; Anleitungen sind für Dumme

Anleitungen sind für Dumme

Auf der dritten Bewusstseinsstufe erlangt man Einblicke in sein Gefühlsleben.
Die emotionalen Aspekte drängen sich in den Vordergrund.

An der Haltestelle der Buslinie 296 ist eine große Menge müder Menschen zusammengekommen, die an diesem Abend nur noch ihre Schlafburgen erreichen möchten. Der schmale Raum vor der überdachten Bank kann sie nicht fassen, die Wartenden quellen über den Bordstein und einige von ihnen warten bereits auf der Fahrbahn auf den nächsten Bus. Entgegen der weltweit üblichen Verhaltensweise an solchen Örtlichkeiten bilden sie nicht eine Reihe, sondern stehen in einem großen, ungeordneten Haufen zusammen. Mehr als einer von ihnen hält nervös nach dem nächsten Bus Ausschau, um bei dessen Erscheinen so schnell wie möglich auf die Eingangstür zu stürmen. Wer zuerst eintritt, bekommt eventuell noch einen Sitzplatz. Berlin ist nun einmal anders und die hiesigen Gebräuche an Haltestellen sind es ebenfalls.

Der Dacapo hält sich im Hintergrund und an seinem Karton fest. Er beobachtet die Vorbereitungen der anderen Wartenden zum Sturm auf den Bus. Leicht in den Knien wippend, prüft er das Gewicht seiner Magnum Desert Eagle. Zu seiner vollen Zufriedenheit spürt er dabei deutlich die schwere Pistole im Rückenholster seines Ledermantels. In dem Falle, dass der Kampf um die Sitzplätze entartet, möchte er vorbereitet sein. Als Vertreter des staatlichen Gewaltmonopols gilt es dieses durchzusetzen und die öffentliche Ordnung erhalten zu können. Ganz sicher wird er als Letzter einsteigen und die gesamte Evakuierung der Haltestelle überwachen. An deren anderen Ende - dort, wo sich die hintere Tür des Busses bei dessen Stopp befinden wird - steht eine grau gekleidete Gestalt. Sie trägt einen einfarbigen, elastischen Anzug, der den gesamten Körper bedeckt und jede Rundung auf die unvorteilhafteste Weise betont. Selbst ihr Kopf ist von einer grauen Sturmhaube verhüllt. Auf der Brust ist in einem etwas dunkleren Grauton der Schriftzug 'rocket snatch' zu lesen. Einige seiner Haltestellennachbarn halten den Verkleideten deshalb für vulgär, andere für verrückt. Ein kleines Kind zeigt mit ausgestrecktem Finger auf ihn und kichert leise. Niemand hält ihn für gefährlich, jedoch halten alle argwöhnisch Abstand. Den Verkleideten stört das nicht. Ganz im Gegenteil - er scheint diese Reaktion gewöhnt zu sein und sich in der Aufmerksamkeit zu sonnen, die er auf sich zieht. Auf dem Rücken trägt er zwei Rollen breiter, weißer Stoffbänder. Diese sind zusammengebunden und hängen in Form einer großen Birne wie ein Rucksack hinter dem rocket snatch. Über die rechte Schulter hat er ein dickes Bündel eines dunkelroten Kletterseils geworfen. Dieses ist vorbildlich geschnürt, damit es sich bei Bedarf schnell ausrollen lässt. Obwohl es in der großen, bunten Stadt keine Felsen gibt, wundert sich niemand darüber. Berlin ist nun einmal anders und verrückte Zeitgenossen gehören zum ganz normalen Stadtbild. Hier tobt ununterbrochen der Punk und lotet immer wieder alle erdenklichen Höhen und Tiefen der Absurdität aus. Da den Bewohnern jeglicher Maßstab der Normalität abhandengekommen ist, stört sich natürlich auch niemand an dem grauen Metallkasten, den der Verkleidete in der linken Hand trägt. Größer als ein Geigenkasten, rußig und auf einer Seite leicht angesengt, sollte das Behältnis keinen vertrauenerweckenden Eindruck hinterlassen - die Berliner tolerieren alles.

Der Dacapo kann den rocket snatch von seinem Standpunkt aus nicht sehen. Es trennen sie zu viele der anderen, wartenden Berliner und obendrein noch die überdachte Sitzbank. Es ist ohne Zweifel dieselbe Gestalt, die ihm vor einigen Minuten den Garantieschein des Brotbackautomaten entwendete. Wie immer gilt auch hier: Aus den Augen, aus dem Sinn. Alle Anwesenden haben ausschließlich Blicke für die Seite der Straße, auf welcher der sehnsüchtig erwartete Bus schon längst hätte erscheinen müssen. Der Fahrer der Linie 296 lässt sich Zeit oder ist aufgehalten worden. Armbanduhren werden nervös in Sichthöhe gehoben und leise Flüche quälen sich aus der Menge hervor und hinauf in den Abendhimmel. Umsteiger fürchten um das pünktliche Erreichen ihrer Anschlussbusse und -bahnen. Der Dacapo bleibt ruhig. Schließlich wird die Fahrt ihn direkt an dem Wohnblock vorbeiführen, in dem sich sein Zuhause befindet. Umsteigen müssen nur die anderen. Als dann endlich der Bus vorfährt und die Pressluft beide Türen zischend auseinander schiebt, stürzen in der ortsüblichen Art und Weise alle Wartenden gleichzeitig auf die beiden Tore der Verheißung zu. Viel zu lange mussten sie auf diesen Augenblick warten. Das Überengagement der Menge wird damit zumindest etwas erklärbar. Während der Dacapo wartet, bis sich das Gedränge an der vorderen Eingangstür gelegt hat und als Letzter einsteigt, springt der rocket snatch sofort auf die hintere Tür zu. In dem Wettlauf um die Sitzplätze erreicht er den Eingang natürlich als einer der ersten, noch während der sich öffnet. Der rocket snatch drängt sich in den schmalen Spalt, der das Innere des Nahverkehrsbusses freigibt. Dabei verfängt sich eine Schlaufe des Kletterseils im Arm eines anderen Dränglers und der Metallkasten, den er in der linken Hand trägt, gerät in die Mechanik der Falttür. Diese zeigt die Betriebsstörung mit einem stöhnenden Quietschen an. Der rocket snatch steckt in der halb geöffneten Tür fest. Hinter ihm drängt die Gruppe der Drängler weiter auf den versperrten Eingang zu. Ist eine Menschenmenge erst in Bewegung geraten, kann man sie so schnell nicht wieder zum Stillstand bewegen. So baut sich ein mächtiger Druck im Rücken des grau Gekleideten auf, der reglos in der Tür hängt. Aus der Menge brechen sich laute Äußerungen des Unmuts ihren Weg in dessen Richtung.

