Die Garotte
Christoph Hofmański
Christoph Hofmański (Jg. 48) war nach einer Zeit im Management eines IT-Unternehmens als Dozent in den Fachbereichen Kommunikation und Mitarbeiterführung, außerdem als Coach und Supervisor tätig. Seine Klienten waren Unternehmer, Trainer, Coache und Personalentwickler. Die Erfahrungen aus der Praxis nutzte er in den 90ern für die Entwicklung der „Tiefenmotivations-Analyse“. Auf der Grundlage der in Praxis und Theorie gefestigten Erkenntnisse gründete er 2005 das Institut für Persönlichkeitsorientiertes Management, Görlitz. Er ist nach wie vor als Berater tätig und will mit seinen Büchern das Wissen weitergeben.
Persönlichkeit
237
9783946373995
11.01.2022
Deutsch
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Die Garotte
Eine Garotte ist eine Vorrichtung, mit der die Luftröhre langsam zusammengepresst wird, bis das Opfer erstickt. Sie wurde als Folter- und als Hinrichtungsinstrument genutzt. Wilfried hatte entschieden, sich auf diese Weise von Elvira zu trennen. Es würde hinter dem einsam gelegenen Schuppen geschehen, wo sie sich das erste Mal geliebt hatten. Wie viel Verzweiflung ist nötig, damit wir unsere Empathie abschalten, alles Mitgefühl verdrängen und wie ein kalter Roboter nur noch das machen, was uns als einziger Ausweg erscheint?
Umschlaggestaltung + Foto: Olaf Dreier, Scheeßel
Leseprobe
Elvira schnarchte. Bis weit nach Mitternacht hatte sie auf und über ihn geschimpft. Immer wieder die gleichen Fragen gestellt, die gleiche Verachtung gezeigt. Seit Jahren wiederholten sich ihre Anklagen, ihre dummdreisten Vorwürfe. Er sei ein Schlappschwanz. Unfähig für die Familie zu sorgen. Zehn Jahre Einkäufer für diese kleine Klitsche. Jede Menge Überstunden. Was für eine lächerliche Karriere. Und trotzdem Geldsorgen bis zum Abwinken. Immer wieder die Mahnungen. Jetzt fordert die Bank, dass das Konto sofort ausgeglichen wird. Er würde es schon hinkriegen? Hah! Wie, denn? Du Spinner. Du kannst nichts und du bist nichts. Irgendwann war sie inmitten eines Satzes eingeschlafen. Wilfried grinste. Eintausendfünfhundert Euro hatte er gerade gewonnen. Black Jack. Früher musste er in ein Casino fahren. Dank Internet ist die Welt einfacher für die Spielsüchtigen. Ja, ihm war bewusst, dass es eine Sucht ist. Manchmal konnte er sich bremsen, nächtelang nicht oder nur mit kleinem Geld spielen. Doch, nach ihren Schreiattacken ging er ein höheres Risiko. Sozusagen als Ausgleich, um dem Schicksal eine Chance zu geben. Ihre Wutanfälle und seine Spieleinsätze häuften sich. Glück im Spiel ist eine unberechenbare, doch mögliche Option, während Pech in der Liebe die berechenbare Konstante ist. Wilfried drehte sich auf die andere Seite. Sein Wecker würde in zwei Stunden piepen.
Es war Mitte Mai. Elvira hatte den Frühstückstisch gedeckt und wartete auf Wilfried. Auch wenn man miteinander streitet, man braucht die Regelmäßigkeit. Etwas, auf das man sich verlassen kann. Und am nächsten Morgen muss alles vergeben sein. Er sollte wenigsten die Chance haben, sich zu verändern. Die beiden haben ihren Alltag gut organisiert. Zu Beginn ihrer Ehe, vor zweiundzwanzig Jahren, hatten sie ein älteres Haus in Ottersberg, in der Nähe von Bremen, gekauft. Ulli, ihr Sohn studierte in Heidelberg. Sie sahen ihn nur selten. Elvira war Verwaltungsangestellte an der Kunsthochschule in Ottersberg. Zehn Minuten mit dem Fahrrad. Seit Ulli damals zum Gymnasium wechselte, konnte sie wieder mitarbeiten. Sie arbeitete halbtags und verdiente genug, um die Kosten für Essen und Trinken und für den Garten bezahlen zu können. Das gab ihr anfangs etwas Sicherheit. Doch dann häuften sich die Mahnungen für die Rechnungen, für die Wilfried zuständig war. Haus, Klamotten, Heizung, Strom, Urlaub, Steuern, Versicherungen und die monatlichen Überweisungen an Ulli. Irgendwas klemmte immer.
Wilfried kam aus dem Bad und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Wie immer, wenn sie an den Arbeitstagen zusammen frühstücken: „Guten Morgen, Schatz.“ „Moin. Liebster.“ „Ich habe die Neunhundert an Ulli heute Nacht noch überwiesen.“ Sie nickte: „Gott-sei-dank.“ „Um die Bank kümmere ich mich nach Pfingsten. Ich bekomme noch fünftausend Euro Provision. Also haben die das Geld noch vor Ende des Monats. Dann haben wir Ruhe vor denen.“ „Ich habe einfach Angst, dass wir irgendwann auf der Straße sitzen. Immer diese Unsicherheit. Das halte ich nicht aus.“ „Ich weiß“, sagte Wilfried und er fühlte eine Ruhe, die ihn selbst überraschte. Es ist zu entscheiden. Elvira oder das Spiel. Er schaute sie seltsam lächelnd an und dachte: ‚Noch einmal so eine Nacht und du wirst sterben. Ich werde dich langsam und sorgfältig erdrosseln. Du wirst mich dabei ansehen und nur noch röcheln. Bis es vorbei ist.‘ Sein Blick verwirrte sie. „Was ist los? Was denkst du?“ Er betrachtete sie, wie man Gegenstände, Pflanzen oder auch Tiere begutachtet. Distanziert, beurteilend, als fremde Objekte. Elvira war älter geworden. Immer noch schlank, trotz ihrer fast fünfzig Jahre kaum Falten im Gesicht. Sie pflegte sich. Ihre Kleidung war konservativ, eigentlich unpassend für eine Kunsthochschule. Aber sie wollte es so. Immer ordentlich sein und nicht auffallen. Sie fragte noch einmal: „Was ist?“ „Nichts. Ich bin schon in Gedanken bei der Arbeit. Wir bekommen ein neues Produkt. Da habe ich ein Meeting mit dem Lieferanten, nachher um Zehn.“
Eigentümer der Top-Present GmbH, Rotenburg an der Wümme, waren Benjamin und Beate. Heute, am Dienstag, würden beide im Büro sein. Das war normalerweise für Wilfried kein Problem. Aber am Vormittag war die wichtige Verhandlung über die Wireless Schnell-Lade-Pad. Und die wollte er doch lieber alleine führen, ohne die Chefs, denn bestimmte Absprachen sind notwendig, damit die Provisionszahlungen indirekt an ihn fließen konnten. Meistens ließ er zehn Prozent als Provision in den Endpreis einrechnen. Für diesen Auftrag hatte er die Fünftausend einkalkuliert, die er noch in diesem Monat brauchte.
Wilfried wehrte sich gegen diesen inneren Druck am liebsten mit hoffnungsvollen Träumen. Das gelang seltener. Er musste Geld beschaffen, weil er viel zu selten Glück im Spiel hatte. Das war ihm klar. Aber einfach aufzuhören oder wie manche Leidensgenossen…