hat den engen Tunnel verlassen und erschrocken blickte er in die Richtung, aus der ein Tsunami aus Geräuschen auf ihn zurollte. Unmittelbar vor ihm kam die Straßenbahn zum Stillstand. Er steht direkt an der Frontscheibe des Triebwagens, sozusagen 'Brust an Brust' mit dem technischen Ungeheuer, das er nicht kommen sah.

"Upps, wo kommt det Ding denn her? Wie kann'et mir so überraschn?", stößt er erschrocken zwischen den zusammengepressten Zähnen hervor.

Die von der Bahn bewegte Luft ist noch nicht zur Ruhe gekommen und schiebt weiter in Fahrtrichtung. Sie bläst die Schöße des schwarzen Ledermantels auseinander und lässt sie flattern. In ihr schwingt der metallene Geruch verbrannten Eisens mit, den die Funken hinterlassen haben.

"Grrr, muss det immer so stinken...", kommentiert der Dacapo, bereits leicht von dem Schreck erholt.

Schnell kommt er zu der Erkenntnis, dass keine Gefahr mehr von dem zum Stillstand gekommenen Zug ausgeht und der Einsatz der zehnzölligen Magnum Desert Eagle nicht notwendig ist.

"Schade, schon wieda keen Schuss...", konstatiert er traurig.

Sein knurrender, krampfender Magen erinnert ihn an seine Mission: Er ist im Auftrage des Brotes unterwegs! Bevor die Fahrerin ein Fenster öffnen und ihn zur Rede stellen kann, nutzt er die Chance zur Flucht nach vorn. Als gewaltiger Beamter des mächtigen Polizeigeheimdienstes kennt er sich mit dieser Taktik aus. In unangenehmen Situationen, wie dieser, ist sie bisher immer erfolgreich gewesen.

Zum Erstaunen aller Beobachter löst sich der Verursacher des allgemeinen Stillstandes mit einem lauten, tiefen Gebrüll aus seiner Erstarrung. Einige glauben, so etwas wie 'Broooot' zu hören, was für sie die Situation noch unverständlicher macht. Der Dacapo hastet auf die Fahrbahn zu, die ihn noch von der anderen Straßenseite trennt. Er wirft sich auf den Boden, rutscht unter einer Absperrung hindurch und rollt unter einem Lastkraftwagen hinweg, der in diesem Augenblick vorbeifährt. Jeder, der dieses gewagte Manöver beobachtet hat, hält den Atem an, bis der Dacapo auf der anderen Seite des großen Wagens wieder erscheint. Den gewaltigen Geheimpolizisten ficht das nicht an. Weder das gemeinschaftliche Ausatmen bei seinem unverletzten Auftauchen, noch der Aufruhr in der rechten, äußeren Seitentasche seines Mantels und schon gar nicht die große Anzahl quietschender Bremsen halten ihn auf. Den Verkehr auf der Fahrspur hat das Ereignis vollständig zum Erliegen gebracht. Bei den bewegungslosen Autos werden mehrere Türen aufgerissen, Menschen steigen aus, stehen kopfschüttelnd auf der Straße und weitere Flüche steigen in Form wirrer Schallwellen in den Himmel auf. Der Dacapo verfolgt geradlinig und verbissen das Ziel seiner Mission, unbeeindruckt von dem Geschehen in seiner Nachbarschaft. Die rotgoldene Abendsonne hüllt belustigt die Szene in versöhnliche, helle Farbtöne. Die Lage in weiten Teilen der großen, bunten Stadt ist allgemein entspannt - auch auf der Treskowallee in Karlshorst tritt bei Abwesenheit von Superhelden nach und nach wieder Normalität ein.