"Was ist denn los? Warum geht der nicht hinein?"

"Stimmt mit dem Bus etwas nicht?"

"Kann nicht einmal jemand den grauen Clown da entfernen?!"

Die Schultergelenke des rocket snatch knacken deutlich vernehmbar unter der Belastung des hohen Drucks. Trotzdem lässt er weder das Kletterseil, noch den angesengten Metallkasten los. Verbissen hält er seine Ausrüstungsgegenstände fest in beiden Händen und sie fixieren ihn in der Öffnung. Wie eine große, hässliche Spinne in der Mitte ihres Fangnetzes, hängt er weiterhin in der Tür und versperrt den Durchgang. Während im vorderen Teil des Fahrzeuges die Fahrgäste einer nach dem anderen einsteigen, beginnt an dessen Ende eine Prügelei. Das ist nicht ortsüblich, jedoch inzwischen eine mehr oder weniger übliche Reaktion auf ein Informationsdefizit. Am Rand der drängenden Menschenmenge ist die Ursache für die Verzögerung nicht erkennbar. Deshalb kommt in den schlecht informierten Regionen die Vermutung auf, dass an der Spitze einige der Drängler nicht wirklich 'bei der Sache sind' und sich nicht ausreichend für das gemeinsame Ziel ins Zeug legen. Einen Bus im Sturm zu erobern, ist in jedem Falle eine Gemeinschaftsaktion, die Konzentration, Willen und das volle Engagement aller Beteiligten erfordert. Versteckt sich dabei jemand hinter den Aktivitäten der Mitstreiter und hält sich zurück, erfordert dies sofortige Zurechtweisung und Maßregelung. In beispielhafter, populistischer Art und Weise wird auf Grundlage von Gerüchten ohne weiteres Nachdenken sofort entschieden und gehandelt. Außerdem ist in Anbetracht der kurzen Zeit, die für die Okkupation eines Sitzplatzes zur Verfügung steht, keine Grundsatzdiskussion führbar. So bekommt die schnellere Faust Recht und einen günstigeren Platz im Pulk. Zum Glück für alle Anwesenden legt sich die kurze Aufregung schnell. Zum einen haben die im vorderen Teil Einsteigenden fast alle Plätze bereits belegt und zum anderen gibt die pneumatische Tür den Metallkasten des rocket snatch mit einem lauten Krachen frei. Dieser fällt polternd in den Eingangsbereich hinter der Tür. Instinktiv rollt er sich zur Seite und kommt auf seinem Metallkasten zum Sitzen. Das ist sehr niedrig und unbequem, rettet ihn jedoch davor, unter die Füße der nachdrängenden Menge zu geraten. Ja, er führt ein aufregendes Leben. Der Weg zur Spitze ist nicht einfach und schon gar nicht ungefährlich. Auf jeden Fall hat er den Einstieg in den Bus überlebt, der ihn zum Ort seines nächsten Abenteuers bringen wird. Dieses soll seinen Ruf in der Unterwelt festigen und ihn in der großen, bunten Stadt so bekannt machen, dass kein Kind mehr kichernd mit dem Finger auf ihn zeigt. Der rocket snatch ist in die Ecke zwischen Tür und Lehne einer Sitzbank gedrängt, sitzt auf seinem Blechkasten und atmet tief durch. Er versucht sich auf den kommenden Auftritt vorzubereiten und seine gesamte Energie darauf zu konzentrieren.

Der Fahrer des Nahverkehrsbusses der Linie 296 ist zufrieden. Nachdem sich der Tumult vor der hinteren Tür gelegt hat und beinahe alle Wartenden eingestiegen sind, möchte er endlich die Türen schließen und abfahren. Wenn der Verkehr auf der Treskowallee halbwegs flüssig ist, kann er die Verspätung noch aufholen. Er hatte schon befürchtet, die Polizei um Hilfe bitten zu müssen. Dann wäre die Fahrt ausgefallen und zu allem Überfluss wären die übrigen Fahrgäste auch noch in den Protestmodus gewechselt. Er kennt diese Art der Gruppendynamik bereits aus ähnlichen Ereignissen der Vergangenheit. Zu seinem Glück hat sich vor einigen Augenblicken der Streit von allein gelegt. Der letzte Fahrgast betritt den Bus durch den vorderen Eingang. Er sieht reichlich merkwürdig aus, trägt einen großen Karton vor sich her und macht keine Anstalten, einen Fahrausweis zu zeigen oder zu erwerben.

"Die Karte."

"Äh - watt willste?"

"Ihre Fahrkarte - bitte!", dabei betont der Fahrer deutlich und langsam das letzte Wort. In dem Ausspruch schwingt bereits ein unüberhörbares Drängen mit, er möchte endlich die Türen schließen und abfahren.

"Wieso?"

Diese Ein-Wort-Antwort-Rückfrage macht ihn kurzzeitig sprachlos, mit einer so übersichtlichen Reaktion hat er nicht gerechnet. Dass die Benutzung von Nahverkehrsmitteln mit einem gültigen Fahrausweis verbunden ist, hält er für einen der billigsten Teile des Allgemeinwissens. Aus seiner Sicht wird dies bereits vererbt und muss nicht mehr erlernt werden. Jedes Kleinkind weiß heute, dass es für die Beförderung mit einem öffentlichen Bus einen Fahrschein lösen muss. 'Der will mich ärgern oder sich über mich lustig machen!' In beiden Fällen passt dem Fahrer das gar nicht und sein Unmut über die Verzögerung wandelt sich langsam in eine Wut auf den Kartonträger im langen, schwarzen Ledermantel. Er richtet sich gerade in seinem Sitz auf, atmet tief durch und antwortet seinem Gegenüber sehr laut.

"So, jetzt lösen sie einen Fahrschein und für ihr Übergepäck noch eine Fahrradkarte!"

