Der Tag des Beils - Teil 1
Bäume schlägt man nicht
Mobo Doco
Romantik, Cyberpunk, Science Fiction, Alltagspunk und Dieselpunk in Kombination - Das gibt es nicht? Doch, gibt es - und es ist hier zu lesen... Mobo Doco konzentriert sich auf seine Werke. Zwischen den unruhigen Jahrzehnten aufgewachsen, mag er die Zurückgezogenheit. Er denkt und schreibt über Vergangenes, Aktuelles und Zukünftiges: bei texorello.org.
Action
278
9783946373049
14.04.2021
Deutsch
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Der Tag des Beils - Teil 1
Weihnachten, Jahreswechsel, Lichterfest ohne Drohnen - das geht gar nicht. Ohne modernste Technik sind Festivitäten jeglicher Art nur noch ‘historischer Klamauk’. Wer heute keine Kerzen an den Weihnachtsbaum steckt, die sich mit dem Smartphone steuern lassen, ist definitiv von vorgestern - und Drohnen sind in dem modernen Haushalt die notwendigste Hilfe überhaupt. Früher, in der alten Zeit, da haben noch Hunde die Post vom Briefkasten geholt. Ja, und manchmal haben sie auch den Briefträger gebissen. Heute ist dafür die Hausdrohne zuständig. Die beißt den Postboten nicht mehr, sie verpasst ihm maximal einen neuen Haarschnitt: das ist Fortschritt!
So oder so ähnlich hat sich das der aus der Spitzenpolitik geflüchtete Attila in seinem Versteck im Spreewald auch gedacht. Kaum ist sein Gastgeber aus dem Haus, bereitet er auf eine sehr eigenwillige Art und Weise die Feiertage vor. Langeweile kann er nicht ertragen. Aus diesem Grund lenkt er sich mit allerlei technologischen Artefakten ab, die ihm auf dem Matz-elemec-Hof über den Weg laufen. Da summt und hüpft so einiges in Gurkengläsern. Alles, was man in modernen Bauernhäusern so finden kann, ist hier ver- und gesammelt. Attila muss es nur befreien…
Leseprobe
Attila sitzt in elemec’s Küche, sieht aus dem Fenster und beobachtet, wie die gesamte Landschaft innerhalb weniger Tage in den Winterschlaf verfällt. Neben ihm summen gefangene Drohnen in großen Gläsern. Es sind schon einige Tage vergangen, seit sein Gastgeber das letzte Stück vagabundierender Technik eingefangen hat. Der letzte Fund sieht seltsam aus. Die vier Rotoren sind schwenkbar. Matz sagt, die Navigationseigenschaften lassen sich damit bedeutend steigern und das kleine Fluggerät muss für beschleunigte Vorwärtsbewegung nicht mehr gekippt werden. Interessiert hat Attila assistiert, als der Sender entfernt und Konstruktion und Elektronik dokumentiert wurde. Das war vor mehr als zwei Wochen. Jetzt sitzt er neben dem Gurkenglas, in dem die Drohne gefangen ist und beobachtet die Nebelschwaden, die hinter den Fenstern über die Kanäle ziehen. Matz ist zu einer Konferenz in die große, bunte Stadt gereist. Um das ‘get-together’ nicht zu verpassen, übernachtet er dort. Attila ist für drei ganze Tage allein auf dem Hof im dunstig-feuchten Nichts und langweilt sich gewaltig. Um ihn herum summen die gefangenen, technologischen Artefakte in ihren Gläsern.