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Da er nur ein Brot kaufen möchte, sucht der Dacapo nicht nach einer Münze für den Einkaufswagen. Er spart sich die Mühe und stürmt an den Kassen vorbei. Außerdem hasst er Supermärkte geradezu. In diesen endlosen Konsumlabyrinthen treiben ihn die umständliche Suche nach den gewünschten Lebensmitteln, die Informationsüberflutung und die Enge regelmäßig an den Rand des Wahnsinns. Geradezu als Folter empfindet er die 'Bremser'. Da verstellen ganze Familien die Gänge oder Ansammlungen von Rentnern zwingen zu einer Slalomfahrt mit dem Einkaufswagen. Er bewegt sich nun einmal schneller als seine Zeitgenossen - auch im Supermarkt. Deshalb ist es kein Wunder, dass er in vielen dieser Einkaufstempel inzwischen bekannt ist und ihm ein Lehrling folgt, der die aus den Regalen gefallenen Verpackungen wieder zurückstellt. Als wichtigster Beamter des Polizeigeheimdienstes kann er nicht auf die Bummelanten in Geschäften Rücksicht nehmen. Schließlich ist Verbrechensbekämpfung eine Funktion der zur Verfügung stehenden Zeit. Im Dezember des vergangenen Jahres musste er in einem Markt sogar von seiner Dienstwaffe Gebrauch machen. Nicht dass ihm das Sorgen bereitete oder er lange überlegen musste: Er trägt die Magnum Desert Eagle mit dem zehnzölligen Lauf und der halbzölligen Munition nicht zum Spaß auf dem Rücken herum - die Pistole ist dazu da, um genutzt zu werden. Als eine Horde von Bewegungsverweigerern ihm dann in der so und so schon nervigen Vorweihnachtszeit Widerstand in einem Supermarkt leisteten, ging er zum Angriff über. Mehrere Schüsse aus seiner Waffe erzeugten längerfristige Hörschäden bei den Anwesenden, die der Dacapo natürlich alle verhaftete. Für das anschließende Verhör, das sich wegen Verständigungsproblemen über fünf Stunden hinzog, ließ er den Supermarkt sperren. Taucht er heute in dem Geschäft auf, stürmen sofort zwei Lehrlinge auf ihn zu. Einer muss seinen Einkaufswagen sicher durch die engen Gänge zwischen den Regalen manövrieren und der andere macht vorausschauend den Weg frei. Einziger Kommentar des Dacapo: "Na jeht doch!"

Der Karlshorster Supermarkt blieb von ihm bisher verschont. Hier könnte er sich anonym bewegen - macht er jedoch nicht. Bereits neben den Kassen fällt ihm ein großes Plakat zu aktuellen Angeboten auf. Obwohl er die Werbung nur im Augenwinkel sieht, nimmt er trotzdem deren Inhalt auf. Das bunte Papier weist auf etwas mit 'Brot...' hin, scheint also mit seiner Mission verbunden zu sein. Der Dacapo bleibt stehen, sieht starr geradeaus und überlegt, ob er sich die Information auf dem Plakat genauer ansehen soll. Im Normalfall nimmt er nur sachdienliche Hinweise aus der Bevölkerung entgegen und ignoriert jegliche Werbebotschaft; schließlich ist er nicht manipulierbar und nur dem Gesetz verpflichtet. Heute trübt der nagende Hunger seine analytischen Fähigkeiten und schwächt seine Widerstandskraft gegenüber den Versuchungen des bunten Alltags. Vorsichtig dreht er den Kopf zur Seite und betrachtet den Aufsteller neben sich. Ihm fällt sofort das Wort 'Brotbackautomat' auf. Seine Mission, die Jagd nach Brot, ist noch nicht erfolgreich abgeschlossen, auch musste er bereits einen Misserfolg erdulden. Das Plakat macht ihn glücklich: Er ist am Ziel - hier gibt es 'Brot' ... back ... was-auch-immer, zumindest etwas mit 'Brot' im Namen. Tief durchatmend wendet er seinen gesamten Körper der Werbung zu, positioniert sich bequem vor dem Aufsteller und beginnt zu lesen. Nach dem dritten Durchlauf durch den knappen Text glaubt er verstanden zu haben, was ihm der Supermarkt hier verkaufen möchte. Da er sich bisher ausschließlich für Nahrungsaufnahme und nicht deren Zubereitung interessiert hat, empfindet er diese Information als Offenbarung, ja nahezu als revolutionäre Idee. Er muss sich nur einen dieser spezialisierten Brot-Roboter kaufen und der versorgt ihn ununterbrochen mit frischem Gebäck - das ist sozusagen

'Brot aus der Steckdose'