Ja, er kann auch förmlich. Auf diese Art muss er sich nicht kommen lassen.

"Hä? Fahrrad? - Hab ick nich. Blind oder watt?"

"Sie nehmen mit dem Karton so viel Platz in Anspruch, wie mit einem Fahrrad. Also zahlen sie auch dafür."

"Det Pappding hat keene Räder - is also ooch keen Drahtesel."

"Das ist mir jetzt völlig egal: Sie kaufen sofort zwei Fahrkarten oder sie steigen aus!"

Natürlich ist das übertrieben, nicht fair und auch noch sehr direkt und so gefällt es dem Dacapo gar nicht. Hatten die Ereignisse um den Sturm auf das Transportmittel ihn kurzzeitig seinen Hunger vergessen lassen, meldet sich dieser nun sehr unmissverständlich zurück. Ob das deutlich vernehmbare Knurren von seinen leeren Eingeweiden oder von der bellenden Miezi verursacht wird, kann er nicht unterscheiden. Den Magenkrampf kann er jedoch eindeutig zuordnen. In der Summe ist das zu viel für diesen Abend. Schlechte Laune beginnt in ihm die Oberhand über die Verwirrung zu gewinnen und er brüllt den Fahrer an.

"Ja, bin ick denn hier in Absurdistan?"

Der Ausruf füllt den verbliebenen Freiraum des Busses komplett aus. Sofort verstummen alle Gespräche und sämtliche Köpfe drehen sich nach vorn zum Fahrer. Der nächste Gedanke, der sein Hirn durchzuckt, ist Teil eines unbedingten Reflexes: Er hat heute mit seiner Magnum Desert Eagle noch keinen Schuss abgegeben und hier ist jetzt die beste Gelegenheit, das nachzuholen! Leider folgt die Enttäuschung mit dem zweiten Gedanken: Um nach der Waffe zu greifen, müsste er den Karton abstellen und neben ihm ist kein Platz dafür.

"Steigen sie bitte aus", antwortet der Busfahrer ungerührt.

"Wie jetz? Ick bin vonne Jeheimdienst! Ick binne Staatsjewalt! Ick bin wer, ick hab hier wat zu saagn!"

"Na und weiter? Auch wenn sie der Kaiser von China wären, würde ich sie nicht mitnehmen. Der Bus fährt erst ab, wenn sie ausgestiegen sind."

"Ick bin nich adelich - ick bin jewaltich!"

Unter den anderen Fahrgästen beginnt sich Unmut auszubreiten. Anfänglich fanden einige von ihnen das Geschehen noch lustig. Inzwischen denkt so gut wie jeder nur noch an die Verspätung. Strafende Blicke und fordernde Zurufe treffen den Dacapo.

"Hau ab!"

"Werft den Clown aus dem Bus!"

Als ihn der Mann, der neben ihm im Mittelgang des Busses steht, anrempelt und versucht ihn in Richtung der Vordertür zu stoßen, verliert der Dacapo die Geduld. Er lässt den Karton auf die Füße des dreisten Nebenmannes fallen, der sofort in sich zusammensinkt. Den Freiraum vor sich nutzend, greift der Dacapo mit der rechten Hand über seine linke Schulter und zieht die riesige Magnum Desert Eagle aus der Tasche, die auf den Rücken seines Ledermantels genäht ist. Noch während er die schwere Pistole vor sich in Anschlag bringt und ausbalanciert, angelt er mit der anderen Hand nach seinem Dienstausweis. Er drückt die kleine Plastikkarte, die ihn als Beamten des Polizeigeheimdienstes ausweist, dem Fahrer auf die Nase, richtet die Pistole in den Fahrgastraum und beschlagnahmt den Bus.

"Ruhe jetz! Det Fahrzeuch is beschlachnahmt!", brüllt er in den Fahrgastraum und fügt in normaler Lautstärke hinzu: "Und nu fährt et ohne Stopp inne Mellenseestraße."

Beim Anblick der Waffe verstummen sofort alle Gespräche. Zehn Zoll Lauf und halbzölliges Kaliber klären die Situation - wie immer. Der Mann neben ihm hat es endlich geschafft, den Karton von seinen Schuhen zu schieben. Eingeschüchtert hockt er jedoch weiterhin im Fußraum. Den Kopf im Nacken, starrt er auf das gewaltige, glänzende Stück Metall in den Händen des seltsamen Polizisten. Jedes Auge im Bus ist auf den Dacapo gerichtet. Nur der Fahrer schielt auf die Plastikkarte, die seine Nasenspitze eindrückt.

"Ist gut, ich fahre", stößt er dumpf und trocken hervor.

Er hat nicht mit einer solchen Reaktion gerechnet, niemand hat dies. Der Freiraum um den Dacapo herum hat sich auf einen Schlag vergrößert. Den Karton muss er nicht mehr an seinen Bauch pressen, er kann auf dem Boden stehen bleiben. Es wäre sogar ausreichend Platz für weitere Fahrgäste. Selbst wenn einige noch vor der Tür stehen würden, hätten sie keine Chance mehr für einen Einstieg. Der Fahrer hantiert hastig unter dem großen Lenkrad. Mit einem kreischenden Schnarren quält er dem Getriebe den ersten Gang auf und mit einem mächtigen Ruck setzt sich der Bus hastig in Bewegung. Um so schneller er an der Kreuzung zur Mellenseestraße ist, um so früher verlässt der Wahnsinnige mit der Waffe das Fahrzeug.

Einige der Fahrgäste im hinteren Teil halten die Situation offensichtlich nicht für bedrohlich, haben das Geschehen am anderen Ende des Busses nicht verstanden oder es nicht vollständig sehen können. Als der Bus die erste Haltestelle in hoher Geschwindigkeit passiert, fallen diese situationsbedingt in den Protestmodus.

"Hey! Hallo?!"

"Ich musste dort hinten aussteigen!"

"Sofort anhalten!"

In seiner aktuellen Verfassung rührt das den Dacapo nicht und der Busfahrer traut sich nicht, auf die Rufe und den Haltewunsch zu reagieren, den die Anzeige vor ihm signalisiert. Er blickt stur geradeaus, um die immer noch drohend erhobene Waffe nicht sehen zu müssen. Dann hat er die Haltestelle hinter sich gebracht und mit überhöhter Geschwindigkeit treibt er das große Gefährt durch den abendlichen Verkehr auf der Treskowallee.