Plötzlich hat Attila eine Eingebung. Eine Idee drängt sich ihm auf und setzt sich in seinem Kopf fest. Dort bläht sich diese zu einem riesigen, bunten und glänzenden Ballon auf. Sie nimmt nach kurzer Zeit allen Denkraum in seinem Hirn ein und überstrahlt jeglichen anderen Gedankengang: Er wird ein ‘Drohnen-Theaterstück’ aufführen. Hier in der Küche des elemec-Hofes wird er die legendäre Luftschlacht nachstellen, in der der Rote Baron sein Ende fand. Da es noch keinen Gerichtshof für Rechte von Technik gibt, wird er bestimmt nicht wegen Ausbeutung von gefangenen Drohnen belangt werden. Wegen dieses Spaßes wird er nicht weiter flüchten müssen. Ein Grund mehr, dieser Idee nachzugehen und dem Vergnügen freien Lauf zu lassen. Schnell sind die Drohnen aus ihren gläsernen Gefängnissen befreit. Freudig summen sie im Raum umher. Nur die langen, dünnen Kabel, ihre Lebensadern zu den Energiestationen, hindern sie daran, sich zu entfernen und in die endgültige Freiheit zu entschwinden. Diese Verbindung ist so etwas wie eine Fußfessel bei menschlichen Gefangenen. Sie hindert Attila jedoch nicht bei der Verwirklichung seines Choreographie. In einem der Bücherregale findet sich der Tatsachenbericht über das Ableben von Richthofen. Attila skizziert den Verlauf des letzten Kampfes auf einem Blatt und überlegt, wie er den Drohnen beibringen kann, sich entsprechend seiner Anweisungen zu verhalten. Er hat noch nie ein Programm von innen gesehen. Matz sagt immer wieder Worte wie ’embedded’ und ‘micro controler’. Was ein Controller ist, weiß Attila und Betten kennt er auch. Wie die in Zusammenhang mit der Bewegung von faustgroßen Fluggeräten zu bringen sind, kann er sich auch nach mehreren Wochen Aufenthalt bei Matz noch nicht vorstellen. Nachdem Attila ihm seine Erlebnisse der letzten Monate erzählt hatte, sagte Matz zu dem Thema Drohnensteuerung nur noch: “Ist auch besser so, du kannst damit gar nichts anfangen.” Mit der Erklärung, dass er zuerst noch bezüglich seiner gesellschaftlichen Einstellung gefestigt werden müsse, konnte Attila noch viel weniger anfangen. Nun ja, elemec ist ein Freak, was soll er da erwarten. Dessen Aussprüche sind von Natur aus unverständlich für Normalmenschen wie ihn. Diese simple Erklärung beruhigte Attila vor einigen Wochen. Bei der Lösung seines aktuellen Problems hilft sie ihm jedoch nicht. Irgendwie muss er die Drohnen steuern und ihnen seinen Willen - seine Choreographie des legendären Luftkampfes - aufzwingen. Die Flugtechnik war so etwas wie ‘halbintelligent’. Matz nennt das immer ‘autonom’. Zuerst war Attila die Verbindung von Autonomen und Intelligenz nicht als möglich erschienen. Sein tägliches Erleben der Vergangenheit lehrt ihm etwas Anderes. Nach und nach verstand er, dass die Autonomie, die Matz meinte, nichts mit den Autonomen, die er aus der großen, bunten Stadt kannte, zu tun hat. Autonome Drohnen können sich unabhängig von Befehlen bewegen, in der Luft halten. Sie tun ‘autonom’ nichts weiter, als nirgendwo anzustoßen/zu kollidieren. Dabei gehen sie jedem und allem aus dem Weg: anderen Drohnen, Einrichtungsgegenständen und Menschen. Attila erinnert sich, welche Mühe er hatte, in seiner ausgebrannten Wohnung in Storkow die Drohne mit einer Bratpfanne zu erschlagen. Immer wieder war sie ihm ausgewichen. Erst, nachdem er sie in eine ausweglose Lage in eine Ecke der Küche gedrängt hatte, konnte er das technische Insekt erlegen.
Diese Erinnerung bringt ihn jetzt auf eine Idee: Federballschläger! Mit diesen kann er die Drohnen dirigieren. Lange kramt er durch die Schränke des großen Hauses. Nach etwas mehr als zwei Stunden wird er fündig. Die Schläger sind aus gebogenem Leimholz: elegant aber schwer. Seine Ziele wird er trotzdem mit ihnen erreichen. Das Netz aus Plastikfäde…