Wann immer er es wünscht, liefert ihm solch ein Gerät das tägliche Brot. Er muss keinen Einkauf mehr planen, nicht mehr zum Bäcker, Supermarkt oder der Postagentur gehen - ab sofort könnte er sich einfach auf das Leben selbst konzentrieren. Das ist besser, nachhaltiger und revolutionärer als ein einfacher Laib Brot ... das ist real gewordene Science Fiction! Er muss gar nicht weiter nachdenken, natürlich wird er einen dieser Automaten kaufen. Ohne noch den Hunger zu spüren, geht er lächelnd und wie in Trance auf den Stapel mit den Kartons zu. Das Geschäft ist an dem frühen Abend gut besucht. Viele Heimkehrer von der Arbeit nutzen die Gelegenheit, um während eines kurzen Stopps die heimatlichen Lebensmittelvorräte wieder aufzufüllen. So ist der Weg bis zu den beworbenen Geräten mit Bremsern und Bummelanten gepflastert. Der erhobene Zustand und die innere Erleuchtung des Dacapo strahlen nach außen. Während er steif durch den Gang zwischen den Regalen mit Konservendosen voll Erbsen und Ravioli hindurchschreitet, weichen die anderen Einkäufer vor ihm zurück. Sie bilden, sobald sie seiner gewahr werden, unwillkürlich eine Gasse. Dieses Mal teilt er die Menschenmenge nicht durch lautes Gebrüll, sondern ausschließlich mit Hilfe der mentalen Kraft, die seinem inneren Zustand entspringt. Die Werbung hat ihn voll und ganz in ihrem Bann, in versklavt und all seine Konzentration auf ein einziges Ziel gelenkt. Er ordnet sich dem allgemeinen Kaufzwang unter, um dem 'Gott der Werbung' gefällig zu sein. Dass dies ein kollektiver Zwang ist, beweist die zügige Reduktion der Anzahl an Kartons. Niemand von den Käufern scheint weder Sinn noch Nutzen seiner Neuerwerbung zu hinterfragen. Da auch der Dacapo nicht weiter überlegt, kauft er anstatt eines Brotes, das seinen Hunger stillen könnte, ein elektrisches Gerät - und er fühlt sich glücklich und bestätigt dabei. Schließlich kann die Masse der Gleichgesinnten sich nicht irren.

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Außerhalb des Supermarktes tobt noch immer der abendliche Berufsverkehr durch die große, bunte Stadt und die tief stehende Sonne vergoldet weiterhin das Ende des Frühlingstages. Beim Verlassen des Geschäftes empfängt deren helles Licht den Dacapo. Immer noch im Gefühl des überirdischen Glücks, das ihn komplett ausfüllt, kann er seine Aufmerksamkeit nicht auf Nebensächlichkeiten lenken. Das Aufsetzen einer Sonnenbrille ist eine davon. Die gläsernen Eingangstüren gleiten automatisch auseinander, Werbung, Konsumrausch und Massenzwang entlassen den Dacapo in die Freiheit. Blind vor Licht und Glück setzt er einen Fuß in den öffentlichen Raum: Der Bann ist gebrochen. So wird von der Realität und der Sonne geblendet. Instinktiv reißt er den Karton mit dem Brotbackautomaten, den er wie einen heiligen Schrein vor sich trägt, in die Höhe, um seine Augen vor dem Licht zu schützen. Dabei entgleitet ihm der Garantieschein, auf dem er an der Kasse so umständlich die Adresse seiner Wohnung eingetragen hat. Die Verkäuferin war hartnäckig gewesen. Erst nachdem der Dacapo alle Felder auf der Karte vollständig ausgefüllt hat, stempelte sie diese und gab ihm das Restgeld zurück. Nun nimmt sich der Wind des Papierstückes an und trägt dieses leicht schaukelnd davon. Der Dacapo versucht es mit dem rechten Fuß zu erwischen und unter der Sohle auf dem Beton des Parkplatzes zu fixieren. Geblendet verfehlt er es und tritt daneben.

"Mist!"