Inzwischen hat jeder im Bus die Situation begriffen, so auch der rocket snatch im Fußraum der hinteren Tür. Er richtete sich von seiner Sitzposition auf dem Blechkasten auf, nur wenige Zentimeter. Immer noch hockend, zieht er sich vorsichtig an der Rückwand der nächsten Sitzbank in die Höhe und späht durch die anderen Fahrgäste hindurch nach vorn. Ein einziger Blick auf den Dacapo genügt ihm. Natürlich hat er ihn sofort erkannt, duckt sich und überlegt, ob dessen Anwesenheit einen Vor- oder Nachteil für seine Aktion darstellt. Soll er im Bus bleiben oder diesen sofort verlassen? In Gedanken wägt er die beiden Optionen gegeneinander ab. Für das Ausharren und Abwarten spricht, dass er auf diese Weise den Wohnort seines Zieles sehr einfach finden kann. Er muss nur hinter dem Mann im Ledermantel aussteigen, ihm in sicherem Abstand folgen und wird an den Zielpunkt seiner Aktion gelangen. Damit erübrigt sich das Abtippen der Adresse vom entwendeten Garantieschein in die Navigations-App seines Smartphones. Andererseits birgt die Variante des Abwartens und Folgens die Gefahr, zuvor entdeckt zu werden. Einem angehenden Superschurken macht eine Pistole natürlich keine Angst. Es ist der Spaß, der verloren gehen würde, so als wenn man ein Geschenk zu früh entdeckt und heimlich auspackt... Folgerichtig wählt der rocket snatch die Alternative mit dem Verlassen des Busses. Kurzentschlossen springt er auf und löst die Verriegelung der Tür. Mit einem lauten Zischen entweicht die Druckluft aus deren Schließmechanismus. Er drückt unter den erschrockenen Blicken der dicht gedrängt neben ihm stehenden Fahrgäste die beiden Flügel der Klapptür auseinander, bückt sich, greift seinen Metallkasten und springt aus dem fahrenden Bus. Während dieser hektischen Bewegung gleitet ihm leider das Kletterseil von der Schulter. Die weiten Schlaufen fallen sofort auseinander. Ein Ende des Seils verhakt sich in der Tür und das andere peitscht auf der Straße dem Bus hinterher. Der rocket snatch rollt sich auf dem Asphalt ab, und landet liegend auf dem rußigen Metallkasten. Alle Insassen im Bus haben bei diesem Stunt synchron das Atmen eingestellt. Die Schreie des Entsetzens sind verstummt und viele Augenpaare beobachten, wie die in das graue, enge Ganzkörperkostüm gehüllte Gestalt nach dem Ende des Seils greift. Kurz darauf wird der rocket snatch zum Asphaltsurfer. Der Kasten hüpft polternd über die Unebenheiten der notdürftig gepflegten Berliner Magistrale. Der raue Straßenbelag reibt Späne aus dem Metall, die hinter dem rocket snatch als Funken verglühen. Ihr helles, strahlendes Gelb beleuchtet die abendliche Straßenszene anregend. Jede Passage eines gusseisernen Gullideckels reibt die Metalle übereinander und lässt sie laut kreischen. Die schrecklichen Töne hallen durch die Gänge der Kanalisation und unter den Menschen auf den Gehwegen hinweg. Mehrere von ihnen springen entsetzt zur Seite, da das Kreischen durch Inspektionsschächte unter ihren Füßen nach oben in die Abendluft dringt. Die Insassen im hinteren Teil des entführten Linienbusses regt die gesamte, abendliche Szene zusätzlich auf und provoziert weitere Schreie des Entsetzens. Der rocket snatch hört diesen 'Beifall' nicht, da er anderweitig beschäftigt ist. Schließlich benötigt er das Kletterseil für seine nächste Mission, hält also an diesem fest. Auf dem Blechkasten liegend, wird er von dem Bus über die Treskowallee gezogen. Mehrere Meter hinter ihm tanzt das Ende des Seils wild über die Straße. Der Karabinerhaken, der den Abschluss bildet, schlägt gegen die unterschiedlichsten Gegenstände. Seitenscheiben von am Straßenrand geparkten Autos gehen klirrend zu Bruch und kleine Scherben des Sicherheitsglases regnen glitzernd im Licht der Laternen zu Boden: Insgesamt findet auf der Straße ein herrliches, leuchtendes Schauspiel ab. Dann krallt sich der Haken in einen Müllcontainer, der für die nächtliche Entsorgung bereitgestellt ist. Er bildet damit den Abschluss der Kette, der durch das straffe Kletterseil verbundenen Gegenstände. Die kleinen Rollen unter dem Container rasseln einen Augenblick später schnarrend über die Straße. Endlich löst einer der Passagiere, der im Bus neben der geöffneten Tür steht, geistesgegenwärtig das Seil aus seiner Verklemmung und beendet die Aktion. Daraufhin wird der rocket snatch schnell langsamer, beleibt mit seiner Ausrüstung hinter dem Bus zurück und der Müllcontainer prallt von hinten gegen ihn - mit seinen Rollen ist er etwas beweglicher.

"Au! - Mist!"

Der rocket snatch rutscht an den Straßenrand und landet direkt vor dem Bärenzwinger des Berliner Tierparks. Er hat Glück, dass um diese Zeit und im Dunklen dort kaum noch Passanten auf dem Gehweg befinden. So kann er in Ruhe und ohne störende Fragen seine Ausrüstung einsammeln und sich auf die Suche nach der Mellenseestraße begeben. Sein Smartphone sagt ihm, dass diese sich unweit seines aktuellen Aufenthaltes befindet und geleitet ihn auf dem Weg zu seiner nächsten Schurkerei.

Im vorderen Teil des Busses hat unterdessen ein Fahrgast den Dacapo als Verantwortlicher für den Nothalt der Straßenbahn identifiziert.

"Da, das ist er! Der hat die Straßenbahn zum Bremsen gebracht!"

"Was, wegen DEM habe ich meinen Cappuccino verschüttet?"

