Die Mühle

Die Mühle

Christoph Hofmański

Christoph Hofmański (Jg. 48) war nach einer Zeit im Management eines IT-Unternehmens als Dozent in den Fachbereichen Kommunikation und Mitarbeiterführung, außerdem als Coach und Supervisor tätig. Seine Klienten waren Unternehmer, Trainer, Coache und Personalentwickler. Die Erfahrungen aus der Praxis nutzte er in den 90ern für die Entwicklung der „Tiefenmotivations-Analyse“. Auf der Grundlage der in Praxis und Theorie gefestigten Erkenntnisse gründete er 2005 das Institut für Persönlichkeitsorientiertes Management, Görlitz. Er ist nach wie vor als Berater tätig und will mit seinen Büchern das Wissen weitergeben.

Genre:

Persönlichkeit

Seiten:

312

ISBN:

9783946373551

Erschienen:

19.06.2022

Sprache:

Deutsch

Auflage:

1

Die Mühle

Die Zusammensetzung von Teams und den Weg zu einer Zusammenarbeit, die allen Spaß macht und hochproduktiv ist, beschreibt dieses Buch an verschiedenen, praxisnahen Beispielen. Zum besseren Verständnis werden die Team-Profile und damit die Beziehungen zwischen den Teammitgliedern dargestellt. Im Bezug zu den Geschichten aus der Praxis wird erkennbar, welche Schlüsse aus welchen Konstellationen abgeleitet werden können. Umschlaggestaltung + Foto: Olaf Dreier, Scheeßel

Leseprobe

Der Himmel war bedeckt und es war kühl. Fred war etwas früher als vereinbart gekommen und setzte sich auf die Bank vor der Mühle. Die frische Luft tat ihm gut und er atmete tief durch. Gestern Abend hatte sich sein Leben verändert. Yvonne hatte Ja gesagt. Ja, zu einem gemeinsamen Leben. Zum Ende des Single-Daseins, an das er sich über die vielen Jahre seit dem Studium gewöhnt hatte. Er hatte sie gefragt, weil er sie liebte, offiziell, im Beisein ihrer Eltern. Sie hatten auf ihre gemeinsame Zukunft angestoßen.

Er stand auf, als Hubertus auf dem Parkplatz hielt und seinen Wagen verließ. Hubertus winkte ihm zu und sah sich um. Nach einem Blick in alle Himmelsrichtungen kam er auf Fred zu und meinte: „Das ist ein kraftvoller Ort.“ „Was meinst du damit?“, fragte Fred. „Ich kann das nicht beschreiben, es ist ein Gefühl. Es ist so, als ob mich etwas an alte Zeiten erinnert, die ich eigentlich gar nicht erinnern kann. Es klingt wirr, ich weiß, es sind wohl nur Fantasien. Aber ich stellte mir gerade vor, hier vor einigen hundert Jahren gearbeitet zu haben. Das waren harte Zeiten damals und was jetzt auf uns zukommt, wird sich wahrscheinlich viel besser anfühlen. Wir jedenfalls werden keine Balken oder Steine schleppen und behauen müssen, nur Zahlen, Daten, Fakten und vor allem Geschäftsmodelle. Aber auch die wollen in eine Form gebracht werden und am Ende, für wen auch immer wir arbeiten, soll etwas Gutes daraus entstehen.“

Hubertus moderierte, wie er es nannte, die VCG (Venture Capital Group). Sie sorgten für die Finanzierung neuer, erfolgsversprechender Geschäftsmodelle. Die Einschätzung von Ideen und die Begleitung der jungen Unternehmen braucht Kompetenz. Die wollten sie personell in den neuen Büroräumen in der alten Wassermühle zusammenbringen. Hubertus kannte Fred als Mitarbeiter eines ihrer Start-Ups und konnte ihn für diese neue Herausforderung begeistern.

Fred schaute sich um: „Mir gefällt es auch, hier so nah Fluss zu sein. Das ist eine schöne Metapher für den Verlauf des Lebens. Von der Quelle an fließen wir durch unser Leben, bis wir irgendwann in einem Meer oder in einem größeren Fluss aufgenommen werden.“ „Ja. Und der Platz hier bei der Mühle steht für einen Abschnitt des Lebens. Es ist die Gegenwart, ein Zeitabschnitt, in dem wir gerade verweilen. Vielleicht spüre ich auch die Kraft, die der Fluss bis hierhin angesammelt hat. Stark genug, um die Räder anzutreiben. Es ist vergleichbar mit unserer Lebenserfahrung, die unsere Arbeit antreiben wird. Ich glaube, es ist gut sich daran zu erinnern, wo man herkommt und dass man noch ein Stück weg vor sich hat.“ „Da hast du mir viel voraus, Hubertus. Ich bin erst dreißig Jahre alt und du sechzig. Ich bin ein kleiner Fluss, wie die Wümme hier, und du bist wie die Weser, die bei Bremen schon zu einem Strom herangewachsen ist.“ Hubertus lachte: „Da hast du recht. Schau: Die kleine Wümme ist stark genug, um das Korn zu mahlen oder die Baumstämme zu sägen. Während die Weser breit und träg dahinfließt, treibt ihr Wasser im Rhythmus der Gezeiten mal abwärts und mal aufwärts. Viel ruhiger, gemächlicher.“ „Aber mit viel mehr Erfahrung,“ ergänzte Fred. „Genau deshalb sind wir als Berater mit an Bord. Wir brauchen beides. Die Kraft, um die Räder anzutreiben, und die Erfahrung, um die richtigen Wege einzuschlagen. Ach, schau, da kommen noch zwei ruhige und erfahrene Menschen.“ Beate und Benni kamen vom Parkplatz. Beide waren im Seniorenalter und gingen kraftvoll auf Hubertus und Fred zu. Sie begrüßten sich mit einer Corona konformen Ellbogen-Berührung.

„Das ist ein herrlicher Ort. Es liegt viel positive Energie in der Luft. Ganz anders als unsere Büros in Rotenburg“, sagte Beate. Fred dachte, dass die Menschen im Alter wohl eine andere Wahrnehmung der Wirklichkeit haben. Er betrachtete die alten Gebäude und die Felder rundum. Im Vergleich zu den Hamburger Büros ist es ein unendliches Angebot an Raum und Ruhe. Hier würde er im kommenden Jahr mit einige neuen Kollegen arbeiten. Sie würden kreativ und zugleich kritisch sein. Ideen entwickeln und prüfen. Sie würden junge Unternehmen begleiten, die von Hubertus und seiner Venture Capital Group, mit Kapital ausgestattet wurden.

„Kommt ruhig rein“, rief eine Frau. Es war die Vorsitzende des Mühlenvereins, der einige Räume an dieses neue Team vermietet hatte. „Der Kaffee ist fertig und ich habe etwas Kuchen dazugestellt. Fühlt euch wie zuhause. Das seid ihr doch sowieso schon bald. – Die Masken braucht ihr nicht, ihr seid ja unter euch. Wenn ihr später geht, zieht einfach die Außentür ins Schloss.“ „Darf ich meinen Freunden die Mühle zeigen?“ fragte Hubertus, der die bisherigen Gespräche mit dem Verein geführt hatte. „Ja, natürlich. Ich sage ja, wie zuhause. – Ich habe heute noch Besuch. Also, leider keine Zeit für euch. Aber, Hubertus, du kennst dich doch aus. Ich sag…