Von einem, der auszog, das Fürchten zu lehren
Eine Dacapo-Episode
Mobo Doco
Romantik, Cyberpunk, Science Fiction, Alltagspunk und Dieselpunk in Kombination - Das gibt es nicht? Doch, gibt es - und es ist hier zu lesen... Mobo Doco konzentriert sich auf seine Werke. Zwischen den unruhigen Jahrzehnten aufgewachsen, mag er die Zurückgezogenheit. Er denkt und schreibt über Vergangenes, Aktuelles und Zukünftiges: bei texorello.org.
Action
116
9783946373025
05.09.2021
Deutsch
2
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Von einem, der auszog, das Fürchten zu lehren
Deutsche Behörden und Geheimdienste waren immer schwer beschäftigt, das ist schlicht eine deutsche Tugend. Gerade die Geheimdienste schliefen nie, schon aus Prinzip! In der Mark Brandenburg, in Storkow, waren unerklärliche Dinge geschehen. Es war für den Dacapo an der Zeit, für Ordnung und die Durchsetzung der Staatsgewalt zu sorgen.
Leseprobe
Heinz, der Dacapo, stand vor dem Getränkeautomat. Der war ganz hübsch, fand er. Große braune Tropfen und ein Strahl von Koffeinbrause ergossen sich über die Seitenwand und ein überdimensionales Glas fing diese auf. Das stimulierte ihn visuell in solchem Maße, dass er sich bei jeder Automaten-Passage genötigt sah, das Gerät zu benutzen und eine der kleinen, gekühlten und stark überteuerten Dosen zu kaufen. Er fand selbst, dass das zwanghaft war. Manchmal, wenn er kein Kleingeld bei sich hatte und er dem Zwang nicht nachkommen konnte, versuchte er den Automaten im Gebäude auszuweichen: gar nicht so einfach in einem Labyrinth aus Gängen, die systematisch mit den Geräten gespickt zu sein schienen. Er hatte bereits vermutet, dass der Maler bei deren Aufstellung seine Hände im Spiel gehabt hatte. Dem traute er prinzipiell alles zu. Die Ausweichaktionen des Dacapo glichen den Schleichfahrten eines U-Bootes, das versuchte, den Kontakt mit drohenden Wasserbomben und Zerstörern zu meiden. Als Sonar-Ersatz hatte er sich einen Gebäudeplan mit den markierten Positionen dieser großen, schwarzen Kästen in seinem Smartphone gespeichert. Sie sprengten zwar keine Boote aber seine Geldbörse. Damit waren die Getränkeautomaten in die gleiche Gefahrenklasse einzustufen. Als Ermittler und Greifer eines Geheimdienstes kannte er sich mit Klassifikationen dieser Art bestens aus.
Heute hatte Heinz Geld im Portemonnaie, niemand war in den Büros auf dem unteren langen Gang des BKA-Gebäudes UND er hatte nichts zu tun. Letzteres war ein Zustand, der ihn nervös machte. Es konnte nicht sein, dass das Verbrechen aktuell ruhte. Dies gab es nicht. Es hatte sich vor ihm versteckt, war auch auf Tauchfahrt. So blieb ihm nichts weiter übrig, als sich mit einer gekühlten Dose Limonade zu amüsieren, bis ein Einsatz kam. Sonntage konnten gewaltig langweilig sein. Er lief durch das ehemalige Kasernengebäude, das dem BKA als Quartier diente. Am Ende des Ganges, den vor Jahrzehnten Rekruten mit aufgeregt-geregeltem Durcheinander bevölkert hatten, stand ein Getränkeautomat. Hinter dem hübsch verzierten Gerät führte eine Treppe zu einer kleinen Eingangshalle. Ihre großen Glastüren ließen die Blicke aus dem trüben Halbdunkel ungehindert auf den grünen Innenhof fliehen, der heute sonnenbeschienen war. Zwischen dem Dacapo und seinem elektromechanischen Etappenziel befand sich kein Hindernis, nur einige Meter leeren Ganges. Er schmeckte bereits die Orange in der Limonade und beschleunigte in Erwartung einer Abwechslung seine Schritte. Während des Laufens zog er seine Geldbörse aus der linken Innentasche seines schweren, langen und schwarzen Ledermantels. Die großen blauen Schulterklappen leuchteten im Halbdunkel. Eine Batterie, die er vorsorglich jeden Tag lud, versorgte die Leuchtfolie zuverlässig mit Energie. In der Vergangenheit hatte es nur ein einziger Kollege gewagt, ihn wegen seines Aufzuges ‘Zirkuspolizist’ zu nennen. Einen Tag später hatte der Dacapo dafür gesorgt, dass dieser Kollege ihm als Partner bei einem Einsatz zugeteilt wurde. Zwei Tage später hatte sich dieser auf eigenen Wunsch in die gefahrlose Aktenregistratur versetzen lassen, war wegen psychischer Instabilität für zwei Monate beurlaubt und auf einen Bauernhof gesandt worden. Heinz war der Dacapo - er war die mächtige Verkörperung der Staatsgewalt. Er war gewaltig. In diesem Augenblick wurde er gewaltig von einem Getränkeautomaten angezogen.
Als das erste Zweieurostück im Münzschlitz des Gerätes verschwand, war die Welt noch in Ordnung. Vor der Tür, am Ende des Ganges, schien die Sonne. Hinter der Glasscheibe des Automaten leuchtete das Licht der Verheißung. Einen Augenblick später brach für Heinz die Welt zusammen. Anstatt des rollenden Geräusches, das sich in den Tiefen des dunklen Kastens verlor, erklang nur ein kurzes ‘Rrrrlll-klick’. Aus, vorbei. Die Hand mit der zweiten Münze, die bereits erhoben war, verharrte in der Luft. Heinz sah verdutzt den Automaten an. Er hätte ein ‘Rrrrrllllrllrllrrlllll-klick-klick-klack-rllll-ggggrrr-klack’ erwartet. Natürlich war er als Power-User mit den Eigenheiten und Geräuschen der Technik bestens und intensiv vertraut. Schließlich diente sie der Befriedigung seiner Zwänge. Das rechte Ohr an die Seitenwand des Gerätes gelegt, versuchte er, jeden Laut hinter der Blechfassade zu erfassen. Vielleicht hatte ein Techniker bei der letzten Wartung mehr Öl als sonst genutzt und die Verdauung der Münzen ging jetzt wesentlich geräuschloser vonstatten, als noch vor einer Woche. Es war nichts weiter zu hören, als ein leises Brummen, offensichtlich von der Kühlung. Als er sich wieder der Front des großen, stummen Kastens zuwandte, flimmerte von links nach rechts über die Leuchtanzeige unter dem Münzschlitz das Wort ‘Störung’. Zuerst irritierte ihn nur die hohe Geschwindigkeit und das flackernde Hüpfen der Schriftzeichen. Etwas später wurde ihm bewusst, dass der Getränkeautomat k…