Die Fahrgäste beginnen zu rebellieren und eine Welle des allgemeinen Ausbuhens rollt durch das Fahrzeug. Ablehnung und Zurückweisung irritieren den Dacapo seit jeher. Diese drängte ihn vor vielen Jahren, sich der Sache der Gerechtigkeit zu verschreiben. Seit dieser Zeit strebt er nach 'umfassender, allgemeiner Gerechtigkeit'. Immer wieder versteht er nicht, warum so viele Menschen in seiner Nähe dies nicht erkennen und würdigen, warum ihm der Respekt versagt wird. Er versucht sich zu rechtfertigen.

"Ja Leute, ich bin von der Staatsmacht. Ich bin auf eurer Seite", versucht er irritiert zu erklären.

Niemand bemerkt, dass er plötzlich dialektfrei spricht. Ist der Dacapo erregt oder nicht dienstlich unterwegs, spricht er Hochdeutsch. Der Dialekt gehört zu der Tarnung des mächtigen 'Anonymen Zivilen'. Niemand im Bus möchte jedoch seine Rechtfertigung hören, alle Anwesenden haben nur noch ein Ziel: Diese Wahnsinnsaktion so schnell wie möglich zu beenden.

"Was macht die Staatsmacht? - Nichts macht sie für uns: Sonst würden jetzt mehr Busse fahren."

"Ja, bleib uns weg mit deiner 'Staatsmacht'."

"Anhalten und rausschmeißen!"

"Wirf den Kerl endlich aus dem Bus!"

Der Fahrer getraut sich nicht, dieser Aufforderung nachzukommen. Schließlich ist eine Waffe auf ihn gerichtet. Ein Blick durch die Frontscheibe sagt dem Dacapo, dass der Bus sich kurz vor seinem Wohnblock befindet. Er sollte aussteigen. Das kürzt den Fußweg ab und er entkommt den aufgeregten Passagieren. Kurzentschlossen sichert er die Pistole mit einer schnellen Bewegung des rechten Daumens und verstaut sie in dem Holster auf seinem Rücken.

"Ick will hia raus", der Dialekt ist wieder zurück.

Der Fahrer des Busses benötigt einen Augenblick, diesen abrupten Wechsel in den Anweisungen des seltsamen Geheimpolizisten zu verstehen. Als er verstanden hat, dass die bedrohliche Situation sofort beendet werden kann, tritt er mit einem kräftigen Ruck auf Bremse. Abrupt verliert der Bus an Geschwindigkeit. Das schiebt die Fahrgäste im vorderen Bereich zusammen. Im letzten Augenblick, kurz bevor die Welle aus bewegten Körpern ihn trifft, greift der Dacapo nach seinem Karton und springt durch die sich öffnende, vordere Tür des Fahrzeuges. Seine Laune hat nach dem Hungerast des Nachmittags den nächsten Tiefpunkt erreicht. Zu seinem Glück ist er nur wenige Meter vor der Haltestelle, an der er den Bus verlassen wollte, zum Ausstieg gezwungen worden. Seine Wohnung wird er in kurzer Zeit erreichen und dann gibt es frisches Brot. Trotz dieser Hoffnung fühlt er sich mit einem Mal mächtig allein, unverstanden und ungeliebt.

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Angekommen in seiner Wohnung, lässt sich der Dacapo mitsamt des Kartons auf den Stuhl neben der Eingangstür fallen, ohne diese erst zu schließen. Dafür fühlt er sich emotional viel zu tief gefallen. Er ist einfach nur noch erledigt, auf seinem absoluten Gefühlstiefpunkt angekommen. In diesem Augenblick glaubt er, dass es nicht mehr schlimmer werden kann, er nicht tiefer in seinem Selbstverständnis als die Verkörperung des reinen, strahlenden Guten getroffen werden kann. Niemand mag ihn, niemand versteht ihn und obendrein scheint niemand seine ständige Aufopferung für den Erhalt der öffentlichen Ordnung und die Durchsetzung des Rechts zu bemerken. Warum verhalten sich all die anderen Menschen ihm gegenüber so abweisend? Ist er wirklich so unausstehlich, unbedeutend, nichtssagend, so unwichtig für seine Mitmenschen? Oder ist er einfach nur 'anders' und damit ein Aussätziger, ein Freak, der außerhalb der Gesellschaft steht? Er fühlt sich doch als einer ihrer wichtigsten Bestandteile, als ein Grundpfeiler der Ordnung, auf der das gesamte Zusammenleben beruht. Auf jeden Fall kommt er sich gerade so mächtig allein und ungeliebt vor, dass er den starken Hunger vergisst, der ihn nach wie vor quält. Die Geschehnisse um das Ende der Busfahrt haben in seinen Gedanken das Ziel der abendlichen Mission verdrängt. In sich zusammengesunken sitzt er nun schon einige Minuten auf dem Stuhl neben der geöffneten Tür. Den Karton mit dem Brotbackautomaten hält er auf seinem Schoß und mit beiden Händen fest. Sein Kopf ist herabgesunken und das Kinn ruht auf der Oberseite der Verpackung des Gerätes. Bereits kurz nach seiner Ankunft ist das Licht im Treppenhaus erloschen und nun starrt er gedankenlos in die dunkle Leere der Wohnung.

Seit einigen Minuten bleiben die heftigen Bewegungen aus, die die letzten Stunden prägten. Der abrupte Wechsel irritiert die Miezi. Während der hektischen Phase in Supermarkt, Straßengewühl und Nahverkehrsdschungel, pendelte die Manteltasche, in der sich der kleine Hund zusammenrollte, ununterbrochen hin und her. Miezi ist daran inzwischen gewöhnt und übersteht die meisten Abenteuer des Dacapo schlafend. Ein Stillstand der Ereignisse und damit auch der Bewegung, ist dem Tier bisher unbekannt. Etwas, das sich außerhalb der kleinen Welt der Manteltasche befindet, scheint nicht in Ordnung zu sein, aus dem schaukelnden Gleichgewicht geraten zu sein. Natürlich versteht das Tier nicht, dass es sich bei der bedrohlichen Veränderung um den seelischen Zustand seines Herumträgers handelt. Instinktiv wird es unruhig, rollt sich auseinander und beginnt sich in der Tasche zu drehen und zu strecken. Vorsichtshalber deutet es mit einem leisen Knurren der Umwelt seine Existenz an. Die Bewegung in der Manteltasche kommt zur rechten Zeit. Sie schüttelt den Dacapo förmlich aus der tiefen Depression heraus. Mit einem kräftigen Ruck richtet er sich auf, sitzt mit durchgestrecktem Rücken auf dem Stuhl und nimmt das Dunkel und die offene Wohnungstür wahr, durch die das Klappern des Fahrstuhls zu ihm dringt.