Die Karte segelt weiter und immer wenn er einen Schritt hinterher und auf sie zu macht, entgleitet sie wieder. Es ist, als ob das Papier versucht, den Abstand zwischen sich und seinem Verfolger konstant zu halten. Mehrfach tappt er mit der Sohle des rechten Schnürstiefels auf den Beton. Entweder versperrt ihm der große Karton die Sicht oder der schwache Wind hilft dem Garantiezettel. In Erinnerung an den mentalen Zustand, in dem er sich noch vor wenigen Augenblicken befand, versucht der Dacapo mittels geistiger Gewalt auf den papiernen Flüchtling einzuwirken. Auch das zwingt ihn nicht auf den Boden. Der Natur mit ihren Gesetzen ist sein Bemühen egal und der Garantieschein strebt weiterhin von ihm weg.

Ein neues Ereignis unterbricht die erfolglose Zetteljagd: In der Höhe zischt es laut, die blubbernden Explosionen mehrerer Verpuffungen sind zu hören, begleitet von einem unverständlichen Fluch. Annähernd im selben Moment fällt direkt vor dem Dacapo ein Mann vom Himmel - zumindest glaubt er, dass es ein männlicher Zeitgenosse ist und dieser Ort der Ursprung von dessen Reise in die Tiefe war. Kurzzeitig flattern weiße Bänder am Kopf des Dacapo vorbei. Ihr knatterndes Rauschen füllt die Luft für einen Augenblick komplett aus. Ein einzigartiger Ton, der ihn fesselt und seine gesamte Aufmerksamkeit auf das akustische Ereignis lenkt. Im Gegensatz dazu lässt das nachfolgende Geräusch einen Schauer über seinen Rücken laufen. Mit einem deutlichen Klatschen schlägt ein großer, grauer, weicher Körper auf den Beton des Parkplatzes. Die gefallene Gestalt rollt unter lautem, anhaltenden Stöhnen zur Seite. Lange, weiße Bänder wickeln sich dabei um ihn und behindern beim Aufrichten. Nach wie vor stöhnend kommt die Erscheinung langsam auf die Beine. Sie steckt in einem engen, grauen Kostüm und hat Kopf und Gesicht mit einer Sturmhaube in der gleichen Farbe verhüllt. Ist das eventuell ein Engel? Der Dacapo ist sich nicht sicher, schließlich war der heutige Tag bis zum Rand mit seltsamen Ereignissen angefüllt und ein solches, unwahrscheinliches Ereignis würde ihn nicht gleich zum Überlaufen bringen. Von 'gefallenen Engeln' hat er schon einmal gehört, kann sich im Augenblick nur nicht erinnern, in welchem Zusammenhang dies war. Während er die graue Gestalt beobachtet und über deren Herkunft und Bedeutung sinniert, wankt diese stöhnend über den Parkplatz. Sie gleicht doch mehr einem Superhelden aus einem billigen Comic, dessen Zeichner unbedingt eine neue Brille benötigt oder sich dem Naturalismus verschrieben hat. Unter dem elastischen Anzug zeichnen sich mehr als deutlich ein ordentlicher Bauchansatz, schmale Schultern, dünne, überproportional lange Arme, kurze Beine und ein nach oben spitz auslaufender Kopf ab. Ein ganz normaler Zeitgenosse also, der nichts heldenhaftes an sich hat. Warum hat er sich in diesen engen, hässlichen Anzug gepresst? Die breiten, weißen Bänder sind auf den Rücken des grauen Overalls genäht und schleifen nun raschelnd und wie eine Schleppe über den Beton. Sichtlich irritiert und unentschlossen hält sich der Dacapo an seinem Karton fest und blickt in die Höhe. Von dort scheint das unbekannte, graue Wesen gekommen zu sein. Direkt über ihm endet das Vordach des Supermarktes, das sich mehrere Meter über den Parkplatz schiebt. Von diesem Dach hängen zwei dicke Seile herab und enden in einer Höhe von etwa vier Metern über ihm. Dem Dacapo fährt sofort ein beruhigender Gedanke durch den Kopf: 'Aha! Also doch kein Engel!' Ein ernsthaftes Überdenken seines Weltbildes bleibt ihm heute erspart. 'Wahrscheinlich ein verunglückter Fensterputzer...' Nur, sind dort oben wirklich Fenster? Warum trägt er so seltsame Arbeitsbekleidung? Wo ist sein Reinigungsgerät? An einem der Seile hängt ein flacher Kasten, nicht länger als einen Meter. Er pendelt im leichten Luftzug hin und her und aus seiner Unterseite dringt schwarzer Rauch hervor, der in lockigen Kringeln nach oben steigt, die der leichte Wind noch vor der Dachkante zerteilt. Erschrocken tritt der Dacapo mehrere Schritte zur Seite, fürchtet er doch, dass der Räucherkasten auf ihn herabstürzt. Argwöhnisch und abschätzend betrachtet er dessen Bewegungen. Die seltsame Gestalt hat vorübergehend sein Interesse verloren.

