Hightech-Zündler

Ein Experiment,
bei dem nichts brennt,
macht keinen Spaß und
beim Löschen nichts nass.

evtl. August von Marquardt - Erfinder der Lötlampe (oder dessen Assistent)

Niemand bemerkte den dunkelblauen VW-Transporter. Der Bulli parkte direkt vor der Zugbrücke, die in unregelmäßigen Abständen das untere Tor der Schleuse freigab. Jewgeni beobachtete vom Fahrersitz aus gespannt das Auf und Ab der hölzernen Straße. Beim Blinken der Ampel warteten alle Fahrer geduldig, bis die Brücke wieder geschlossen war und das rote Licht nicht mehr nervös zuckte.

"Du, Wassili, die warten hier wirklich an der Ampel. Und es hupt niemand entnervt, wenn es länger mit der Brücke dauert."

"Ja, du weißt doch, die haben es hier mit der Ordnung etwas genauer. Sag' hast du die blaue Uhr gestellt und in die Scheibe gelegt?" antwortete Wassili aus dem hinteren, verdunkelten Teil des Wagens.

"Warum, hier ist nicht Kurzzeitparken und außerdem sitzt du am Lenkrad."

"Ja, aber die sind hier so übergenau... Egal, ist dein Problem. Ich kontrolliere jetzt die Experimentalapparatur."

Wassili saß vor mehreren Reihen von Monitoren. Die äußeren zeigten die Umgebung des Transporters. Da war nichts zu sehen, außer einigen, wenigen Passanten, die der Zugbrücke oder dem Eiskaffee zustrebten. Was sollten die Leute in einer Kleinstadt auch an einem warmen, sonnigen Herbsttag tun? Die mittleren Monitore waren mit noch unspektakuläreren Anzeigen beschäftigt. Lauter bunte Linien, die sich fast geradlinig vom linken zum rechten Rand bewegten.

"Temperatur im Raum bei 21 Grad - check!"

"Luftdruck im Raum ist so o.k. - check!"

"Gasvorrat im Tank bei 79,5%, reicht - check!"

"Gasgehalt der Raumluft bei 0,1% - check!"

"Batterieladung im Vergaser bei 73% - check!"

"Batterieladung im Zünder bei 88% - check!"

"Vergaser und Zünder sind gekoppelt - check!"

"Funkverbindung bei 63% - grrr."

"Störsignale in der Umgebung bei 55% - gar nicht gut."

Jewgeni wandte sich zu Wassili um. "Soll ich mit dem Wagen näher heran?" fragte er und zog die buschigen Augenbrauen zu einem durchgehenden, waagerechten Strich zusammen.

"Jo nee - ich schalte den Nachbrenner ein. 500 Watt sollten ausreichen - vielleicht noch etwas breitbandiger..."

Wassili klapperte laut mit der Tastatur. Einen Augenblick später schüttelten mehrere Passanten auf der Straße ihre Mobiltelefone nervös und registrierten entnervt, dass mitten in der Stadt scheinbar kein Netz mehr vorhanden war. Die gesamte Altstadt war für einige Minuten 'funktot'.

"Funkverbindung bei 99% und Störsignale in der Umgebung bei 0,3% - check!" meldete sich Wassili.

"Standleitung über Funk überstabil - check!"

"So, 11 Uhr 43 Minuten 50 Sekunden Ortszeit. Noch 10 Sekunden bis zur Zündung..."

Wassili Gesichtszüge waren eingefroren. Er fokussierte seine gesamte Aufmerksamkeit auf die Anzeigen und zählte "... 5 - 4 - 3 - 2 - 1 - Startautomatik läuft".

Ein Schlag mit der flachen Hand auf einen großen, gelben Taster und es geschah nichts. Nur die Anzeigen auf den mittleren Monitoren änderten sich. Die Linie für den Gasgehalt der Raumluft stieg rasant an. Innerhalb von fünf Sekunden hatte sie die 8%-Marke erreicht. Dafür war der Gasvorrat im Tank auf unter 10% gesunken. Ein Rechteck, das bisher rot ausgefüllt war, begannt hastig zu blinken und änderte seine Farbe schnell in ein helles Grün. Schließlich strahlte das Chamäleon-Rechteck auf dem Monitor grell gelb und erleuchtete das Innere des Transporters. Im Wagen blieb es nach wie vor leise. Wassili und Jewgeni beobachteten gespannt und etwas aufgeregt die Monitore. Auf einem, der den Außenbereich zeigte, bekam ein Haus in der gegenüberliegenden Straße plötzlich eine Blase. Lautlos bewegten sich mehrere Fenstergläser und -rahmen in kleinen Teilchen nach außen und gelb-orange Beulen, die in die Freiheit drängten, tauchten in den Fensterhöhlen auf. Zwei Sekunden später war ein lautes, tiefes "Wumm" zu hören, dass von einem anhaltenden Fauchen begleitet wurde.

"Upps, das war wohl etwas überdimensioniert..." bemerkte Jewgeni erschrocken.

"Hmm, ich sichere erst einmal die Messwerte der letzten Sekunden - wir können das ja heute Abend auswerten."

Aus dem zer- und gebeutelten Haus trat ein Mann im Bademantel. Er wankte leicht und schlurfte in Hausschuhen bis zu einer Bank vor der Kirche. Auf dieser sank er in sich zusammen und stützte den Kopf in seine Hände. Er war der personifizierte Ausdruck von Ratlosigkeit und Unverständnis. Ab und zu sah er zu dem rauchenden Haus hinüber, hob den Kopf aus den Händen und schüttelte ihn.

"Du Wassili, der mit dem abgerissenen Bademantel schuldet Leonid das Geld, glaube ich."

"Jo, der sieht aus, wie mein Kommandeur nach einer im Offizierskasino durchzechten Nacht. Damals war ich hier übrigens stationiert, in Wünsdorf - hab ich heute Morgen erst auf der Karte gefunden."

"Hmm, scheint jede Menge Ruß auf dem Bademantel zu sein - wahrscheinlich war die Mischung etwas zu fett. Beim nächsten Mal nehmen wir nicht 8 sondern nur 6 Prozent Gas in dem Gemisch mit der Luft."

"Ja, dann kommt Leonids Nachricht vielleicht auch an."