"Äh - was ist los?"

Als er verwundert aufsteht, rutscht der Karton von seinem Schoß und fällt auf den Boden. Dort vollführt er drei rollende Überschläge und bleibt nach kurzem Poltern direkt vor der Küchentür liegen. Insgesamt sind das Veränderungen, die Miezi noch unruhiger werden lassen.

"Miezi, gib Ruhe! Gleich gibt es etwas zum Essen."

Da ist es, das magische Wort: Essen! Schlagartig nimmt er die bohrende Leere in seinen Eingeweiden wieder wahr und mit dem Griff zum Schalter beendet er zumindest die Lichtleere im Flur. Der Mantel wandert an den Haken der Garderobe, Miezi springt aus der Tasche und gemeinsam schieben sie den Karton in die Küche. Wobei der kleine Hund nicht davon überzeugt ist, dass der große Kasten etwas Essbares enthält. Dazu riecht er zu sehr nach Maschinenöl und Chemie.

Schnell ist der Brotbackautomat ausgepackt. Mitten auf dem Küchentisch glänzt ein Berg aus schwarzem Plastik und verchromtem Blech. Er sorgt mit vielfältigen Reflexionen des Lichtes der Deckenbeleuchtung für eine Unzahl heller Punkte an den Wänden. Die beiden Anwesenden bewerten dies sehr unterschiedlich. Mit etwas Bewegung würden die Leuchtpünktchen einer historischen Diskothek aus den 80-ern gleichen. Den Dacapo erinnern sie an die Geburtstage seiner Kindheit und verströmen die gleiche Vorfreude, die er in Gedanken auf das Gerät selbst projiziert. Er bewundert mit knurrendem und krampfendem Magen die neue, technische Erweiterung des Haushaltes und freut sich auf das Festmahl. Jetzt ist es endlich soweit - es ist angerichtet. Miezi mischt sich mit einem staunenden und gleichzeitig warnenden Knurren in die Vorfreude ein. Er hat eine Vorahnung von einem katastrophalen Ausgang dieses Abenteuers.

Indem er auf postfaktische Art korrekt handelt, wirft der Dacapo die Bedienungsanleitung in den Abfalleimer. Ihm ist jetzt nicht nach Lesen, er hat Hunger und möchte diesen einfach nur so schnell wie möglich stillen.

"So etwas benötigt doch kein halbwegs intelligenter Mensch. Den Automaten kann jedes Kind benutzen, intuitiv. Ich zeige dir jetzt einmal, wie man das macht", erklärt er dem kleinen Hund, als ob dieser Ahnung von der Bedienung technischer Geräte besitzt.

Nach der dritten Umrundung des Küchentisches stellt er zufrieden für sich fest, dass er wahrscheinlich alle Bedienelemente des Gerätes entdeckt und diese auch verstanden hat. Es wäre ja unerhört, wenn sich die Geheimnisse der modernen Technik einem mächtigen Vertreter der Staatsgewalt entziehen würden. Der Dacapo rollt das Kabel für die Stromversorgung des Automaten auseinander, zieht den Stecker der alten, seit Jahren defekten und ungenutzten Kaffeemaschine aus der Anschlussdose und schließt das neue Gerät an. Reales Brot ist besser als hypothetischer Kaffee - in seiner aktuellen Verfassung garantiert! Er setzt sich rittlings auf den einzigen Stuhl im Raum und fixiert die Maschine mit einem durchdringenden Blick. Aus zusammengekniffenen Augen starrt er für mehrere Sekunden auf den Einschalter und nimmt abschließend den Brotbackautomaten mit einem kräftigen Schlag der flachen Hand in Betrieb. Der Knopf glimmt nun in einem verheißungsvollen, aufregenden Rot und der Dacapo hat bereits so etwas wie einen Tagtraum vom Geschmack warmen, frischen Brotes.

"Miezi, jetzt gibt's Essen aus der Steckdose. Willkommen im elektrischen Schlaraffenland!"

Erwartungsvoll umklammert er die Rückenlehne des Stuhls, stützt das Kinn auf diese und rechnet jeden Augenblick mit dem Erscheinen eines Brotes im Inneren der Maschine. Von seinem Platz aus kann er durch den transparenten Deckel gut in das Gerät hinein blicken.

Es geschieht nichts - Abwarten und Starren - weiterhin geschieht nichts.

Nach zehn Minuten gibt der Brotbackautomat ein leises, deprimiertes Piepsen von sich, dem ein lautes, abschließendes Knacken folgt. Auf der Oberseite des Gerätes erstrahlt ein rotes Lämpchen und beginnt rhythmisch zu blinken. Die Folge von Subereignissen macht den Dacapo nervös unruhig und lässt ihn von seinem Stuhl aufspringen.

"So ein Mist - kaputt", kommentiert er das Geschehen erschrocken, gleichzeitig enttäuscht und sichtlich genervt.