Unterdessen hat der Abgestürzte sich vollständig aufgerichtet, das Stöhnen beendet, seine Umgebung gemustert und beobachtet nun den Dacapo. Zumindest ist die Seite der Maske, hinter der ein Gesicht zu vermuten ist, in Richtung des Geheimpolizisten gewandt. Die Gestalt steht steif und ebenfalls unentschlossen, abwartend da. Eine Laune des schwachen Windes bläst die Garantiekarte des Brotbackautomaten, die der Dacapo zuvor jagte, vor die graue Brust. Blitzschnell greift ein grauer Handschuh nach dem kleinen Stück Papier. Damit hat die vom Dach gefallene Gestalt die Aufmerksamkeit des Dacapo zurück.

"Danke! Det jehört mir.", spricht er sein Gegenüber an, in der Vermutung, dass dieser ihm die Karte reicht.

Die anfängliche Verwunderung ist verflogen und da sich sein Hunger wieder meldet, möchte nur mit dem Einkauf nur noch in seine Küche. Der Angesprochene blickt auf die Karte und liest sie. Er macht keine Anstalten, auf den Dacapo zuzugehen oder ihm diese zu übergeben. Ganz im Gegenteil: Er wendet sich mit einem plötzlichen Ruck, der den Bauch in sichtbare, leichte Schwingungen versetzt, ab und beginnt sich in zügigem Lauf zu entfernen. Die weißen Bänder fliegen hinter ihm her. Das knatternde Geräusch, das sie wieder dabei erzeugen, wird schnell leiser. Damit hat der Dacapo nun wirklich nicht gerechnet. Schließlich widersetzt sich ihm niemand, da er die mächtige Vertretung der Staatsgewalt ist. Einem Impuls folgend, möchte er nach der Magnum Desert Eagle in dem Rückenholster greifen, um den grauen, Flüchtenden mit einem Warnschuss zu stoppen. Leider funktioniert das dieses Mal nicht, da er dazu den Karton mit dem Brotbackautomaten fallen lassen müsste. So kann er nur drohend rufen.

"Hey, solln det! Jefälligst stehn bleiben!"

Obwohl er den amtlichsten, verbindlichsten Ton, zu dem er fähig ist, in den Ausruf legt, ignoriert der Zetteldieb seine Aufforderung und setzt seine Flucht unbeirrt fort.

"Is mein Zettel!", auch dieser trotzig vorgetragene Nachsatz stoppt den Raub des Garantiescheins nicht.

Hungrig und genervt vom unerwarteten Widerstand sagt er nur noch leise zu sich selbst: "Ach nee, jetz hab ick Hunger und keen Dienst" und Gedanken fügt er hinzu: 'Ob der Brotbackautomat die richtige Entscheidung ist? Ein Brot könnte ich bereits jetzt essen. Das Gerät muss ich erst nach Hause bringen, anschließen und einschalten. Bis dahin muss ich weiterhin hungern.' Unter dem Krampfen und Gurgeln seiner Eingeweide begibt sich der Dacapo auf den Weg zur nächsten Bushaltestelle. Den schweren Karton möchte er nicht bis zu seiner Wohnung tragen und außerdem gilt es Zeit zu gewinnen. Schließlich tobt in seinem Inneren der mächtige Hunger!

W27C1P2
Autor

© 27.05.2017
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10. April 2017 18:05 Uhr
Ort: Berlin Karlshorst
Personen: Dacapo
10. April 2017 18:55 Uhr
Ort: Berlin Karlshorst
Personen: Dacapo, rocket snatch
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