Natürlich erinnert er sich sofort daran, dass der grau gekleidete Wahnsinnige ihm auf dem Parkplatz den Garantieschein entwendete. Kein Schein ... kein Tausch ... kein Schlaraffenland. Sein Magen quittiert diese deprimierende Erkenntnis mit einem so lauten Knurren, dass Miezie sich von einem anderen Tier angegriffen fühlt. Noch bevor der Dacapo 'Nein!' rufen kann, krümmt sich der kleine Hund zu einer weißen Kugel zusammen und schnellt wie ein zu groß geratener Schneeball durch die Luft. Klatschend schlägt er gegen die Brust des hungrigen Geheimpolizisten und verbeißt sich dort in die Vorderseite des Pullovers. Wütend knurrend zappelt und zerrt das weiße Fellknäuel an der Brust des Dacapo. Dieser ist seinerseits so enttäuscht und wütend über das Versagen seiner Neuanschaffung, dass er den Zappelhund ignoriert und entgeistert das blinkende Gerät betrachtet. Der gesamte Tag entwickelt sich zu einer ausgewachsenen Katastrophe: Bis jetzt hat er keinen Schuss aus seiner Dienstwaffe abgeben können, außerdem hat er einen gewaltigen Hunger, hat kein Brot in seiner Wohnung, seine Mitmenschen zeigen ihm deutlich ihre Ablehnung und nun verschwindet auch noch die letzte Hoffnung auf einen erfüllten Abend. In seinem Kopf entsteht langsam das Bild einer weiteren, unausweichlichen Blamage, die ihm offensichtlich bevorsteht. In ihm entwickelt sich der Glaube, dass vielleicht doch noch etwas zu retten ist. Er wird die Bedienungsanleitung lesen müssen! Welch eine Erniedrigung für einen überzeugten, postfaktischen Technikversteher. Er fühlt sich zutiefst im Selbstverständnis seiner Allmacht erschüttert. Den knurrenden und zappelnden Hund vor seiner Brust, trottet er um den Küchentisch herum zum Abfalleimer, bückt sich über diesen und fischt die Bedienungsanleitung heraus. Dabei löst sich Miezi aus dem Gewebe des Pullovers, zieht mit den Pfoten lange Fäden aus dem Kleidungsstück und fällt in den Behälter. Die kleinen Beinchen zappeln wild, können den Absturz jedoch nicht verhindern. Es poltert kurz, dann klappt der Deckel zu. Im Inneren des Eimers geht das Knurren und Scharren schnell in ein ängstliches, fragendes Kläffen über. Der Dacapo ignoriert dies, setzt sich auf den Stuhl und beginnt mit spitzen Fingern ziellos in dem kleinen Heftchen zu blättern. Nach einigen Versuchen, die türkische und ungarische Beschreibung zu überblättern, kommt er in den ihm verständlichen Bereich der Anleitung. Ihm fallen beim hastigen Überfliegen sofort die Worte 'Teig' und 'Brotbackmischung' auf. Aha! Da liegt also die Ursache der Fehlfunktion. Nicht das Gerät hat versagt, sondern er hat etwas vergessen. Sich selbst mit einem Versagen in Verbindung zu bringen, ist ihm unmöglich - die Verkörperung der Staatsgewalt versagt nie! Er kann maximal akzeptieren, dass er eine Kleinigkeit übersehen hat. Dies zu korrigieren und noch einmal von vorn zu beginnen, ist schnell umgesetzt, obwohl ihm im Augenblick unverständlich bleibt, warum ein Brot neben dem Strom aus der Steckdose noch weitere Zutaten benötigt. Tatsachen und Hintergründe stören ihn jedoch nicht. In postfaktischer Manier übergeht er seine Wissenslücken und beginnt die Küche nach möglichen Zutaten für einen Brotteig abzusuchen, ohne zuvor ein Rezept anzusehen. Alle essbaren Inhaltsstoffe scheinen ihm geeignet, schließlich möchte er doch nur ein simples Brot von dem Automaten herstellen lassen. Man muss nicht alles wissen, sondern sich nur zu helfen wissen. Und der Dacapo kann das. Bereits beim Öffnen der ersten Schranktür wird ihm klar, dass er gar nicht viele essbare Dinge in seiner Wohnung finden wird. Nachbarn fragen? Diese Blöße wird er sich nicht geben: nie und nimmer. Wie verhält sich ein Postfaktiker in solch einer Situation? Natürlich versucht er einen Ausweg durch zielloses Experimentieren und Improvisieren zu finden. Als ob er exakt nach dem 'Lehrbuch für Tatsachenabstinenzler' vorgeht, verfällt auch der Dacapo in dieses Verhaltensmuster. Er findet eine alte, angebrochene Packung mit Reis und Reste eines Haferflockenmüsli in dunklen Schrankecken, wobei er sich die Herkunft beider Päckchen nicht erklären kann. Vielleicht stammen sie noch von dem Vormieter. Zwei Orangen rollen ihm entgegen, als er versucht, hinter die in einem Regal aufgestapelten Tassen zu blicken. Sie haben bereits einige eingetrocknete Stellen und sehen gar nicht mehr saftig und appetitlich aus. Eigenschaften, die ihm gerade sehr unwesentlich erscheinen. Das Brot wird sich am Aussehen des Obstes nicht stören, schließlich wird für den Teig alles vermengt. Dieser würde viel zu trocken werden, da die alten Orangen nicht mehr ausreichend Flüssigkeit enthalten. 'Staubiges' Brot möchte er nicht essen, da ihn das zu sehr an ein Müsli-Frühstück erinnert, welches er vor einigen Wochen in der Kantine des Polizeigeheimdienstes gegessen hatte. Da er bei der Bestellung Milch vergaß und sich keine Blöße vor den anderen Beamten geben wollte, versuchte er die Haferflocken ohne Flüssigkeit zu essen. Abgesehen davon, dass ihm das Krümelzeug nicht schmeckte, versuchte er nebenbei zu telefonieren. Das Resultat war ein quälende, anhaltender Husten, den er bis heute nicht vergessen kann. Also sieht er sich nach einer brauchbaren Flüssigkeit um. Sein Blick fällt auf eine angestaubte Whisky-Flasche. Die haben ihm vor fünf Jahren seine damaligen Kollegen geschenkt, wahrscheinlich weil sie wussten, dass er nie etwas Alkoholisches trinkt. So steht die Flasche bis heute ungeöffnet in einer Ecke und staubt ein.

Zufrieden mit seinen Funden stellt der Dacapo den Smoothie-Maker auf den Tisch. Eine Anschaffung, die er vor einem Jahr tätigte und bisher nur ein einziges Mal nutzte. Er wirft die beiden Orangen in den Obstschredder und startet ihn. Mit einem pfeifenden Summen beginnt die Maschine zu arbeiten. Klackernd zerstückelt sie das alte Obst. In dem transparenten Becher sausen immer kleinere Stücke der Orangen im Kreis herum und das Gerät heult mit jeder Sekunde in höheren Tönen. Miezi verstärkt die Geräuschkulisse mit einem durchdringenden, anklagenden Jaulen aus dem geschlossenen Mülleimer heraus. Endlich rührt sich beim Dacapo das Gewissen und er befreit den kleinen Hund, der sich sofort mit einem Biss in den linken Stiefel für die grobe Behandlung und Missachtung seiner Gefühle rächt. Sein Fütterer und Träger sieht aufgrund der eigenen Gewissenslage und in froher Erwartung eines Brotes über das despektierliche Verhalten hinweg. Kurze Zeit später wird aus den Schalen und Innereien der Orangen ein rötlich-brauner Brei. Der Dacapo gibt Müsli und Reis dazu und lässt alles zusammen zerkleinern, vermixen und kreisen. Wie von ihm erwartet, fehlt dem Teig Flüssigkeit. In dem Becher des Mixers bilden sich große, trockene Krümel. Der Whisky löst dieses Problem schnell: Mit seiner Hilfe entsteht wieder ein dünner Brei, den der Dacapo zu 'Brotteig' definiert. Jeder Bäcker würde vor Entsetzen schreien - ihm gefällt das Ergebnis seiner Improvisation durchaus. Es macht Hoffnung auf ein mögliches, positives Ende des Abends. Damit ist es Zeit für den nächsten und gemäß seiner Hoffnung finalen Schritt.

Große, schwere Tropfen des braunen Breis fallen in den Brotbackautomaten und treffen mit einem lauten Platschen hörbar auf dem Boden des Backraumes ein. In der Küche breitet sich der scharfe Geruch von in fuseligem Alkohol eingelegten Südfrüchten aus. Er erinnert den Dacapo an Weihnachten - ein sehr komprimiertes Überweihnachten. Leider löst der dichte Alkoholnebel bereits nach kurzer Zeit neue Hungerkrämpfe aus. So tigert der innovative Bäcker unruhig und in sich gekrümmt um den Tisch, während er den Automaten belauert.

****

Auf dem Dach des Zehngeschossers ist zur gleichen Zeit eine grau gekleidete Gestalt mit Vorbereitungen beschäftigt. Bisher ist noch nicht erkennbar, worum es sich dabei handelt. Eifrig werden Ausrüstungsgegenstände untersucht, ein Seil am Blitzableiter befestigt und die Umgebung sondiert. Es ist niemand in der Nähe, der das Tun beobachten und einen Blick auf das Dach haben könnte - leider. So bleibt der rocket snatch auf seiner erhöhten Position unentdeckt. So sehr er sich auch wünscht, mit seinen Taten in das Zentrum des allgemeinen Interesses zu geraten, will es ihm nie gelingen. Während der vergangenen Wochen träumte er regelmäßig vom Ruhm, den er als trickreicher Verbrecher erlangen wird, so wie es die vielen Filme ihm gezeigt haben. Immer wieder begibt er sich in die waghalsigsten Unternehmungen, um die Aufmerksamkeit seiner Umgebung auf sich zu ziehen. Doch nach wie vor interessiert sich niemand nachhaltig für ihn. Die Menschen in seiner Umgebung reagieren mit Erstaunen und Nichtverstehen auf seine Aktionen. Oft sind sie auch nur befremdet ob seines Benehmens oder einfach nur belustigt. Am Ende halten ihn alle für harmlos verrückt. Nach kurzer Zeit vergessen sie ihn und wenden sich den wichtigen Dingen ihres Alltags zu. Dem rocket snatch gelingt es nicht, bei jemandem eine Erinnerung zu hinterlassen. Er ist der tragische Superschurke ohne einen historischen Fußabdruck, er ist so unsichtbar und unscheinbar, wie sein Kostüm grau ist. Deshalb hat er heute, bevor er in den Bus stieg, alle ihm bekannten Zeitungs- und Fernsehredaktionen der großen, bunten Stadt über den geplanten, spektakulären Coup informiert. Ganz sicher drängeln sich die Reporter bereits in der Dunkelheit am Fuße des Wohnblocks - hofft er. Der Platz vor dem Wohnblock liegt zehn Etagen unter ihm in der dunklen Tiefe der Nacht. Der rocket snatch schnallt sich den großen Blechkasten, auf dem er noch vor kurzer Zeit über den Asphalt der Treskowallee rutschte, auf seinen Bauch. Vier Karabinerhaken klinken sich in die Schlaufen seines grauen Ganzkörperanzugs und halten das Stück Metall vor ihm fest. Auf der Vorderseite des Kastens befinden sich sechs Löcher in der Größe von Ein-Euro-Münzen. Um sie herum ist das Metall blau verfärbt und von Rauch geschwärzt. Es sieht beinahe so aus, als hätte der rocket snatch sechs Brustwarzen auf seinem aufgeblähten, glänzenden Bauch. Mit tänzelnden Schritten balanciert er an den Rand des Daches heran und blickt angestrengt in die Tiefe. Nichts - dort ist gar nichts zu sehen, außer der unergründlichen Dunkelheit der Tiefe. Er stellt sich auf den Rand, pendelt in dem leichten Wind der beginnenden Nacht hin und her und löst die Rollen der weißen Stoffbänder, die er auf seinem Rücken trägt. Rauschend gleiten die langen, schmalen Bahnen des dünnen Stoffes auf das Dach hinter ihm. Das Ende des Kletterseils hakt er in den Gürtel seines Anzuges. Anschließend schlägt er sich mit einer entschlossenen Geste auf den Bauch. Dort trifft er einen unscheinbaren Knopf auf dem Kasten. Sofort sind knallende Verpuffungen aus der Blechkiste zu hören.

"Murks!"

Hastig betätigt er den Knopf zweimal kurz hintereinander. Zu seiner Freude schlagen jetzt gelbe Flammen blubbernd aus den sechs 'Brustwarzen' des Metallkastens. Auf dem Dach wird es sofort angenehm hell. Er gleicht nun einem grauen Drachen, in dessen Bauch bereits die Glut und das Feuer brodeln, mit dem in einigen Minuten unschuldige Dinge verbrannt werden sollen. Demonstrativ zieht er die Schultern nach oben, streckt die Brust heraus und sieht herausfordernd in den Wind, der die Bänder auf seinem Rücken ergriffen hat.

Mit einem kurzen: "Was soll's", lässt sich der rocket snatch über die Kante des Daches in das unergründlich tiefe Dunkel der Nacht fallen.

W27C1P3
Autor

© 28.10.2017
http://texorello.org/W27C1P3
10. April 2017 19:07 Uhr
Ort: Berlin Karlshorst
Personen: Dacapo, rocket snatch
10. April 2017 20:47 Uhr
Ort: Berlin Lichtenberg, Mellenseestraße
Personen: Dacapo, rocket snatch
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